τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Montag, 13. Mai 2019

In der Metaphysik lesen Buch VIII (H), 1049b 4 – 1050a 6


In der Metaphysik lesen (BUCH VIII (H), 1049b 4 – 1050a 6) 



In Abschnitt 7 (1049a 1 – 1049b 3) hatte Aristoteles die Frage aufgeworfen, was mit dem Ausdruck „dem Vermögen nach seiend“ gemeint ist. Ist etwa die Erde dem Vermögen nach ein Mensch? Nein. Ist sie das, wenn sie ein Same geworden ist? Auch dann nicht so ohne weiteres, der Same muss in ein anderes eingehen und sich umwandeln. Auch ist die Erde nicht als solche schon dem Vermögen nach eine Statue – sie muss erst zu Erz werden. Ein Vermögen ist eine Tendenz zu einem Werden, das stattfindet, wenn ihr keine Hindernisse entgegenstehen. Diese Tendenz liegt auch im Material, und zwar im nächstliegenden Material – nicht im sogenannten „ersten Stoff“, der ein Fernmaterial ist. So hat ein menschlicher Körper das Vermögen, die Tendenz zum Gesundsein.

Besteht ein Ding aus einem Material wie etwa ein Kasten aus Holz, so wird der Kasten nicht Holz genannt sondern hölzern – das heißt es wird die Wortart Adjektiv vorgezogen. Das Holz heißt nicht Erde, sondern irden, und die Erde heißt nicht Feuer sondern feurig. Das Feuer ist ein erster Stoff – wird aber von keinem späteren Stoff oder Ding ausgesagt. Das Feuer ist ein erstes Substrat. Der Mensch (mit Körper und Seele) ist das Substrat für Affektionen wie musisch und weiß. Der Mensch heißt nicht die Weißheit oder das Musische. Das Musische ist seinerseits das Substrat für die Musik. Der Mensch heißt auch nicht Gang oder Bewegung sondern gehend oder bewegt. Dem Vermögen nach ist er gehend – sofern er augenblicklich sitzt. Insofern ist jetzt das Vermögen zum Gehen früher als die entsprechende Verwirklichung.

Wir haben begonnen, Abschnitt 8 zu lesen, und da stellt Aristoteles die Frage, welche der beiden Modalitäten - Vermögen oder Verwirklichung -„früher“ oder „primär“ ist – wobei zwischen zeitlicher und begrifflicher Priorität zu unterscheiden ist. Aristoteles sagt, begrifflich oder erkenntnismäßig ist die Verwirklichung primär, denn ein Vermögen definiert sich von der Verwirklichung her: sehfähig ist, was wirklich sehen kann.

Zeitlich aber geht das dem Vermögen nach Existierende häufig dem der Verwirklichung nach Existierenden voraus, wie wir bereits an Beispielen gesehen haben. Etwa der Same dem voll ausgebildeten Menschen. Aber der Same stammt seinerseits von einem noch früheren Menschen. Und Aristoteles weitet dieses Schema auch auf die anders gelagerten Fälle des Flötenspielers und des Baumeisters aus. Den Vermögen gehen immer bestimmte noch frühere Verwirklichungen voraus. Was entsteht, entsteht aus bestimmten Möglichkeiten und aus früheren Wirklichkeiten sowie durch bestimmte bewegende Wirklichkeiten. In Gemengelagen aus prioritären Möglichkeiten und Wirklichkeiten
– Gerhard Weinberger erwähnt François Jullien, der explizit von „neuen Möglichkeiten“ spricht, um eine bestimmte ethische Lebensqualität zu kennzeichnen. Er meint damit wohl Möglichkeiten, die nicht durch vorgängige Wirklichkeiten bestimmt sind. Liegt da ein Widerspruch zur aristotelischen Auffassung vor? Was ließe sich dazu sagen? Dass es in der Geschichte kulturelle Neuerungen gibt, die zunächst als Möglichkeiten auftauchen, das musste Aristoteles sehr wohl bekannt sein. Er skizziert ja selber solche Entstehungsgeschichten wie die der Tragödie oder der Philosophie, die sich nur wenige Jahrhunderte vor seinem Leben zugetragen haben. Er erlebte selber, wie Platon eine neue Möglichkeit des Philosophierens erfunden hat. Und seine eigenen Erfindungen von Disziplinen wie der Zoologie und der Logik und der Ethik muss er als Auftauchen von neuen Möglichkeiten erlebt haben – ganz gewiss. Aber eben erlebt haben und damit schon verbunden mit irgendwelchen Verwirklichungen welcher Art auch immer. Mit irgendwelchen Formulierungen, vielleicht auch schon mit neuen Wortbildungen, mit disparaten Entwürfen – wie sie ja dann gerade auch in seine sogenannte „gesuchte Wissenschaft“ eingegangen sind.

Die beiden Seinsmodalitäten Wirklichkeit und Möglichkeit existieren gar nicht getrennt voneinander. Auch wenn laut Jullien ganz neue Möglichkeiten zu den Ingredienzien einer bestimmten Lebensqualität gehören oder wenn laut Heidegger die Möglichkeit höher steht als die Wirklichkeit, so ist doch das Sich-auftun von originären Möglichkeiten bereits eine bestimmte, einerseits eine schwächere Wirklichkeit, andererseits der Anfang einer erweiterten Wirklichkeit.

Der Primat der Verwirklichung wird von Aristoteles auch in Richtung Ziel, also Zukunft, behauptet. Und zwar auch für die Betrachtung, die ja als ein Handeln angesehen wird, für welches die Selbstzweckhaftigkeit kennzeichnend ist. Man betrachtet indessen nicht, so Aristoteles, um über die Fähigkeit zur Betrachtung zu verfügen, sondern – um zu betrachten. Hier bringt Aristoteles einen Vergleich mit einem bekannten athenischen Maler, der dermaßen auf Können und Virtuosentum aus war, dass unklar war, ob seine Malereien zur Außenwelt gehörten und da Bestand hatten, oder ob sie nur seine Eitelkeit stützten. Für das Malen gilt ja auch, was hier vom Bauen gesagt wird, dass es nämlich ein eigenständiges Werk in die Welt hinaus setzt, welches das Ziel ist. Das Haus ist ein Ziel, bei dem besonders deutlich ist, dass noch ein weitergehendes Ziel verfolgt wird: sein Gebrauch durch Bewohner oder andere Nutzer. Mit dieser erweiterten Zwecksetzung gewinnt das poietische Tun insgesamt auch einen praktischen nämlich politischen Charakter.

Den praktischen Charakter haben Betrachten und Sehen schon von sich aus: sie haben kein Werk außerhalb der Verwirklichung: da ist die Verwirklichung selber das Werk. Und hier bindet Aristoteles die ungefähr fünf Versionen des selbstzweckhaften Handelns, die in Abschnitt 6 genannt worden waren, zu einem Komplex von Handlung zusammen: das Sehen ist im Sehenden enthalten wie das Betrachten im Betrachtenden und das Leben in der Seele und deshalb auch die Glückseligkeit – denn diese ist ein bestimmt geartetes Leben. Ich nannte das oben Lebensqualiität.

Walter Seitter



Seminarsitzung von 8. Mai 2019

Nächste Sitzung am 15. Mai 2019