τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Sonntag, 24. Juni 2018


In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1038b 1 – 1039a 24)


Im Abschnitt 13 vertritt Aristoteles mit Vehemenz eine These, die überraschen mag: Das Allgemeine kann nicht Wesen sein. Landläufig wird automatisch angenommen, das Wesen sei mehr „allgemein“ oder gar „abstrakt“.

Was aber ist das Allgemeine? Aristoteles: „was sich von Natur aus an mehreren Dingen findet“ (1038b 12). Hingegen ist das Wesen jedes Einzelnen jedem Einzelnen eigentümlich.

Aristoteles sucht  das Allgemeine auch im System der naturwissenschaftlichen Klassifikation auf und findet es auf der Ebene der Gattung: also „Lebewesen“ ist so ein Allgemeines. Das Wesen hingegen liegt auf der Ebene der Art – diese ist folglich ein Synonym des Wesens.

Wenn Aristoteles sagt, dass das Allgemeine nicht so wie das Was-es-ist-dies-zu-sein ein Wesen sein kann (1028b 17), erklärt er dieses Was-es-ist-dies-zu-sein explizit zu einem Synonym des Wesens – und gerade nicht das Allgemeine.

Das heißt, die Vielnamigkeit des Wesens, seine Synonymisierung, bedeutet nicht, dass ungefähr alle irgendwie naheliegenden Begriffe Synonyme des Wesens sind – nein Aristoteles zieht da einen Trennungsstrich.

Im übrigen gibt es das Allgemeine auch im Bereich der Akzidenzien, die vom Wesen noch weiter entfernt sind. Wolfgang Koch: die Farbe überhaupt gegenüber der bestimmten Farbe rot. Weder die Farbigkeit noch rot können Wesen sein.

Mit dem Oberbegriff „Gattung“ kann man die Dinge der Welt in jeweils weiteren Begriffen zusammenfassen.

Neben den Lebewesen stehen die leblosen Dinge, über den beiden die körperlichen Dinge, daneben die unkörperlichen.

Und darüber – die Dinge.

So würde der Hausverstand annehmen. Und Aristoteles schließt sich dem oftmals an. So vielleicht auch hier.

Doch sein ontologischer Grundbegriff to on gehört nicht in dieses Schema. Dieses on ist gewissermaßen „zu allgemein“, zu sehr auf „alles Mögliche“ ausgerichtet, als dass es eine Gattung bilden könnte (siehe 998b 22). Unsere Überlegungen der letzten Woche lassen sich so weiterführen, dass das on, das seiend, so ein dünner, so ein schwacher und inkonsistenter Begriff ist, dass er immer schon auseinanderfliegt in die gegensätzlichsten Extreme – von der starken ousia über die schwächliche Affektion bis hin zur katastrophalen Vernichtung. Also in die unterschiedlichsten Seinsmodalitäten, die weit über die Kategorien hinausgehen.

Dieses on ist nicht die oberste und weiteste und ruhigste Gattung, sondern eine Anzeige für den ständigen Zerfallsprozeß, welcher zur ständigen Bildung aller möglichen Seinsmodalitäten führt.

Anders steht es mit der ousia. Ein starker Begriff, eine starke Seinsmodalität. Stark auch in dem Sinn, dass er viele andere Wörter anstellt, damit sie ihn erläutern, nuancieren, ersetzen und seinen inneren Reichtum kundtun. Ihn auch für verschiedene Realitätsbereiche akkomodieren: für die Naturkunde, für die Ethik oder für die Poetik.

Eines dieser Synonyme ist die physis. Die wurde dann in „Natur“ übersetzt. Und um das Jahr 2000 wurde dann in Brüssel eine Kommission eingesetzt, welche die „Natur der FPÖ“ erforschen sollte.

Übersetzungen sind überhaupt Synonymisierungsvorgänge – nicht nur für ousia. Und es macht einen Unterschied, ob in einer Kultur Übersetzungen als Entstellungen verpönt, ob sie gerade geduldet oder als Erweiterungen gefördert und genutzt werden.

