τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 25. August 2023

Sommer-Dichter-Lektüre: Serres-Lukrez XII

23. August 2023

 

Mit der Unterscheidung zwischen Verbindungen und Ereignissen, also zwischen festen und weniger festen Entitäten nimmt Serres jenen Behauptungen den Wind aus den Segeln, die ihm unterstellen, er würde unterschiedliche Aussagen über die physische Realität auf verschiedene Aussagende, Aussagesubjekte zurückführen – etwa männliche bzw. weibliche. 

 

Tatsächlich setzt er die Unterschiede in der objektiven Realität selber an und folgt insofern der bekannten antiken Elementenlehre, obwohl die bei ihm einen weniger primären Status hat als bei den meisten Vorsokratikern oder bei Aristoteles.

 

 

zwischenbild nackt auf einem schreibtisch schaut sie lässig und wohlgefällig zu wie ein nackter mann seinen schwanz an ihr geschlecht stößt oder in es einführt oder ihn herauszieht lässig wie ein flußgott läßt sie das geschehen daß die kamera dabei ist und alles aufnimmt ist für sie wohl selbstverständlich vermutlich bekommt sie nur unter dieser bedingung geld für die „sitzung“ immerhin „lebt“ sie von solchen zahlungen 

 

und noch eine bildschöpfung fast von mir ein ausschnitt mit unterbauch von vagina oberrand bis nabel piercing ein barockes wogen einer stillen oberfläche die als oberfläche einen bauch raum abschließt und abdeckt in dem verschiedenste verschiedenfarbige weiche und feuchte und nasse und glitschige vermutlich auch „stinkende“ gewebe organe neben und unter und zwischen einander angeordnet sind in denen allesamt sich ortsbewegungen und chemische reaktionen abspielen an denen milliarden und abermilliarden von mikroorganismen mitarbeiten die ihrerseits davon leben daß sie da beschäftigt sind womöglich meinen sie sie seien hier die hauptakteure vielleicht wissen sie gar nicht daß sich eigentlich die tanner hier für die hauptperson hält so wie die menschen erst seit kurzem von der existenz und der arbeit dieser kleinsttiere „wissen“ tanner denkt wohl kaum jetzt an sie und doch kann sie gar nicht so sein wie sie ist so zufrieden und gefällig und wohlgefällig wenn nicht unter ihrer schönen bauchdecke ihrer wohlgepflegten

 

Andererseits nähert Serres die lukrezianische Auffassung von Raum und Zeit der bergsonianischen an, die die Körperbewegungen als primordial annimmt.

 

Daher sei die Zeit irreversibel, irrevokabel – also „thermodynamisch“.

 

Die Atome laufen, fließen, stürzen dem Fall, dem Tod entgegen. Die Dinge sind schwer, sie fallen ihrer friedlichen Ruhe entgegen. Flüssig - verlaufen sie sich. Heiß – kühlen sie ab. 

 

Fall, Tod, Zerstreuung. Brechungen, Dichotomien, Atome. Das atomare Fließen ist der Seinsgrund, das Hintergrundgeräusch. 

 

Diese Welt auf der Drift ohne Zurück ist hie und da, man weiß nicht wo und wann, mit „Taschen“ durchsetzt, wo Wirbel aufkommen, Anscheine von Zurück. Mit diesen Objekten tauchen auch die Uhren auf. Spiralig, verschoben. Von ihrer Morgenröte an versuchen sie die Zeit des Todes zu schlagen. Die lukrezische Welt ist global entropisch und dank den Tourbillons gelegentlich negentropisch.[1]

 

Die lukrezianische Verbindung steht für die Ektropie. 

