τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Dienstag, 31. Januar 2023

In der Metaphysik lesen * Hermann – Lektüre 23 (71vH - 72rA) Seite 172, Z 116 bis Seite 176, Z 18 bei Burnett.

Mittwoch, den 25. Jänner 2023

 

Zuerst wurde von Walter Seitter und Sophia Panteliadou über den Vortrag von Elisabeth von Samsonow mit dem Titel „Geopsychiatrie“ gesprochen und das darin vorgestellte Modell der Subjektivität von Felix Guattari, wo ich mich momentan nur an die ersten zwei Funktoren erinnern kann - Phylum und Territorium. Das Territorium übernimmt darin, zumindest für Samsonow, eine mütterliche Funktion und entlastet damit die reale Mutter. Der genauen Beziehung zu einer mit großem T angeschriebenen Terra kann ich nicht vor Ort nachgehen, da ich kein Buch von Guattari besitze und bisher nichts von diesem Autor gelesen habe.

Über den Wert der verlangsamenden Lektüre der Metaphysik von Aristoteles durch den Umweg über Beschäftigung mit Hermann de Carinthia ist schon an einigen Stellen gesprochen worden, aber am Begriff des Ortes wollte ich es noch einmal darstellen, wie der Ort zum Bestimmenden der Substanz bei dem Neuplatoniker Simpliakos anwächst, um später wieder zum Akzidentiellen herabgestuft zu werden, um eine gewollte Vorstellung des Himmels bei Hermann einrichten zu können.

 

Im Protokoll lese ich Hermanns Zuweisung der Nationen zu Planeten oder Sternbildern vor und habe mich gar nicht verwundert, das die darin vorgestellte „Herrschaft der Planeten oder Sterne“ (stellarum dominiis) mit dem christlichen Glauben oder wenigstens mit dem Alten Testament der Bibel schwer vereinbar war. Daran wurde ich wieder von Remi Brague erinnert, der an die Zurückweisung des Sternenkultes im 5. Buch Moses erinnert. Tatsächlich wird in Deuteronomium 17,2-7 nicht nur die Verehrung von Sonne, Mond und dem ganzen Himmelsheer, also der Sterne, als Gräuel bezeichnet, sondern auch die Steinigung angeordnet. Zwar nach einer Ermittlung und einer Feststellung des Tatbestandes und einer Vorführung vor dem Stadttor, was ein städtisches Gericht war, so verrechtlicht war dieses Verbot schon, daher wird es auch von der Kultreform des König Joschija von 622 v. Chr. herkommen.

 

Hermann fährt in seinem Text fort mit den Einteilungen des vergänglich Gezeugten, der occidua genitura, also der weltlichen Nachkommenschaft, und ruft sich dabei selbst zur Arbeit auf, die er aber mit der gleichen Strenge und Kürzung erledigt haben will, wie es Aristoteles nicht in drei Büchern erklären kann. Die erste Unterscheidung betrifft belebt und unbelebt, wobei sich bei den drei Gattungen Lebewesen, Pflanzen und Mineralien nur die Mineralien als unbelebt finden lassen. Dabei wurde schon die Qualität wahrnehmungsfähig oder empfindend (sensibile) eingeführt, die wiederum die Pflanzen von den Tieren trennt. Mit der Einführung der Seele wird das Mineral hinter sich gelassen und eine neue Dreiheit eingeführt, die sich um den Menschen als eigene Gattung erweitert. Es kommt dabei immer eine Unterscheidung hinzu, um die neue Gattung zu bestimmen, belebt sein – Pflanze, belebt sein und fühlen – Tier, belebt sein, fühlen und unterscheiden – der Mensch wird nicht genannt. Die dritte Gattung ist aber mächtiger als die anderen, denn sie regelt, teilt ein und stellt zusammen und besteht aus sechs Dingen: lebend, atmend, fühlend, unterscheidend, erinnernd und verstehend.

Hermann beruft sich bei der Entstehung der Seele auf Platon, dass sie sich nicht aus fremden Material entwickelt hätte oder aus widersprüchlichen Verbindungen, sondern sie kommt aus dem All-Beinhaltenden, den pantocle, heraus, wird geboren und vergeht nicht mehr. Platons Phaidon wird direkt zitiert mit „die Seele ist eine unkörperliche Substanz, die den Körper bewegt“  und Aristoteles mit De Anima „die Seele ist die Vollkommenheit des natürlichen, ausgerüsteten Körpers, der die Möglichkeit zum Leben hat.“ Das Unkörperliche gefällt Hermann bei Platon, während er sich der Vollkommenheit bei Aristoteles nicht verschließen kann, und auch dass die Seele die Möglichkeit des Lebens mit sich bringt, indem sie dem Leben zur Wirklichkeit verhilft.

Die nächste Unterscheidung, die Hermann einführt, ist zwischen einem rationalen Teil und einem irrationalen Teil des Tieres oder Lebewesens. Walter hält das rationale für wichtiger als das discernens, das Unterscheidende, und umfassender.

Jetzt erscheinen zwei Prinzipien der Dinge als auch Körper, und zum ersten Mal so etwas wie eine Definition von Substanz und Essenz. Dabei ist die Substanz das einfache Sein eines Dinges, während die Essenz die Unterschiede sind, die diese Einfachheit in vielerlei Hinsicht prägen ...

 

Das ist doch ein passender Cliffhanger, der Geschmack auf die Fortsetzung machen soll.

