Protokoll vom 17. Juni 2026
Fragestellungen, die auf das Denken und Denkvermögen in Verbindung mit Funktionen der Seele zurückgehen, war schon im vierten Kapitel des III. Buches Gegenstand der Abhandlung; diesen roten Faden folgend lesen wir im siebenden Kapitel, dass die Seele niemals ohne die Vorstellungsbilder denkt. (431a 16-17)
Zwischen dem Symbolischen und dem Imaginären oszillierend, stellt sich somit weiterhin die Frage, auf welche Weise dies geschieht. Zu klären ist, ob die Denkfähigkeit die Formen [eide] mittels der Vorstellungsbilder – en tois phantasmasi („in den Vorstellungsbildern“) – denkt und dadurch, analog zu den in diesen Bildern Wahrgenommenen – das Bezweckte bzw. das zu Verfolgende und das zu Meidende bestimmt. Daraus ergibt sich zugleich die Frage, ob sich das Denken auch außerhalb der unmittelbaren Wahrnehmung vollzieht, sofern sie – die zum Nachdenken fähige Seele – bei den Vorstellungsbildern verweilt. Angedeutet werden hier die spezifischen Qualitäten des Denkvermögens in Verbindung mit den Orts- und Zeitbewegungen (431b 3 und 431b 8) in der Seele. Um diesen Zusammenhang zu verdeutlichen, wendet sich Aristoteles dem Bereich des Politischen zu. Er veranschaulicht dies anhand des Beispiels einer Fackel, die als Signal fungiert. Diese wird zum einen im Sinne des common sense mit Feuer assoziiert; zum anderen lässt ihre Bewegung die Betrachtenden – horôn kinoumenon („das Bewegte sehend“) – erkennen, dass sich ein Feind [polemios] nähert. Ausgehend von dem Wort „polemios“ entwickelt sich (unter uns) eine Diskussion über den Umgang mit politischen Begriffen, wie sie insbesondere in der Gegenüberstellung von ‚Freund‘ und ‚Feind‘ zum Ausdruck kommt. Zugleich stellt sich die Frage, ob eine Freund-Feind-Interpretation des aristotelischen Textes an dieser Stelle überhaupt zutreffend wäre. Dabei ist hervorzuheben, dass polemios hier nicht als empirische oder politische Kategorie, sondern als Denkbegriff im Rahmen der aristotelischen Argumentation fungiert.
Anders wiederum, mittels der Vorstellungsbilder oder der Gedanken / Denkbilder, die in der Seele vorhanden sind, überlegt sie – die zum Nachdenken fähige Seele – gleichsam sehend, und entscheidet [vouleuetai] über die Zukünftigen auf der Grundlage der Vorliegenden (der Gegenwärtigen). Wenn sie andernfalls sagt, dass sich dort das Angenehme oder Schmerzliche befindet, dann wird sie es da meiden oder anstreben – und sie wird überhaupt eines von beiden tun [kai holôs hen praxei]. Der Philosoph kommt hier – wie bereits oben erwähnt – dem Gedanken von Raum und Zeit nahe, indem er die raumzeitliche Wahrnehmungsebene mit der Denk- und Vorstellungskraft in der Seele ins Bild führt. Nicht allein zwischen Empfindungen wie das Angenehme oder Unangenehme kann sie hiermit wählen, sondern ebenso eine Entscheidung sowohl zu Fakten als auch ohne sie treffen; denn, bezugnehmend auf Sachlagen, die auf das ‚Wahre‘ und das ‚Falsche‘ oder ‚Verlogene‘ basieren, wird festgelegt, dass diese der gleichen Gattungsebene zukommen wie das ‚Gute‘ und ‚Schlechte‘. Allerdings steht hier fest, dass sich die erstgenannten Dinge zumindest hinsichtlich des ‚Schlechthin‘ unterscheiden, während die zweitgenannten auf das ‚für jemanden‘ beziehen. In Bezug auf die sogenannten Abstraktionen, also die „unbestimmten“ Seienden, denkt der nous in derselben Weise, wie man das Flache nicht als flach, sondern als konkav denken würde – und zwar getrennt (losgelöst) vom Fleisch, in dem das Konkave erscheint. Entsprechend verhält es sich bei den mathematischen Dingen/Gegenständen. Allgemein gesprochen ist ‚nous‘ als tätiger und wirkender Verstand den abstrakten Dingen, die er denkt, gleichförmig. Auf diese zuletzt angesprochenen Fragen will der Philosoph im weiteren Verlauf seiner Untersuchung nochmals zurückkommen.
Aristoteles greift abschließend erneut die These auf, dass die Seele in gewisser Hinsicht alle Seienden sei, und führt aus, dass diese entweder wahrnehmbare oder denkbare Dinge sind. Damit ist eine allgemeine Denkebene angesprochen, auf der Wissen und seine Gegenstände aufeinander bezogen sind. Im Folgenden geht er der Frage nach, wie das Verhältnis zwischen Seele, Wissen und den Gegenständen des Wissens zu verstehen ist.
Sophia Panteliadou