De anima 425a 28 – 426a 17
Die Sitzung wird von Karl
Bruckschwaiger mit der Verlesung des Protokolls eröffnet und es
kommt schnell zu einer lebhaften Diskussion.
Es geht dabei um das Ende seines
Protokolls in dem er das Beispiel von Aristoteles zur Frage der
Wahrnehmung gemeinsamer Wahrnehmungsgegenstände zitiert, „dass
wir den Sohn des Kleon nicht deswegen wahrnehmen, weil er Sohn des
Kleon ist , sondern weil er weiß ist und diesem Weißen kommt
akzidentell zu der Sohn des Kleon zu sein. Von den gemeinsamen
Gegenständen haben wir bereits eine gemeinsame Wahrnehmung, die
nicht akzidentell ist.“ und Karl Bruckschweiger meint nun:
„Dabei ist das Weiße eine
Wahrnehmung und der Sohn des Kleon ein Wiedererkennen aus der
Erinnerung, so ganz überzeugt mit die holistische Erklärung nicht“
Aristoteles erklärt das im weiteren
Verlauf des Textes so, dass wir von den gemeinsamen
Wahrnehmungsgegenständen bereits eine gemeinsame Wahrnehmung haben,
die nicht akzidentell ist und daher die verschiedenen
Wahrnehmungsgattungen selbst die eigentümlichen Gegenstände der
jeweils anderen (Wahrnehmungsgattungen) nur auf akzidentelle Weise
wahrnehmen, vor allem wenn die Wahrnehmung zugleich stattfindet und
denselben Gegenstand betrifft. Anscheinend leistet die gemeinsame
Wahrnehmung etwas, das zusätzlichen Sinn ergibt.
Aber irgendwie besteht der Verdacht bei
Sofia Panteliadou, Karl Bruckschweiger und Manfred Russo, dass hier
eine kognitive Mehrleistung erforderlich wäre, um den Sohn des Kleon
zu identifizieren, die über das akzidentelle weiß hinausgeht.
Walter Seitter versucht aber klarzumachen, dass dies bei Aristoteles
eben alles nur als Wahrnehmung gilt.
Ein anderes Beispiel, bei dem mehrere
Wahrnehmungsorgane zugleich denselben Gegenstand akzidentell
wahrnehmen, wäre, dass die Galle bitter und gelb ist. Das bringt nun
eine kleine assoziative Erweiterung durch Sofia Panteliadou und
Walter Seitter die von der Galle zur Temperamentenlehre führt. Die
gelbe Galle betrifft den Choleriker, die schwarze Galle den
Melancholiker.
Eine andere Frage Aristoteles ist,
warum wir überhaupt mehrere Wahrnehmungsgattungen haben, und er
vermutet deshalb, damit uns die gemeinsamen und begleitenden
Wahrnehmungsobjekte wie Bewegung, Ausdehnung und Anzahl weniger
entgehen können. Da die gemeinsamen Wahrnehmungsgegenstände auch in
einem anderen Wahrnehmungssinn vorkommen, wird auch klar, dass jeder
davon auch etwas anderes ist.
3.2.
Aristoteles erhöht nun die Komplexität
durch die Einziehung einer Art von Metaebene, indem er sagt, dass wir
wahrnehmen, dass wir sehen und hören und so entweder mit dem
Gesichtssinn wahrnehmen, dass wir sehen oder eben mit einem anderen
Sinn. Das ergibt aber ein Problem, denn dann würde derselbe Sinn das
Sehen als auch die zugrundeliegende Farbe betreffen. Zwei
Wahrnehmungen beziehen sich dann auf das Sehen oder sich selbst,
wobei letzteres zu einem unendlichen Regress führen würde. Mit dem
Gesichtssinn wahrnehmen bedeutet Sehen und Farbe oder das, was die
Farbe hat und wenn man das Sehende sieht, hat auch dieses Farbe.
Damit wird verständlich, dass „Mit dem Gesichtssinn wahrnehmen“
mehr als eine Bedeutung annehmen kann. Denn selbst wenn wir nicht
sehen, unterscheiden wir Dunkelheit und Licht. Auch das Sehende ist
in gewisser Weise gefärbt, weil die Wahrnehmungsorgane den
Gegenstand ohne Materie wahrnehmen können, daher verbleiben diese
Gegenstände als Vorstellungen in den Wahrnehmungsorganen. Resümieren
wir mit Walter Seitter, der von drei Stufen des Sehens spricht: 1.
