τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Mittwoch, 6. Mai 2026

De Anima / Peri Psyches lesen 38 (430a 10 - 430a 26)

 

Protokoll: Aristoteles Seminar vom 22.04.2026

Vorwörter des Seminars

Das Seminar beginnt abwechslungsweise mit der Erwähnung des Christentums, infolgedessen die Verurteilung von Jesus Christus. Die Frau von Pontius Pilatus träumte einst davon, Jesus freizulassen, ihn nicht an irgendwas dran zu nageln, während andere zuschauen: Auf den ersten Blick ein Akt der Gnade, entpuppt sich dieser Traum jedoch als etwas Negatives. Martin Luther meinte (ein paar Jahre später), dieser Traum sei ein „Werkzeug des Teufels“ gewesen, mit dem Ziel vor Augen, die Erlösung der menschlichen Sünden zu verhindern. Pontius Pilatus stimmte der Verurteilung zu, da die Hohepriester das Volk gegen Jesus aufhetzten.

Weiter ging es mit der Erwähnung von Foucaults Werken: „der Diskurs der Philosophie“, das erste seiner Werke, welches sich mit der Philosophie beschäftigt, genauer gesagt, mit der Geschichte der Philosophie.

Die „Archäologie des Wissens“ beschäftigt sich unter anderem mit der Aussage und dem Diskurs, letzteres ergebe sich nur aus der Ansammlung von einigen Aussagen.

Zeilen aus einem Buch lesen wir aber von Aristoteles, beginnend bei 430a 10.

Die Gattung der Materien, die Ursachen des Wirkenden, um jenes hervorzubringen, werden erwähnt.

Warum ist Denken ein Erleiden? Sofia P. und Walter S. sind der Ansicht, dass dieser Satz so gelesen werden soll: „Warum ist Denken auch eine Art Erleiden?“ Da die Wahrnehmung eine essenzielle Rolle im Denkprozess spielt, und der Gedanke sich immer nach einem Gegenstand richtet, der von außen kommt, könne man das Denken als eine Art erleiden betrachten. Zwar kann man die aktive Rolle des Denkens nicht bestreiten, so existiere sie nur unter der Bedingung des Erleidens der Wahrnehmungen.

Der Zusammenhang zwischen dem Gedachten und dem Gegenstand (Aristoteles schreibt von „Form“), oder dem Wirken und Leiden, sei das Denken.

Maximilian P. stimmt nicht zu, er meint, Wahrnehmung könne man doch von dem Denken unterscheiden, sie gehören zwar zusammen, jedoch kommt der Gedanke erst nach dem Wahrgenommenen. Für ihn sei das Denken in keiner Weise passiv, oder „Leiden“. (eine spätere Reflexion dazu: so wie die Luft von den Lungen getrennt betrachtet wird, wo doch die Lungen erst mit Luft ihren Zweck erfüllen können, sind Denkprozesse zwar von den äußeren Gegenständen beeinflusst, sind aber eine völlig andere, nämlich eine eigene Instanz. Eine Flasche, die recycelt wird, ist nicht mehr die Flasche vor dem Recyceln. Gedanken sind nie die äußeren Gegenstände selbst, daher ist das Denken kein Erleiden, sondern nur das Wahrnehmen ist ein Erleiden. Man kann sehr wohl chronologisch zuerst von dem Erleiden (Wahrnehmen) und dann dem Denken (Tun) sprechen)

Der Gedanke und der Verstand: Der Verstand ist laut Aristoteles das Können, die Fähigkeit, Denken zu können. Der Verstand ermöglicht das Denken – aber nicht immer, man kann auch Dinge denken, die man nicht verstanden hat.

Das „Noun“, das Substantiv, steht für das „Denkende“, während „Nous“ ist der Vermögen (der Verstand). Die Realisierung des Verstandes heißt laut Walter S. „verstehen“.

