τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 24. Juni 2019


In der Metaphysik lesen (BUCH IX (Θ), 1051a 4 – 1051a 34)



Der Buchtitel Metaphysik geht auf das 1. Jahrhundert vor Christus zurück, genauer gesagt auf Andronikos von Rhodos, der die bis auf uns überlieferten Schriften des Aristoteles redigiert und ediert hat. Der Titel wurde also erst 300 Jahre nach Aristoteles erfunden, hat allerdings das Verständnis seiner Schriften stark geprägt. Im 17. Jahrhundert haben dann einige deutsche Gelehrte den Begriff „Ontologie“ geprägt – um eine bestimmte Untersuchungsrichtung innerhalb der Metaphysik zu bezeichnen, die im Buch IV formell begründet wird und sozusagen wörtlich an to on legetai pollachos (1003a 32) anschließt und die mannigfachen Seinsmodalitäten innerhalb des „Seienden“ zum Thema macht. Das strategische Ziel der Ontologie besteht darin, der dominanten Seinsmodalität, nämlich dem Wesen, den Monopolanspruch aufs Sein zu bestreiten, und daneben auch andere Seinsmodalitäten zur Geltung zu bringen, so die Akzidenzien, das Entstehen und Vergehen. Aber auch die Möglichkeit – also eine Modalität, die zwischen „seiend“ und „nicht-seiend“ oszilliert.

Die Möglichkeit wurde schon im Buch IV erwähnt, aber erst in IX wird sie – mitsamt ihrem Gegenpol, der Wirklichkeit - zum Hauptthema gemacht. Und damit verbindet sich eine andere, gewissermaßen heimliche, Tendenz innerhalb der Metaphysik, nämlich das deutliche Hervortreten der Wortart Zeitwort, der Wörter, die Tätigkeiten bezeichnen – Tätigkeit ist ja auch eine passende Übersetzung für „Wirklichkeit“. Ich erinnere an die Unterscheidung zwischen Bewegung und Handlung als spezifisch menschlichen Tätigkeiten im Abschnitt 6.

So wird mit Entschiedenheit die Kontingenz in die Ontologie eingeführt, die allerdings bereits mit den Akzidenzien als nicht-notwendigen Modalitäten Platz gegriffen hat. Unter den Akzidenzien befinden sich ja auch zwei elementare Tätigkeitsformen: poiein und paschein.

Im Abschnitt 9 vollzieht nun die Ontologie eine weitere Neuorientierung, die man ihr nicht von Anfang an zugetraut hätte: ein entschiedener Übergang zu Aussagen, die mit „gut“ oder „schlecht“ operieren.

Besser, gut, schlecht – wenn derartige Prädikate nicht beliebige Eigenschaften bezeichnen sondern notwendige – wenngleich disjunktive – Qualifizierungen von Vermögen und Tätigkeiten, dann erreicht die Ontologie eine neue Stufe, die noch dazu die Frage aufwirft, ob sie tatsächlich ausschließlich auf die Seite der theoretischen Wissenschaften gehört, wie ihre Zuordnung zur Metaphysik nahelegt. Oder ob sie nicht auch ein Naheverhältnis zu den poietischen und praktischen Wissenschaften hat, die dem Herstellen und Handeln zuarbeiten, also den zielgerichteten und selbstzweckhaften Tätigkeiten, denen Streben, Vorziehen, Entscheiden zugrunde legen.

Qualifizierungen mit „gut“ und „schlecht“ nennt man heute oft „Werturteile“ und mit diesem Ausdruck verbindet sich die Frage, ob solche Aussagen überhaupt wissenschaftlich sein können. Im großen und ganzen hält man es für selbstverständlich, dass sich die Wissenschaften (und auch die Philosophie) zunächst einmal um Sachlichkeit, um Objektivität und in diesem Sinn um „Wertfreiheit“ bemühen sollen – weil sie sonst ihre Eigenständigkeit gegenüber anderen Sprechweisen etwa politischer oder religiöser Art verlieren würden. Auch außerhalb jeder Wissenschaft empfiehlt es sich, mit Gelassenheit die Dinge zunächst einmal nur zu betrachten. Aber wenn Wissenschaften mit ihren Forschungen und Problematisierungen in die Nähe menschlicher Einschätzungen oder Handlungsnotwendigkeiten kommen, können sie sich Fragen nach empfehlenswerten Handlungsmöglichkeiten kaum entziehen.

