τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 5. November 2018



Im letzten Januar habe ich auf den französischen Philosophen Bernard Sichère hingewiesen, der eine Untersuchung zur aristotelischen Philosophie vorgelegt hat.

Heute berichtet Gerhard Weinberger über Sichère, der vor seiner Studie Aristote au soleil de l’être (Paris 2017) eine Neuübersetzung der Metaphysik unternommen hat und damit gewissermaßen zu einem „Kollegen“ unseres hiesigen Unternehmens geworden ist, aus dem bereits die Publikation Aristoteles betrachten und besprechen (Metaphysik I-VI), (Freiburg-München 2018) hervorgegangen ist.

Bernard Sichère (geb. 1944), ein Philosoph aus der Althusser-, Lacan-, Mao-Schule, bemerkte viele Jahre nach seiner Jugendzeit, dass ihm die damalige Platon- und Aristoteles-Lektüre mit ihren an der lateinischen Scholastik orientierten Übersetzungen wohl kein Verständnis für jene Philosophen gebracht habe. Er lernte von Martin Heidegger, dass es notwendig sei, sich in die griechische Sprache hineinzuarbeiten und sich von da aus den Texten zuzuwenden. Griechische Grundbegriffe der Philosophie wie „Spezies“ oder „wissen“ stammen direkt aus dem Wortfeld „sehen“ (eidoseidenai). Das in die modernen Sprachen eingegangene Wort „Theorie“ bedeutet im Griechischen eine Grundhaltung, die vom Staunen ins Sehen und Anders-Sehen übergeht – und keineswegs ein System von Aussagen und Beweisen. „Vita contemplativa“ ist ein anderer – allerdings lateinisher - Ausdruck dafür.

Das, was gesehen wird, das sind einerseits plötzliche, veränderliche, andererseits beständige und vielleicht ewige Dinge. Daraus folgt die Unterscheidung von Physik und Metaphysik.

„Ousia“ übersetzt Sichère mit „Präsenz“, „to-ti-en-einai“ nennt er eine barbarische Wortschöpfung; damit ist er immerhin zum Staunen darüber gelangt, anstatt das Wort einfach zur Kenntnis zu nehmen. Auch ich „stolpere“ über gewisse aristotelische Wortbildungen – und würde „to-ti-en-einai“ als kunstvolles Handwerksprodukt bezeichnen (in welches das Wort „sein“ in zwei verschiedenen Formen eingebaut ist); das einfachere „to on“ empfinde ich als ziemlich hölzern, wobei ich allerdings mehr das deutsche „Seiende“ meine. Wie fühlt sich „to on“ im Griechischen an?

Als umfassenden Begriff setzt Sichère den Infinitiv „das Sein“ – womit er vom aristotelischen Sprachgebrauch eher abweicht und sich in Richtung Heidegger bewegt.

Soweit ein erster Einblick in Sichères Beschäftigung mit Aristoteles.

Walter Seitter


Sitzung vom 31. Oktober 2018
Nächste Sitzung am 14. November 2018