Gerhard Weinberger erwähnt in seinem Buch Mit dem Koran ist kein Staat zu machen – Die Krise des Islam hautnah erlebt (Wien 2018), dass der französische Philosoph Paul Ricoeur darauf hinweist, dass die islamische Theologie die Übersetzung des Koran genau genommen nicht zulässt. Demgegenüber ist das Christentum bereits mit dem Neuen Testament sehr entschlossen als Übersetzung in die Welt getreten. Und zwar als griechische Übersetzung, welche Synonyme für die aramäischen Wörter Mariens, Jesu oder Petri einsetzt.  

Wir selber dürfen uns, ja wir müssen uns als Aristoteles-Leser – laienhaft wie auch immer – übersetzerisch betätigen. Etwa wenn wir uns fragen, ob im obigen Fall auch „Charakter“ eingesetzt werden könnte.

Walter Seitter

Sitzung vom 20. Juni 2018

Nächste Sitzung am 27. Juni 2018




                                            





Sonntag, 17. Juni 2018


Gedankenprotokoll vom 13. Juni 2018


Quer zur bisherigen Lektüre und Diskussion ontologischer Darlegungen in der Metaphysik, vor allem in Buch IV und VII, möchte ich zwei Begriffe hervorheben und ihre Tragweite erörtern.
Einerseits sei der Begriff on - seiend herausgehoben, andererseits der Begriff ousia – Seiendheit, Wesen, Substanz .... 
Im Buch IV heißt es: Es gibt eine Wissenschaft, die das Seiende  als solches und die ihm zukommenden Bestimmungen betrachtet ... das Seiende wird mannigfaltig ausgesagt ... Wesen oder Affektionen oder Weg zum Wesen oder Vernichtungen oder Beraubungen oder Qualitäten ... oder Verneinungen (1003a 21ff.)

Dieser Begriff „seiend“ ist der Grundbegriff der Ontologie und er explodiert gleichsam, sobald man ihn angreift, in alle mögliche Richtungen und Grade von Seinsmodalitäten: von der stabilen Seinsmodalität „Wesen“ bis hin zu akzidenziellen oder abhängigen Eigenschaften und sogar zum Nicht-Seienden, sofern es doch ein Seiendes ist, wenngleich mit negativem Vorzeichen.

Ein Begriff von minimaler semantischer Intensität, äußerst flexibel, kann er sowohl sehr wie auch kaum „Reales“ bezeichnen, Seinsmodalitäten von dieser oder jener Art, Relationen, Potenzialitäten, durchgehende Bestimmungen wie „ein“ oder „wahr“.

Man könnte on wohl auch mit „real“ übersetzen, es heißt sowohl „etwas seiend“ wie „existierend“ und sogar dessen Negation.

Die Formel „das Seiende“ hat etwas Steifes und sie verdeckt daher die semantische Flexibilität des Ausdrucks, der ein Minimalausdruck ist, aber das Maximale nicht ausschließt. Die Formel hat etwas Neutrales  – sie soll aber nicht nur „neutrale“ Aspekte bezeichnen  sondern auch intensive, dramatische, lebendige (wiewohl dieses Wort schon an bestimmte Realitätsbereiche denken lässt). 
Die Mannigfaltigkeit von „seiend“ könnte man eine Polysemie nennen und mit Homonymie in Verbindung bringen. Sie wird ja auch von Aristoteles offiziell deklariert.
Bei der ousia, als der höchsten Bedeutung von „seiend“, handelt es sich um einen Hauptbegriff der Ontologie. Und da lässt sich eine andere Mannigfaltigkeit feststellen, die Aristoteles nur mit seinem Sprachgebrauch indiziert, immerhin manchmal auch deutlich sichtbar macht, so im Buch VII, 1035b 14ff., wo er ousia, logos, eidos, to ti en einai als Synonyme hintereinander schaltet. Sehr verschiedene Wörter, die das Gleiche bezeichnen und es doch differenzieren, nuancieren.
Nämlich das Wesen, die Substanz, die Essenz. Jetzt habe ich selber schon drei ziemlich verschiedene Wörter für dieses Gleiche genannt – und damit so etwas gemacht wie Aristoteles an der angegebenen Stelle.
Nach über 2000 Jahren Übersetzungsgeschichte verfügen wir über noch mehr Synonyme für die ousia als Aristoteles, bei dem sich immerhin ungefähr zehn davon auffinden lassen – neben den eben genannten auch Form, Vorbild, Natur, Wirklichkeit, Zielbestimmtheit.
Die Mannigfaltigkeit der ousia lässt sich als eine synonymische oder polynomische bezeichnen: verschiedene Wörter für ein Gleiches. Dieses Gleiche ist die höchste Stufe der viel heterogeneren Variationen von seiend. Dieses Gleiche ist das Wesen.
Eine Mannigfaltigkeit, die uns erlaubt, ja dazu auffordert, dass wir beim Übersetzen von ousia nicht krampfhaft ein einziges Wort privilegieren müssen.
Die eingehende Diskussion der ousia im Buch VII bewegt sich hauptsächlich in dem Realitätsbereich, den man den biologischen nennen könnte und in dem die ousia den Platz der Art (innerhalb einer Gattung) einnimmt. Das ist auch der Platz der „Seele“ – welche ebenfalls an der angegebenen Stelle als Synonym des Wesens genannt wird.
Das überraschendste Synonym dieser Art ist wohl das persönliche Fürwort „du“, das Aristoteles ausdrücklich einführt, wenn er sagt: „Denn das Du-sein ist nicht das Musisch-sein. Denn du bist nicht musisch, insofern du bist, was du also bist, insofern du du bist, das ist dein Was-es-ist-dies-zu-sein.“ (1029b 15ff. ). Die synonymische oder polynomische Mannigfaltigkeit der ousia erreicht hier eine Spitze, die – jedenfalls für die Antike – schon außerhalb der üblichen Begrifflichkeit liegt.

