Protokoll vom 18. Februar 2026
In diesem Abschnitt (III. Buch, 3. Kapitel, 427a 17ff) geht Aristoteles der Frage nach „Was das Denken sei“, ohne sich vorweg auf eine Definition einzulassen. Im Unterschied jedoch zur Auffassung, dass Denken ein „mentaler Prozess“ sei, bei dem das Gehirn Informationen verarbeitet, oder, dass Denken als die Fähigkeit des Erkennens und Urteilens bezeichnet wird, stellt sich Aristoteles der Konfrontation mit dieser Fragestellung offen gegenüber, und startet mit der Besprechung einiger Eigenschaften bzw. Fähigkeiten der Lebewesen, die möglicherweise dem Denken förderlich seien. Er zeichnet vorerst Elemente der Wahrnehmung (aisthesis), der Vorstellung (phantasia) und ihrer Einrahmung an, um dann zu deren Grenzen überzugehen.
Nach einem Rekurs zu den früheren Dichtern und Denkern und ihrer Annahme, dass sowohl das Verstehen (to noein) als auch das Wahrnehmen (to aisthanesthai) körperlich seien, beginnt er mit der Darstellung seiner eigenen Position. Der Ausgangspunkt bezieht sich zunächst auf die Funktion und die Materialität des Denkens. Demnach sowie auch dem Prinzip der Ähnlichkeit folgend formulierten die früheren Denker, dass Denken und Wahrnehmen dasselbe seien – wie beispielsweise bei dem Empedokles Zitat „pròs pareòn gàr mêtis aéxetai anthrôpoisin“ (427a 23-24) ersichtlich wird: „Das Denken (Gedanke = mêtis) der Menschen wächst entsprechend dem, was sich (in den Sinnen) zeigt.“ (Oder, übers. v. Thomas Buchheim: „Im Verhältnis zum Anwesenden wächst Gedanke (mêtis) den Menschen“).
Als nächstes widmen wir uns dem Wort „apáte“[1] (Täuschung): 427b 5-6 „[…] es scheint aber, dass sowohl die Täuschung (apáte) wie auch das Wissen (epistéme) in Bezug auf die Gegensätze identisch ist.“ (übers. Thomas Buchheim). Könnte es sein, frage ich mich an dieser Stelle, dass das Phänomen Täuschung – in gewisser Hinsicht ähnlich wie von Jacques Lacan vorgestellt – als Gegenstand dieser Abhandlung im Umgang mit den Zuständen der Seele interpretiert werde?
Aristoteles stellt hier fest, dass die Seele sich zumeist im Zustand einer Täuschung befindet; er betont in Folge erneut, dass Wahrnehmen und Begreifen nicht dasselbe seien und dass am ersten alle Lebewesen teilhaben, während am anderen nur wenige. Hierbei werden im Kontext der Unterscheidung zwischen „Verstehen“ und „Wahrnehmen“ zudem mehrere Kriterien eingeführt, die den Begriff der „Auffassung“ (ypólepsis) näher bestimmen: es handelt sich um die Begriffe „Wissen“, „Meinung“ und „Einsicht“ – „Ypólepsis“ bedeutet im Griechischen: Auffassung, Auffassungsvermögen, Erkenntnisvermögen; Verstehen, Begreifen; die Bedeutung von einer Sache / über ein Ding (ti) begreifen. (Liddell / Scott).
Die anschließende Differenzierung betrifft das Denken selbst, welches sich in richtiges und falsches teilt; dem „richtigen“ Denken kommen: „Einsicht“ (frónesis), „Wissen“ (epistéme) und „wahre Meinung“ (dóxa alethés) zu, während dem „falschen“ das Gegenteil davon zugeschrieben wird.
Der Gedanke (dianoeisthai, 427b 13) kann sich irren bzw. falsch sein; die Wahrnehmung dagegen ist immer wahr, denn sie bezieht sich auf einen bestimmten Gegenstand. „Das Nachdenken (dianoia) kommt keinem zu, was nicht auch Begriff (lógos) hat.“ 427b 14 (Übers., Th. Buchheim).