 

Karl Bruckschwaiger

 

Nächste Sitzung: 1.Februar 2023

Aristoteles, Metaphysik, Buch XIII, ab 1084b,2

Freitag, 20. Januar 2023

Unlesbarkeit – Knotenpunkte - Parallellektüren

 Protokoll vom 18. Jänner 2022

 

Die Lesung des Protokolls vom 21. Dezember 2022 beschäftigt uns intensiv, da eine Reihe von Verständnisschwierigkeiten und Vergeßlichkeiten auftauchte, die ein Weiterkommen verzögert.

Im Grunde genommen bestätigen sie die Ansicht, die Metaphysik sei ein sehr berühmtes und sehr wenig gelesenes Buch.

Unlesbar, weil schlecht überliefert bzw. vom Autor offensichtlich nicht fertiggestellt, nicht schlußredigiert. 

 

Die Einteilung in „Bücher“ entspricht zwar der antikischen lockeren Fügung, aber ihre Anordnung, das Fragmentarische von Buch II, das Fehlen jeder Gesamtübersicht, die mangelnde Charakterisierung der Bücher III und V (Listen) – all das zeigt an, daß der Text nicht die Fassung bekommen hat, die man von anderen aristotelischen Büchern kennt. 

Meine Frage, ob man sagen kann, „jede Sache ist auch eine Ursache“, enthält zwar eine sehr ungewöhnliche Formulierung, vielleicht eine ganz neuartige, aber sie ist durch und durch verständlich, egal, ob man sie auf Aristoteles einschränkt oder auf den common sense ausweitet. Sie wirft auf die beiden sehr bekannten Wörter einen neuen Blick, man schaut sie neu an. Man lernt dabei Deutsch; mit dem Philosophieren lernt man auch Deutsch.

Wenn man nicht in der Lage ist, solche Fragen an die Aristoteles-Lektüre anzuschließen, kann man die Lektüre auch bleiben lassen – denn Begriffe wie „Sache“ und „Ursache“ gehören nun einmal - entweder direkt oder indirekt - zum aristotelischen Denken.

Die Frage läßt sich positiv beantworten, wenn man die akzidenziellen Kategorien der Relation oder des Machens auf die Kategorie des Wesens bezieht. 

 

Ich habe diese Frage vor langer Zeit schon einmal mit Karl Bruckschwaiger angeschnitten, indem ich ihn fragte, ob er sich selber als eine Ursache betrachte, was er dann doch nicht von sich wies. Dabei handelt es sich um einen sachlichen Lernvorgang, weil das Wort „Ursache“, üblicherweise auf die sog. objektive Welt angewandt, nun so eingesetzt wird, daß man sich selber nicht vergißt. Die Selbstvergessenheit, die manchmal moralisch empfohlen wird – ein verheerender Mißbrauch der Moral –, hat häufig auch zur Folge, daß man den Begriff „Wesen“ überall zur Anwendung bringt, nur nicht dort, wo er zunächst am Platz ist. Die Folge ist, daß man dann vielleicht ein Wissen von Psychoanalyse braucht, um – eventuell - auch auf sich selber aufmerksam zu werden.

 

 

Übrigens hat Sophia Panteliadou eine ähnliche Angelegenheit in der griechischen Sprache bemerkt: beim Wort aition, wo es sich vielleicht mehr um einen Zufall handelt. 

 

Knotenpunkte im Text sind Stellen, die längere Linien, Frage- oder Such- oder Beziehungslinien einschreiben, einzeichnen, gravieren, graphieren, die zu anderen Stellen hinführen und einen größeren Zusammenhang signifizieren.

 

Schon der allererste Satz der Metaphysik vom Streben aller Menschen nach Wissen ist so ein Knotenpunkt. Aber wohin führt er, zu welchem Wissen? Schon am Ende von Kap. 1 wird dieses Wissen als göttliches benannt.

Aber der erste Satz führt noch woanders hin, nämlich zum Leser, der sich fragen soll, ob er so einer ist, der nach Wissen strebt. Bejaht er die Frage, so wird sein Lesen ein Streben und Suchen. Es wird existenziell. Wenn nicht, bleibt das Lesen sinnlos und unmöglich.

Allerdings wird der rasche Abschluß dieser Linie vom Autor nicht ganz ernstgenommen. Da fehlt ihm der Such-Charakter, den er dieser Wissenschaft zugesprochen hat.

 

Die Suchlinie muß länger sein, daher werden die Vorläufer der Suche genannt, charakterisiert und kritisiert. Die Suche wird historisiert und „dialektisiert“. Die Suche ist auch in Richtung Zukunft zu verlängern - bis zu uns her.

 

Es soll aber auch eine andere Dimension eingezogen werden, eine sachliche Verbreiterung - sowohl mit bestimmten Realitätsbereichen wie auch mit den Seinsmodalitäten, die von der Logik herrühren.

So wird das Buch ziemlich umfangreich und wenig übersichtlich. Kaum lesbar. Ein Labyrinth.

 

Ein weiterer Knotenpunkt ist die Stelle in Buch XI 1064a 29 – 1064b 1, wo vier Wissenschaften zusammengerückt werden. Wie verhalten sich die zueinander?

 

Die aristotelische Metaphysik ist kein genialer Wurf, sondern eine mühselige Zusammenstückelung aus verschiedenen Stücken. Dennoch ein Gedankengang, ein schrittweise vorankommender, ein nicht abgeschlossener, ein nicht perfekt formulierter Text.

