τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Samstag, 1. Dezember 2018


In der Metaphysik lesen (BUCH VIII (H), 1043a 3 – 28)


Mit Bezug auf 1042a 13, wo Aristoteles das Was-war-sein und das Substrat als „andere Wesen“ bezeichnet hat, erklärt Wolfgang Koch, nur diese beiden Begriffe seien Äquivalente für „Wesen“.

Es gibt indessen bei Aristoteles auch andere mehr oder weniger explizite Äußerungen über Synonyme für „Wesen“ und sehr viele implizite – so viele, dass die Zahl solcher Synonyme über zehn hinausgeht (und keineswegs fixiert werden kann). In dem Band Nach dem Animismus (Berlin 2016) habe ich das Thema bereits angeschlagen.

Nun stellen wir fest, dass der aristotelische Sprachgebrauch keineswegs so homogen ist, dass er zu einer Sache immer nur dasselbe sagt. Seine Sprachperformanz ist immanent-divers, manchmal sogar immanent-kontrovers – und es liegt bei den Lesern, diese Sachlage zu beurteilen. Ich neige dazu, voneinander abweichende Äußerungen so zusammenzusehen, dass ich Aristoteles unterstelle, unterschiedliche Nuancen einer Sache ausdrücken zu wollen. Die vielen Synonyme für „Wesen“ halte ich folglich für unterschiedliche Nuancierungen dieses Begriffs, der ein aristotelischer Hauptbegriff ist (aber nicht mit allen wichtigen Begriffen der Ontologie auf einer Ebene liegt).

In unserem Abschnitt bilden Stoff und Form und deren Zusammensetzung die Versionen des Wesens und die konkreten Beispiele, die Aristoteles liefert, sind leicht nachzuvollziehen. So etwa das Haus, von dem ja die Schwelle ein Teilkörper ist.

Die Beispiele Windstille und Meeresruhe werden als poetisch empfunden; auch diese Naturphänomene sind für Aristoteles aus Stoff und Form zusammengesetzt. Für Form steht auch Gestalt, Verwirklichung und Wesen. Also vier Synonyme in der einen Richtung. In der anderen Richtung ist Stoff ein Synonym für Wesen.

Insofern Ruhe für uns Bewegungslosigkeit bedeutet, äußert Bernd Schmeikal einen physikalischen Einwand. Ruhe gebe es gar nicht. In der Mikrophysik bestehe Materie aus immerzu sich bewegenden Teilchen und wenn wir die Makrophysik ins Weltall erweitern, ist auch dort alles in Bewegung. Die Wahrnehmungsleistungen unserer mesophysikalischen Position vermitteln uns den Eindruck von Ruhezuständen – handelt es sich um Illusionen? Die Drehung der Erde um die Sonne nehmen wir direkt gar nicht wahr. Was wir als Drehung der Sonne um die Erde erleben, beruht auf der Selbstdrehung der Erde, die uns ständig mit hoher Geschwindigkeit gen Osten schleudert wovon wir gar nichts bemerken.[1]

Unsere mesophysikalische Position liefert uns in einem Gemisch aus Wahrnehmungen und Verschleierungen sowohl Bewegungs- wie auch Ruheeindrücke. Wie sollte man ausschließen, dass es Bewegung und Ruhe auch in den anderen Positionen gibt?

Walter Seitter


Seminarsitzung vom 28. November 2018

Nächste Sitzung am 5. Dezember 2018