Eine weitere Reflexion: Muss der Denkende seine Gedanken verstehen, oder führt er nur Prozesse aus, die ihm naheliegen? Wenn ein Maler seine Vision für ein Bild ausarbeitet, so hat er nicht zwingenderweise verstanden, was die Hintergründe seiner Gedanken sind. Er lässt sich künstlerisch gehen, findet darin seinen Geschmack und die Überzeugung, entweder weiter an einem Werk zu arbeiten oder es direkt zu verbrennen. Seine Gedanken verstanden hat er aber nicht, bloß, weil er seine ursprüngliche Idee ausarbeitet. Kein Mensch muss verstehen, was er denkt, um zu Denken. Ähnlich geht es dem Menschen beim Essen, er muss nicht verstehen, wie man isst, um zu essen, ein Mensch isst instinktiv, denn müsste er noch die einzelnen Hand-, Mund- und Schluckbewegungen einstudieren, bevor er den ersten Apfel isst, würde er auf der Stelle verhungern. Er muss aber sehr wohl verstehen, wie er lebt, um zu leben.  Somit denkt der Mensch zwar ständig seine Gedanken, verstehen muss er die Hintergründe aber nicht.

Dann eine Frage von Oberhaupt Walter an die Seminarmitglieder: Wie kann man Denken beschreiben? Die Antworten der Mitglieder lauten wie folgt.

1.      „Das Denken ist ein geistiger Akt, der mit einem Ziel, immer mit einem Ziel verbunden ist, etwas besser, oder konkreter, oder detaillierter zu untersuchen.“

2.      „Ein Akt, der von einem Denkgegenstand affiziert wird, auch wenn dieser keine Materie hat. Das eigene Denken wird somit vom Denken der anderen beeinflusst und besitzt daher auch eine Passivität.“

3.      „Zustimmung der ersten beiden Antworten, gleichzeitig stellt sich beim Beurteilen der anderen Denker die Frage, ob das Beurteilen selbst eine Form des Denkens ist, bzw. ein Beurteilen ein Denken voraussetzt.“  

Weiter geht es mit den letzten Zeilen des Kapitel 5:

In der ganzen Natur gebe es Materie für jede Gattung (nur so können Gattungen überhaupt entstehen), sowie die Ursache und das Wirkende, um alles hervorzubringen. So, wie sich Kunst zu Materialien verhält, so muss es in der Seele jene Unterschiede geben. Es gebe einen derartigen Geist, der zu allem wird, andererseits zu einem wird, der jenes hervorbringt: eine Eigenschaft vergleichbar mit dem Licht. Nur ein Licht kann Dinge zum Vorschein bringen. Farben können nur mit Licht realisiert werden. Beim Denken sei das Wirkende ranghöher als das Leidende, und das Prinzip höher als die Materie. Das verwirklichte Wissen jedoch sei dasselbe wie der Gegenstand. Das Prinzip der Gedanken sei also etwas Ewiges, während der menschliche Geist sterblich ist, und ohne diesem gibt es kein Denken.  

 

Verfasser des Protokolls: Maximilian Perstl

Mittwoch, 22. April 2026

De anima / Peri psyches lesen 37 (429b 10 – 430a 9) neu


De anima  /  Peri psyches lesen  37  (429b 10 – 430a 9) neu

 

 

Protokoll vom 8. April 2026

 

Im Anschluss des verlesenen Protokolls vom 25. März haben wir zunächst über die darin angeführten Aspekte zu Wahrnehmung und den Wahrnehmungsvorgängen in Bezug auf die Phantasia und das Denken diskutiert und auch über die Unterschiede zwischen den Funktionen bzw. den Fähigkeiten der Wahrnehmung gegenüber denjenigen des Denkens gesprochen, wobei insbesondere der qualitative Unterschied zwischen Denken und Körper und ihr Verhältnis zur Wahrnehmung thematisiert wurde. Betont wurde zudem, dass beim Denken eine Aktivität – „mit viel Leiden“ stattfindet. Der Moment des Denkens ist das „jetzt“. Eine wichtige Differenzierung findet sich aber ebenso darin, dass die Fähigkeit des Wahrnehmens nicht separat vom Körper existieren könne, ein Zustand, der im Zusammenhang mit den Fähigkeiten des Verstandes /Denkens [nous] nicht stattfindet.

 

Sobald der Verstand [nous] das Gedachte denkt, vermag er aus sich heraus zu denken. (429b 10). Die Frage aber, die uns hierbei beschäftigt hat, lautet: wie geschieht es, dass „nous“ sich selbst denken kann?