In dem dennoch eine Aussage (logos) gesehen werden kann. Keine erzählende (wie etwa in Ilias oder Odyssee) sondern eine theoretische (wie etwa eine Definition) – aber eine viel umfangreichere, die zahlreiche Bestandteile der Welt benennt, aufzählt, charakterisiert und unterscheidet, ihr Zusammenwirken erklärt, auch die bisher vorliegenden Erkenntnisversuche anführt und bewertet. Zu den Realitätselementen gehören auch solche, die nur als Denkgehalte oder -formen gelten, aber dennoch auch real Existierendes bestimmen.

 

Diese Gesamtschau versucht allerdings nicht, sämtliche Bestandteile der Realität zu erfassen – die in anderen Büchern bereits abgehandelt sind, sondern sie läßt sich von der Frage leiten, ob die Gesamtheit der Realität außer den vielen mehr oder weniger bekannten Ursachen noch andere Ursachen enthält, die den Menschen weniger bekannt sind oder über die Mythen, Geschichten von Wunderbarem, im Umlauf sind.

 

 

Da im Buch XII auch das Gute und das Schöne als Ursachen genannt werden, sollten auch die poietischen und die praktischen Wissenschaften in die Überlegungen einbezogen werden. Das Praktische habe ich oben das Existenzielle genannt. Und das Poietische ist wichtig, weil die Suche, auch unsere lesende Suche sprachlich dargestellt werden soll und zwar möglichst gut.

Die Rede von der „gesuchten Wissenschaft“ (983a 21) ist ein wichtiger Knotenpunkt, weil sie den Text nach vorne treibt – und zwar nachdem mit dem göttlichen Wissen die Lösung bereits gefunden zu sein schien.

 

Die Metaphysik kombiniert hauptsächlich eine sehr umfangreiche, aber wenig reflektierte Ausbreitung der Ontologie mit einem relativ zügig vorgetragenen Aufweis einer Ursache, die die sonstigen Ursachen ergänzt und die ziemlich genau beschrieben wird. Ihre begriffliche Beschreibung ist eindrucksvoll komponiert, ich nenne sie „komposit“. Aber einen nachvollziehbaren Sinn sehe ich am ehesten dann, wenn ich der Deutung folge, die Eric Voegelin 1966 in seiner platonisch benannten Textzusammenstellung vorgelegt hat.

 

Mit Streben und Suchen, Bewegt-Werden, kognitivem und volitivem Tätig-Werden, in Form von philosophierender und sorgender Aktivität, verlagert er das Verständnis der sogenannten Metaphysik auf den menschlichen Pol, dem allerdings ein andersartiger Pol gegenübersteht – den er als transzendenten Grund bezeichnet. Mit „Spannung zum Grund“ resümiert er sein Verständnis - für das er den Sachtitel „Metaphysik“ ablehnt (wie ich).[1]

 

 

Die Heranziehung des Textes von Hermann von Kärnten De essentiis bewährt sich in mehreren hier erwähnten Hinsichten: etwa insofern, als damit der herkömmliche Philosophie-Kult gebrochen wird. 

 

Andere parallel gelesene Texte:

 

Francis Ponge: Die Sonne. Eine physikalische „Metaphysik“.

Michel Serres: Lukrez. Wissenschaftshistorische Lektüre einer anderen antiken Physik. (Der Berliner Philosoph Klaus Heinrich hat ebenfalls Lukrez-Vorlesungen gehalten: der Göttin Venus sei es zu verdanken, daß die Atome sich zu stabilen, verlässlichen Verbindungen zusammenschließen. Foedera naturae. Damit setzt Lukrez eine namhafte Göttin an die Stelle des aristotelischen UB.)

 

Aristoteles: Physik. Unmittelbarer literarischer Vorgänger der Metaphysik.

 

Das Entscheidende für die Metaphysik-Lektüre besteht darin, daß man Linien findet, die durchs Werk durchgehen. Mögen sie auch gebrochen sein und vielleicht kein geschlossenes Ganzes zeichnen.

 

Walter Seitter




[1] Siehe  Eric Voegelin: Anamnesis. Zur Theorie der Geschichte und Politik (München 1966)

Dienstag, 17. Januar 2023

  In der Metaphysik lesen * Hermann – Lektüre 22 (70vC - 71vH) Seite 166, Z 120 bis Seite 172, Z 16 bei Burnett

Mittwoch, den 11. Jänner 2023

 

Zuerst zeigte ich Walter Seitter das Buch von Remi Brague – Die Weisheit der Welt, von dem ich mir einige Anregung zur Beurteilung und Einschätzung der kosmographischen Arbeit von Hermann erwarte, allerdings nichts was die Lektüre, das Übersetzen und Protokollieren ersetzen kann, aber doch bereichern.

