τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Mittwoch, 22. April 2026

De anima / Peri psyches lesen 37 (429b 10 – 430a 9) neu


De anima  /  Peri psyches lesen  37  (429b 10 – 430a 9) neu

 

 

Protokoll vom 8. April 2026

 

Im Anschluss des verlesenen Protokolls vom 25. März haben wir zunächst über die darin angeführten Aspekte zu Wahrnehmung und den Wahrnehmungsvorgängen in Bezug auf die Phantasia und das Denken diskutiert und auch über die Unterschiede zwischen den Funktionen bzw. den Fähigkeiten der Wahrnehmung gegenüber denjenigen des Denkens gesprochen, wobei insbesondere der qualitative Unterschied zwischen Denken und Körper und ihr Verhältnis zur Wahrnehmung thematisiert wurde. Betont wurde zudem, dass beim Denken eine Aktivität – „mit viel Leiden“ stattfindet. Der Moment des Denkens ist das „jetzt“. Eine wichtige Differenzierung findet sich aber ebenso darin, dass die Fähigkeit des Wahrnehmens nicht separat vom Körper existieren könne, ein Zustand, der im Zusammenhang mit den Fähigkeiten des Verstandes /Denkens [nous] nicht stattfindet.

 

Sobald der Verstand [nous] das Gedachte denkt, vermag er aus sich heraus zu denken. (429b 10). Die Frage aber, die uns hierbei beschäftigt hat, lautet: wie geschieht es, dass „nous“ sich selbst denken kann?

 

Die Erklärung im aktuellen Textabschnitt macht zunächst aufmerksam auf die Unterscheidungskriterien, die hier von Bedeutung sind, wie beispielsweise bei der Differenzierung zwischen dem Wort „Größe“ und dem was ‚Größe-Sein‘ ist, oder zwischen ‚Wasser‘ und dem ‚Wasser-Sein‘ zu finden ist. In Folge führt Aristoteles die Fähigkeit des Wahrnehmens des Fleisches im Unterschied zum ‚Fleisch-Sein‘ vor; in diesem Fall beurteilt der Verstand (nous) den Begriff „Fleisch“ durch ein anderes Vermögen als das Fleisch selbst – als Materie. Hiermit soll hervorgehoben werden, dass die Fähigkeit des Wahrnehmens ausreichend sei, um das spezifische Objekt, beispielsweise das Fleisch [σάρξ] – zwischen Haut und Knochen –, wahrzunehmen, denn das Fleisch ist nicht ohne Materie. Anders verhält es sich jedoch bei dem Verstand, der in der Lage ist, das ‚Fleisch-Sein‘ vom ‚Fleisch‘ zu unterscheiden und sowohl die Form in der Materie als auch ohne sie zu erfassen. Die Wahrnehmung der Form, in anderen Worten das Wesen des Fleisches, gehört somit zur Fähigkeit des Verstandes [nous]. Dieser nimmt entweder die Form innerhalb der Materie wahr oder er nimmt die von der Materie getrennte Form wahr – in Thomas Buchheims Formulierung: „wie das Aufgeworfene, ein Dies-in-Demda“ oder wie es im griechischen Text lautet: ein „tode en tõde“ (429b 14). Das Warme und das Kalte (im Fleisch) unterscheidet der Verstand [nous] durch das Wahrnehmungsvermögen, und dies gilt auch für alles, wovon das Fleisch einem bestimmten Verhältnis [logos] entspricht, dennoch durch eine differierende Fähigkeit. In Verbindung mit dem Entsprechungverhältnis [logos tis] wird hier ebenfalls das Beispiel der Linie vorgestellt. Der Verstand erkennt sowohl die gerade als auch die geknickte Linie: im ersten Fall geschieht dies in Verbindung mit der Form, im zweiten in Verbindung mit dem konkreten Gegenstand. Im Falle der abstrakten Wesen / Seienden [epi tôn en aphairései óntôn] betrifft es das ‚Gerade‘ sowie das ‚Hohle‘, denn es ist mit stetiger Ausdehnung verbunden. „Das wesentliche Sein [to ti en einai] aber, wenn das Gerade-Sein und das Gerade verschieden sind, ist ein anderes“. (429b 19-20, übers. von Thomas Buchheim).