Umso mehr darf sie als eine wichtige Besonderheit des aristotelischen Substanzauffassung gelten und diese aus dem Vorurteil lösen, es handle sich um eine Konzeption, die alle Dinge unter einen starren Begriff zwinge.

Der Begriff der ousia ist nicht im gleichen Sinn mannigfaltig wie der des on. Er ist grundsätzlich gedoppelt-gespalten: das Einzelne und dessen Was. Und zudem streut er sich in viele verschiedene Ausdrücke. In unabzählbare – auch der moderne Begriff „Individuum“ könnte da eingesetzt werden. Wenn es in der Scholastik geheißen hatte „Das Individuum ist nicht aussprechbar“, wird man nun dazu sagen können „Das Individuum ist sehr wohl ansprechbar“ – mit dem Du. Und die anderen persönlichen Fürwörter sind nicht aus- sondern miteingeschlossen.

Die „mannigfache Bedeutung des Seienden“ ist seit langem ein bekannter Topos in der Aristoteles-Forschung. Die „vielfältige Benennung des Wesens“ könnte eine neue Perspektive bilden.


Walter Seitter

Sitzung vom 13. Juni 2018

Nächste Sitzung am 20. Juni 2018

Montag, 11. Juni 2018

Extraglosse

Auch eine Art Substanzialismus?


In der Frankfurter Allgemeinen vom 7. Juni 2018 erschien ein Artikel (von Christian Geyer) mit dem Titel „Gibt es Germanen?“, in dem Caroline Sommerfeld als „Denkerin der deutschen Substanz“ vorgestellt wird. Caroline Sommerfeld-Lethen hat Philosophie studiert und das Buch Wie moralisch werden? Kants moralistische Ethik (Freiburg 2005) publiziert.

Sie lebt seit einigen Jahren in Wien, um 2015 schlug sie sich auf die Seite der politischen Gruppe „Die Identitären“ und vertritt deren Thesen, die sie mit Vokabeln aus unterschiedlichen Gebieten zu verdeutlichen sucht. Sie spricht von „Deutschsein“ als „Substanzbegriff“, sie meint, dass diese Kategorien „erkenntnistheoretisch vorgängig“ seien, sie bedauert, dass das „Bewusstsein für das Eigene, deine eigenen Gene“ verloren gehe. Es gehe um eine „Reparatur des erodierten kulturellen Gedächtnisses“, in dem die heroische Größe jener Germanen aufgehoben sei. Es werden also sowohl biologische wie auch historische Dimensionen aufgerufen, um in der gegenwärtigen politischen Situation eine bestimmte Orientierung plausibel zu machen.

Es erscheint klar, dass die für jene Dimensionen zuständigen Wissenschaften daraufhin befragt werden müssten, wie sich die entsprechenden Sachverhalte in ihrem Licht darstellen.

