τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 31. März 2011

LACAN IN LÖWEN, 1972


Die Hermesgruppe wurde Ende März 2011 eingeladen, sich Videoaufzeichnungen des sprechenden Jacques Lacan anzusehen. Ort und Zeit des gezeigten Geschehens: die Katholische Universität Löwen vor vier Jahrzehnten.
Lacan tritt dabei in unterschiedlichen Sprechposen auf. Wir erleben ihn im zweiten Teil dieses Dokuments in einer konventionellen, intimen Gesprächssituation, wo er von Françoise Wolff, einer  belgischen Journalistin, in ruhiger, konzentrierter Weise monologisch-ausladend sein psychoanalytisches, philosophisches Konzept erläutert. Das ganze eignet sich noch immer als konzise Einführung in sein theoretisches Werk.
Völlig anders zeigt sich hingegen der erste Teil, ein öffentlicher Vortrag Lacans in einem Hörsaal der Universität. Was hier zur Aufführung gelangt, ist weniger die mythische Lehre eines berühmten dissidenten Pariser Psychoanalytikers als vielmehr die Anschauung psychoanalytischer Praxis als Politik.
Zur Erinnerung: Wir befinden uns im Jahr 1972. Lacan spricht in der Zeit nach den Mai-Ereignissen 68 immer wieder davon, dass Revolution stets damit ende, einen noch grausameren Herrn hervorzubringen. Er spricht aber auch davon, dass diese neue Revolte, vor allem ihre maoistische Richtung, seine Schüler verführe, sie vielmehr gegen ihren alten Lehrmeister (und Revolutionsführer) aufbringe. Ein hegelianischer Kampf um den Diskurs des Herrn, wie ihn Alexandre Kojève in den 1930er Jahren schon prophezeite (mit Lacan und Sartre als gelehrige Protagonisten).
Lacan sieht sich durch die Erhebung der Studenten in seiner Rolle als Diskursbegründer (wie Marx oder Freud) verunsichert, wohl auch durch die Infragestellung des „Autors“ durch Foucault (1969), oder auch Barthes. Als wolle er noch einmal mit all seinem Vermögen darauf insistieren, versucht Lacan zu Beginn seines Löwener Auftritts absolute Präsenz zu zeigen, indem er vorerst „nichts“ sagt – ein absolutistischer Herrscher, von einem Hofmeister (im 20. Jh. der Sekretär) salbungsvoll angekündigt.
Es folgt eine langatmige, hölzern wirkende, stockende Rede, die auch Bedeutungslosem Bedeutung geben möchte. Oder ist er nur müde von all den (institutionellen) Kämpfen? Zu sehen ist jedenfalls die Verschränkung von totalitärem Repräsentationstheater mit surrealer, absurder Komik (Lacan ist immer auch Künstler). Nur langsam kommt Lacans Rede in Schwung, um schließlich in einen predigthaften, manchmal wütenden Ton zu münden.
An deren vorläufigem Höhepunkt folgt ein theatralischer Umschlag. Ein junger Mann betritt die Bühne, unterbricht den „Herrschaftsmonolog“, um an seine Stelle einen eigenen Monolog zu setzen – Mai 68 als Akt. Lacan zeigt sich dabei souverän als geduldiger Zuhörer, der sich nur kurz durch aktionistische Attacken irritieren lässt. Diese „Störungen“ sind längst ritueller Teil nicht nur des universitären Lebens, auch wenn Lacans dissidentes Pariser Seminar hohemesseartigen Status hat. Er versichert dem jungen Protagonisten eine Auseinandersetzung mit dessen durchaus kompakt vorgetragenen Thesen (die entfernt situationistische Gedanken andeuten). Nach dessen Abgang geht Lacan nur kurz auf die Rede des „neuen Herrn“ ein, um dann seine Überlegungen vornehmlich zu Problemen der Sprache und des Unbewussten fortzusetzen. Ein neuerlicher Interventionsversuch endet mit der Entfernung des jungen Mannes aus dem Auditorium.
Dieser dramatische Auftritt als Einbruch in einen monologischen Gedankengang illustriert jedoch auf eindrucksvolle Weise Lacans viereckiges Diskursmodell mit seinen Übertragungs-Gegenübertragungs-Strategien. Am Beginn stehen der Diskurs des Herrn und der Diskurs der Universität/des Wissens, wo Lacan, ein wenig unbeholfen, sobald in den Diskurs des Hysterikers (den politisch interessantesten) fällt, um ihn schließlich abzugeben und die (erhabene wie subversive) Rolle des Analytikers anzunehmen.
Auch zeigen die beiden dokumentierten Auftritte Lacans (unbeabsichtigt?) zwei gelungene mögliche intellektuelle Sprechweisen, um eine monologisch angelegte Wissensvermittlung zu unterlaufen: die performative eines Denkens als Akt und die klassisch-diskursive (wenn hier auch monologisch verlaufend) eines philosophischen Gesprächs.

Horst Ebner