τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 9. März 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1034a 9 - 18


Das Allgemeine, das einen Bestandteil der aristotelischen Substanz bildet und unabhängig von Aristoteles bei Sokrates, Platon, Kant, Edmund Husserl („Wesensschau“), Max Weber („Idealtypus“) eine Rolle spielt,  ist ein Gesehenes und ein Gesprochenes. So wie die platonische „Idee“ ist es keine Idee im modernen Sinn, also keine menschengemachte oder "angefertigte" Vorstellung, nicht ein Vorschlag oder ein Plan. Sondern eine Artbestimmung oder Gattungsbestimmung, die in vielen Einzelwesen vorkommt.

Bei uns geht es jetzt um die Entstehung und dabei nicht nur um die Entstehung von Substanzen. Gesundheit ist ja keine Substanz sondern eine Qualität bestimmter Substanzen – nämlich von Lebewesen. Das Haus hingegen dürfte für Aristoteles als Substanz gegolten haben.

Der Unterschied zwischen der Entstehung der Gesundheit und derjenigen eines Hauses wird hier so formuliert, dass jene aufgrund von Kunst oder auch „von selber“ geschieht. Mit der Kunst ist in diesem Fall das Wirken eines Arztes, also Heilkünstlers, gemeint. Und mit dem „von selber“ könnte zur Not eine natürliche Spontanheilung gemeint sein, oder eine unordentliche Selbstverarztung – aber damit hätten wir doch wieder Natur und Kunst eingeführt. Oder aber ein eigenständiges „von selber“ – wofür mir einfällt: ein Wunder, eine göttliche Einwirkung. So etwas hat Aristoteles innerhalb der Tragödie kaum akzeptieren wollen. Allerdings würde das viele eher als tyche gelten: ein von außen kommender Zufall.[1]

Fällt jemandem noch ein anderes mögliches „von selber“ für die Entstehung von Gesundheit ein? Die von Armin Tillmann genannte Prävention klingt sehr sympathisch, doch ist fraglich, ob man da von Entstehung sprechen kann. Eher von Erhaltung, Bewahrung, Fortsetzung – womit Entstehung überflüssig gemacht wird. Es gelingt uns also kaum, eine „spontane“ Entstehung von Gesundheit präzise zu bestimmen.

Wohl aber liefert Aristoteles eine Erklärung dafür, dass bei manchen Entstehungen nicht die Kunst oder nicht nur die Kunst ausschlaggebend ist: nämlich dort, wo der Stoff eine Eigenmächtigkeit entfaltet. Da die Steine, die den Stoff zum Haus bilden, von sich aus nicht die Bewegungen vollziehen können, welche zum Aufbau einer Mauer und zur Zusammenfügung mehrerer Mauern führen würde, kann ein Haus nur mit Kunst entstehen: mit Planung und Durchführung von künstlichen Steinsetzungen.  


Walter Seitter



[1] Die Eliminierung göttlicher Akteure und die Zurückdrängung der menschlichen, der sogenannten Helden, aus der Tragödie war dasjenige, was in der hiesigen Poetik-Lektüre, die von 2007 bis 2010 gedauert hat, hauptsächlich gesehen worden ist – nachzulesen in Walter Seitter: Poetik lesen (Berlin 2010): 97. So hat Aristoteles im plot der Tragödie, einer exzentrischen Sonderzone, seine substanzialistische Ontologie zugunsten eines Akzidenzialismus suspendiert – was wiederum meine Neugier in Richtung Ontologie gesteigert hat und die hiesige Metaphysik-Lektüre  ins Leben gerufen hat.



Sitzung vom 7. März 2018


Nächste Sitzung am 14. März 2018