Ich möchte hier allein Sommerfelds Verwendung des Substanz-Begriffs kommentieren – denn offensichtlich zieht sie diesen Begriff dazu heran, ihren politischen wie auch den angeblich empirischen Aussagen eine höhere Weihe im Sinne einer philosophischen Objektivität und Fundamentalität zu verleihen.

Mit der aristotelischen Fassung des Substanz-Begriffs ist seine sommerfeldsche Applikation – egal ob auf die Deutschen oder auf die Germanen - nicht kompatibel. Diese beiden Volksbegriffe – der eine mit seinem Bezug auf weit zurückliegende Entitäten, der andere seit ungefähr elf Jahrhunderten gebräuchlich – bezeichnen gewisse menschliche Gruppen (und Individuen) aber substanzialisiert im Sinne des Aristoteles kann da nur die Qualität des Menschseins werden.

Alle Einzelwesen können substanzielle Qualität und Stabilität nur über ihre Zugehörigkeit zu einer Artbestimmtheit, zu einer Spezies gewinnen – in diesem Fall zu menschlichen Spezies.

Substanzalität heißt Fähigkeit zu eigenem individuellem Exis†ieren – aber nur im Rahmen einer bestimmten Spezies (und entsprechend deren Vorgaben). Für Germamen oder Deutsche heißt diese Spezies „Mensch“.

Menschen, die sich als „Deutsche“ bezeichnen oder etwas gewagter sich gar den „Germanen“ zurechnen, mögen das tun. Sie artikulieren damit aber nur akzidenzielle Eigenschaften. Sie können diese Eigenschaften für so wichtig nehmen wie sie wollen – logisch übergeordnet ist ihnen die Eigenschaft des Menschseins.

Wenn Caroline Sommerfeld  die von Aristoteles eingeführte, d. h. aus bestimmten Gründen erfundene Kategorie „Substanz“ aufgreift, so kann man ihr das natürlich nicht verbieten. Aber sie muss sich sagen lassen, dass sie die aristotelische Erfindung verfehlt, eigentlich missbraucht. Ein Motiv für diese Erfindung lag darin, eine Seinsmodalität auszuzeichnen, in der sich alle Elemente einer Spezies gleichen: „Kein Mensch ist menschlicher als irgendein anderer.“  Aber deutscher als ein anderer kann ein Mensch schon sein. Vielleicht, wie auch immer.

Walter Seitter

Nächste Sitzung am 13. Juni 2018


Sonntag, 3. Juni 2018


In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1037a 12 – 1038b 35)

Zweifüßler

Koch (Protokoll)
*Panteliadou
Seitter
Tillmann
Weinberger

Z 10: DIE DEFINITION DES TEILES UND DIE DES GANZEN (Rekapitulation)

Inwiefern muss eine Wesensbestimmung auf Teile und deren Wesensbestimmung zurückgreifen? Antwort: Manchmal (wenn es um Teile der Form geht) müssen die Teile in der Definition erwähnt werden, manchmal nicht. Anschlussfrage in Z 11: Wann ist etwas Teil der Form oder gehört zur Form?

Z 11: DIE TEILE DER FORM UND DIE DER KOMPOSITA (Schluss)

Thema: Physik übernimmt die Aufgabe einer 2. Philosophie [1037a 15]

Die Wissenschaft der Physik definiert die Wesen, in dem der Forscher a) die Sinnesdinge registriert, erfasst, empfindet, b) die sinnlich erfassbaren Wesen der Einzeldinge theoretisch betrachtet. Das Zwei-Stufen-Modell der Antike unterscheidet das Betrachten der sinnlicher erfassten Wesen von der eigentlichen Definition der Wesensdinge. Dabei übernehmen physikalische Gegenstände als Körper die Hauptrolle, sie müssen sichtbar, hörbar und/oder ertastbar sein, also einen Eindruck der Sinneswahrnehmung im kognitiven Apparat hinterlassen.

Diskussion: Entstehen die Eindrücke der Sinneswahrnehmung aus »unbekannten Ursachen in der Seele«, wie Hume [Traktat III.V] annimmt? Oder erhellen die Organe zunächst die komplexe Äußerlichkeit einzelner Dinge und der Verstand entwirrt dann seine Eindrücke von diesen Formen als isoliert, wie Locke [Essay III u. IV] darlegt?