Daraus kann geschlossen werden, dass die Seele aufgrund ihrer gänzlich verschiedenen Fähigkeiten urteilen kann; und dass im Allgemeinen gesagt werden kann, dass gleich so wie die Dinge getrennt von der Materie [hyle] sind, es sich ebenfalls bei den Funktionen des Verstandes [nous] verhält (429b 22). Die Wahrnehmung aber der Form (d.h. des Wesens des Fleisches) gehört zur Fähigkeit des Verstandes [nous]. Dieser (der Verstand) nimmt – wie bereits erwähnt – entweder die Form innerhalb der Materie oder die von der Materie getrennte Form wahr. Dennoch, wegen der grundlegenden Einheit der Seele ist es vielmehr ein und dasselbe Vermögen, das sich einerseits in der Sinneswahrnehmung und andererseits im Intellekt [noesis] unterschiedlich verhält, und nur weil es getrennt (von der Materie) ist, nimmt der Verstand reine Formen – Wesenheiten und Begriffe – wahr.

 

Daraus folgt, dass dieses Unterscheidungsvermögen erforderlich ist, um das Wesen einer Sache von der Sache selbst unterscheiden zu können – etwa das Wesen des Wassers vom Wasser in seiner Materialität. Umgekehrt gesprochen: Sofern wir über die Fähigkeit zwischen Wesen und Gegenstand zu differenzieren nicht verfügen, können wir auch nicht zwischen Wesen und Sache unterscheiden; denn um beides zu erkennen, bedarf es ein und desselben Vermögens – der Seele. Die bei Simplikios überlieferte Erklärung lautet: „So wie wir den Unterschied zwischen Weiß und Süß ohne ein gemeinsames Wahrnehmungsvermögen nicht erkennen können – d.h., ohne die Sinneswahrnehmung, die beide zugänglich macht –, so ist die Unterscheidung zwischen Wesen und Sache ebenso nicht möglich, denn die Erkenntnis beider erfordert ein-und-dasselbe Vermögen.“

 

Der Verstand [nous] ist in gewisser Weise der Möglichkeit nach das Gedachte (das gedachte Ding), als Verwirklichtes jedoch ist er es nicht, solange er nicht in actu denkt – so ähnlich wie bei einer Schreibtafel, auf welcher nichts Geschriebenes steht, bevor sie beschrieben wird. „[…] hoti dynamei põs esti ta noeta ho nous, all’ entelecheia ouden, prin an noe· dynamei d’ outõs hõsper en grammateiõ hõ meden enyparchei entelecheia gegrammenon·“ (429b 30 - 430a 1).

 

In der anschließenden Debatte über die Möglichkeit eines Denkens ohne Sprache zeigte sich, dass Sprache zwar die Körperlichkeit des Denkens bildet (Walter Seitter), jedoch nur insofern, als sie auf der Setzung von Unterscheidungen beruht. Dabei handelt es sich vor allem um die Setzung von Zeichen, die ein System, ein Sprach-System bilden.

 

Darüber hinaus möchte ich ein Beispiel aus dem fünften Kapitel des dritten Buches von De anima | Peri psyches anführen, das von Aristoteles ebenfalls im Kontext von Denken und Seele vorgebracht wird, und in dem die Kunst [techne] als aktives und kreatives Element gefasst wird. Dieses Beispiel betrifft den Schnittpunkt zwischen Kunst, Materie und Seele: Zum einen gibt es das Verhältnis von „nous“, ein Denken, das sich auf etwas Materielles bezieht und mit ihm eins wird; zum anderen gibt es den „nous“, der alles hervorbringt beziehungsweise verwirklicht, so wie das Licht [φως] – in gewisser Hinsicht – alle Farben, die der Möglichkeit nach existieren, zur Farbe in Wirklichkeit werden lässt.