 

Die Erklärung im aktuellen Textabschnitt macht zunächst aufmerksam auf die Unterscheidungskriterien, die hier von Bedeutung sind, wie beispielsweise bei der Differenzierung zwischen dem Wort „Größe“ und dem was ‚Größe-Sein‘ ist, oder zwischen ‚Wasser‘ und dem ‚Wasser-Sein‘ zu finden ist. In Folge führt Aristoteles die Fähigkeit des Wahrnehmens des Fleisches im Unterschied zum ‚Fleisch-Sein‘ vor; in diesem Fall beurteilt der Verstand (nous) den Begriff „Fleisch“ durch ein anderes Vermögen als das Fleisch selbst – als Materie. Hiermit soll hervorgehoben werden, dass die Fähigkeit des Wahrnehmens ausreichend sei, um das spezifische Objekt, beispielsweise das Fleisch [σάρξ] – zwischen Haut und Knochen –, wahrzunehmen, denn das Fleisch ist nicht ohne Materie. Anders verhält es sich jedoch bei dem Verstand, der in der Lage ist, das ‚Fleisch-Sein‘ vom ‚Fleisch‘ zu unterscheiden und sowohl die Form in der Materie als auch ohne sie zu erfassen. Die Wahrnehmung der Form, in anderen Worten das Wesen des Fleisches, gehört somit zur Fähigkeit des Verstandes [nous]. Dieser nimmt entweder die Form innerhalb der Materie wahr oder er nimmt die von der Materie getrennte Form wahr – in Thomas Buchheims Formulierung: „wie das Aufgeworfene, ein Dies-in-Demda“ oder wie es im griechischen Text lautet: ein „tode en tõde“ (429b 14). Das Warme und das Kalte (im Fleisch) unterscheidet der Verstand [nous] durch das Wahrnehmungsvermögen, und dies gilt auch für alles, wovon das Fleisch einem bestimmten Verhältnis [logos] entspricht, dennoch durch eine differierende Fähigkeit. In Verbindung mit dem Entsprechungverhältnis [logos tis] wird hier ebenfalls das Beispiel der Linie vorgestellt. Der Verstand erkennt sowohl die gerade als auch die geknickte Linie: im ersten Fall geschieht dies in Verbindung mit der Form, im zweiten in Verbindung mit dem konkreten Gegenstand. Im Falle der abstrakten Wesen / Seienden [epi tôn en aphairései óntôn] betrifft es das ‚Gerade‘ sowie das ‚Hohle‘, denn es ist mit stetiger Ausdehnung verbunden. „Das wesentliche Sein [to ti en einai] aber, wenn das Gerade-Sein und das Gerade verschieden sind, ist ein anderes“. (429b 19-20, übers. von Thomas Buchheim).

Daraus kann geschlossen werden, dass die Seele aufgrund ihrer gänzlich verschiedenen Fähigkeiten urteilen kann; und dass im Allgemeinen gesagt werden kann, dass gleich so wie die Dinge getrennt von der Materie [hyle] sind, es sich ebenfalls bei den Funktionen des Verstandes [nous] verhält (429b 22). Die Wahrnehmung aber der Form (d.h. des Wesens des Fleisches) gehört zur Fähigkeit des Verstandes [nous]. Dieser (der Verstand) nimmt – wie bereits erwähnt – entweder die Form innerhalb der Materie oder die von der Materie getrennte Form wahr. Dennoch, wegen der grundlegenden Einheit der Seele ist es vielmehr ein und dasselbe Vermögen, das sich einerseits in der Sinneswahrnehmung und andererseits im Intellekt [noesis] unterschiedlich verhält, und nur weil es getrennt (von der Materie) ist, nimmt der Verstand reine Formen – Wesenheiten und Begriffe – wahr.

 

Daraus folgt, dass dieses Unterscheidungsvermögen erforderlich ist, um das Wesen einer Sache von der Sache selbst unterscheiden zu können – etwa das Wesen des Wassers vom Wasser in seiner Materialität. Umgekehrt gesprochen: Sofern wir über die Fähigkeit zwischen Wesen und Gegenstand zu differenzieren nicht verfügen, können wir auch nicht zwischen Wesen und Sache unterscheiden; denn um beides zu erkennen, bedarf es ein und desselben Vermögens – der Seele. Die bei Simplikios überlieferte Erklärung lautet: „So wie wir den Unterschied zwischen Weiß und Süß ohne ein gemeinsames Wahrnehmungsvermögen nicht erkennen können – d.h., ohne die Sinneswahrnehmung, die beide zugänglich macht –, so ist die Unterscheidung zwischen Wesen und Sache ebenso nicht möglich, denn die Erkenntnis beider erfordert ein-und-dasselbe Vermögen.“