Aristoteles hat bekanntlich in der Poetik und in der Rhetorik, in der Ethik und in der Politik und in der Ökomomik viele Bereiche menschlicher Gütereinschätzung und –realisierung eingehend behandelt. In dem jetzt von uns gelesenen Text haben wir es mit einer sehr speziellen Problematik zu tun. Nämlich damit, wie die durchaus „theoretisch“ eingestellte Ontologie aufgrund ihrer eigenen Problematik an die Frage nach dem Guten oder weniger Guten angrenzt. Eine Themenstellung, der man auch den griechischen Namen „Axiologie“ gegeben hat. Gehört die Axiologie in die Ontologie hinein?

Innerhalb der Wirklichkeits-Möglichkeits-Problematik hält Aristoteles axiologische Aussagen auf zwei Ebenen für notwendig. Erstens sagt er, die Verwirklichung ist in jedem Fall besser oder wertvoller als das entsprechende also ebenfalls gute Vermögen. Abgesehen davon, dass mit dem Vermögen das Gute noch gar nicht verwirklicht ist, steht das Vermögen auch qualitativ weit hinter der Verwirklichung zurück – denn es ist immerzu gemischt mit dem Vermögen zum Gegenteil, und das heißt, mit dem Vermögen zum Schlechten. Das Vermögen ist auf mehrere Gegenteile ausgerichtet, es enthält gewissermaßen beide gegenteiligen Qualitäten. Insofern könnte man sagen, es ist stärker, sagen wir genialer als die Verwirklichung, die dem Prinzip des ausgeschlossenen Selbstwiderspruchs folgt. Und daher vielleicht die moderne Höherschätzung der Möglichkeit. „Höher als die Wirklichkeit steht die Möglichkeit.“ heißt es bei Heidegger in Sein und Zeit.

Die zweite Ebene der axiologischen Aussagen ist die Polarität zwischen dem Guten und dem Schlechten, auf der das Gute dem Schlechten vorgezogen, das Schlechte gegenüber dem Guten diskriminiert wird – also die eigentliche Qualitätsunterscheidung.
Schauen wir uns die aristotelischen Beispiele für die Gut-Schlecht-Unterscheidung an: gesund sein – krank sein, Ruhe – Bewegung, erbauen – abreißen, gebaut werden – einstürzen. Aristoteles behauptet, in allen diesen Paaren sei ein Gegenteil gut, das andere schlecht. Folgt man der Reihenfolge innerhalb der Paare, so scheint Aristoteles die Ruhe auf die Seite des Guten zu stellen, was allerdings seinen Ausführungen über die Himmelskörper im Abschnitt 8 widerspricht.

Für die Seite des Schlechten gilt übrigens symmetrisch das über die Seite des Guten Gesagte: die Verwirklichung des Schlechten ist noch schlechter als das Vermögen zum Schlechten.

Eine Ausweitung aufs Kosmologische, die wiederum an die Ausführungen über die Himmelskörper anschließt, liefert Aristoteles, wenn er sagt, dass es bei den ewigen Dingen kein Schlechtes, keinen Fehler, keine Zerstörung gibt.

Die Zerstörung wird von Aristoteles als Prototyp für das Schlechte eingesetzt, wohl auch als seine Ursache. Insofern kommt dem Schlechten eine sekundäre Position zu, während das Primäre, das seit jeher Bestehende, für das Gute steht. Somit wird das Gute auch kosmologisch eingeordnet. Und ebenso wird es praxeologisch mit Konstruktion, mit Produktion assoziiert wenn nicht gleichgesetzt. Und daraus können wir vermutungsweise die Schlussfolgerung ziehen, dass bei Aristoteles die Axiologie ganz eng mit der Ontologie verbunden ist: das Gute als innere Qualität, als Bestandteil des Seienden als solchen. Wie es später die Scholastik lateinisch gesagt hat: ens et unum convertuntur.