So wird von Brague ein längeres Zitat von Simplicius gebracht, das sehr deutliche Parallelen mit dem kosmographischen Projekt von Hermann aufweist. Simplicius oder Simplikios von Kilikien (480–560 n.Chr.), ein neuplatonischer Philosoph, verfasste unter anderem Kommentare zu Werken von Aristoteles, den Kategorien, der Physik und der Abhandlung Über den Himmel und was hier besonders interessiert, zwei Exkurse über die Zeit und über den Ort. Das Zitat von Simplikios:

„Die Aufgabe der Betrachtung der Natur (theōria physikē) besteht darin, das Wesen des Himmels und der Sterne, die Macht und Beschaffenheit der Erzeugung und des Verfalls zu untersuchen, und, beim Zeus, sie ist in der Lage, Beweise der Größe, der Form und der Ordnung der Dinge zu erbringen. Was die Astronomie (astrologia) betrifft, so macht sie sich nicht zur Aufgabe, von dergleichen zu sprechen, aber sie zeigt die Ordnung (taxis) der himmlischen Dinge, nachdem sie bewiesen hat (apophēnasa), dass der Himmel (ouranos) tatsächlich eine Welt (kosmos) ist; sie spricht von den Formen, der Größe, den Entfernungen der Erde in Bezug auf die Sonne, den Mond, zu den Eklipsen und den Konjunktionen der Sterne, über Menge und Beschaffenheit, die auf ihren Umläufen sichtbar werden.“

Das umreißt das Projekt von Hermann schon einigermaßen, wenn man Zeus weglässt und eine christliche Schöpfungsgeschichte an den Anfang stellt. Da Simplicius von den Arabern viel übersetzt, rezipiert und kommentiert wurde, vor allem die Kommentare zu Aristoteles, das Zitat stammt aus dem Kommentar zur Physik, ist eine zumindest indirekte Kenntnis durch Hermann doch wahrscheinlich. Diese Kommentare waren extrem ausführlich und sind laut deutschem Wikipedia-Eintrag, der auch ungewöhnlich ausführlich ist, einer der wichtigsten Quellen der antiken Philosophiegeschichte. Die Ausführlichkeit hatte anscheinend selbst historische Gründe. „Die Ausführlichkeit und Detailfülle seiner Werke ist vor dem Hintergrund der damaligen Verhältnisse zu sehen: Angesichts der Gefährdung der paganen Bildungsgüter durch militante christliche Kreise, die sich in der zwangsweisen Schließung der Athener Philosophenschule zeigte, versuchte er den Ertrag der jahrhundertelangen Bemühungen der Philosophen durch eine gründliche Darstellung für die Zukunft zu retten.“ (aus Wikipedia zu Simplicius)

Hermann folgt Simplikios nicht in der Korrektur des aristotelischen Ortsbegriffes, die darin bestand, den Ort selbst zu einer ousia, aus ihm eine aktive Substanz zu machen, die den Körpern ihren Platz zuweist und damit als ordnende Struktur des Kosmos auftritt, sondern er bleibt bei der aristotelischen Sicht, das das Weltall keinen Ort hat, dass es selbst nicht umgrenzt ist.

Während die Kreisbewegung des Himmels noch ein Argument für einen Ort des Weltalls war, ist die Kreisbewegung bei Simplikios wie bei Hermann der Grund, die Zeit als Ewigkeit zu verstehen, aus der die vergängliche Zeit heraustritt, ohne dass es zu einer Teilung der Ewigkeit kommt. Die Teilung der Zeit selbst als eine Aporie zu diskutieren umgeht Hermann, sondern begnügt sich mit der Bemerkung, dass die durch Verschiedenheiten erzeugte Zeit in eigene Kreisläufe gebracht wird.

 

Der vorgelesene Teil der Übersetzung beginnt mit einer Zuordnung der Planeten zu einzelnen Nationen, wobei es sich immer um drei handelt, die Araber, die Juden und die Römer. Es beginnt mit den schlechten Eigenschaften von Venus und Mars, die sich allesamt bei den Arabern, aber besonders bei ihrem Propheten Mohammed finden. Die Juden werden mit einer Reihe wenig erfreulicher Attribute bedacht, aber nur mit einem Satz über den Einfluss des Saturn. Bei den Römern finden sich die edlen Eigenschaften der Sonne und des Jupiter wie Ehre Frieden Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Obwohl Hermann zugesteht, das trotz des Vorteils der Römer die göttliche Offenbarung unter den Juden auftrat. Aber um diesen Mangel auszugleichen, schildert Hermann eine ausführliche Himmelserscheinung, wo dem Augustus Caesar die Geburt Christi angezeigt worden sei.

Danach leitet er als Erinnerung und Bestätigung den heiligen Tag bei den Nationen von den jeweiligen Planeten ab, bei der arabischen Nation den Tag der Venus, der Freitag, bei den Juden nach dem Wort Sabdai für Saturn, der Sabbat oder Samstag, bei den Christen der Tag der Sonne, der Sonntag.

Aus der Zuweisung der Nationen zu den Tierkreiszeichen leitet Hermann Religionen und verehrte Tiere ab. Bei den Ägyptern teils der Widder, teils der Stier, woraus das Verbot der Schlachtung der Rinder herkommen soll, und der Mensch der hinter dem Rind hergeht eben vorschlägt sich selbst zu verehren. Bei dem Tier der Römer, dem Adler, kommt Hermann auf die Vergöttlichung eines menschlichen Helden namens Jupiter und die Übertragung seines Namens auf einen Planeten. Dazu werden Cicero und Varro als Autoritäten aufgerufen, dass dies Namen von Männern waren, die als Götter der Nationen auf die Elemente der Welt übertragen wurden. So wird doch der menschliche Ursprung der heidnischen Götter postuliert, was eigentlich ein gefährliches Unternehmen ist, wenn es einmal auch den christlichen Gott trifft.