Farbe, 2. Dunkel und Licht, 3. Sehen (Reflexion der Wahrnehmung,
Sehen, dass man sieht)
Das wirkliche Einwirken des
Wahrnehmungsobjekts und die wirkliche Wahrnehmung sind dasselbe, dem
Sein nach aber verschieden. Aristoteles will damit den Unterschied
von Wirklichkeit und Möglichkeit der Wahrnehmung durch Beispiele
demonstrieren. Es ist möglich, dass jemand Gehör hat und nicht hört
und dass etwas Schall hat und nicht schallt. Hier kommen
Möglichkeiten nicht zur Wirklichkeit. Nur wenn jemand wirklich hört
oder etwas wirklich schallt, wird es verwirklicht und man kann von
einem Hör-Akt oder Schall-Akt sprechen, zugleich entstehen das
wirkliche Gehör und der wirkliche Schall, auch als Hörung oder
Schallung zu bezeichnen, weil hier verwirklichte Vermögen durch ein
Tun vorliegen. Die Endung „ung“ deutet in diesem Zusammenhang auf
eine Tätigkeit oder einen Vorgang hin (Walter Seitter: „Ung-Wörter
und im Griechischen „ σις“- Wörter) Tätigkeit und Bewegung
finden im Leidenden und nicht im Tätigen statt.
Bei einigen Sinnen gibt es Begriffe
(wie Schall- oder Hör-akt) aber nicht bei allen. Beim Sehsinn wird
die Wirklichkeit Sehen (Sehung) genannt, für die Einwirkung der
Farbe gibt es keinen Namen, Beim Geschmackssinn wird die Wirklichkeit
des Vermögens Schmecken (Schmeckung) genannt, die Einwirkung des
Geschmacks hat keinen Namen.
Das Wirklichkeit des
Wahrnehmungsobjekts und die das Wahrnehmungsvermögens ist eine
einzige, aber dem Sein nach verschieden, daher muss beides gemeinsam
bestehen oder vergehen.
Aristoteles kritisiert auch die
früheren Naturphilosophen, die meinten, dass es ohne Sehen keine
Farbe und ohne Schmecken keinen Geschmack gebe, wobei sie zwar im
Falle der Verwirklichung recht haben, im Falle der Potentialität
aber nicht.
Nun wandelt Aristoteles diesen
Sachverhalt mit weiteren Beispielen ab. Wenn der Zusammenklang ein
Ton ist und Ton und Gehör dasselbe, aber auch verschieden sind, der
Zusammenklang aber eine Proportion ist, so muss auch das Gehör eine
Art von Proportion sein. Daher ruiniert das Übermäßige das Gehör
(zu hoch oder zu tief) und den Geschmack. Bei den Farben verdirbt das
zu helle oder zu dunkle den Gesichtssinn, ebenso zu starke Gerüche
den Geruchssinn. Weil die Wahrnehmung eine Proportion ist, ist es
angenehm, wenn die Wahrnehmungsgegenstände in ein bestimmtes
Verhältnis gebracht werden, wie das Hohe, das Süße oder Salzige,
Beim Tastsinn das Warme und Kalte. Übermäßige Wahrnehmungsobjekte
schmerzen und können Verderben bereiten.
Jede Sinneswahrnehmung hat ihren
Wahrnehmungsgegenstand, der sich im jeweiligen Sinnesorgan befindet
und unterscheidet wie z.B. der Gesichtssinn weiß oder schwarz, der
Geschmackssinn süß oder bitter und alle weiteren
Sinneswahrnehmungen.
Da stellt nun Aristoteles eine wichtige
Frage: Da wir alles Wahrnehmbare voneinander unterscheiden, wie etwa
das Weiße vom Süßen, wie nehmen wir wahr, dass sie sich
unterscheiden? Wohl durch Wahrnehmung, weil auch das eine Wahrnehmung
ist. Damit wird auch klar, dass das Fleisch nicht das letzte
Sinnesorgan sein kann. Dann müsste ja das beurteilende Organ sein
Urteil durch Berührung vornehmen und eine Unterscheidung treffen
können. Ende 426a 17