 

Diese Form des Denkens, des Verstandes – der seinem Wesen nach „energeia“, tätige Wirklichkeit und Aktualisierung ist –, wird zunächst im Zusammenhang mit der Kunst in Bezug auf die Materie (hyle) gefasst. Alle bislang genannten Differenzierungen sind dabei notwendigerweise der Seele selbst immanent.

 

Sophia Panteliadou


Dienstag, 7. April 2026

De Anima / Peri Psyches - lesen 36 (428b 11 – 429b 10)

 


Protokoll vom 25. März 2026

 

An Ende des 3.Kapitels des 3. Buches bereitet Aristoteles eine Theorie des Denkens vor, wobei das Denken vom Wahrnehmen getrennt ist. Dazu werden die Annahme (hypolepsis) und die Vorstellung (phantasia) eingeführt. Etwas später wird der Weg von der Meinung (doxa) über die Überzeugung (pistis) zum Überzeugtsein (peitho) zur Vernunft (logos) geführt, aber auf diesen Weg liegt die Vorstellung etwas abseits.

Die Vorstellung ist weder eines der oben genannten Zustände, noch aus diesen zusammengesetzt. Weil die Vorstellung von der Wahrnehmung entfernt ist, ist auch die Möglichkeit der Täuschung gegegeben. In dem gelesenen Abschnitt wird die Vorstellung aus einer Art der Bewegung hergeleitet, die ohne Wahrnehmung (aisthesis) nicht vorzukommen scheint. Bewegung gibt es nur durch die Wirklichkeit (energeia) der Wahrnehmung, die nur bei denen vorkommt, die wahrnehmen und die es nur bei dem gibt, das auch wahrgenommen werden kann. Aristoteles verstärkt das Argument, die Bewegung ist weder ohne die Wahrnehmung möglich, noch kommt es Lebendigem ohne Wahrnehmung zu. Diese, der Wahrnehmung Fähigen, tun und erleiden vieles, können in den daraus abgeleiteten Vorstellungen auch wahr und falsch sein. Das hat folgende Gründe

Die Wahrnehmung er eigentümlichen (idion) Wahrnehmungsgegenstände hat den geringsten Anteil an Falschen. Für das Sehen ist der eigentümliche Gegenstand die Farbe. Zweitens die Wahrnehmung des Akzentiellen birgt bereits die Möglichkeit der Täuschung, denn über das Weiße täuscht sich die Wahrnehmung nicht, aber über den Gegenstand, dem dieses Weiße zukommt. Drittens, kann man sich im höchsten Maße täuschen bei den gemeinsamen, auf eigentümliche und akzidentielle Wahrnehmungsgegenstände folgende Gegenständen, wie Bewegung und Ausdehnung.

Eine andere Bewegung als die der Wahrnehmungsgegenstände, die innere Bewegung, die durch die Wahrnehmung ausgelöst wurde.

Die phantasiai sind Bewegungen als Folge von Wahrnehmungsvorgängen, die im Körper verbleiben und gespeichert werden für eine Wiederverwendung. Solange die Wahrnehmung gegenwärtig ist, wird sie wahr sein, bei Abwesenheit oder weiten Entfernungen des Wahrnehmungsgegenstandes kann sie falsch sein. Von dem Gesagten leitet Aristoteles die Vorstellung von der durch die wirkliche Wahrnehmung entstehende Bewegung ab.

Es folgt eine Stelle, die mir besonders gefällt, Aristoteles leitet den Namen phantasia vom Licht (phaos) ab, weil ohne Licht es nicht möglich ist zu sehen und der Gesichtssinn im höchsten Grad Wahrnehmung ist.

