τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Donnerstag, 19. April 2018


In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1035a 22 – 1035 b 24)


Holobionten

Aristoteles (A)
Bönitz, Hermann (HB)
Koch (K)
*Panteliadou (*P)
Seitter (S)
Singer, Peter (PS)
Stegmann, Ulrich (US)


Gliederung

Spezietistik
Telesemantik
Zirkeleien
Prinzip Seele


I. Spezietistik

S sagt: Ich bin Spezietist! Nicht in kritischer Verwendung wie bei PS, der intelligenten Tieren in der menschlichen Gesellschaft Tierrechte einräumt, und der dem Speziezimus des Menschen die Diskriminierung aller anderen Lebewesen vorwirft. Ich bin Spezietist im einfachen aristotelischen Sinn, dass wir in der Natur immer die Fortschreibung von Spezien sehen. Ein Mensch bringt immer nur einen Menschen hervor, ein Reh immer nur ein Reh.

*P sagt: Aber es gibt doch unterschiedlich konditionierte Spezien, hybride und transformative Formen.

S sagt: Nein, die Natur funktioniert quasi so, als hätte sie A gelesen; alle physischen Dinge sind zwingend zusammengesetzt aus Stoff und Form; dieser Hylomorphismus ist auch die Grundlage der Fortpflanzung der Lebewesen, bei der A dem männlichen Geschlecht die zeugende Rolle zuschreibt. Die heutige Biologie anerkennt den Speziezismus immer noch im Begriff der genetischen Information.

K sagt: Aber die Übernahme der mathematischen Informationstheorie in diesem umgangssprachlichen Begriff ist in der Philosophie der Biologie doch höchst umstritten. In der Biologie stellt sich seit Jahren die Frage, ob es überhaupt genetische Entitäten irgendwelcher Art gibt, die Informationen enthalten.

US sagt: Die Natur mentaler Repräsentationen ist eines der hartnäckigsten Probleme in der Philosophie des Geistes. Ob Gene Informationen enthalten, hängt davon ab, wie der Ausdruck Gen definiert wird. Für Biologen repräsentieren Gene manche ihrer Wirkungen, und sie speichern Informationen, die richtig oder falsch umgesetzt werden können. [Der Begriff der genetischen Information, in: Philosophie der Biologie, stw 1745, 2005].

K sagt: Das ist weit entfernt von unserem Alltagsbegriff, wonach Information ja nicht grundsätzlich falsch sein kann. Der Begriff »genetische Information« ist also entweder ein Missverständnis oder eine Metapher der Genetik, jedenfalls kein Stützargument für den Speziezismus. Ich kann auch keinen essentiellen Unterschied zwischen der Position der Spezietisten (A, S) und Position der Antispeziestisten (PS) erkennen. Beide führen in die Natur eine intelligible Struktur ein: die einen mit der Gerichtetheit des Lebens, mit dem Telos der Fortpflanzung, der andere mit der Zuschreibung von kognitiven Fähigkeiten an die Lebewesen. Ich kann damit nichts anfangen. 1977 druckte ZUT, das Organ der italienischen Maodadaisten, das Gedicht eines 13jährigen Korrespondenten ab, in dem es u.a. heisst:

Die Wissenschafter sagen,
dass zwischen Mensch und Tier
die Intelligenz steht,
aber für mich ist das nicht so.
Die Intelligenz existiert nicht.
Sie ist nur ein Weg,
eine neue Art Rassismus zu schaffen.
Niemand ist intelligent.


II. Teleosemantik

*P sagt: Der Finger...

S sagt: Ja, was ist damit?

*P sagt: A sagt, der Finger werde durch das Ganze des Körpers definiert (1335b 4). Dann kommt da eine Zeitlichkeit mit herein. Was ein Teil des immateriellen Begriffs ist, sei früher als das Ganze, was Teil des Stoffs ist, aber sei später. Damit wäre der Begriff des Fingers vor dem Körper da, das Fleisch aber nachdem das Körperganze bereits existiert, es wächst aus ihm heraus.

S sagt: »Früher« und »später« sind bei A nicht zeitlich gemeint, sondern im Sinn von primär und sekundär, von bedeutend und minder bedeutend.

