Protokoll vom 8. April 2026
Im Anschluss des verlesenen Protokolls vom 25. März haben wir zunächst über die
darin angeführten Aspekte zu Wahrnehmung und den Wahrnehmungsvorgängen in
Bezug auf die Phantasia und das Denken diskutiert und auch über die Unterschiede
zwischen den Funktionen bzw. den Fähigkeiten der Wahrnehmung gegenüber
denjenigen des Denkens gesprochen, wobei insbesondere der qualitative Unterschied
zwischen Denken und Körper und ihr Verhältnis zur Wahrnehmung thematisiert wurde.
Betont wurde zudem, dass beim Denken eine Aktivität – „mit viel Leiden“ stattfindet.
Der Moment des Denkens ist das „jetzt“. Eine wichtige Differenzierung findet sich aber
ebenso darin, dass die Fähigkeit des Wahrnehmens nicht separat vom Körper
existieren könne, ein Zustand, der im Zusammenhang mit den Fähigkeiten des
Verstandes /Denkens [nous] nicht stattfindet.
Sobald der nous, der Verstand das Gedachte denkt, vermag er aus sich heraus zu
denken. (429b 10). Die Frage aber, die uns hier gestellt wird, lautet: wie geschieht es,
dass der nous sich selbst denken kann?
Die Erklärung im aktuellen Textabschnitt macht uns zunächst aufmerksam auf die
Unterscheidungskriterien, die hier von Bedeutung sind, wie beispielsweise bei der
Differenzierung zwischen dem Wort „Größe“ bzw. ‚Größe‘ und dem, was ‚Größe-Sein‘
oder zwischen ‚Wasser‘ und dem ‚Wasser-Sein‘ zu finden ist. In Folge führt Aristoteles
die Fähigkeit des Wahrnehmens des Fleisches im Unterschied zum ‚Fleisch-Sein‘ vor;
in diesem Fall beurteilt der Verstand (nous) den Begriff „Fleisch“ durch ein anderes
Vermögen als das Fleisch selbst (als Materie). Hiermit soll hervorgehoben werden,
dass die Fähigkeit des Wahrnehmens ausreichend sei, um das spezifische Objekt,
beispielsweise das Fleisch [σάρκα] – zwischen Haut und Knochen –, wahrzunehmen,
denn das Fleisch ist nicht ohne Materie. Anders jedoch verhält es sich bei dem
Verstand, der in der Lage ist, das ‚Fleisch-Sein‘ und das ‚Fleisch‘ zu unterscheiden
und sowohl die Form in der Materie als auch ohne sie zu erfassen. Die Wahrnehmung
der Form, d.h. das Wesen des Fleisches gehört somit zur Fähigkeit des Verstandes
[nous]. Dieser nimmt entweder die Form innerhalb der Materie wahr oder er nimmt die
von der Materie getrennte Form wahr – in Thomas Buchheims Worten: „wie das
Aufgeworfene, ein Dies-in-Demda“ oder wie es im griechischen Text formuliert wird:
ein „tode en tõde“ (429b 14). Das Warme und das Kalte (im Fleisch) unterscheidet er
(der nous) durch das Wahrnehmungsvermögen, und dies gilt auch für alles, wovon das
Fleisch einem bestimmten Verhältnis [logos] entspricht, jedoch durch eine
differierende Fähigkeit. In Verbindung mit dem Entsprechungverhältnis [logos tis] wird
hier ebenfalls das Beispiel der Linie vorgestellt. Der Verstand erkennt sowohl die
gerade als auch die geknickte Linie – im ersten Fall geschieht dies in Verbindung mit
der Form, während im zweiten in Verbindung mit dem konkreten Gegenstand. Im Falle
der abstrakten Wesen betrifft es das ‚Gerade‘ sowie das ‚Hohle‘, denn es ist mit stetiger
Ausdehnung verbunden. „Das wesentliche Sein [to ti en einai] aber, wenn das Gerade-
Sein und das Gerade verschieden sind, ist ein anderes“. (429b 19-20, übers. von
Thomas Buchheim).
Daraus kann schlussgefolgert werden, dass die Seele durch ihre gänzlich
verschiedenen Fähigkeiten beurteilen kann; und dass im Allgemeinen gesagt werden
kann, dass gleich so wie die Dinge getrennt von der Materie [hyle] sind, verhält es sich
ebenfalls bei den Funktionen des Verstandes [nous]. (429b 22). Die Wahrnehmung
aber der Form (d.h. das Wesen des Fleisches) gehört zur Fähigkeit des Verstandes
[nous]. Dieser nimmt entweder die Form innerhalb der Materie wahr oder er nimmt die
– von der Materie getrennte – Form wahr. Dennoch, wegen der grundlegenden Einheit
der Seele ist es vielmehr ein und dasselbe Vermögen, das sich einerseits in der
Sinneswahrnehmung und andererseits im Intellekt (νόηση) unterschiedlich verhält,
und nur weil es getrennt (von der Materie) ist, nimmt der Verstand reine Formen –
Wesenheiten und Begriffe – wahr.
