τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 28. April 2011

In der Metaphysik lesen (983b 1-7)

28. April 2011
Die vier konkreten Ursachen (Faktoren, Bestandteile) für jede Sache bilden eine Klassifikation der Ursachen. Eine andere quer dazu liegende bezieht sich auf zwei große Ursachenbereiche (Sachbereiche), nämlich Natur und Kunst: die Naturdinge haben eine natürliche Kausalität, die Kunstsachen eine künstliche. Für beide große Gattungen aber gilt, daß jeweils die vier konkreten Ursachen bestimmt werden können. Nehmen wir zuerst ein Kunstding, den Tisch; Materialursache: zumeist Holz, kann aber auch etwas anderes sein, z. B. Kunststoff; Formursache: Tischform, Tischheit: eine Erhöhung des Bodens um ungefähr einen Meter, welche Erhöhung aber begrenzt sein muß: ungefähr ein Quadratmeter oder mehr, oben eine glatte Fläche; Wirkursache, von der die Form geliefert wird: Tischler, Tischfabrik; die Tischform muß zuerst in der Seele des Künstlers, Handwerkers, Technikers sein; Zweckursache: Möglichkeit zum vorübergehenden Hinstellen von kleinen Dingen wie Tasse, Buch oder dergleichen; der Spezialist für die Zwecksetzung ist der Gebraucher: er weiß am besten, wozu ein Tisch - für ihn – gut ist. Nehmen wir einmal an, eine Höhle sei eine natürliche „Sache“ – wie können wir dann ihre vier Ursachen bestimmen? Materialursache: sicherlich nicht einfach, denn der Hohlraum besteht aus „Leere“ (relativ zum Material der Umgebung oder Einfassung), Leere eventuell mit Luft und Licht (oder eher Dunkelheit), dazu oder vielmehr darum herum braucht es ein festes Material, in der Regel Erde, Stein, Felsen, vielleicht ein ganzer Berg; jetzt die Formursache, die Höhlenform: eine Einbuchtung oder Aussparung im festen Material, ein Ansatz von „Loch“; die Wirkursache muß von der Naturgeschichte bestimmt werden: vielleicht Wasser oder so etwas; Zweckursache muß von irgendeinem Benutzer, z. B. Bewohner – Bären, Menschen – bestimmt werden, Höhlen ohne Benutzer haben keinen Zweck, es kann ihnen aber ein Zweck zuwachsen, wenn z. B. Höhlenforscher eine zwecklose Höhle finden, besuchen und erforschen, dann kann sie für sie zum Zweck werden, als Freizeitbeschäftigung oder Arbeitgeber. Oder ein aristotelisches Beispiel: die Tragödie; Materialursache: Sprache und Musik; Formursache: da setzt Aristoteles „metaphorisch“ den Formbegriff ein, der normalerweise den Lebewesen vorbehalten ist, nämlich „Seele“: die Seele der Tragödie ist der mythos oder plot; Wirkursache: der Dichter: in dessen Seele (wörtlich verstanden) muß die Form der Tragödie vorher gewesen sein; Zweckursache: Erzeugung einer ganz bestimmten Lust (mit Erschütterung, Katharsis ...) beim Betrachter. Dann noch ein Naturding: das Kamel; Materialursache: die für Säugetiere (Gattungsbegriff) üblichen chemischen Verbindungen bzw. dann die verschiedenen „Gewebe“ ...; Formursache: die Kamelform, die Kamelseele, die laut Aristoteles vom Vater kommt; Wirkursache: der Vater des Kamels, wir würden aber heute die Mutter ebenso nennen, von der ist nämlich auch die Kamelseele gekommen, außerdem direkt das Material für den Fötus, dann auch die Milch usw.; Zweckursache: wozu ein Kamel? Vielleicht als Nachwuchs für die Kamelfamilie oder als Nutztier für die „Kameltreiber“ oder als Schaustück für die Zoobesucher oder ...
Wir sehen, daß wir mit den „vier Ursachen“, wenn wir sie auf auf beide Sachbereiche, die Natur und die Kunst ausweiten, vom Hundertsten ins Tausendste kommen können: so gut wie alle Wissenschaften können damit beschäftigt werden.