 

Die newtonsche Zeit, die reversible, markiert den Widerstand gegen das Irrevokable. Es gibt sie nicht in der lukrezianischen Physik und daher konnte man im 19. Jahrhundert nicht eine Minute lang denken, es gäbe eine solche Physik. Außer bei Bergson. Da herrscht die irreversible Zeit: die Physik der Dinge widersteht ihr hie und da - im großen Abfluß der Drift. Die Historie folgt ihr, rauht ihr Fließen nur ein bißchen auf. Die Historie fließt um die Physik herum. 

 

Daher die Beispiele bei Lukrez. Wie die Verbindungen die schweren, likörartigen, warmen, die Physik gliederten, so bildeten die Ereignisse das Gesellschaftlich-Politische. Knechtschaft und Freiheit geordnet um Armut und Reichtum. Das Brot, das fehlt, und das Geld, das überfließt. 

 

Die Historie ist Symptom der Natur. Die Zeit ist das Symptom der Symptome. 

 

Jetzt der Krieg, der jetzige oder der trojanische. Mars ist nur ein Akzidens der stabilen Venus, eine vorübergehende Lockerung des Zirkels. Er geht vorüber, aber gefesselt. Vulkan sollte ihn mit seinem Netz einfangen: penis captivus. Ansonsten bloßer Übergang. Nach jedem Krieg wieder ein Vertrag.

Aber Lukrez unterscheidet diese historischen Übereinkünfte von den stabilen Verbindungen zwischen den Atomen. Die Politik, die Geschichte – das sind nur die ereignishaften Symptome der fundamentalen Kombination.

 

Diese, also Venus selber, ist weit weg von der Geschichte und von der Politik. 

 

Sie ist eigentlich – Materialismus.

 

Das Ruhige des Gartens, seine stille Heiterkeit – das nennt sich „Ataraxie“. Die Seele besteht aus Atomen, wie der Körper, wie die Welt. Die Ataraxie ist ein moralischer Zustand, folglich ein physischer Zustand.

 

Für Lukrez wie für uns ist das Universum das globale Tourbillon lokaler Tourbillons. Gleiches gilt für sein Lehrgedicht.

 

Die Ataraxie ist Abwesenheit von Unruhe. Das Leben des Weisen ist frei von Turbulenzen. Und daher der Natur am nächsten.

 

die sachliche deckung zwischen der venus und dem weisen findet ihre personalunion in den obigen fotos der tanner mayes

 

Die Natur lehrt uns das Rieseln des nie versiegenden Fließens, die Kaskade und die Turbulenzen der Atome. Die Wirbel des Meeres und der Winde. Das tropische Rad der Himmelsobjekte. Die kegelförmige Spirale, die die Dinge formt. Die Seele, wie der Körper, wie die Körper konstituiert aus heißen, luftigen, windigen und namenlosen Atomen. 

 

Die Physik, die Psychologie legen Rechenschaft ab von den verstreuten Knoten, in denen die Wirbel sich bilden.

Diesseits der drei physikalischen Disziplinen erfaßt die Fundamentaltheorie den laminaren Fluß der Atome, das Leere und die Prinzipien. 

 

Diesseits der Kulturpsychologie, die von der Geschichte und von den Göttern gezeichnet ist, von Angst und von Unruhe, von unseren relativen und zufälligen Konkurrenz- und Kampfereignissen, erreicht die Moral einen Prinzipienzustand.

 

Der Weise ist die fundamentale Welt. Er findet die Materialität wieder, den Grund des Seins, wo noch keine Falte die Oberfläche der Wasser gefurcht hat.

 


Walter Seitter

 


[1] Im Unterschied zu Serres, vielleicht, halte ich die Negentropie für die primordiale Größte und plädiere daher dafür, sie nicht mit einem Negativausdruck zu benennen, sondern affirmativ als „Ektropie“ zu bezeichnen, wie das vor über hundert Jahren Georg Hirth und Felix Auerbach getan haben. (154ff.)

