τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Sonntag, 18. März 2018

                                       
In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1034a 19 – 1034b 19


Was in einem bestimmten Moment entsteht, fängt erst in diesem Moment an zu existieren. Hinsichtlich seiner Existenz und als Individuum ist es also neu. Es entsteht aber nicht aus nichts, sondern aus Form und Stoff.  Hinsichtlich seiner Form oder seines Wesens ist es nicht neu, denn diese Form muß es schon irgendwie gegeben haben – entweder in seinem natürlichen Erzeuger (Vater, Samen) oder im Denken seines künstlichen Herstellers (Künstlers). Sowohl die Formen wie auch die Stoffe hat es schon vorher gegeben.

Etwas entsteht aus einem Gleichartigen (oder Gleichnamigen). Das sind die normalen, die substanziellen oder essenziellen Entstehungen, in denen eine gleiche Wesensform weitergegeben wird. Entstehungen durch Übernahme einer Wesensform: Apfelkern – Apfelbaum, Menschensamen – Menschenkind -  .....

Die zuletzt genannte Reihe gilt für jede menschliche Reproduktion. Aber unterhalb der Wesensgleichheit zwischen den Menschen, die von Aristoteles fest behauptet wird, gibt es Differenzierungen, von denen mindestens eine direkt mit der Zeugung verbunden ist: diejenige zwischen männlichen und weiblichen Kindern. Da die Zeugung als Formübertragung laut Aristoteles nur vom Vater ausgeht, wird bei der Zeugung eines weiblichen Kindes die Gleichartigkeit (und Gleichnamigkeit) unterbrochen: vom Mann wird eine Frau gezeugt. Da wird für die Sexualität, die eine subspezifische (subessenzielle) Qualität ist, die Form nicht vom Vater geliefert. In dieser Hinsicht geht die Zeugungsbewegung von der – mütterlichen - Materie  aus und die Entstehung ist eine „von selber“, eine „automatische“ oder „akzidenzielle“. Auf dieser Ebene setzt sich die Mutter (die ja nicht bloß Materie sondern ebenfalls Körper, geformter und beseelter, ist) mit ihrer Formgebung durch. „Akzidens“ als Störung oder Ausnahme oder Privileg?

Die katholischen Lehren von der Empfängnis Mariens (ungefähr im Jahre -17) und von der Empfängnis Jesu (ungefähr im Jahre 0) beziehen sich auf solche Ausnahmen „nach oben“ oder „von oben“. Ausnahmen aufgrund von tyche?

Wie die Wesensformen sind auch die anderen kategorialen Formen und auch der Stoff nicht entstanden sondern vorgegeben – und sei es auch rein potenziell. In einer Hinsicht unterscheidet sich jedoch das Wesen von den übrigen Voraussetzungen: damit ein substanzielles Ding, also ein Körper, entstehen kann, muß ein anderer und mehr oder weniger ähnlicher Körper als Vorbild und Wirkursache schon wirklich, d.h. vollendet existiert haben.  

Die Menschenzeugung wird von Aristoteles entweder unilinear (Mensch aus Mensch) oder plurilinear (Mensch aus Vater und Mutter, Mensch aus Mensch und Sonne und Ekliptik) hergeleitet. Da bereits der einfache Mensch ein komposites Wesen ist (Stoff und Form), entsteht der „neue“ Mensch immer aus Zusammensetzungen und damit eröffnet sich ein Kontingenzraum: welche Komponente setzt sich beim neuen Menschen, der ebenfalls ein zusammengesetztes Wesen ist, stärker durch? Akzidenz, Kontingenz ?

Daß auch in der künstlichen oder künstlerischen Entstehung die unilineare Homonymie durch kontingente Abweichungen modifiziert werden kann bzw. muss, lässt sich annehmen. Auch bei Voraussetzung eines bestimmten „Wesens“ (Haus, Tragödie (in der Poetik hat Aristoteles die Tragödie als ein Ding besprochen, dessen „Seele“ im plot liegt)) werden die Werke unterschiedlich ausfallen und überdies unterschiedlich beurteilt werden: Gemeinsamkeiten und Nuancen innerhalb einer Kultur.

Natürlich gezeugte Menschenindividuen werden durch Erziehung und überhaupt durch Kultivierung (Fremd- und Selbstkultivierung) gewissermaßen auch zu „Werken“.

Und wenn ein Tanzkünstler seine Aufführungen selber choreographiert, dann entstehen Werke, in denen Natur und Kunst ohne große Umwege zusammenkommen (es können dennoch große Umwege eingebaut sein, wenn sich eine Choreographie etwa an Aischylos orientieren würde). (Lucie Strecker erinnert an die willkürliche Selbstbewegung des menschlichen Körpers in der Art des Tanzens, die Aristoteles in 1034a 16 erwähnt hat).


Walter Seitter

Sitzung vom 14. März 2018



Nächste Sitzung am 21. März 2018