Auch die Abfolge der Weltreiche wird auf die Wanderung der Tierkreiszeichen, wenn auch etwas lückenhaft, bezogen, von Babylonien über Persien nach Griechenland. Mit Griechenland eng verbunden ist Rom, dessen Herrschaft nicht mehr partikular ist, sondern die ganze Welt in Besitz nimmt. Diese Welt ist schon ziemlich groß geworden, wie es einem weitgereisten Mann wie Hermann entspricht.

 

Karl Bruckschwaiger

 

Nächte Sitzung: 18. Jänner 2023

Aristoteles, Metaphysik, Buch XIII, ab 1084b,2

Samstag, 24. Dezember 2022

  In der Metaphysik lesen * Zusammenschau und Eingebung

21. Dezember 2022

 

Das letzte Protokoll hat eine Rückschau und Perspektive auf die Metaphysik-Lektüre versucht und eine solche kann von jeder Stelle aus versucht werden. Von einer frühen Stelle aus wird der Rückblick kurz und konkret ausfallen, der Vorblick weit und unbestimmt.

 

Bereits mit seinem allerersten Satz vom Streben aller Menschen nach Wissen hat Aristoteles selber einen nicht ganz unbestimmten Vorblick getan.

 

Ähnlich mit der frühen Formel von der „gesuchten Wissenschaft“, mit der Aristoteles die Gattungsbezeichnung „Wissenschaft“ für sich selber vorzieht und gleichzeitig der Dynamik eine wichtige Rolle zuspricht. Diese anthropologische Konstante teilt er mit der Psychoanalyse und der Vergleich mit der ist nicht deswegen unzulässig, weil Aristoteles kein Psychoanalytiker ist. Freud erfand und verstand die Psychoanalyse als Wissenschaft und nicht als esoterische Geheimlehre, daher teilt er die generische Ebene der Wissenschaft.

 

Die Stelle, die zunächst als „zentrale“ ausgewählt worden ist, XI 1064a 29 – 1064b 14, rückt vier Wissenschaften zusammen, von denen drei in der Wissenschaftsordnung ohnehin benachbart sind, nämlich die drei theoretischen Wissenschaften, sowie eine, die weit entfernt scheint und eher auf der Meta-Ebene angesiedelt ist und daher leichter als die allgemeinste gelten zu können scheint. Doch die dritte theoretische Wissenschaft, macht ihr Konkurrenz, weil sie ein Wesen aufweist, das in der Ursachenordnung das „erste“ ist. Und die Ursachenordnung wird von Aristoteles mit der Physik eingeleitet. Die Physik nennt die nächsten (eigentlich die „letzten“) Ursachen, Vater und Mutter und Lehrer zum Beispiel. Die ferneren und noch ursächlicheren sind die Gestirne. Mit der ersten Ursache kippt die Sache ins Unkörperliche und Permanente. (Nebenbei: jede Sache ist auch eine Ursache)

 

Doch ihre Beschreibung des Unbewegten Bewegenden fällt erstaunlich anthropomorph, also menschenförmig aus.

 

Wir lesen noch einmal XII 1072b 14ff. - den Anfang der aristotelischen Theologie. Es handelt sich um das Prinzip, von dem der Himmel und die Natur abhängen - es wird also zunächst kosmologisch bestimmt. Seine „Lebensführung“ – ein sehr anthropologischer Begriff! – besteht darin, daß es das Beste auf Dauer stellt, weil ihm die Aktivierung Lust bereitet.

 

Das heißt die Lust setzt sich durch, verwirklicht sich ohne Einschränkung, weil sie Lust ist.(Ein sehr bekannter Nietzsche-Satz drängt sich hier auf, als spätes Echo, als späte, aber nicht zu späte Bestätigung.) So wirkt sich dieses Prinzip bei dem einen soll ich sagen (?) „Superwesen“ aus – im Unterschied zu uns Menschen, die „natürlich“ von demselben Prinzip leben, aber mit Einschränkungen.

 

Das „Lustprinzip“ ist ein wichtiger Begriff bei Sigmund Freud. Da er sich fast ausschließlich für die Menschenschicksale interessiert und nicht nur als Seelenarzt sehen mußte, daß es bei den Menschen nicht hundertprozentig lust- und freudvoll zugeht, hat er zur Erklärung dieses Umstandes ein zweites, ein Gegenprinzip erfunden, das dem ersten zuwiderläuft und seine Wirksamkeit reduziert.

Wie bei Freud diese beiden gegenläufigen Prinzipien die wechselhaften Menschenschicksale mit- oder gegeneinander zuwegebringen, das kann hier nicht ausgeführt werden.

 

Aristoteles scheint nur das eine, das Lust- und Freudprinzip gekannt und aufgestellt zu haben, das bei den Menschen wechselhaft und unsicher am Werk ist. Nur bei dem nur gedachten und dennoch existierenden Wesen anderer Natur soll es ungestört und konsequent zum Zug kommen. Aber beide Wissenschaftler sehen den Menschen als gemischtes, als Lust-Unlust-Wesen.

 

Eine andere Konstellation als bei Freud. Welcher Graphiker könnte die beiden unterschiedlichen Lust-Unlust-Ordnungen übersichtlich zeichnen und gegenüberstellen?

 

Da äußert Maximilian Perstl eine Eingebung: kraft seines Namens ist auch Freud ein permanentes Freud-Wesen.

 

Die Person Sigmund Freud mit allem, was dazugehört, wird in eine Position gerückt, die derjenigen des Bewegenden Denkenden qualitativ und funktional nahekommt.