Für diese Einführung der Axiologie in die Ontologie verwendet Aristoteles nur 18 Zeilen - kann man sie wirklich als eine entscheidende Etappe betrachten? Der Rest des Abschnittes 9 ist einem ganz anderen Thema gewidmet, das sich durch seine Darstellungsweise stark unterscheidet. Aristoteles behauptet, dass man die Gesetze der Geometrie, die dem Vermögen nach existieren, durch Verwirklichungen sichtbar macht, die er als zeichnerische Operationen beschreibt bzw. präskribiert. In diesen Operationen realisiert sich Verwirklichung als Zerlegung und Denkung, die zur Auffindung führt. Tun führt zur Erkenntnis. Die Tüchtigkeit der Verwirklichung zeigt sich da insofern, als sie etwas als Möglichkeit Zugrundeliegendes aktualisiert.

Insofern setzt Aristoteles mit diesem geometrischen Lehrstück sein Plädoyer für die Exzellenz der Verwirklichung fort. Die Ontologie performiert und deklariert ihre eigene Tüchtigkeit – und muss sich nicht durch „Wertfreiheit“ anpreisen. Was im ersten Satz der Metaphysik von allen Menschen behauptet wird, dass sie von Natur aus nach Wissen streben, das vollzieht die Ontologie, indem sie nicht bloß „von Natur aus“ sondern hier und jetzt operativ und tatsächlich Wissenserzeugung vorführt.

Und das, indem sie der Weisung folgt, welche Platon über den Eingang in seine Akademie plakatiert haben soll – und Geometrie macht. Und so trifft er den Platon, der die Lehre vom Guten oder vielmehr zum Guten entschiedener und radikaler als Aristoteles formuliert hatte.


Walter Seitter


Seminarsitzung vom 19. Juni 2019


Montag, 10. Juni 2019

In der Metaphysik lesen (BUCH IX (Θ), 1050a 7 – 1051b 3)



In der Metaphysik lesen (BUCH IX (Θ), 1050a 7 – 1051b 3) 


Mit den selbstzweckhaften Tätigkeiten, die zuletzt thematisiert worden sind, hat sich Aristoteles dem Grundbegriff seiner Ethik, nämlich dem Handeln, genähert und das nicht etwa im Rahmen der Ethik oder der Politik,  sondern von seiner Ontologie aus.

Diese Ontologie, die ja ab Buch IV ausdrücklich begründet wird, umfasst bisher folgende Schwerpunkte: Substanz und Akzidenzien, Entstehen und Vergehen, Möglichkeit und Wirklichkeit – und im Zuge dieses Abschnitts kommt er aufs Handeln.

Zum Begriff des Handelns sei hier in Klammern angemerkt, dass er von Hannah Arendt in dem Buch Vita activa oder Vom tätigen Leben sehr eingehend untersucht und mit der Arbeit und dem Herstellen konfrontiert worden ist. In einer anderen Konstellation wird das Handeln von Alice Pechriggl thematisiert. Sie stellt es dem Agieren gegenüber, welchen Begriff sie hauptsächlich Sigmund Freud entlehnt. Unter dem Agieren versteht sie spontanes Verhalten, das unterschiedlichste Wirkungen zeitigt; während Handeln als überlegendes Entscheiden, kooperatives Verhalten, in der Politik als Kombination aus Selber-regieren und Sich-von- anderen-regieren-lassen erscheint. Pechriggls Buch heißt Agieren und Handeln: Studien zu einer philosophisch-psychoanalytischen Handlungstheorie, sie hat es am 15. April 2019 in der Weinhandlung VINOE vorgestellt.

