τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 10. Mai 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1035b 19 – 26)


Im Anschluß an den letzten Diskussionspunkt versuchen wir den aristotelischen Begriff der „Wissenschaft“ zu klären – basierend auf dem einschlägigen Artikel in dem schon  öfter genannten Aristoteles-Lexikon von O. Höffe. Der Artikel stammt von Wolfgang Detel, dem Verfasser der ausgezeichneten Einführung Aristoteles (Leipzig 2005).

Wissenschaft ist Wissen von einer Sache mit der Kenntnis von Ursachen – wobei der Begriff „Ursache“ mißverständlich ist. Man könnte auch sagen: mit der Kenntnis der Bestandteile, der Teile, der Eigenschaften.

Wie kommt man zu so einer Kenntnis? Durch Wahrnehmung, Erinnerung, Erfahrung, Forschung,  Faktensammlung.

Soweit die betrachtenden Methoden. Übergang zu den beweisenden Vorgangsweisen, in denen nicht mehr die Sachen sondern Sätze im Vordergrund stehen (die aber immer noch auf Sachen bezogen sind), Definitionen, Hypothesen, Axiome, Beweisführungen, Widerlegungen.

Im Buch I der Metaphysik, in denen es um die „gesuchte Wissenschaft“ geht, wird folgende Stufung des Wissens vorgeführt: Wahrnehmung, Erinnerung, Erfahrung, Phantasie, Kunst – zunächst die ausübende, dann die leitende, das ist auch die lehrende. Die Kunstlehre ist die erste Stufe der Wissenschaft, da sie auch die Ursachen anzugeben weiß.

Die drei großen Richtungen der Wissenschaft sind die eben genannte

Poietische Wissenschaften. Wissenschaft von der und zu der menschlichen Herstellung erwünschter Dinge, nützlicher und schöner Dinge: Gesundheit, Häuser, Gedichte, Kleider.

Dann die praktischen Wissenschaften – nämlich diejenigen von und zu menschlichem Verhalten, richtigem Verhalten, richtigem und weniger richtigem Handeln. Ethik und Politik und Ökonomik.

In diesen Wissenschaften geht es auch um wahre Aussagen – aber sie zielen darüber hinaus auf etwas anderes: Herstellen und Handeln.

Schließlich die theoretischen Wissenschaften, die nur auf Wahrheit zielen:

a – Physik: Wissenschaft von den bewegten und gesonderten Sachen, d. h. von den Körpern. Von den Körpern mitsamt den Seelen – denn alle Körper sind qualifizierte Körper. Qualifiziert sind sie durch Seelen oder so etwas Ähnliches wie Seelen: Wesenheiten, Artbestimmungen. Auch die Menschen gehören dazu, sofern sie Wesen sind und Wesen haben.  Ihr kontingentes Herstellen und Handeln ist Sache der zuvor genannten Wissenschaften.

b – Mathematik: Wissenschaft von den unbewegten und ungesonderten Entitäten. An diesen Wissenschaften lässt sich der Übergang vom sinnlichen Sehen zu einem anderen Sehen feststellen. Das andere Sehen ist Einsicht, Betrachtung.

Soll man sagen: Denken - ?

Wolfgang Koch bringt eine Definition des Denkens von Ludwig Feuerbach: „nur erweitertes, auf Entferntes, Abwesendes ausgedehntes Empfinden; ein Empfinden dessen, was nicht wirklich, eigentlich empfunden wird; ein Sehen dessen, was nicht gesehen wird.“ (Nachgelassene Aphorismen, 1c)

Ich selber verbinde mit „Denken“ weniger so ein erweitertes Sehen, sondern eher eine innere Sprechtätigkeit, hin und her überlegen, herumsuchen, probehandeln.

c – Erste Philosophie. Die teilt sich in zwei Richtungen.

α Theologie: Wissenschaft von dem, was unbewegt und gesondert ist.

β Ontologie: Wissenschaft   von den allgemeinen Bestimmungen aller Entitäten.

Dieser Wissenschaftszweig β  wird in Buch IV ausführlich begründet. Und zwar gemäß der obigen Unterscheidung auf zwei Ebenen.

Ebene der Betrachtung: es gibt eine Wissenschaft, die das Seiende als seiendes betrachtet: Abschnitt 1 und 2. Diese Ontologie-Begründung nenne ich die assertorische.

Ebene der Beweisführung bzw. der unmöglichen Beweisführung und daher widerlegenden Aufweisung des allgemeinsten Axioms, des sichersten Prinzips: elenktische Ontologie-Begründung. (Die Verweigerer dieses Prinzips werden zu „Pflanzen“ degradiert.)

Wolfgang Koch vermutet zurecht, dass auch die theoretischen Wissenschaften, auch c, also die höchste,  selber „poietischen“ Charakter haben müssen – denn sie existieren nur, wenn sie „gemacht“: gedacht, gesprochen, geschrieben werden.

Und so wie in Buch I von Gott als Inhaber und Gegenstand des höchsten Wissens die Rede ist, kann man den Eindruck nicht von der Hand weisen, dass in der aristotelischen Theologie die Grenze von der theoretischen Wissenschaft zur praktischen überschritten wird: denn der Gott ist das Gute. (Immanuel Kant hat die Theologie, die philosophische, entschieden aus der theoretischen Vernunft in die praktische umgesiedelt).

Im Buch I läuft das, was später Erste Philosophie genannt wird, zunächst unter „gesuchte Wissenschaft“ und dann wird es mit „Weisheit“ identifiziert – einem älteren griechischen Erbstück (das allerdings durch die Sophisten in Verruf gebracht worden ist). Beide Bezeichnungen werden fallengelassen. Im Buch II taucht „Wissenschaft von der Wahrheit“ als Leitbegriff auf.

Es zeigt sich, dass für Aristoteles der Begriff „Wissenschaft“ die gesamte Landschaft seiner Tätigkeit umreißt, markiert und gliedert.

Der Titel „Philosophie“ wird dann fallweise bestimmten Wissesnchaftstypen sozusagen ehrenhalber verliehen.

Wir fragen uns, wie „Wahrheit“ definiert werden kann – von uns.

Und wie „Weisheit“. Sophia Panteliadou macht einen Anfang mit: „ein bestimmtes menschliches Tun, Bemühen, das ...“.

Die Grenze zwischen theoretischem und praktischem Wissen wird von Aristoteles auch in der Nikomachischen Ethik überschritten: dort werden Kunst, Wissenschaft, Klugheit, Weisheit und Vernunft (nous) als „dianoetische Tugenden“ analysiert (Nik. Eth. 1138b ff.)


Walter Seitter

Sitzung vom 9. Mai 2018


Nächste Sitzung am 16. Mai 2018