 

Der Name „Freud“ ist ihm zweifellos schon vor seiner Geburt zugefallen und seit der Traumdeutung (Leipzig und Wien 1900) ist dieser Name, dem ja auch eine begriffliche Bedeutung eingeschrieben ist, millionenfach gesprochen, geschrieben, gedruckt worden. Der Name überlebt ihn nach seinem Tod bis zu uns her und noch weiter – ein Höchstmaß an Permanenz.

 

Eine Eingebung von freudschem Format, die dem Wort eine entscheidende Mächtigkeit zur Vergegenwärtigung einer Sache einräumt. In der Psychoanalyse sammelt das „freie Assoziieren“ auch Buchstaben-, Silben- und Wortstücke und -manipulationen ein, um Vorstellungs-, Wunsch-, Denkelemente zu finden, die zur Sache gehören könnten.

 

Der Begriff „Freude“ ist ein Denk-, natürlich auch Wunschelement, das mit der Person Sigmund Freud fest verbunden ist und das er als Wissenschaftler und Schriftsteller weitergedacht, -formuliert, präsentiert, angeboten, vorgeschlagen hat, um die Menschen anzusprechen und sie an sie zu erinnern. Keineswegs nur an ihre Kindheit, sondern an sie in ihren aktuellen Situationen zwischen Lust und Unlust und so weiter.

 

Aristoteles hat mit seiner Begriffskonstruktion und Eigenschaftenbeschreibung, für die ich bereits mehrere Übersetzungen und Abkürzungen vorgeschlagen habe, den einen Pol in Worte gefaßt, der das Leben und Denken der Menschen in Bewegung versetzen kann, in zusätzliche Bewegung zu den ohnehin gewohnten und üblichen.   

 

Mit der oben zitierten Aussage betreffend Lust oder Freude beginnt die Beschreibung, ich sage Beschreibung des Ersten Bewegenden, und in meinem Protokoll vom 9. März 2022 habe ich die Protokollsprache in einen anderen Ton gesetzt – wie es sich gehört, denn die Sprache hat sich dem Objekt anzupassen.

 

Alles dies ist ins Protokoll vom 14. Dezember 2022 eingeflossen. Sophia Panteliadou sagt, sie habe die Adresse der Hermesgruppe der Klagenfurter Philosophin Alice Pechriggl mitgeteilt und Maximilian Perstl stellt in Aussicht, das Protokoll vom 14. Dezember 2022 in den Weihnachtsferien über Mark Zuckerberg, Chief Executive Officer von Meta (!), in die ganze Welt zu versenden. Natürlich in deutscher Sprache.

 

Am Schluß stellt sich heraus, daß ich auch in diesem Dezember Geburtstag gehabt habe, und nachträglich gratuliert man mir. Das Prinzip der Nachträglichkeit ist ein berühmtes Prinzip bei Lacan.

 

Walter Seitter

 

 

Nächste Sitzung am 11. Jänner 2023:  Hermann-Lektüre.

Sonntag, 18. Dezember 2022

In der Metaphysik lesen * Rückblick und Perspektive

14. Dezember 2022

 

Das hiesige Aristoteles-Lesen insgesamt dauert jetzt seit Anfang 2007 an, das hiesige Metaphysik-Lesen seit Anfang 2011, also seit 12 Jahren. Recht viel länger dürfte Aristoteles an diesem Text, dessen schriftliche Überlieferung von derartiger Unsicherheit gezeichnet ist, daß allgemein angenommen wird, er sei vom Autor gar nicht fertigredigiert worden, vielleicht nicht geschrieben haben.

Die im Buch enthaltene Angabe, es handle sich dabei um eine „Theologie“, trifft nur ganz geringfügig zu; die den meisten Platz einnehmende Ontologie wird zwar begrifflich definiert (Anfang von Buch IV), aber nicht auf die Teile begrenzt, in denen sie tatsächlich zur Ausführung kommt. Das Buch enthält zwar zwei längere Listen, eine Aporienliste und ein Begriffsverzeichnis, aber es fehlt ihm eine stimmige Angabe seines Gesamtinhalts.

 

Zur neulich aufgeworfenen Frage, ob Aristoteles Wissenschaft macht oder Philosophie, kann gesagt werden, daß er mit Platon zu denen gehört, die die abendländische Wissensordnung in dem Sinn begründet haben, daß jemand, der Kunsthistoriker ist, aus logischen Gründen notwendigerweise „auch“ Wissenschaftler ist. Speziell ist er Kunsthistoriker, generisch ist er Wissenschaftler. Der logische Aufbau aus Gattung und Art hat sich nun einmal im Abendland und das heißt – vorläufig – weltweit durchgesetzt.

 

Wenn wir Philosophen sind und das zur Kenntnis nehmen, sind wir gewissermaßen „Analytische Philosophen“ (wenn wir wollen).

 

Ich selber bezeichne mich als Philosoph und daher logisch vorrangig als Wissenschaftler. Daß ich mich innerhalb der Philosophie als Physiker bezeichne, Philosophischen Physiker, das ist eine Sache meiner persönlichen und philosophischen Idiosynkrasie.

 

Daß das Buch XIII unvermittelt mit einer hartnäckigen Kritik an der pythagoreischen bzw. platonischen Geometrie- und Algebra-Auffassung einsetzt, bestätigt den Eindruck einer mangelhaften Organisation des dargebotenen Stoffs.