Freitag, 18. August 2023

Sommer-Dichter-Lektüre: Serres-Lukrez XI

16. August 2023

 

Irgendwann, aber lange nach seiner Lukrez-Paraphrasierung (1978), hat Serres gesagt, Hiroshima, wo der Bund zwischen Wissenschaft und Zerstörung seinen größten Triumph zustandegebracht hat, habe ihn zum Philosophen gemacht, nämlich zum Philosophen, der diesen Bund nicht fortsetzen will.

Also hat der epikureische Vertrag zwischen Wissenschaft und Venus doch nicht gehalten, Serres mußte Philosoph werden und das Problem bleibt auf der Tagesordnung.

Er hat es in weiteren Büchern neu formuliert. Im September 2013 publizierte die Zeitschrift Artforum sein Gespräch mit Paul Galvez unter dem Titel „Second Nature“.

Darin spricht er davon, wie er in seinem Buch Biogée (Paris 2013) sein Denken neu gesetzt                                                                                                                                                                hat, indem er auf das Murmeln der Bäche, auf die Kühle der Brise, auf das Schweigen der Mikroben gehört habe. Damit habe er allerdings überhaupt keinen „Postismus“ in die Welt gesetzt.

Ich aber setze meine Serres-Paraphrasierungs-Protokollierung fort, um eine Lese- und Denklinie überblicken zu können, auch wenn sie nicht mehr in allen Stücken zu halten sein sollte. Beziehungsweise wenn die Geschichte nicht alle Erwartungen erfüllt hat.

 

Die Griechen haben die Demokratie erfunden und damit auch neue Machtstrategien, die allerdings nicht immer verhindert haben, daß die alte Hierarchie bestehen blieb oder daß mit den neuen Strategien neue Täuschungen zum Zug kamen.

 

Jene Griechen haben allerdings auch andere Dinge erfunden: die Dichotomie, die Trennung, die Teilung. Sie haben die Klassik erfunden: die Spezifizität der Regionen.

 

Der Olymp den Göttern, die Welt den Atomen, die Axt der Mitte.

 

Ich akzeptiere, daß diese oder jene Aussage vieldeutig ist: daß sie zumal dem Mythos, dem Heiligen, der Macht und der Physik angehört. Falls es uns heute einfällt, eine Aussage verstiegen oder schrullig zu finden, dann wegen der Griechen. Sie haben diese Einteilungen, Unterscheidungen, Klassifizierungen erfunden. Sie haben so eine sorgsame Kartographie eingeführt: Verfassung und Meteore, Mathematik und Mythos, Medizin und Geldtheorie – und so weiter.

 

Die Gräzität – das ist die Polytomie. Die Aufmerksamkeit auf jeden Übersprung in eine andere Gattung.

Die Gräzität - das ist die Dichotomie von der Theorie der Segmente zu den Vorstellungen von getrennten Welten.

 

Wären ohne diese Leistungen die Atome erfunden worden?

 

Ja, die Griechen haben überlistet, gemogelt, getäuscht und betrogen – beinahe so gut wie wir. Sie fanden nichts dabei, ein X für ein U vorzumachen oder irgendetwas als Wissenschaft auszugeben. Aber wenn sie immer nur die Taschenspielerkunst ausgeübt hätten – hätten sie dann die Geometrie erfunden?

 

Nein, das ist nicht möglich. Wenn es ein Feld gibt, auf dem man nur mit versteckten Karten nicht gewinnen kann, dann das der Mathematik.

Keiner trete da ein, wenn er Taschenspielerkünstler ist!

Und umgekehrt, jede Philosophie, jeder Diskurs, jeder Text – die vorgeben, sich nie zu täuschen, die gehören zu den Taschenspielern.

 

Das Kriterium der Wahrhaftigkeit ist das Risiko des Irrtums. Der einzige Weg zur Entdeckung ist die Bereitschaft, seinen Irrtum vor allen einzugestehen. Die Physik der Atomisten vermeidet nicht das mathematische Modell.