Es leitet sich laut Corcilius vom Verb phainomai (erscheine, sichtbar sein, sich zeigen) und ist das daraus gebildete nomen abstractum. Die Vorstellung bleibt und gleicht den Wahrnehmungen, daher handeln die Tiere danach, weil sie keine Vernunft haben, eine etwas erstaunliche Feststellung, Tiere mit phantasia. Bei den Menschen werden die Vorstellungen wirksam, weil die Vernunft zeitweilig durch die Leidenschaften, Krankheiten und Schlaf verdeckt ist.

Die von der phantasia aufbewahrten Wahrnehmungensinhalte können auch deshalb täuschend und falsch sein, weil sie nicht mehr den aktuellen Wahrnehmungen entsprechen oder weil die phantasia nicht über ein dem Denken analoges Urteilsvermögen verfügt. Dennoch scheint die phantasia ein notwendiges Requisit für das Denken zu sein

 

4. Kapitel

 

In diesem Kapitel wird das Denkvermögen (nous) vorgestellt, ein Teil der Seele, mit dem sie erkennt und einsieht (phronei), nicht ob dieser Teil der Größe nach abtrennbar (choristou) oder dem Begriff (logos) nach abtrennbar ist. Damit ist gemeint, ob das Denken ein selbständiger Teil der Seele ist, der einen spezifischen Unterschied zu den anderen Teilen wie die Wahrnehmung aufweist. Zuerst wird das Denken dem Wahrnehmen analog gesetzt, indem es ein Erleiden durch den denkbaren Gegenstand wäre oder Derartiges. Aber das Denken muss fähig sein alle denkbaren Formen aufzunehmen, zugleich ist es unaffizierbar (apathes).

Das Denken muss sich zu den denkbaren Gegenständen verhalten wie das Wahrnehmungsvermögen zu den wahrnehmbaren Gegenständen, dem Vermögen nach von ihrer Beschaffenheit, aber nicht die Form selbst. Sie muss unvermischt sein, wie Anaxagoras sagt: „damit sie herrsche“, das heißt, damit sie erkenne, denn das Fremde, das dazwischen kommt steht im Weg. Daher besitzt das Denken keine körperliche Natur, sie ist ein reines Vermögen. Die Vernunft oder das Denken der Seele (tes psyches nous), als diskursiv (dianoeitai) und Annahmen machen verstanden, ist der Wirklichkeit nach keines von den seienden Dingen, bevor es nicht denkt.

Das Denken, als unvermischt mit dem Körper hat demnach kein Organ wie das Wahrnehmungensvermögen. Fast um sich etwas von gerade geäußerten zu distanzieren gibt Aristoteles denen recht, die sagen, die Seele sei der Ort der Formen, mit den Einschränkungen, das es nur denkfähige Teil der Seele ist und nur dem Vermögen nach. Nur auf grund der eigenen Formlosigkeit kann das Denken alles denken.

Die Unaffizierbarkeit ist eine andere als beim Wahrnehmungsvermögen, wo nach heftigen Einwirkungen nicht mehr wahrgenommen wird. Das Denken steigert sich, wenn es etwas in hohen Maße Denkbares gedacht hat, denkt es geringere Gegenstände auch intensiver. Während die Wahrnehmung nicht ohne Körper sein kann, ist die Vernunft abtrennbar, und kann daher zu jeden einzelnen Denkgegenstand werden, wie es von den wirklich Wissenden (epistemon) ausgesagt wird. Das tritt ein, wenn das Denken durch sich selbst tätig werden kann, sie bleibt noch auf gewisse Weise dem Vermögen nach, aber nicht so wie vor dem Lernen oder Herausfinden (mathein he eurein).

 

Dann vermag das Denken auch sich selbst zu denken -

 

und damit verlassen wir das menschlich Denken und nähern und dem göttlichen Denken des Denkens.

 

Karl Bruckschwaiger