 

Der Verstand [nous] ist in gewisser Weise der Möglichkeit nach das Gedachte (das gedachte Ding), als Verwirklichtes jedoch ist er es nicht, solange er nicht in actu denkt – so ähnlich wie bei einer Schreibtafel, auf welcher nichts Geschriebenes steht, bevor sie beschrieben wird. „[…] hoti dynamei põs esti ta noeta ho nous, all’ entelecheia ouden, prin an noe· dynamei d’ outõs hõsper en grammateiõ hõ meden enyparchei entelecheia gegrammenon·“ (429b 30 - 430a 1).

 

In der anschließenden Debatte über die Möglichkeit eines Denkens ohne Sprache zeigte sich, dass Sprache zwar die Körperlichkeit des Denkens bildet (Walter Seitter), jedoch nur insofern, als sie auf der Setzung von Unterscheidungen beruht. Dabei handelt es sich vor allem um die Setzung von Zeichen, die ein System, ein Sprach-System bilden.

 

Darüber hinaus möchte ich ein Beispiel aus dem fünften Kapitel des dritten Buches von De anima | Peri psyches anführen, das von Aristoteles ebenfalls im Kontext von Denken und Seele vorgebracht wird, und in dem die Kunst [techne] als aktives und kreatives Element gefasst wird. Dieses Beispiel betrifft den Schnittpunkt zwischen Kunst, Materie und Seele: Zum einen gibt es das Verhältnis von „nous“, ein Denken, das sich auf etwas Materielles bezieht und mit ihm eins wird; zum anderen gibt es den „nous“, der alles hervorbringt beziehungsweise verwirklicht, so wie das Licht [φως] – in gewisser Hinsicht – alle Farben, die der Möglichkeit nach existieren, zur Farbe in Wirklichkeit werden lässt.

 

Diese Form des Denkens, des Verstandes – der seinem Wesen nach „energeia“, tätige Wirklichkeit und Aktualisierung ist –, wird zunächst im Zusammenhang mit der Kunst in Bezug auf die Materie (hyle) gefasst. Alle bislang genannten Differenzierungen sind dabei notwendigerweise der Seele selbst immanent.

 

Sophia Panteliadou


Dienstag, 7. April 2026

De Anima / Peri Psyches - lesen 36 (428b 11 – 429b 10)

 


Protokoll vom 25. März 2026

 

An Ende des 3.Kapitels des 3. Buches bereitet Aristoteles eine Theorie des Denkens vor, wobei das Denken vom Wahrnehmen getrennt ist. Dazu werden die Annahme (hypolepsis) und die Vorstellung (phantasia) eingeführt. Etwas später wird der Weg von der Meinung (doxa) über die Überzeugung (pistis) zum Überzeugtsein (peitho) zur Vernunft (logos) geführt, aber auf diesen Weg liegt die Vorstellung etwas abseits.

Die Vorstellung ist weder eines der oben genannten Zustände, noch aus diesen zusammengesetzt. Weil die Vorstellung von der Wahrnehmung entfernt ist, ist auch die Möglichkeit der Täuschung gegegeben. In dem gelesenen Abschnitt wird die Vorstellung aus einer Art der Bewegung hergeleitet, die ohne Wahrnehmung (aisthesis) nicht vorzukommen scheint. Bewegung gibt es nur durch die Wirklichkeit (energeia) der Wahrnehmung, die nur bei denen vorkommt, die wahrnehmen und die es nur bei dem gibt, das auch wahrgenommen werden kann. Aristoteles verstärkt das Argument, die Bewegung ist weder ohne die Wahrnehmung möglich, noch kommt es Lebendigem ohne Wahrnehmung zu. Diese, der Wahrnehmung Fähigen, tun und erleiden vieles, können in den daraus abgeleiteten Vorstellungen auch wahr und falsch sein. Das hat folgende Gründe

Die Wahrnehmung er eigentümlichen (idion) Wahrnehmungsgegenstände hat den geringsten Anteil an Falschen. Für das Sehen ist der eigentümliche Gegenstand die Farbe. Zweitens die Wahrnehmung des Akzentiellen birgt bereits die Möglichkeit der Täuschung, denn über das Weiße täuscht sich die Wahrnehmung nicht, aber über den Gegenstand, dem dieses Weiße zukommt. Drittens, kann man sich im höchsten Maße täuschen bei den gemeinsamen, auf eigentümliche und akzidentielle Wahrnehmungsgegenstände folgende Gegenständen, wie Bewegung und Ausdehnung.