Thema: Erkennen des begrifflich bestimmten Stoffes [1037a 16]

Der Physiker hat ein ausdrückliches Interesse an der Erwähnung des Stoffes in der Definition. Er bestreitet jede Möglichkeit einer außerhalb des konkreten Wesens liegenden Form.

Diskussion: Offenbar verspüren Naturwissenschaftler keinen dringenden Wunsch nach einer zusammengesetzten Ousia. Während der Metaphysiker/ Ontologe/ Philosoph dazu neigt, die Logik zur Physik der Seele zu machen, scheint der szientistische Zugang zur Welt auf der Stufe der Ionischen Schule des materiellen Substrats stehen zu bleiben. Da aber Denken an und für sich keine voraussetzungslose Tätigkeit ist, stellt Philosophie ein weiteres Sinnenobjekt des Menschen selbst dar (Feuerbach).

Thema: Eine Sache ist fraglich durch ihre Teile [1037a 19]

An der wieder aufgenommenen Diskussion über die Bestimmungen der Definition wird deutlich, dass die Schwarz-Übersetzung der Substanzbücher bei Reklam die Unterscheidung von Horismos und Logos durcheinander wirbelt, indem sie i) beide Ausdrücke als Definition und ii) zusätzlich Logos auch noch im Terminus Begriff wiedergibt.

Die ursprüngliche Fragestellung in Z 10 wird von Schwarz so übersetzt: »Da die Definition ein Begriff ist und jeder Begriff über Teile verfügt und der Teil des Begriffes sich zum Teil der Sache (pragma) gleich verhält wie der Begriff zur Sache, so stellt sich bereits die Frage, ob der Begriff der Teile im Begriff des Ganzen enthalten sein muss oder nicht« [1034b 20].

Horismos = Definition. Der Terminus bringt aber nicht zum Ausdruck, dass dieser ein                                sprachliches Gebilde ist, das aus Teilen zusammengesetzt ist
Logos = ein sprachliches Gebilde, das Teile besitzt

Worttreue Übersetzung: »Da aber der Horismos ein Logos ist und jeder Logos Teile hat und der Teil des Logos zum Teil der Sache im gleichen Verhältnis steht wie der Logos zur Sache, ergibt sich die Frage, ob der Logos der Teile im Logos des Ganzen enthalten sein muss oder nicht«. Verdeutscht: »Da aber der Definitionsvorgang sprachlicher Natur ist und jedes sprachliche Gebilde aus Teilen besteht und jeder Sprachteil zu den Teilen der Sache im gleichen Verhältnis steht wie das ganze Sprachgebilde zur Sache, ergibt sich die Frage, ob das sprachliche Gebilde der Teile im sprachlichen Gebilde des Ganzen enthalten sein muss oder nicht«.

Diskussion: Die Schwierigkeit liegt hier nicht an der Übersetzung allein. Walter Mesch zeigt, dass ‚Logos’ von Aristoteles in der zitierten Passage tatsächlich in verschiedenen Bedeutungen gebraucht wird. Gemeint, so Mesch, sei schlussendlich, dass nicht nur jeder Logos bloß einer Sache zugeordnet ist, sondern auch jede Sache bloß einen Logos besitzt.

Übertragen auf 1037a 19 bedeutet das nun: Das Definiens ist deshalb ein Begriff, weil bereits die bezeichnete Sache selbst über Teile verfügt.

Definiens = Wesen-Was, TEE (ti en einai); der Begriff, der das Definiendum erklärt. Das, was in der Definition von einem Ding gesagt wird. Mithin bei Aristoteles: seine eigentliche Form!
Definiendum = in der Definition zu erklärender Begriff

Thema: Das Wesen ist die einem Ding innewohnende Form [1037b 28]

Stoff ist relativ in Hinsicht auf eine bestimmte Form (Eidos im Sinn von morphê). Beispiel Menschenseele im Einzelmenschen. Anders als im konkreten Wesen dürfen im Begriff des Wesens keine Teile (im Sinn von Stoff) enthalten sein. Ein problematisches Postulat bei Hohlnasigkeit, Krümmung-sein und eben der Menschenseele. Die Trennung von Form und Stoff stößt erneut an eine Grenze.

