Protokoll vom 03. Juni 2026
Beim Verlesen des Protokolls und kurz danach entspann sich eine Diskussion um die Wahrnehmung von Musik, ob Vorstellungsinhalte oder Wahrnehmungsinhalte zuerst seien. Während Walter auf die Vorgängigkeit von Wahrnehmung beharrte, widersprach Max, dass zuerst eine Vorstellung von Musik da sein müsste, bevor wir etwas wie Musik erkennen können.
Es wurde von Walter auch eine gewisse abwertende Verwendung des Wortes Materialismus bedauert. Mir ist diese Abwertung fremd und eine reine Geistigkeit verdächtig.
Die gelesene Stelle von Aristoteles ist so schwierig, dass ich Sekundärliteratur zu Rate gezogen habe, insbesondere David Ross und R.D. Hicks, die beide ausführliche und zum Teil hilfreiche Kommentare zu diesen sogenannten dunklen Stellen anbieten.
Zuerst wird gesagt, das der zum Denken fähigen Seele sowohl Vorstellungsgehalte wie Wahrnehmungsgehalte (phantasmata / aisthemata) zukommen, egal ob bejaht oder verneint, gemieden oder verfolgt wird. Es wird zugespitzt, die Seele denkt niemals ohne Vorstellungsgehalt.
Im nächsten Satz wird gesagt, dass die Luft die Pupille des Auges in diese bestimmte Beschaffenheit versetzt hätte, wo wir doch aus früheren Stellen wissen, das die Luft das Medium des Ohres ist. In diesen Satzteil folgt die Bemerkung „und diese ein anderes“ (auto d´heteron), Ross sieht darin den Hinweis auf ein inneres Wahrnehmungsorgan, das verschiedene Wahrnehmungsqualitäten zusammenführen kann. Das Ohr wird auch vom Medium Luft affiziert und leitet die Wahrnehmungsinhalte weiter an den gemeinsamen Sinn, der als eine Mitte bezeichnet wird (kai mia mesotes). Der Satzteil lautet, dass das Äußerste eines ist, die Mitte aber Ihrem Sein nach mehrere (pleio).
Es folgt ein Hinweis von Aristoteles auf eine frühere Stelle, womit man beurteilt, worin sich Süßes und Warmes sich unterscheiden.
Die Stelle, auf die er sich beziehen könnte, befindet sich im 2. Kapitel, 426 b,12-23, wo Aristoteles davon spricht, dass wir das Weiße und das Süße und das Weiße und jeden anderen wahrnehmbaren Gegenstand von jeden anderen unterscheiden und diese Unterscheidung treffen mit Hilfe einer Wahrnehmung, die ein Einziges sein muss und keines von den äußeren Wahrnehmungsvermögen, die ja den Unterschied nicht feststellen könnte.
Damit kommen wir zur nächsten schwierigen Stelle, die lautet, „es ist nämlich ein bestimmtes Eines, das so ist wie die Grenze.“ Die vorläufige Interpretation von Ross besteht darin, dass das Eine jenes innere Vermögen ist, das die Unterschiede feststellt und wie eine Grenze zwischen den Wahrnehmungsqualitäten liegt und da die verschiedenen Sinne in ihren gegensätzlichen Wahrnehmungsqualitäten der Analogie nach und der Anzahl eins sind, weil sie von ein und denselben Gegenstand wahrgenommen. Also Süßes verhält sich zu Warmes wie Bitteres zum Kalten, zumindest nach Ross,
A B
C D
aber es wird von einem Gegenstand wahrgenommen und zu einer Sinneswahrnehmung zusammengefügt. Denn, so fragt sich Aristoteles, was macht es für die Seele einen Unterschied ob eine wahrgenommene Qualität sich nach der Wahrnehmungsgattung unterscheidet oder innerhalb einer Wahrnehmungsgattung entgegengesetzt ist. Es macht aber einen Unterschied, ob man eine gemeinsame Wahrnehmung benötigt oder nicht, für entgegengesetzte Wahrnehmungen, wie hier das Beispiel lautet, nämlich wie weiß und schwarz, braucht es keine vermittelnde Instanz, die verschiedene Gattungen zusammenführt.
Die nächste schwierige Passage ist eine logische Formalisierung des vorher Gesagten. Es soll sich also das Weiße A zum Schwarzen B so verhalten wie C zu D, so wie jene zueinander bei Vertauschung der Glieder.
A
D B
C
Zuerst werden C und D keine Qualitäten zugeordnet, wenn wir etwas über den Textrand hinausblicken und den nächsten Satz mitlesen, wird dem A hypothetisch das Süße und B das Schwarze zugeordnet, die dem Sein nach nicht dasselbe sind, also Geschmack und Farbe. Denn C zu D verhält sich genau so wie A zu B wenn es einem X zukommt. Aber der Sprung war, das Gegensätze genau in denselben Verhältnis wie Wahrnehmungsgattungen stehen sollen.
Laut Hicks hat Simplicius aus den verschiedenen Verhältnissen neue Wahrnehmungseinheiten gemacht, dadurch wäre ein neues Verhältnis aufgemacht, denn AB wäre nicht gleich zu B, den diese neuen Einheiten haben eine Diversität von Verhältnissen.
Ich hoffe es wurde etwas Licht auf diese Stelle geworfen, obwohl mir selbst die Beschäftigung etwas Dunkles einbrachte, vor allem warum die Anschreibung mit den Buchstaben überhaupt erforderlich ist und ob diese Einheiten, die der Analogie nach gleich sein sollen, sich in der Wahrnehmung, in der Vorstellung oder im Denken gebildet haben.
Karl Bruckschwaiger