Ist das die „gesuchte Wissenschaft“? Sie wäre dann nichts anderes als die „Enzyklopädie“ der Wissenschaften, wie sie im 18. Jahrhundert entworfen worden ist und seither öfter als „eigentliche“ Philosophie propagiert worden ist, sei es unter dem Motto „Positivismus“ oder „Einheitswissenschaft“ mit der Voraussetzung, Wissenschaft allein könne Erkenntnis und sogar Orientierung liefern.
Aristoteles ist hier von dieser Voraussetzung insofern nicht ganz weit entfernt, als er ja auf der Suche nach einer bestimmten Wissenschaft ist, die die Gesamtheit der schon bestehenden Wissenschaften abschließen und vervollständigen soll. Aber die gesuchte Wissenschaft soll über die bestehenden in einer bestimmten Richtung hinausgehen. In welcher Richtung? Suche nach den allerersten Ursachen, von uns aus gesehen nach den entferntesten (also nicht nur nach Vater, Großvater sondern Nochgrößervater ....), Suche nach möglichst wenigen Ursachen, Suche nach den am schwersten erkennbaren Ursachen.
Für diese Suche erhofft sich nun Aristoteles bei denen Hilfe, die ihm offensichtlich bei einer ähnlichen Bemühung vorausgegangen sind, und diese Vorgänger – in Sachen Ursachenfeststellung – charakterisiert er zweifach: sie sind zur Untersuchung der Seienden gekommen und sie haben über die Wahrheit philosophiert, noch wörtlicher übersetzt: sie haben um die Wahrheit herum die Weisheit geliebt (983b 2). Es werden also wie schon einmal (982b 11) frühere Philosophen als vertrauenswürdige Gewährsleute genannt – und dies, obwohl die gesuchte Wissenschaft bisher nicht als „Philosophie“ bezeichnet worden ist (damit würde sie ja einen schon bestehenden Namen bekommen). Vom Studium dieser Vorläufer erwartet sich Aristoteles entweder eine Bestätigung seiner eigenen bisher vorgenommenen Ursachenangaben oder deren Ergänzung und Erweiterung. Beides kann er sich nur erwarten, wenn die Aussagen dieser Vorläufer seriös, vertrauenswürdig, d. h. einschlägig und ziemlich „wahr“ sind, ungefähr so vertrauenswürdig, wie er seine eigenen Aussagen einschätzt: gleichrangige Aussagen. Diese Voraussetzung scheint Aristoteles stillschweigend zu machen; allerdings werden wir sehen, daß er bestimmte Aussagen der von ihm genannten früheren Philosophen doch kritisch betrachtet oder sogar ablehnt. Allerdings könnte es sein, daß für ihn auch eine derartige Diskussion bzw. Kritik einen sinnvollen Schritt innerhalb seiner Unternehmung darstellt und daß insofern auch die abgelehnten Positionen nützliche, nämlich von ihm ausgenützte Stützpunkte darstellen.
In Analogie zur Ursachenfeststellung, die auf Väter, Großväter usw. rekurriert, kann man sogar sagen, daß Aristoteles mit seiner theoriegeschichtlichen Exkursion, mit seiner Betrachtung von kollegialen Vorgängern die „Ursachenforschung“ auf die Ursachenforschung, nämlich auf die Theoriearbeit selber anwendet: Vortheoretiker als Vorgänger, Urtheoretiker als Ursachen.
In der doppelten Charakterisierung der Vorgänger können zwei Ebenen unterschieden werden: die „Betrachung der Seienden“ könnte man mit der Gesamtheit der bestehenden Wissenschaften identifizieren, das „Philosophieren über die Wahrheit“ hingegen als eine Art Meta-Tätigkeit, die mit der „gesuchten Wissenschaft“ gemeint ist. Wie das Philosophieren etwas anderes ist als das Betrachten, die Präposition peri eine andere Relation anzeigt als der schlichte Genitiv, so sind auch „die seienden Dinge“ von der „Wahrheit“ zu unterscheiden - vor allem dann, wenn man beim „logischen“ Begriff der Wahrheit bleibt: das heißt bei der Wahrheit als einer möglichen Eigenschaft von Aussagen.

Walter Seitter
eHgeH
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