 

Die natürliche Konstitution, der Materalismus. Anstelle einer politischen Konvention, die über die Natur gestülpt wird. Auch wenn das transzendentale Ich durch die transzendentale Gruppe ersetzt wird, bleibt es beim Idealismus.

Die natürliche Konstitution ist letztlich die atomare Konstitution.

 

Die Menschen sind ebenso wie die Dinge aus Atomen zusammengesetzt. In ihrer Seele wie in ihrem Bewußtsein. Ihr Kollektiv ist ein Zusammengesetztes aus Zusammengesetzten. Was heißt dann – foedus?

 

Die Fundamentalphysik beschäftigt sich mit den Atomen und der Leere. Die Experimentalphysik mit den von jenen fundierten Zuständen: Gewicht, Flüssigkeit, Wärme.

 

Unterscheidung zwischen den eventa und den coniuncta.

 

Die Sprache entsteht mit den Dingen - im selben Prozess. Die Dinge erscheinen mitsamt ihrer Sprache.

 

Lukrez macht verständlich, daß die Welt verständlich ist. Mein Text, mein Wort, mein Körper, das Kollektiv, seine Zustimmungen und seine Kämpfe, die Körper, die fallen, fließen, flammen, donnern wie ich – all das ist nur ein Netz von Urelementen in Kommunikation.

 

 

Was also ist die Physik? Die Wissenschaft von den Relationen. Von Relationen zwischen Atomen unterschiedlicher Familien. Angemessenheiten, Übereinkünften, Konkurrenzen, Koitussen.

Daher der Eröffnungsgesang: als Göttin, die allein die Natur zu regieren vermag, dekretiert Venus das foedus, den Vertrag: ego coniungo vos. Venus setzt die Atome zusammen und ebenso die Zusammensetzungen. Sie ist jedoch nicht transzendent wie die anderen Götter, sie ist dieser Welt immanent. Sie ist die Relation selber. Venus sive natura sive coniuncta sive foedera. Sie inspiriert die Neigung, sie ist die Neigung. Die Deklination ist auch ein Differential der Wollust, die erste Aufgeregtheit vor der Verbindung.

 

Aphrodite allein regiert: wer hat jemals anders steuern können als mit dem Winkel des Steuerrads?

Lukrez unterscheidet sorgfältig die coniuncta, welche die stabilen Objekte erzeugen, von den eventa, Ereignissen oder Akzidenzien.

 

So führt er die Teilung zwischen der Physik und der Historie durch.

 

Gewicht, Wärme, Flüssigkeit sind die Qualitäten der Venus. Diese Verbindungen garantieren die Stabilität der Dinge, das heißt die mögliche Erfahrung. Unser Determinismus sagt dasselbe, Garant der Wiederholung.

 

Ganz anders die Ereignisse, die ein labiles Fließen von der Ankunft zum Ausgang vollziehen – nur Zutaten. Sie verbinden sich nicht in einem Koitus, bringen es nur zu einem Abgang, verfließen in einem Abfluß. Sie vergehen auf nimmer wieder.

 

Walter Seitter

Montag, 14. August 2023

Sommer-Dichter-Lektüre: Serres-Lukrez X

9. August 2023

 

 

Die Paraphrasierung, die Michel Serres vom Lehrgedicht De rerum natura durchgeführt hat, welches von dem römischen Schriftsteller Lukrez im 1. Jahrhundert vor Christus geschrieben worden ist, gliedert sich in acht Abschnitte:

 

PROTOKOLL

MATHEMATIKEN

ZURÜCK ZUM MODELL

ERFAHRUNGEN-EXPERIMENTE

KONDITIONEN-BEDINGUNGEN

GENESE DES TEXTES

HISTORIE

MORAL

 

Im vergangenen Sommer ist die hiesige Protokollierung meiner Serres-Lektüre bis in den Abschnitt Konditionen-Bedingungen vorgedrungen. Die epistemologischen Bedingungen „Beobachtung und Simulakren“ habe ich nachvollzogen, wobei die Simulakren sich wohl als „Erscheinungen“ übersetzen ließen.