Diskussion: Die Definitionskraft der Form hat mehrere Schwächen. Zunächst auf der Ebene der physikalischen Wahrnehmung: »Als einzelnes Ding aber besteht das Konkrete aus dem letzten Stoff« [1035b 30]. Im Sonderfall des Lebewesens findet Aristoteles zwar einen Ausweg. »Ein Lebewesen kann nicht ohne Bewegung definiert werden« [1036b 28], was eine besondere stoffliche Beschaffenheit, genau gesagt: den Stoffwechsel, verlangt. Der Fall des Lebewesens ändert aber nichts daran, dass die Undefinierbarkeit des Einzelnen (im Form-Materie-Kompositum) die Annahme individueller Formen wieder grundsätzlich fragwürdig erscheinen lässt. Bei der Hohlnasigkeit wird die Definition der allgemeinen Form von einem Stoff abhängig gemacht, der über die Analyse des Einzels von Einzeldingen überhaupt erst ins Spiel gekommen ist (Beisbart).

Thema: Form als das eigentliche Sein [1037b 5]

In welchem Sinn hat das Einzelding überhaupt einen Begriff? Die Antwort des Aristoteles verschränkt den Formaspekt mit der Definitionskraft: Das Einzelding hat einen Begriff als eine bestimmte Form aufweisend, zu einer Art gehörend, nicht aber, was seine Materie betrifft. Materie individuiert; Form bestimmt das Wesen und gehört in die Definition. 
Zusammengefasstes wird – notgedrungen – als nicht identisch mit dem Definiens (TEE) angesehen. Der Ausschluss stofflicher Teile aus der Definition zwingt Form in die Rolle des 1. Wesens (prôte ousia), kann dort aber dennoch keine selbstständige Regie beanspruchen (Mesch). 

Diskussion: Die Krümmung wäre demnach eine prôte ousia für den Kreis. Unter welchen Bedingungen ist eine Krümmung ein 1. Wesen? Kreisförmigkeit ist ein reiner Formaspekt; lässt sich in unterschiedlichen Stoffarten realisieren. Der Kreis kann sogar aus geistigem Stoff bestehen [1037a 4]. Doch wie findet man heraus, was in welchem Material realisierbar ist?

Z 12: DIE EINHEIT DER DEFINITION

Thema: Einheit des Definiens in einer Definition [1037b 12]

Das ganze Buch 7 handelt vom Wesen, welches bezeichnet a) ein bestimmtes Eines, und b) ein Das [1037b 27]. Wie ist die Einheit des Definiens (TEE) in einer Definition zu denken? Jedenfalls nicht als Kompositum aus Form und Stoff. In der Definition einer ganzen Sache sind nicht die Definitionen aller Teile enthalten, sondern nur die der formalen.

Diskussion: Der Reihe nach werden das Eidos und die Form des Menschseins als 1. Substanz (prôte ousia) ausgewiesen. Ist Eidos (im Sinn von morphê) als Artbestimmung und/oder als Eigenschaft zu verstehen? Lässt sich die Definition von Form so behandeln als sei sie die Definition schlechthin? Aristoteles fasst Wörter als implizite Definitionen auf. Wie soll er dabei der Kritik entgehen, die er gegen Platon vorbringt?

Thema: Das Verhältnis von Begriff und Definition [1037b 10]

Begriffe haben logische Priorität vor der Definition. In der Definition wird der Begriff mit zwei neuen Begriffen definiert, die sich nicht gegenseitig modifizieren dürfen. Hier handelt es sich um eine spezielle Vielteiligkeit des Logos. Aristoteles vergleicht zwei paarige Begriffe für den Homo sapiens:
          i) das »zweibeinige Lebewesen«: keine Affektion, sondern eine Artbestimmung; eine Spezies innerhalb der Lebewesen, und
          ii) den »weißen Menschen«: keine Art-, sondern eine Eigenschaftsbestimmung; der Mensch ist bereits die Spezies, die von seiner Weißheit nicht modifiziert werden kann.

Diskussion: In dem Terminus »weißer Mensch« weist das Definiens in der Definition keine Einheit auf. Er ist ein Vieles [1037b 15] – ein akzidentielles Kompositum. Kommen mehrere Qualitäten in einem Definiens zusammen, müssen sie logisch zusammengehören, was aber bei der Zweibeinigkeit und der Vernünftigkeit des Menschen nicht der Fall ist. Die aristotelische Lösung: Minimierung in der Bestimmung der Definition, den »Unterschied in seine Unterschiede zerlegen« [1037b 8]; hierarchische Unterteilung in immer speziellere Untergattungen (differentia specifica).