 

Was nun diese Kritik selber betrifft, so habe ich im letzten Protokoll die Ansicht geäußert, ihre Stoßrichtung ziele auf eine Aussage, die weit über die Mathematik hinausgehe. Meine Rede von der „Stoßrichtung“ verdeutlicht dabei etwas, was mit „Kritik“ eigentlich schon gesagt ist: daß nämlich die Aussagen, die auf der Ebene des Kognitiven liegen, auch mit dem Volitiven zu „tun“ haben: sie sind selber Wollungen, Handlungen, Aktionen und sie begnügen sich nicht damit, irgendwelche Aussagen zu kritisieren. Vielmehr affirmieren sie andere schon gemachte Aussagen, nämlich den Aussagenkomplex im Buch XI 1064a 29 – 1064b 14.

 

Darin werden vier bestimmte Wissenschaften – für Aristoteles zählen nur Wissenschaften (mit allerdings sehr unterschiedlichen und grundsätzlich wichtigeren Themen) – aneinander gerückt und in ihrem Verhältnis zueinander festgelegt.

Nämlich die drei theoretischen Wissenschaften (Physik: bewegliche und abgetrennte Dinge; Mathematik: Bleibendes und nicht Abgetrenntes; Theologie: Unbewegtes und Abgetrenntes) und dazu noch die Wissenschaft, die gewissermaßen jenseits der aristotelischen Wissensordnung steht (oder vielmehr in ihrem jenseitigen Diesseits), nämlich die im Buch IV sorgfältig definierte Wissenschaft vom Seienden als Seienden, die allgemeinste Wissenschaft.

 

Wie verhalten sich diese vier Wissenschaften zueinander? Mit ihren positiven bzw. negativen Eigenschaften gehören die drei ersten logisch gesehen eng zusammen, während die Ontologie alle diese Eigenschaften thematisiert und ordnet. Es sieht so aus, als wäre sie die Metawissenschaft in dem neulich besprochenen Sinn (der übrigens von Alfred Tarski (1901-1983) maßgeblich definiert worden ist).

 

Physik, Mathematik, Theologie bilden eine Reihe. Wenn die Physik als die erste Wissenschaft von den existierenden Dingen und Ursachen sich als unvollständig erweisen sollte, stellt sich die Frage, welche der anderen Wissenschaften als notwendige Ergänzung oder Vollendung in Frage kommt. Die Mathematik mit ihren bekannten Formen und Gesetzen oder aber die Theologie mit einer mehr oder weniger aus der Religion übernommenen Lehre von einer noch höheren Wirklichkeit oder aber die Ontologie mit ihrem Überblick über sämtliche Wirklichkeitsstufen?

Oder etwa eine poietische Wissenschaft als Anleitung zur Anfertigung von vollkommenen Dingen oder eine praktische Wissenschaft zur Verbesserung zwischenmenschlicher Verhältnisse?

 

Wohlgemerkt die beiden zuletzt genannten Möglichkeiten werden von Aristoteles gar nicht, jedenfalls hier nicht, in Erwägung gezogen – da müßte man sich vielleicht bei Nietzsche oder Kant oder ? umschauen.

 

Aristoteles entscheidet sich dann für die sogenannte Theologie, und zwar deswegen, weil sie ihm auf der Linie der Physik zu liegen scheint: beide sind Wissenschaften von real Existierendem. Auf dieser Linie hält er es sogar für angemessen, abermals von „Natur“ zu sprechen: es würde sich dabei um eine „andere Natur“ handeln: eine stofflose, körperlose, unwahrnehmbare. Wohl aber eine denkbare, das heißt eine erkennbare, ja wissbare und höchst gewisse. Ja, um eine denkende Natur. Cogitatio cogitationis. Und um eine begehrbare, bewunderbare, erstrebbare Natur. Ja, um eine permanent lustvolle, eine mangellos begehrende, eine durch und durch sich freuende Natur. Außerdem um eine lebendige. Also um eine ziemlich anthropomorphe (aber ich weiß nicht, ob Aristoteles das gern hören würde).

 

Da es sich dabei um eine frühere Natur handelt, nennt Aristoteles die entsprechende Wissenschaft eine allgemeine Wissenschaft, obwohl sie doch nur von einer einzigen Natur handelt. Aber diese Natur ist derart früher, ursächlich wirksam, Mitursache aller Dinge überhaupt, daß die entsprechende Wissenschaft auch eine allgemeine ist. Frage, welche Wissenschaft die allgemeinere ist: die vom Seienden als Seienden oder diese von der früheren, von der frühesten, also ersten Natur?

 

Diese „andere Natur“ wäre nicht irgendeine andere, nicht eine ganz und gar andere Natur. Sondern eine „Heteronatur“ – eine Steigerung der Natur, eine gesteigerte Natur. Eine Natur mit ungefähr gleichen Eigenschaften, Vorzügen, Leistungen – aber eben gesteigerten.

 

Diese Natur wäre eine suchbare weil schon gesuchte.

 

Gesucht ist sie, da Aristoteles ihre Erkenntnis im Buch I zunächst der „gesuchten Wissenschaft“ (983a 20) zuordnet, womit er die bescheidenste, die minimalste, aber doch schon ordentliche Bezeichnung wählt.

 

„Gesuchte Wissenschaft“ statt oder als „Metaphysik“.

 

Mit der Bezeichnung als Wissenschaft stellt er sie neben alle schon bekannten Wissenschaften, die vorhin genannten und die anderen.

