τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 11. Juni 2018

Extraglosse

Auch eine Art Substanzialismus?


In der Frankfurter Allgemeinen vom 7. Juni 2018 erschien ein Artikel (von Christian Geyer) mit dem Titel „Gibt es Germanen?“, in dem Caroline Sommerfeld als „Denkerin der deutschen Substanz“ vorgestellt wird. Caroline Sommerfeld-Lethen hat Philosophie studiert und das Buch Wie moralisch werden? Kants moralistische Ethik (Freiburg 2005) publiziert.

Sie lebt seit einigen Jahren in Wien, um 2015 schlug sie sich auf die Seite der politischen Gruppe „Die Identitären“ und vertritt deren Thesen, die sie mit Vokabeln aus unterschiedlichen Gebieten zu verdeutlichen sucht. Sie spricht von „Deutschsein“ als „Substanzbegriff“, sie meint, dass diese Kategorien „erkenntnistheoretisch vorgängig“ seien, sie bedauert, dass das „Bewusstsein für das Eigene, deine eigenen Gene“ verloren gehe. Es gehe um eine „Reparatur des erodierten kulturellen Gedächtnisses“, in dem die heroische Größe jener Germanen aufgehoben sei. Es werden also sowohl biologische wie auch historische Dimensionen aufgerufen, um in der gegenwärtigen politischen Situation eine bestimmte Orientierung plausibel zu machen.

Es erscheint klar, dass die für jene Dimensionen zuständigen Wissenschaften daraufhin befragt werden müssten, wie sich die entsprechenden Sachverhalte in ihrem Licht darstellen.

Ich möchte hier allein Sommerfelds Verwendung des Substanz-Begriffs kommentieren – denn offensichtlich zieht sie diesen Begriff dazu heran, ihren politischen wie auch den angeblich empirischen Aussagen eine höhere Weihe im Sinne einer philosophischen Objektivität und Fundamentalität zu verleihen.

Mit der aristotelischen Fassung des Substanz-Begriffs ist seine sommerfeldsche Applikation – egal ob auf die Deutschen oder auf die Germanen - nicht kompatibel. Diese beiden Volksbegriffe – der eine mit seinem Bezug auf weit zurückliegende Entitäten, der andere seit ungefähr elf Jahrhunderten gebräuchlich – bezeichnen gewisse menschliche Gruppen (und Individuen) aber substanzialisiert im Sinne des Aristoteles kann da nur die Qualität des Menschseins werden.

Alle Einzelwesen können substanzielle Qualität und Stabilität nur über ihre Zugehörigkeit zu einer Artbestimmtheit, zu einer Spezies gewinnen – in diesem Fall zu menschlichen Spezies.

Substanzalität heißt Fähigkeit zu eigenem individuellem Exis†ieren – aber nur im Rahmen einer bestimmten Spezies (und entsprechend deren Vorgaben). Für Germamen oder Deutsche heißt diese Spezies „Mensch“.

Menschen, die sich als „Deutsche“ bezeichnen oder etwas gewagter sich gar den „Germanen“ zurechnen, mögen das tun. Sie artikulieren damit aber nur akzidenzielle Eigenschaften. Sie können diese Eigenschaften für so wichtig nehmen wie sie wollen – logisch übergeordnet ist ihnen die Eigenschaft des Menschseins.

Wenn Caroline Sommerfeld  die von Aristoteles eingeführte, d. h. aus bestimmten Gründen erfundene Kategorie „Substanz“ aufgreift, so kann man ihr das natürlich nicht verbieten. Aber sie muss sich sagen lassen, dass sie die aristotelische Erfindung verfehlt, eigentlich missbraucht. Ein Motiv für diese Erfindung lag darin, eine Seinsmodalität auszuzeichnen, in der sich alle Elemente einer Spezies gleichen: „Kein Mensch ist menschlicher als irgendein anderer.“  Aber deutscher als ein anderer kann ein Mensch schon sein. Vielleicht, wie auch immer.

Walter Seitter

Nächste Sitzung am 13. Juni 2018