τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Samstag, 2. Februar 2019


In der Metaphysik lesen (BUCH VIII (H), 1045a 8 – 1045b 8) 



Die zuletzt angetroffenen Verwandlungsprobleme zwischen Lebewesen und Toten bzw. Wein und Essig haben, selbst wenn wir ihnen nicht ganz auf die Schliche gekommen sein sollten, zumindest darauf aufmerksam gemacht, dass die Akzidenzien wie auch der Stoff entscheidende Faktoren im Geschehen der irdischen Dinge sind. Ralph Rhenius führt übrigens in Die Einheit der Substanzen (Berlin 2005) eine Reihe von Unterscheidungen innerhalb des Stoffes ein, sodass dieser Begriff an explanatorischer Kraft zunimmt. Und was die an dieser Stelle ins Spiel gekommenen Formen betrifft, so gehören sie offensichtlich unterschiedlichen Rangstufen an.

Im Abschnitt 6 geht es sehr allgemein um die Frage, wodurch aus vielen Teilen Eines wird und ein Ganzes mit mehr Ganzheitlichkeit als ein Haufen, ein Ganzes über den Teilen. Viele Körper ergeben eine Einheit entweder durch Berührung oder durch Klebrigkeit – durch letztere wohl in stärkerem Maße (siehe Mauerbau). Im Abschnitt 6 von Buch V ist das Eine noch viel ausführlicher differenziert worden.

Und dann ein Satz, den ich herzitiere, damit er besser verständlich wird. Es ist da die Rede von der Definition – aber nicht damit irgendetwas definiert wird, sondern damit die Definition als ein Typ von Rede verglichen wird mit einer berühmten namentlich genannten Rede – der Ilias. Die Definition ist eine Rede – nicht aufgrund einer Zusammenfügung (von vielen Aussagen) wie die Ilias, sondern weil sie die Rede von einem ist (1045a 14). Die Vergleichung eines für die Wissenschaft wichtigen Aussagentyps mit der größten Dichtung der Griechen überspringt einen riesigen Abstand und bezieht daraus ihre Überraschungskraft. Der Unterschied ist auch ein quantitativer: eine Definition ist meistens ein kurzer Satz, die Ilias enthält 15.000 Verse also ungefähr so viele Sätze (und trotzdem nennt Aristoteles sie einen Satz).

Es handelt sich also um ein kleines Stück Aussagenvergleich – hier eingeschoben als ein eher fremdartiges Beispiel für die Frage, welches Eine ist einheitlicher: das eine oder das andere? Dass sowohl die Definition wie auch die Ilias in die bekannte Spezies „Satz“ eingereiht werden, um dann verglichen werden zu können, ist typisch für Aristoteles. So eine Nivellierung der Aussagen ist auch der Schlüssel zu Foucaults Archäologie des Wissens.

Und das kleine Stück ist eine Übernahme aus der Poetik, aus dem linguistischen Kapitel 20, wo die quantitativen Teile der Sprache der Größe nach gereiht und bestimmt werden: vom Buchstaben bis zum Satz (Rede, Aussage): Definition des Menschen oder Ilias (1457a 24ff.)

In unserer Stelle geht Aristoteles tatsächlich zur Definition des Menschen über und fragt: was macht den Menschen zu einem Einen? Doch es fallen ihm gleich bestimmte Philosophen ein, die darauf sagen: ein Lebewesen und ein Zweifüßiges, und womöglich ein Eigentlich-Lebewesen und ein Eigentlich-Zweifüßiges. Auf diese Weise macht man, so Aristoteles, aus dem Menschen eine Zweiheit – man verkennt oder vereitelt vielleicht sogar seine Einheit. Definiert man hingegen den Menschen durch Stoff und Form (oder durch Potenzialität und Aktualität), also ebenfalls durch zwei Bestimmungen, so bleibt die Einheit des Menschen gewahrt.

Es scheint so zu sein, dass eine jede Definition eines Einen zwei davon unterschiedene Bestimmungen angeben muss. Und diese beiden Bestimmungen müssen fähig sein, einander zu ergänzen – und das ist der Fall, wenn sie sich zueinander verhalten wie Stoff und Form bzw. wie Potenzialität und Aktualität.

Aristoteles konstruiert dazu ein analoges Beispiel: die Definition von „Gewand“ als „rundes Erz“ – zweifellos ein Artefakt. Er fragt, was denn – außer dem Hersteller – die Ursache dafür ist, dass das Runde und das Erz eins werden und dass das Mögliche wirklich werde. Aristoteles nennt das Was-ist und für das Runde gibt er zwei Varianten an: die Kugel und den Kreis. Ich glaube, das müssen wir noch einmal lesen.

Die Aussage, dass alle real existierenden irdischen Dinge zusammengesetzt sind, dürfen wir auch so verstehen, dass ihre Einheit nicht unmittelbar und auch nicht vollständig gegeben ist. Sie werden von mindestens einer Differenz durchzogen - und die Frage ist, ob sie damit auch auf Außenrealitäten bezogen sind.

Walter Seitter


Seminarsitzung vom 30. Jänner 2019

Nächste Seminarsitzung am 6. Februar 2019

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