 

Als „gesuchte Wissenschaft“ stellt er sie unter die schon gegebenen Wissenschaften wie Medizin, Astronomie und so weiter. Sie hingegen muß erst zusammengebastelt, entwickelt, durch Aporien, Irrtümer, Sackgassen, Illusionen hindurch durchgekämpft werden. Sie sollte schließlich, um den Titel „Wissenschaft“ zu verdienen, übersichtlich, kohärent, irgendwie vollständig durchgeführt werden. Auf jeden Fall muß sie erarbeitet werden. Als wir im Buch III die Liste der Aporien gelesen haben, ist uns, wenn wir aufmerksam gelesen haben, aufgefallen, daß Aristoteles darauf insistiert, die Aporien sollten durchquert, durchgearbeitet und so „aufgelöst“ werden, und nicht handstreichartig erledigt werden. Damit hatte sich Aristoteles, trotz seines Verständnisses für die Sklavenhaltung auf die Seite der Arbeitenden gestellt (allerdings der denkenden, also der sehenden, der sagenden und schreibenden Arbeiter).

 

Immerhin setzt die gesuchte Wissenschaft voraus, daß es Suchende gibt. Zumindest den einen, der von gesuchter Wissenschaft spricht bzw. schreibt. Aber der – nämlich Aristoteles – hat zumindest einen gefährlichen illusionären Irrweg schon vermieden. Nämlich den solistischen, monopolistischen und fanatischen, der die gewünschte oder versprochene Erkenntnis allein für sich und von sich beansprucht, allein sich selber als Erkenntnisträger anpreist. Mit dem ersten Satz des Buches werden alle Menschen als Erkenntnissucher behauptet und mit schlichten geradezu kindlichen Beispielen auch an ihre eigenen Erfahrungen erinnert. Der Leser des ersten Satzes darf sich direkt angesprochen fühlen und sich selber fragen, ob es stimmt, daß auch er nach Wissen strebt. Und er wird eingeladen, durch sein Lesen und Weiterlesen die Frage performativ zu bejahen.

 

Womöglich durch hartnäckiges, aber auch geduldiges Lesen mit Weiterfragen, Nachdenklichkeit oder und Gesprächigkeit.

 

Der Protokollschreiber kann, sofern er auch sonst schon philosophisch geschrieben hat, jetzt eine andere, vielleicht banalere, eine niedrigere philosophische Schreibweise erproben. Die es ihm erlaubt, die Nacherzählung philosophischer Lektüre und Lektüregespräche mit anderen Eindrücken und Erfahrungen zu komponieren.

 

Immerhin habe ich am 9. März 2022 die niedrigere Schreibweise des Aristoteles-Protokolls zu einer litaneiartigen Paraphrase seiner Beschreibung des Permanenten Motors (UB) erhoben.

Mag sein, daß da noch weitere postprotokollarische oder paraprotokollarische Schreib- oder Zeichenarbeiten, also Graphiken oder Graphismen, nachgeliefert werden müssen, die das Verständnis der Paranatur, auch ihre Assoziierung mit dem Wort „Gott“, plausibilisieren könnten.

 

An dieser Stelle ein Einschub zu einem real schon existierenden Paraprotokoll. Das ist dasjenige, das Karl Bruckschwaiger seit über einem Jahr zu Hermann von Kärnten anfertigt. Eine Parallelaktion, die ich vorgeschlagen habe, damit die Aristoteles-Lektüre nicht zu schnell „fertig“ wird. Und obendrein liefert sie die Kenntnis von einer ungefähren Aristoteles-Rezeption ungefähr in der zeitlichen Mitte zwischen jenem und uns.)

 

Allerdings wissen diejenigen, die da seit dem Jahre 2011 lesen und diskutieren, daß es nicht leicht ist, das Streben wirklich durchzuhalten. Das Buch macht einem das Lesen nicht leicht. Es endet in einem Höhepunkt oder in einer Kadenz oder in noch einer.

 

Protokolle schreiben und lesen – das ist das Mindeste, was man dazu tun muß, um nicht das Meiste wieder und wieder zu vergessen. Wie zum Beispiel die minimalistische Formel von der „gesuchten Wissenschaft“.

 

Die möglichen Illusionen, Täuschungen und Selbsttäuschungen bestehen darin, daß man sich mit vornehmen Wörtern wie „Philosophie“ oder „Metaphysik“ über die dürren und wenig zusammenhängenden Begriffsanalysen hinwegschwindelt.

 

Buch XIII und XIV warnen davor, auf die denkerischen Möglichkeiten der Mathematik auszuweichen und darin die Erkenntniserfüllung zu sehen, zu der Aristoteles herausfordert und die wohl nicht ohne Mühe und existenzielle Erschütterung zu haben ist. Man muß sich von etwas bewegen lassen, man muß sich selber bewegen. Motivieren, agitieren, agieren. All das ohne die von der Moderne angepriesene Beherrschung der Natur, Weltveränderungsleidenschaft, Allmachtsphantasie und Vermenschlichung von allem und jedem. Innerhalb einer vita contemplativa, die sich mit geringfügigen Handlungsmöglichkeiten begnügt.

 

Andere schon vorliegende Parallelprotokolle sind diejenigen zur aristotelischen Poetik. Diejenigen zur Lektüre der Sonne von Francis Ponge sowie die noch nicht vollendeten zur Lukrez-Lektüre von Michel Serres.

 

Walter Seitter

 

 

Nächste Sitzung: 21. Dezember 2022.

Aristoteles: Metaphysik, Buch XIII, ab 1084b 3