BEFUSSTES LEBEWESEN
(weder mit noch ohne Flügel)
spaltfüßig -- breitfüßig
schwarz spalt-/ schwarz breit- -- weiss spalt-/ weiss breitfüßig
Konkrete Füße aller einzelnen Lebewesen

Jede neue Differenz qualifiziert die vorhergehende.

1. Handelt es sich bei dem Ding um ein Lebewesen? – Ja.  Das gesuchte Ding gehört zur Gattung der Lebewesen.

2. Bewegt es sich auf Füßen fort? – Ja, das Lebewesen bewegt sich auf Füßen fort.

3. Gehört es zur Gruppe der breitfüßigen Lebewesen? – Ja, es gehört zur Gruppe der Breitfüßler.

4. Ist der breite Fuss des Lebewesens weiß? – Ja, dieser Mensch ist ein weißhäutiger Fußgänger.

Bei der letzten Differenz sind bereits alle anderen mitgedacht.

Für Beisbart ist in dieser hierarchischen Ja-Nein-Methode noch nicht geklärt, inwiefern Gattung und Differenz eine Einheit bilden. Laut Detel funktioniert die »Zerlegung« nicht im Fall hyletischer Formen.

Thema: Im Wesen selbst liegt keine Ordnung vor [1038a 33]

Aristoteles löst das Problem der begrifflichen Einheit durch einen Art Definitionslehre, gewissermassen eine Definition der Definition. Die vorgeschlagene Methode: das dihairetische Vorgehen einer fortschreitenden Differenzierung. Dabei muss man in der Definitionsarbeit bei einer hierarchischen Unterscheidungslinie bleiben. Freilich welche der Unterscheidungslinie im konkreten Fall über die anderen obsiegt (Zweibein, Breitfuß oder Vernunftleuchte im Fall des Menschen), das unterliegt dem kreativen Chaos des Denkens, das tönt im Sound jenes Tohuwabohu, aus dem die Welt angeblich hervorging.

Diskussion: Führt uns der Autor am Beispiel von Zweibeinig- bzw. Breitfüßigkeit den Menschen unernsthaft, d.h. ironisch vor, oder, im Gegenteil: ausgesprochen sachlich und seriös? Wäre der Mensch als »vernunftbegabtes Wesen« (Homo sapiens) eine höhere Definition im Vergleich zum simplen »Zweibeiner« oder dem bloßen »Fußgeher«? Wäre eine Definition des Menschen als »beseeltes Lebewesen« irgendwie ernsthafter, sachlicher, oder ist – umgekehrt – eher das Definiens Seele romantisch? Auch der Bedeutungsgebrauch des Ausdrucks Seele bleibt bei Aristoteles nicht einheitlich.

Seele = Ursache des Seins im Lebewesen [1017b 16], Wesen des Körpers (1017b 17), Wesen des Belebten [1035b 15], weitreichendes Programm des Lebens
Seele = alle Dinge [De anima 431b 21], als ein Fall, eine Sonderzone von essenziellem Akzidenzialismus, von Mengenbildung, Weltbildung, siehe Seitter-Protokoll vom 19.2.18

Literatur
Aristoteles: Metaphysik. Schriften zur Ersten Philosophie, Übersetzung: Franz F. Schwarz, 1970/2000
Beisbart, Claus: Die Entfaltung der Substanzmetaphysik, Vorlesung TU Dortmund, 2010
Detel, Wolfgang: Aristoteles. Metaphysik. Bücher VII und VIII, 2009
Feuerbach, Ludwig: Über Spiritualität und Materialismus, besonders in Beziehung auf die Willensfreiheit, 1866
Hume, David: Treatise of Human Nature / Traktat über die menschliche Natur, 1739/40
Locke, John: An Essay Concerning Humane Understanding / Eine Abhandlung über den menschlichen Verstand, 1690
Mesch, Walter: Die Teile der Definition (Z 10-11), in: Rapp, Christof (Hg.): Metaphysik. Die Substanzbücher, 1996

Sitzung vom 30. Mai 2018
                                                                       

Nächste Sitzung am 6. Juni 2018