Obwohl unserer Erfahrung gemäß den Verwirklichungen zumeist Möglichkeiten vorausgehen, behauptet Aristoteles, dass in einem weiteren Sinn den Möglichkeiten immer Verwirklichungen vorausgehen müssen. Und diese These radikalisiert er nun mit der „metaphysisch“ klingenden These, dass es vor den vergänglichen Dingen, die aus Wirklichkeit und Möglichkeit zusammengesetzt sind, immer schon ewige Dinge gibt, die nur aus Wirklichkeit bestehen. Was sind nun diese „ewigen Dinge“? Die Sonne, die Gestirne, der ewige Himmel. Also Körper, die uns ständig vor Augen stehen oder vielmehr sich ewig bewegen.

Aristoteles springt also von seinen eher anthropologischen Ausführungen in die Kosmologie hinein. Nicht aus irgendeinem Bedürfnis nach Differenz oder Abwechslung heraus, sondern um seiner These von der Priorität der Wirklichkeit vor der Möglichkeit die größtmögliche Unterstützung zu gewähren.

Anthropologie und Kosmologie sind zwei Bereiche der Realität, vielleicht gibt es noch mehrere davon – und diese Mannigfaltigkeit ist nicht diejenige der Ontologie, die „das Seiende“ in Seinsmodalitäten differenziert (wie eben Möglichkeit und Wirklichkeit).

Können wir uns heute mit der Ansicht, dass die Himmelskörper ewig sind, anfreunden?  Vielleicht doch nur, indem wir sie relativ zu unserer menschlichen und irdischen Vergänglichkeit als viel beständiger einschätzen.

Und Aristoteles beruhigt diejenigen, die gehört haben, dass der eine oder andere Naturphilosoph fürchtet, diese ewigen Bewegungen könnten aufhören und die Welt zu Stillstand erstarren. Für Aristoteles vollziehen jene Himmelskörper ihre Bewegungen so mühelos, da sie nicht durch die Möglichkeit zur Nicht-Bewegung belastet sind. Er „idealisiert“ also den Himmel in eine andere Körperqualität hinein. Es scheint, dass jene Naturphilosophen die qualitative Homogenität des Universums schon in Betracht gezogen haben.

Und der folgende Satz scheint ebenfalls an dieses Problem zu rühren – allerdings auf vertrackte Art.

„Die unvergänglichen Dinge aber ahmen auch die sich verändernden Dinge nach, wie etwa Erde und Feuer.“ (1051a 29) Dass das Nachahmungsverhältnis tatsächlich so verläuft, ist eher unwahrscheinlich; diese Übersetzung von Franz F. Schwarz würde die Hierarchie zwischen den Himmelskörpern und den Elementen umkehren bzw. der Übersetzer scheint so eine platonisierende Hierarchie hier nicht am Werk zu sehen. Wieso aber dann die Rede von Nachahmung? Andere Übersetzer wie Bonitz, Seidl, Sachs bleiben bei der Annahme der Hierarchie, der zufolge die Elemente die Himmelskörper „nachahmen“.

Es folgt noch ein Seitenhieb auf die Platoniker, die Ideen annehmen und damit etwas, was wissender ist als die Wissenschaft oder bewegter als die Bewegung. Damit aber stellen sie Vermögen über die Verwirklichungen. Hier scheint Aristoteles die platonische Konzeption der Idee der modernen bzw. der banalen Konzeption von „Idee“ anzunähern: „Idee“ als subjektive Vorstellung von Möglichkeit.

Dass etwas wissender ist als die Wissenschaft, könnte vielleicht sogar Aristoteles behaupten. Er würde aber nicht eine Idee namhaft machen, sondern eine andere Verwirklichung wie etwa die Weisheit oder die Poesie (und so hat er sich auch wirklich geäußert – nämlich in der Poetik).


PS.: Wie ich gerade erfahre, ist am 4. April der Astronom und Philosoph Thomas Posch verstorben. Er hat den eben erwähnten Übergang vom Menschlichen zu den Gestirnen professionell realisiert und ihn für das Buch „Sehen und Sagen“ in einem Beitrag über das Funkeln der Sterne resümiert, wobei er dieses Funkeln nicht nur als Erscheinung für uns, sondern überraschenderweise auch als Wahrheit an sich interpretiert.


Seminarsitzung vom 22. Mai 2019

Nächste Sitzung am 19. Juni 2019