Protokoll de anima Nr. 39, 430a 25- 430 b31 (Kap 6)
Zunächst wird anlässlich der Besprechung des letzten Protokolls eine Frage nach den Begriffen des nous, der noesis und ihren deutschen Übersetzungen ventiliert. Nous ist Substantiv, noesis das Verb, Das Ergebnis einer einfachen Beobachtung zeigt ja, dass die Übersetzungen unterschiedlich ausfallen und bei nous zumeist mit Verstand, Vernunft, auch Vermögen, sogar Geist, bei noesis mit Denken (als Handlungsbegriff) wiedergegeben werden. Sophie Panteliadou, muttersprachlich des Griechischen kundig und daher mit sensibler Wahrnehmung in diesen Fragen ausgestattet weist auf die jeweiligen Bedeutungsdifferenzen hin und warnt vor leichtfertigen Übernahmen. Walter Seiter sieht trotz dieser geringfügigen Differenzen den Sinn der Übersetzungen nicht gefährdet und möchte eine Überschätzung dieser Frage vermeiden.
Aristoteles eröffnet das 6. Kapitel mit der Behauptung, dass es sich beim Denken (man könnte auch Denkvermögen sagen) des Ungeteilten um einen Bereich handelt, wo es keinen Irrtum gibt. Wo es aber Wahres und Falsches gibt, haben wir bereits eine Zusammensetzung von Gedanken, die eine Einheit bilden. Als Beispiel dafür führt er Empedokles an, der meint, dass alle Teile der Lebewesen zunächst unabhängig voneinander entsprossen sind, so als ob sie aus den Urstoffen ohne Samen eines Lebewesens entstanden wären und sich erst im Nachhinein durch die Liebe untereinander verbunden hätten, zb Kopf mit Hals und Fuß und Hand, etc. So werden auch Gedanken, die zuvor getrennt waren, zusammengeführt, wie etwa das Inkommensurable und das Diagonale.
Hier liegt wieder ein Übersetzungsproblem vor, weil das asymettron mit das „Inkommensurable“ (Meiner Verlag, Corcilius) oder das „Asymmetrische“ (Reclam,Krapinger) übertragen wird und nach W.Seitter nur das „Inkommensurable“ (nicht messbare Zahl) richtig ist, wie sich im Verlauf der weiteren Lesung zeigt. Im Falle von Vergangenem oder Zukünftigen denkt man einfach die Zeit dazu. Aber der Irrtum, das betont Aristoteles nochmals, liegt immer in der Zusammensetzung. Wenn man vom Weißen sagt, es sei nicht weiß, so hat man nichtweiß als Begriff hinzugefügt oder beide zusammengefügt und das kann nicht stimmen. Man könnte es aber auch als Untergliederung oder eine Trennung nennen. Das gilt nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft und Vergangenheit, wie am beliebten Beispiel des Kleon, des Weißen zu demonstrieren ist. ER ist weiß, war es und wird es auch bleiben. Hier ist auf die Wahrnehmung absoluter Verlass. Sinnliche Wahrnehmung und Denken sind zwei verschiedene Systeme, was wahrgenommen wurde, kann durch Denken nicht mehr verändert werden. Es kann allenfalls Urteile über die Wahrnehmung geben
Das Denken kann in richtig und falsch, aber auch in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft trennen. Es ist aber auch immer die Vernunft oder das Denkvermögen oder der Geist, der die Einheit durch Zusammenfügung ermöglicht.
Das Ungeteilte ist zweifach zu verstehen, der Möglichkeit und der Wirklichkeit nach. Man muss zum Verständnis des Folgenden aber erinnern, dass Denken auch Bewegung und damit kontinuierliche Ausdehnung ist. Die Zeit ist genauso geteilt und ungeteilt wie die räumliche Ausdehnung.