Wir diskutieren hierzu kurz über die Bedeutung des Verbes „alethéuein“ (427b 21) und Walter Seitter schlägt vor, das Wort mit „ich lebe in der Wahrheit“ zu übersetzen; Sophia Panteliadou stellt hierzu fest, dass dieser Ausdruck vorwiegend in Verbindung mit einer Sachlage bzw. einer Aussage steht. Im Liddell / Scott Lexikon lese ich, dass beide Fassungen richtig sind:
– „alethéuô“ wird durch die Ausdrücke „ich bin wahrhaftig“ bzw. „ich spreche die Wahrheit“ transkribiert; und, dass
– die aktive Form des Verbs in Zusammenhang mit Dingen bzw. philosophischen Gegenstand auch: „zur Wahrheit gelangen“ bedeutet,
– während die passive Form von „aletheuein“, d.h., das Verb „aletheuesthai“ sich auf Sachverhalte bezieht und durch Ausdrücke wie „ich stimme der Wahrheit zu“ oder „ich bin einverstanden / im Einklang mit der Wahrheit in Bezug auf eine Sache“ bzw. „die Wahrheit trifft zu“ transkribiert wird.
Aristoteles verwendet in seiner Abhandlung Topik die mediale Form des Verbums mit der gleichen – wie oben erwähnt – Bedeutung.
Die nächste Stufe einer Differenzierung zwischen Wahrnehmung und Denken betrifft die Vermittlung der Vorstellungsbilder (phantasma) und die Funktion der Vorstellung (phantasia): Die Vorstellung unterscheidet sich sowohl von der Wahrnehmung als auch vom Nachdenken (dianoia). Ohne Wahrnehmung gäbe es keine Vorstellung und ohne Vorstellung gäbe es wiederum keine Auffassung (Th. Buchheim) / Vermutung (W. Theiler) / keine Meinung. In Bezug auf die Vorstellung (phantasia) (428a ff.) gehen wir von der möglichen Erscheinung bzw. Darstellung eines Bildes aus (oder nicht) – und zwar nicht in metaphorischem Sinn; dieser Vorgang findet intentional statt, d.h. der Zustand (pathos) ist subjektiv im Unterschied zur Funktion des „meinen“ (doxazein). Hierbei stellt sich zudem die Frage, ob man gemäß einer Möglichkeit oder aus Gewohnheit handelt, denn davon hängt es ab, ob wir nach einem wahren oder falschen Kriterium unterscheiden / urteilen. Kriterien zur Fähigkeit einer Differenzierung sind: die Wahrnehmung, die Meinung, das Wissen und der Verstand. (428a 4-5). Aristoteles stellt schlussfolgernd am Beispiel der Unterscheidung zwischen Sicht und Sehen dar, dass Vorstellung (phantasia) nicht Wahrnehmung (aisthesis) ist. Die Wahrnehmung des Sehens beispielsweise unterscheidet zwischen Sicht als Fähigkeit (Sehvermögen) und dem Sehvorgang als Wirklichkeit eines aktuellen Tuns. Als Unterscheidungskriterium zwischen Wahrnehmung und Vorstellung sowie als Beweisführung wird an dieser Stelle das Argument formuliert, dass die Wahrnehmung immer und für alle Lebewesen vorhanden ist, die Vorstellung aber nicht – dies trifft beispielsweise bei der Ameise, der Biene oder dem Wurm zu. Am Beispiel des Phänomens des Traumes[2] wird des Weiteren vorgeführt, dass die Vorstellungskraft (phantasia) keinesfalls gleich wie Wahrnehmung oder Wissen agieren kann, denn sie könnte sich irren – etwas, das, wie schon vorher ausgeführt wurde, bei der Wahrnehmung, dem Wissen oder Verstand nicht der Fall ist, nachdem sie immer in Verbindung mit wahrheitsbezogenen Haltungen stehen.
Sophia Panteliadou