Eine andere Bewegung als die der Wahrnehmungsgegenstände, die innere Bewegung, die durch die Wahrnehmung ausgelöst wurde.

Die phantasiai sind Bewegungen als Folge von Wahrnehmungsvorgängen, die im Körper verbleiben und gespeichert werden für eine Wiederverwendung. Solange die Wahrnehmung gegenwärtig ist, wird sie wahr sein, bei Abwesenheit oder weiten Entfernungen des Wahrnehmungsgegenstandes kann sie falsch sein. Von dem Gesagten leitet Aristoteles die Vorstellung von der durch die wirkliche Wahrnehmung entstehende Bewegung ab.

Es folgt eine Stelle, die mir besonders gefällt, Aristoteles leitet den Namen phantasia vom Licht (phaos) ab, weil ohne Licht es nicht möglich ist zu sehen und der Gesichtssinn im höchsten Grad Wahrnehmung ist.

Es leitet sich laut Corcilius vom Verb phainomai (erscheine, sichtbar sein, sich zeigen) und ist das daraus gebildete nomen abstractum. Die Vorstellung bleibt und gleicht den Wahrnehmungen, daher handeln die Tiere danach, weil sie keine Vernunft haben, eine etwas erstaunliche Feststellung, Tiere mit phantasia. Bei den Menschen werden die Vorstellungen wirksam, weil die Vernunft zeitweilig durch die Leidenschaften, Krankheiten und Schlaf verdeckt ist.

Die von der phantasia aufbewahrten Wahrnehmungensinhalte können auch deshalb täuschend und falsch sein, weil sie nicht mehr den aktuellen Wahrnehmungen entsprechen oder weil die phantasia nicht über ein dem Denken analoges Urteilsvermögen verfügt. Dennoch scheint die phantasia ein notwendiges Requisit für das Denken zu sein

 

4. Kapitel

 

In diesem Kapitel wird das Denkvermögen (nous) vorgestellt, ein Teil der Seele, mit dem sie erkennt und einsieht (phronei), nicht ob dieser Teil der Größe nach abtrennbar (choristou) oder dem Begriff (logos) nach abtrennbar ist. Damit ist gemeint, ob das Denken ein selbständiger Teil der Seele ist, der einen spezifischen Unterschied zu den anderen Teilen wie die Wahrnehmung aufweist. Zuerst wird das Denken dem Wahrnehmen analog gesetzt, indem es ein Erleiden durch den denkbaren Gegenstand wäre oder Derartiges. Aber das Denken muss fähig sein alle denkbaren Formen aufzunehmen, zugleich ist es unaffizierbar (apathes).

Das Denken muss sich zu den denkbaren Gegenständen verhalten wie das Wahrnehmungsvermögen zu den wahrnehmbaren Gegenständen, dem Vermögen nach von ihrer Beschaffenheit, aber nicht die Form selbst. Sie muss unvermischt sein, wie Anaxagoras sagt: „damit sie herrsche“, das heißt, damit sie erkenne, denn das Fremde, das dazwischen kommt steht im Weg. Daher besitzt das Denken keine körperliche Natur, sie ist ein reines Vermögen. Die Vernunft oder das Denken der Seele (tes psyches nous), als diskursiv (dianoeitai) und Annahmen machen verstanden, ist der Wirklichkeit nach keines von den seienden Dingen, bevor es nicht denkt.

Das Denken, als unvermischt mit dem Körper hat demnach kein Organ wie das Wahrnehmungensvermögen. Fast um sich etwas von gerade geäußerten zu distanzieren gibt Aristoteles denen recht, die sagen, die Seele sei der Ort der Formen, mit den Einschränkungen, das es nur denkfähige Teil der Seele ist und nur dem Vermögen nach. Nur auf grund der eigenen Formlosigkeit kann das Denken alles denken.