 

Unter den kulturellen Bedingungen führt Serres an: Gewalt und Vertrag: Wissenschaft und Religion.

Serres‘ historische Epistemologie unterscheidet sich grundlegend von bisherigen Wissenschaftsgeschichten, die jeweils auf eine unwissenschaftliche „Vorgeschichte“ erst die Geschichte der Wissenschaft folgen lassen. (9)

Anstatt das Lehrgedicht als ein „unreines Gemisch aus Metaphysik, politischer Philosophie und Träumereien über die individuelle Freiheit der Dinge selber“ zu verstehen, liest er es als einen „Physik-Traktat“. (10)

 

Er stellt den Text also neben andere antike Physik-Abhandlungen, die zum Teil älter sind, über die er sich jedoch nicht äußert. Wohl aber nimmt er zur Kenntnis, daß es in der griechisch-römischen Antike mehrere divergierende Gattungen von Physik gab. Und eine davon, die epikureische in der Fassung von Lukrez, untersucht er in ihrer spezifischen Gestalt, aber auch im Hinblick darauf, ob und wie sie vom 20. Jahrhundert nach Christus aus als vergleichbare und zulässige Wissenschaft betrachtet werden könnte – wobei er das seit dem 17. Jahrhundert durchgesetzte Monopol-Paradigma der Physik in Frage stellt und dem lukrezianischen Paradigma sogar noch eine Zukunft in Aussicht stellt.

 

 

Im Abschnitt über die „kulturellen Bedingungen“ hatte Serres das 20. Jahrhundert mit der interessanten Figur des Arbeiters von Ernst Jünger aufgerufen: Herakles, dessen Kämpfe als „Arbeiten“ besungen werden.

 

Epikur hat mit diesen sogenannten Arbeiten Schluß gemacht. Er diktiert das foedus, den neuen Bund mit der Natur. Er beschließt die heraklitische Epoche, in der der Krieg die Mutter aller Dinge ist und die Physik unter dem Diktat des Mars steht.

 

Lukrez kritisiert Heraklit mit Strenge, Empedokles jedoch mit Milde: dieser andere Sizilianer hatte ja mit seiner Einführung der Freundschaft oder Liebe dem Vertrag zugearbeitet.

 

Gegen den Haß und die Zwietracht hatte sich Aphrodite fröhlich erhoben.

 

Epikur und Lukrez haben Mars aus der Physik hinausgetrieben.

 

Aber wir stellen fest:

 

Indem Descartes dekretiert hat, daß die Natur zu beherrschen und in Besitz zu nehmen sei, und Bacon definiert hat, wie man sie unterwerfen kann, ist der Bündnis-Vertrag gebrochen.

 

Herkules und Archimedes übernehmen die Regie.

Auch das objektive Wissen wird von einer Gemengelage aus vorgängigen Entscheidungen getragen.

Letztendlich wird es vom Leben oder vom Tode getragen, bewegt, orientiert.

 

Eines der schwierigsten Probleme überhaupt:

 

Die Wissenschaft wird von gesellschaftlichen, kulturellen Postulaten und Entscheidungen bedingt; andererseits ist sie universell und unabhängig von jeder vorgängigen Übereinkunft.

2 x 2 = 4, die Körper fallen gemäß Newton, die Entropie nimmt im geschlossenen System zu – auf jedem Breitengrad, egal unter welcher Klassenherrschaft.

 

Die Wissenschaft ist bedingt – aber bedingungslos.

 

Nun gibt es Bedingungen, die das von ihnen Bedingte in seinem Inhalt frei lassen.

 

Sie sind bedingend – aber nicht determinierend.