Er spricht über die Bedeutungen des Ungeteilten und in welcher Weise es eins ist, das sich aus seiner Ungeteiltheit ergibt. Zunächst ist etwas eins aufgrund seiner zusammenhängenden Ausdehnung. Das, was zusammenhängend ausgedehnt ist wird als ungeteilt bezeichnet, weil es in Wirklichkeit nicht geteilt ist, obwohl es der Möglichkeit nach teilbar wäre. Das Ungeteilte ist zweifach zu verstehen, der Möglichkeit und der Wirklichkeit nach. Daher kann das Denkvermögen ein Ungeteiltes denken, wenn es etwas zusammenhängend Ausgedehntes denkt, eine Länge, die in Wirklichkeit ungeteilt ist, obwohl sie der Möglichkeit nach teilbar wäre. Daher auch in ungeteilter Zeit, weil ungeteilt gedacht.
Man kann aber nicht hälfteweise danken, dass die eine Hälfte der Länge in der einen Hälfte der Zeit gedacht wird, außer wenn die Linie der Wirklichkeit nach geteilt wird, weil dann das Denken ebenfalls die Linie teilt, ebenso die Zeit. Wenn es die Linie als eine aus zwei Teilen bestehende Eins denkt, so denkt sie es in ungeteilter Zeit, d.h. in einem Moment. Man kann nicht sagen, dass man jede der beiden Längen in je einer Hälfte der Zeit denkt, außer sie wurde wirklich geteilt.
Nun kommt die Besprechung des Punktes als weiterem Beispiel des Ungeteilten. Der Punkt ist eine Einheit, die nicht teilbar ist. Wie soll man ihn denken? Aristoteles spricht von einer Verdeutlichung durch dessen Privation, (eigentlich eine Beraubung des Positiven) und sagt, dass wir ihn nur durch die Verneinung erkennen können.
Dahinter steckt wohl, dass wir nur Ausgedehntes durch die Sinne erfassen können. Der Punkt ist aber nicht ausgedehnt und daher nicht durch die Sinne erfassbar. Wir müssen ihn als eine Negation denken (die es aber beim Punkt nicht gibt) Wenn es kein Gegenteil gibt, so erkennt es sich selbst, ist Wirklichkeit und abgetrennt. Die Aussage von etwas ist wie die Negation immer wahr oder falsch, sie ist ein Urteil. Eine Aussage über ein Wesen sagt nichts über es (sein Wesen) aus
Friederike Schuch, die heute erstmals teilnimmt, bringt in diesem Zusammenhang des Punktes das Beispiel von „Schrödingers Katze“.
Die Negation gilt auch für andere Dinge, wie das Schlechte und das Schwarze. Auch hier erkennt man durch sein Gegenteil, indem man gut oder weiß hinzudenkt. allerdings ist man hier im Bereich des Möglichen. Wenn man hingegen das Gute oder das Weiße denkt, so gibt es kein Gegenstück, keine Symmetrie.
Wie schon erwähnt, das Sagen ist immer ein „etwas von etwas“ (Sagen) und ist immer wahr oder falsch, die Vernunft hingegen ist ein „Was es ist im Sinne des Was es heißt dies zu sein“ immer wahr, sagt aber nicht etwas aus, sondern funktioniert wie das Sehen eines Wahrnehmungsgegenstands, etwa eines Weißen, das man für einen Menschen hält, man sich aber auch täuschen kann und das Weiße etwas völlig anderes ist. K. Bruckschwaiger bringt die Frage eines möglichen Rassismus ins Spiel, wenn man hier an den Menschen denkt, der primär weiß ist. Der Mensch ist hier Akzidens des Weißen.
Reflexion
Die Frage hier ist nun die, wie denn dieses Akzidens erkannt wird, dh der Mensch, der das Weiße ist. Die Wahrnehmung des Weißen ist gewissermaßen sicher durch die Sinne gewährleistet, aber das Wesen der Sache muss auch erkannt werden. Die Wahrnehmung leistet ihren Teil, aber wie kann das Denken nun das eigentliche Wesen des weißen Gegenstands erkennen? Es ist offenbar etwas Intelligibles, das keine Materie hat, eine Form ohne Stoff. Der Mensch hat wohl ein Vermögen, dies zu denken und zu Begriffen zu formen.
Man könnte vom Allgemeinen und Besonderen sprechen, aber warum kann denn nun der Mensch das Allgemeine erkennen? Da kommt man wieder auf Platons Ideenlehre zurück.
Manfred Russo