Die Unaffizierbarkeit ist eine andere als beim Wahrnehmungsvermögen, wo nach heftigen Einwirkungen nicht mehr wahrgenommen wird. Das Denken steigert sich, wenn es etwas in hohen Maße Denkbares gedacht hat, denkt es geringere Gegenstände auch intensiver. Während die Wahrnehmung nicht ohne Körper sein kann, ist die Vernunft abtrennbar, und kann daher zu jeden einzelnen Denkgegenstand werden, wie es von den wirklich Wissenden (epistemon) ausgesagt wird. Das tritt ein, wenn das Denken durch sich selbst tätig werden kann, sie bleibt noch auf gewisse Weise dem Vermögen nach, aber nicht so wie vor dem Lernen oder Herausfinden (mathein he eurein).

 

Dann vermag das Denken auch sich selbst zu denken -

 

und damit verlassen wir das menschlich Denken und nähern und dem göttlichen Denken des Denkens.

 

Karl Bruckschwaiger

 

 

Mittwoch, 18. März 2026

De Anima / Peri Psyches - lesen 35 (428a 18 – 428b 10)

 


Protokoll vom 04.03.2026

Bei der Besprechung des Protokolls von Sophie Panteliadou kommt es auf Wunsch von Walter Seitter noch zu einer Bestätigung seiner protokollarischen Feststellung der Störanfälligkeit des Wahrnehmungsvermögens, die bis zum völligen Ruin führen kann.  (426 b 6, Protokoll vom 4. Feb.)   Aufgrund eines möglichen Missverständnisses bei der Übersetzung daher noch folgende Präzisierung: ύperballonta de lupei ή jqeίrei  (jθείρw  zugrunde richten, zugrunde gehen,  Friedrich Gemoll, Griechisch- Deutsches Schul- und Handwörterbuch, Wien 1908, 9. Auflage 1997, S 782)

Die Vorstellung gehört nicht zu jenen Fähigkeiten, die immer die Wahrheit aussagen, wie das Wissen oder das Denken, es gibt schließlich auch falsche Vorstellungen, d.h. sie entsprechen nicht der Wirklichkeit. Nun muss man überlegen, ob das eine Meinung ist und überprüfen, ob es eine wahre oder falsche Meinung ist.  allerdings muss man eine Meinung für glaubhaft halten, es handelt sich also um eine Überzeugung, die des Vertrauens bedarf. Hier besteht ein klarer Unterschied zu den Tieren, die zwar Vorstellungen, aber keine Überzeugungen haben. Daraus folgt für Aristoteles, dass auf jede Meinung Überzeugung, auf Überzeugung das Überzeugtsein und auf Überzeugtsein die Vernunft folgt.

Walter Seitter schlägt folgende Differenzierung vor: Im Unterschied zum Meinen, der doxa, gibt es noch die  hypolepsis und die pistis, wobei die hypolepsis als Angabe über den Sachverhalt mehr Objektivität erfordert, während die pistis einen höheren Anteil an Subjektivität hat. Pistis bedeutet auch jemandem zu glauben.

 Ebenso schließt Aristoteles daraus, dass Vorstellung weder Meinung mit Wahrnehmung, noch Meinung durch Wahrnehmung, noch Verknüpfung von Meinung und Wahrnehmung sein dürfte. Meinung hat daher nichts anderes zum Gegenstand als die Sinneswahrnehmung.

Eine Verbindung zwischen Meinung und Wahrnehmung, die das Weiße zum Gegenstand hat, ist eine Vorstellung, etwas anders ist hingegen eine Verbindung, die das Schöne und die Wahrnehmung des Weißen zum Gegenstand hat. Weil ich mich hier durch Denken (dianoia) urteilend auf das Gute einlasse. Meinung ist Urteil, Vorstellung ist Bild, so Walter Seitter. Weiß verhält sich zur Wahrnehmung wie das Gute zum Denken. Denken ist Proportion.

Man kann sich auch Falsches vorstellen, das man gleichzeitig für wahr hält. Die Sonne scheint zwar nur einen Fuß groß zu sein, aber man hat dennoch den Eindruck, dass sie größer als die Erde ist. In diesem Fall hat man entweder seine wahre Meinung, die man hatte, aufgegeben, obwohl der Sachverhalt gleichblieb, man nicht darauf vergessen hatte oder die Überzeugung änderte, oder aber, wenn man sie noch hatte, sie zugleich wahr und falsch sein muss. Die Meinung muss immer falsch werden, wenn sich der Sachverhalt unbemerkt verändert. Die Vorstellung ist weder eines dieser Vermögen, noch eine Kombination aus ihnen.

