τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 30. April 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1035b 14f.)

Heute nur Analyse eines einzigen Satzes. Unter der Lupe soll ein einziger Satz angeschaut werden. Auseinandergeschrieben werden:

Die Seele des Lebewesens ist 

ousia
logos
eidos
to ti en einai

für den Körper des Lebewesens

In dieser Umformulierung des Satzes wird die sehr komplexe ousia durch drei ganz andere Begriffe so erläutert bzw. erweitert, dass insgesamt vier Synonyme aufscheinen.

Vier ganz verschiedene Begriffe, die doch auf eines zielen, dessen erste Benennung ousia lautet.

Erste Benennung, weil abgeleitet von on, dem Grundbegriff der Ontologie. Aus „ontia“, also wörtlich Seiendheit.

Diese Benennung ist die sachlichste, objektivste. Wenn man will: die knappste, reinste, die sturste, die trockenste. 

Man könnte sogar von einer „realen“ sprechen (aber ohne die Extremismen, die Lacan damit verbunden hat).

Die Übersetzungen wie „Substanz, „Essenz“, „Wesen“, „Wesenheit“, „Sosein“, „Entität“ versuchen, möglichst nahe an den griechischen Begriff heranzukommen.

Hingegen entfernt sich das von Aristoteles zunächst genannte zweite Synonym logos, eigentlich he kata ton logon ousia, beträchtlich vom Ausgangspunkt. Es ersetzt das Signifikat durch den Signifikanten, durch den sprachlichen, auch begrifflichen, gedanklichen.

Dass es sich dabei tatsächlich um ein Synonym handelt und nicht um einen irgendwie zusätzlichen oder gar alternativen Begriff, geht klar daraus hervor, dass der Ausgangsbegriff wiederholt wird und mit der Zusatzbestimmung kata ton logon versehen wird: also ousia gemäß dem logos. Derselbe Begriff mit einer Nuancierung.

Logos formuliert den sprachlichen Zugang, der oben Begriff, Benennung genannt worden ist. Den sprachlichen Zugang zur selben Sache – und eben damit doch einen anderen Zugang. Besser gesagt die Reflexion auf den Zugang, der ja von Anfang an gewählt worden ist – sei es griechisch oder deutsch.

Mit Lacan könnte man hier vom „symbolischen“ Synonym sprechen, man könnte, man muss nicht.
Das zweite Synonym, der dritte Begriff lautet eidos. Die Etymologie belehrt darüber, dass das Wort eine präzise Parallelbildung zum deutschen Wort „Gesicht“ ist

e       idos
ge      sicht

Gesicht im Sinne von Gesehenem, Anblick, Gestalt.
War logos vom Sagen aus gedacht, so eidos vom Sehen aus.

Vom Wahrnehmen aus. Vom Wahrnehmen aus bzw. fürs Wahrnehmen ist die Seele für den Körper eidos – und da passt dieses Wort nun ganz genau im Sinn von Körpergestalt, Körperschema, Bauplan für den Körper. Als genetische Information liefert die Seele den Bauplan für den Menschenkörper – mit einigen individuellen Details.

Lacan würde das eidos dem Imaginären zurechnen – wo Ähnlichkeit und Faszination eine Rolle spielen.

Synonym 2 und 3, das sprachliche und das visuelle, enthalten also diese Supplemente – sozusagen Zugaben zum rein Ontologischen.

Synonym 4 lautet to ti en einai. Ist also das komplexeste. Eine Infinitivkonstruktion mit inkludiertem Relativsatz im Imperfekt. Es enthält zwei Formen von „sein“ – den Infinitiv Präsens ‚sein‘ und die Imperfektform ‚war‘.

Das, was war, sein. Oder: das sein, was war. Die Formel beschränkt sich aufs rein Ontologische – kombiniert aber zwei Verbalformen und zwei Tempora.

Das, was schon war, noch immer sein. Rückgriff auf ein „war“, ein imperfektes, und seine Verlängerung, Fortsetzung in die Gegenwart. Aufrechterhaltung eines Vergangenen in der Gegenwart.

Also Beständigkeit. Und zwar Beständigkeit des Was, der Wesensbestimmtheit, die eine Qualität ist, aber keine akzidenzielle, sondern die substanzielle.

Dieses Synonym habe ich unter ein besonderes Vergrößerungsglas – Grammatikanalyse - gelegt, um es sichtbar zu machen. Und entsprechend beschreibbar.

Diese drei bzw. vier Synonyme werden von Aristoteles als Prädikate der Seele zugesprochen. Die Seele ist das und dies und so weiter – und zwar für den Körper (des Lebewesens). Die enge Verklammerung von Seele und Körper geschieht über den ousia-Begriff mitsamt seinen Synonymen.

Wie ich in einem schon öfter genannten Aufsatz vor Jahren ausgeführt habe, gibt es noch mehr solcher Synonyme – zum Beispiel morphe, paradigma, energeia, entelecheia. Dabei handelt es sich nicht um eine festgelegte Zahl. Ebensowenig wie bei den Akzidenzien und den übrigen nicht-substanziellen Seinsmodalitäten (z. B. Möglichkeit, Entstehung ...). Die genannten zusätzlichen Synonyme würden sich ebenfalls genauer betrachten, analysieren, beschreiben lassen; und dabei würde man mehrere Dimensionen des aristotelischen Philosophieren ausfindig machen (und zwar auf eine nicht-konventionelle Weise).

Sehen und sagen.

Insofern die vier Synonyme als Prädikate der Seele zugesprochen werden, ernennt Aristoteles die Seele zu einem fünften, zu einem höchsten Synonym. Denn nicht alle ousiai erreichen den Rang von „Seele“. Nicht alle Körper sind Lebewesen – wie aus Abschnitt 8 von Buch V deutlich hervorgeht.

Walter Seitter


Sitzung vom 25. April 2018

Nächste Sitzung am 2. Mai 2018