K sagt: Vielleicht passen da auch die Ausdrücke basal/ nicht basal, oder mehr seiend/ weniger seiend, wie ja über Form und Stoff in der Gestalt bereits in Buch VII.3 (1029a 7) ausgesagt ist.

*P sagt: A sagt, der abgeschnittene, tote Finger ist nur der Ausdrucksgleichheit mit einem lebenden Finger nach noch ein Finger (1035b 24), aber eigentlich, also real, ist er das nicht mehr.

S sagt: Zunächst folgt im Text das Beispiel des Kreises. A sagt, dass der Kreis ausdrucksgleich bezeichnet wird, weil es für das einzelne Ding keinen eigenen Ausdruck gibt (1035a 36). Was heißt das? Er spricht von zwei Modalitäten des Kreises: dem allgemeinen Kreis und dem konkret vorliegenden Kreis. Weil wir für letzteren, den konkreten Kreis, kein eigenes Wort haben, ja, weil wir grundsätzlich für keinen einzelnen Kreis je wo ein Wort haben, gewinnt der theoretische Begriff erst seinen Wert. Der Rückgriff auf die Funktion des Ausdrucks, die gleichmachende Wirkung seines Merkmals, verhindert es schließlich auch, dass der Begriff, im Gegensatz zum Stoff, zerlegt werden kann. A sagt: Das Stofflose, dessen Begriff nur Begriff der Form ist, geht überhaupt nicht zugrunde (1035a 28). Form ist nicht vernichtbar, sie bleibt ewig.


III. Zirkeleien

K sagt: Der eherne Kreis, der in Abschnitt 7 noch heftig als Beispiel strapaziert wurde (1032a 5), ist im Abschnitt 8 einer Metallkugel gewichen. Von der »Rundheit am Erz« ist auf diese Weise weiterhin die Rede, auch wenn dem Kreis nun, im Abschnitt 10, die geometrischen Segmente als sein eigentlicher Stoff zugeschrieben werden (1035a 13). Dass A für den Metallkreis den Ausdruck Ring nicht gekannt haben soll, ist freilich schwer zu glauben.

*P sagt: ...oder Scheibe oder Platte, wenn der Kreis flach ist.

S sagt: In der Tat, merkwürdig! A sagt, es gibt keinen eigenen Ausdruck für den einzelnen Kreis, aber wir haben für seinen ehernen Kreis sogar mehr als einen: Ring, Scheibe, Platte, Münze.

*P sagt: In der Definition des Teils und des Ganzen ist jetzt auch von Prinzipien die Rede, im Originaltext: Archē (1035a 24).

S sagt: Und erstmals ist in der Metaphysik auch von einer Teilung von Begriffen die Rede (1035b 6), auch das ist verwirrend und neu. Das Prinzip muss wohl im erkenntnistheoretischen Sinn verstanden werden. Der ganze Kreis ist ein Prinzip des Halbkreises (1036b 9), genauer: jenes Formprinzip, für das A vier Synonyme kennt, als wichtigstes davon: die Formursache. Unter dem rechten Winkel versteht A das Ganze; und den spitzen Winkel versteht er als Teil des rechten Winkels im stofflichen Sinn (1035b 7).


IV. Prinzip Seele

S sagt: Das Lebewesen setzt A im gegenständlichen Abschnitt aus Körper und Seele zusammen, wobei er die Seele als das »Wesen des Beseelten« [in der HB-Übersetzung: »Wesen des Belebten«] definiert und in drei theoretische Bestandteile gliedert (1035b 15):

– begriffliches Wesen
– Form
– Was-es-ist-dies-zu-Sein [Wesen-was, Wesen der Sache]

Damit wird die Seele als die höchste Form eines jeden lebenden Dinges eingesetzt. A bekräftigt und erweitert an dieser Stelle den animistischen Gedanken um eine Dreigliederung, den er bereits in Buch V.8 brutal ausgesprochen hat: Die Seele ist das Wesen des Körpers (1017b 17).

Wir müssen mehr an unserem Erinnerungsvermögen bei der Lektüre arbeiten.


Protokoll: K, Wien, 18.4.18


Nächste Sitzung am 25.4.2018