 

Manfred Russo  

Dienstag, 3. März 2026

De Anima – Peri psyches lesen 34 (427a 17 – 428a 18)

 

Protokoll vom 18. Februar 2026

 

In diesem Abschnitt (III. Buch, 3. Kapitel, 427a 17ff) geht Aristoteles der Frage nach „Was das Denken sei“, ohne sich vorweg auf eine Definition einzulassen. Im Unterschied jedoch zur Auffassung, dass Denken ein „mentaler Prozess“ sei, bei dem das Gehirn Informationen verarbeitet, oder, dass Denken als die Fähigkeit des Erkennens und Urteilens bezeichnet wird, stellt sich Aristoteles der Konfrontation mit dieser Fragestellung offen gegenüber, und startet mit der Besprechung einiger Eigenschaften bzw. Fähigkeiten der Lebewesen, die möglicherweise dem Denken förderlich seien. Er zeichnet vorerst Elemente der Wahrnehmung (aisthesis), der Vorstellung (phantasia) und ihrer Einrahmung an, um dann zu deren Grenzen überzugehen.

 

Nach einem Rekurs zu den früheren Dichtern und Denkern und ihrer Annahme, dass sowohl das Verstehen (to noein) als auch das Wahrnehmen (to aisthanesthai) körperlich seien, beginnt er mit der Darstellung seiner eigenen Position. Der Ausgangspunkt bezieht sich zunächst auf die Funktion und die Materialität des Denkens. Demnach sowie auch dem Prinzip der Ähnlichkeit folgend formulierten die früheren Denker, dass Denken und Wahrnehmen dasselbe seien – wie beispielsweise bei dem Empedokles Zitat „pròs pareòn gàr mêtis aéxetai anthrôpoisin“ (427a 23-24) ersichtlich wird: „Das Denken (Gedanke = mêtis) der Menschen wächst entsprechend dem, was sich (in den Sinnen) zeigt.“ (Oder, übers. v. Thomas Buchheim: „Im Verhältnis zum Anwesenden wächst Gedanke (mêtis) den Menschen“).

Als nächstes widmen wir uns dem Wort „apáte“[1] (Täuschung): 427b 5-6 „[…] es scheint aber, dass sowohl die Täuschung (apáte) wie auch das Wissen (epistéme) in Bezug auf die Gegensätze identisch ist.“ (übers. Thomas Buchheim). Könnte es sein, frage ich mich an dieser Stelle, dass das Phänomen Täuschung – in gewisser Hinsicht ähnlich wie von Jacques Lacan vorgestellt – als Gegenstand dieser Abhandlung im Umgang mit den Zuständen der Seele interpretiert werde?

 

Aristoteles stellt hier fest, dass die Seele sich zumeist im Zustand einer Täuschung befindet; er betont in Folge erneut, dass Wahrnehmen und Begreifen nicht dasselbe seien und dass am ersten alle Lebewesen teilhaben, während am anderen nur wenige. Hierbei werden im Kontext der Unterscheidung zwischen „Verstehen“ und „Wahrnehmen“ zudem mehrere Kriterien eingeführt, die den Begriff der „Auffassung“ (ypólepsis) näher bestimmen: es handelt sich um die Begriffe „Wissen“, „Meinung“ und „Einsicht“ – „Ypólepsis“ bedeutet im Griechischen: Auffassung, Auffassungsvermögen, Erkenntnisvermögen; Verstehen, Begreifen; die Bedeutung von einer Sache / über ein Ding (ti) begreifen. (Liddell / Scott).

Die anschließende Differenzierung betrifft das Denken selbst, welches sich in richtiges und falsches teilt; dem „richtigen“ Denken kommen: „Einsicht“ (frónesis), „Wissen“ (epistéme) und „wahre Meinung“ (dóxa alethés) zu, während dem „falschen“ das Gegenteil davon zugeschrieben wird.

 

Der Gedanke (dianoeisthai, 427b 13) kann sich irren bzw. falsch sein; die Wahrnehmung dagegen ist immer wahr, denn sie bezieht sich auf einen bestimmten Gegenstand. „Das Nachdenken (dianoia) kommt keinem zu, was nicht auch Begriff (lógos) hat.“ 427b 14 (Übers., Th. Buchheim).