Ein kleines Zimmer, ein Sessel, ein Tisch, drei Schreibhefte, zwei Bleistifte, ein das möglich machendes monatliches Gehalt und somit die jetzige Gesellschaft mit ihrer Geschichte und ihrer Gliederung bilden ein Gefüge von Bedingungen dafür, daß ich ein Buch schreibe.

 

Dieses aber kann oder kann nicht sein: eine Abfolge von Gleichungen oder eine Zusammenstellung von Gedichten. Es kann eine Kopie sein oder eine Erfindung, es kann exakt sein oder abwegig, es kann aktuell sein oder banal.

 

Man kann jederzeit von einem Produkt auf seine Bedingungen schließen, aber nicht von den Bedingungen aufs Ding.

Dieses schlichte Prinzip hat fast die gesamte gegenwärtige Philosophie in einen retroaktionären Prozess verwandelt.

 

Ihre Redeweise, mag sie auch hellsichtig sein, ist unerschöpflich, solange sie sich auf den Weg zurück macht, um die vielen Bedingungen zu finden; aber sie ist impotent, sobald es darum geht, nach vorn zu gehen und von der Bedingung zum Ding zu gelangen. Sie nimmt daher eine unproduktive Position ein – nicht aufgrund einer theoretischen Schwäche, sondern weil sie unbestimmbar und unabschließbar ist.

 

Welche sind die Bedingungen, die bei gegebenen Produktionsbedingungen ein Produkt in eine bestimmte Richtung lenken?

 

Serres versucht, die ausschlaggebenden Bedingungen ohne Rekurs auf psychologische oder ethische Faktoren ausfindig zu machen.

 

Die Physik des Lukrez, will er gezeigt haben, ist dieselbe wie diejenige des Archimedes: aber sie ist von der martialischen in die venerische Richtung übergegangen. Die Hydrostatik ist von der Theorie der Gefäße zur Konstituierung der Biologie übergegangen. Von einer Technologie der trägen Materie zur Biologie.

 

Das Modell ist dasselbe, das Modellierte ist ein anderes. Die Teile und die Nachbarschaften sind andere geworden.

 

Ausbeutung, Ausforschung, Ausfaltung, Verteilung der Furchen, der Bahnen.

 

Die Strategie wird von der Topologie bestimmt, die im Organigramm aufgezeichnet wird – da geschieht die Weichenstellung zwischen einer martialischen und einer venerischen Neigung, Orientierung, Bewegung.[1] (142ff.)

 

Epikur ist ein Gott außerhalb aller Götter. Der neue Gott einer anderen Geschichte, der die archaischen Traditionen allesamt überholt hat. Er macht Schluß mit dem Heiligen, indem er es vollendet. Und die Epikureer, die Atheisten, verehren mit Fug und Recht den Gründer dieser Wissenschaft als einen Gott. Und mit seiner heroischen Geste, die die Heroen überbietet, führt Epikur die Geburt der Venus auf den aufgewühlten Wassern herbei. Das Wissen des foedus, der Liebe, der Freundschaft.

 

Mit der Vertreibung der Götter sind auch die antiken Wiederholungen der Opferungen hinfällig, wie René Girard gesehen hat.[2]

 

Nach Serres war das Sakrale ein Wissen von den intersubjektiven und polemischen Beziehungen der Gruppendynamik. Nach dem Sakralen wird die Natur objektiv geboren, ist die Wissenschaft möglich. (147f.)

 

Walter Seitter




[1] „Organigramm“: ein Schachtelwort bzw. eine Kurzform für „Organisationsdiagramm“, mit dem eine Arbeits- und Entscheidungsorganisation übersichtlich dargestellt wird. Und zwar eventuell so, daß die tatsächlichen Informations- und Leitungswege verzeichnet werden.

[2] René Girard (1923-2015), französischer Philosoph, der die These vertritt, das Christentum habe die Gewaltspirale, die in der Opferung eines Sündenbocks realisiert wird, aus der Welt geschafft.