Wir diskutieren hierzu kurz über die Bedeutung des Verbes „alethéuein“ (427b 21) und Walter Seitter schlägt vor, das Wort mit „ich lebe in der Wahrheit“ zu übersetzen; Sophia Panteliadou stellt hierzu fest, dass dieser Ausdruck vorwiegend in Verbindung mit einer Sachlage bzw. einer Aussage steht. Im Liddell / Scott Lexikon lese ich, dass beide Fassungen richtig sind:

     „alethéuô“ wird durch die Ausdrücke „ich bin wahrhaftig“ bzw. „ich spreche die Wahrheit“ transkribiert; und, dass

     die aktive Form des Verbs in Zusammenhang mit Dingen bzw. philosophischen Gegenstand auch: „zur Wahrheit gelangen“ bedeutet,

     während die passive Form von „aletheuein“, d.h., das Verb „aletheuesthai“ sich auf Sachverhalte bezieht und durch Ausdrücke wie „ich stimme der Wahrheit zu“ oder „ich bin einverstanden / im Einklang mit der Wahrheit in Bezug auf eine Sache“ bzw. „die Wahrheit trifft zu“ transkribiert wird.

Aristoteles verwendet in seiner Abhandlung Topik die mediale Form des Verbums mit der gleichen – wie oben erwähnt – Bedeutung.

 

Die nächste Stufe einer Differenzierung zwischen Wahrnehmung und Denken betrifft die Vermittlung der Vorstellungsbilder (phantasma) und die Funktion der Vorstellung (phantasia): Die Vorstellung unterscheidet sich sowohl von der Wahrnehmung als auch vom Nachdenken (dianoia). Ohne Wahrnehmung gäbe es keine Vorstellung und ohne Vorstellung gäbe es wiederum keine Auffassung (Th. Buchheim) / Vermutung (W. Theiler) / keine Meinung. In Bezug auf die Vorstellung (phantasia) (428a ff.) gehen wir von der möglichen Erscheinung bzw. Darstellung eines Bildes aus (oder nicht) – und zwar nicht in metaphorischem Sinn; dieser Vorgang findet intentional statt, d.h. der Zustand (pathos) ist subjektiv im Unterschied zur Funktion des „meinen“ (doxazein). Hierbei stellt sich zudem die Frage, ob man gemäß einer Möglichkeit oder aus Gewohnheit handelt, denn davon hängt es ab, ob wir nach einem wahren oder falschen Kriterium unterscheiden / urteilen. Kriterien zur Fähigkeit einer Differenzierung sind: die Wahrnehmung, die Meinung, das Wissen und der Verstand. (428a 4-5). Aristoteles stellt schlussfolgernd am Beispiel der Unterscheidung zwischen Sicht und Sehen dar, dass Vorstellung (phantasia) nicht Wahrnehmung (aisthesis) ist. Die Wahrnehmung des Sehens beispielsweise unterscheidet zwischen Sicht als Fähigkeit (Sehvermögen) und dem Sehvorgang als Wirklichkeit eines aktuellen Tuns. Als Unterscheidungskriterium zwischen Wahrnehmung und Vorstellung sowie als Beweisführung wird an dieser Stelle das Argument formuliert, dass die Wahrnehmung immer und für alle Lebewesen vorhanden ist, die Vorstellung aber nicht – dies trifft beispielsweise bei der Ameise, der Biene oder dem Wurm zu. Am Beispiel des Phänomens des Traumes[2] wird des Weiteren vorgeführt, dass die Vorstellungskraft (phantasia) keinesfalls gleich wie Wahrnehmung oder Wissen agieren kann, denn sie könnte sich irren – etwas, das, wie schon vorher ausgeführt wurde, bei der Wahrnehmung, dem Wissen oder Verstand nicht der Fall ist, nachdem sie immer in Verbindung mit wahrheitsbezogenen Haltungen stehen.

 

Sophia Panteliadou

 



[1] Der Begriff „apáte“ (griech. πάτη) bedeutet: „Täuschung“, „Betrug“, „Irreführung“ und spielt u.a. in der Rhetorik des Aristoteles eine spezifische Rolle.

 

[2] Die wahrgenommenen Bilder in Träumen während des Schlafens sind weder mit Sicht noch mit aktuellem Sehen verbunden.