Damit wir somit das Wesen einer Sache von der Sache selbst unterscheiden können
– wie beispielsweise das Wesen des Wassers von dem Wasser in seiner Materialität
– benötigen wir dieses Unterscheidungsvermögen. In umgekehrter Weise gesprochen:
Sofern wir die Fähigkeit der Differenzierung zwischen Wesen und Gegenstand nicht
haben, können wir nicht zwischen Wesen und Sache unterscheiden, denn um beides
erkennen zu können, benötigen wir dafür ein und dasselbe Vermögen – in anderen
Worten die Seele. Die Erklärung, die wir von Simplikios dazu erhalten haben, lautet
wie folgt: „So wie wir den Unterschied zwischen weiß und süß nicht wahrnehmen
können, wenn wir kein gemeinsames ästhetisches Vermögen besitzen, – anders
gesagt, wenn wir die Sinneswahrnehmung, um weiß und süß zu erkennen, nicht
besitzen –, können wir nicht zwischen Wesen und Sache unterscheiden, sofern wir
nicht ein und dasselbe Vermögen besitzen, um beides zu erkennen“.
Auf irgendeiner Weise ist „nous“ / der Verstand der Möglichkeit nach das gedachte
Ding, als Verwirklichtes ist er es jedoch nicht, bevor er (nous) in actu denkt – so ähnlich
wie bei einer Schreibtafel, auf welcher nichts Geschriebenes steht, bevor man darauf
schreibt. „[…] hoti dynamei põs esti ta noeta ho nous, all’ entelecheia ouden, prin an
noe· dynamei d’ outõs hõsper en grammateiõ hõ meden enyparchei entelecheia
gegrammenon·“ (429b 30 - 430a 1).
Nach unserer anschließenden langen Debatte über die Frage, ob es Denken ohne
Sprache gäbe, haben wir gefolgert, dass Sprache zwar die Körperlichkeit des Denkens
sei (Walter Seitter), aber sie dies nicht ohne die Setzung von Unterscheidungen sei.
Es handelt sich dabei vor allem um die Setzung von Zeichen, die ein System, ein
Sprach-System bilden.
Ergänzend möchte ich ein Beispiel aus dem 5. Kapitel des 3. Buches von De anima |
Peri psyches vorbringen, das von Aristoteles ebenfalls in Verbindung mit dem Denken
und der Seele vorgestellt wird, und das sich auf die Kunst / techne als aktives und
kreatives Element bezieht, und zwar, betrifft dieses Beispiel den Schnittpunkt zwischen
der Kunst, der Materie und der Seele: Zum einen gibt es das Verhältnis von „nous“,
den Gedanken, der sich auf etwas Materielles bezieht und eins mit der Materie wird
und zum anderen gibt es den „nous“, der alles herstellt beziehungsweise verwirklicht,
so wie das Licht [φως] – in gewisser Hinsicht – alle Farben, die der Möglichkeit nach
existieren, zur Farbe in Wirklichkeit werden lässt.
Diese Form des Gedankens, des Verstandes – da er seinem Wesen nach „energeia“,
tätige Wirklichkeit und Aktualisierung ist –, wird zunächst mit der Kunst in Bezug auf
die Materie (hyle) in Verbindung gebracht. Und, all diese bisher erwähnten
Differenzierungen sind notwendigerweise auch in der Seele.
Sophia Panteliadou
[nous]. Dieser nimmt entweder die Form innerhalb der Materie wahr oder er nimmt die
von der Materie getrennte Form wahr – in Thomas Buchheims Worten: „wie das
Aufgeworfene, ein Dies-in-Demda“ oder wie es im griechischen Text formuliert wird:
ein „tode en tõde“ (429b 14). Das Warme und das Kalte (im Fleisch) unterscheidet er
(der nous) durch das Wahrnehmungsvermögen, und dies gilt auch für alles, wovon das
Fleisch einem bestimmten Verhältnis [logos] entspricht, jedoch durch eine
differierende Fähigkeit. In Verbindung mit dem Entsprechungverhältnis [logos tis] wird
hier ebenfalls das Beispiel der Linie vorgestellt. Der Verstand erkennt sowohl die
gerade als auch die geknickte Linie – im ersten Fall geschieht dies in Verbindung mit
der Form, während im zweiten in Verbindung mit dem konkreten Gegenstand. Im Falle
der abstrakten Wesen betrifft es das ‚Gerade‘ sowie das ‚Hohle‘, denn es ist mit stetiger
Ausdehnung verbunden. „Das wesentliche Sein [to ti en einai] aber, wenn das Gerade-
Sein und das Gerade verschieden sind, ist ein anderes“. (429b 19-20, übers. von
Thomas Buchheim).
Daraus kann schlussgefolgert werden, dass die Seele durch ihre gänzlich
verschiedenen Fähigkeiten beurteilen kann; und dass im Allgemeinen gesagt werden
kann, dass gleich so wie die Dinge getrennt von der Materie [hyle] sind, verhält es sich
ebenfalls bei den Funktionen des Verstandes [nous]. (429b 22). Die Wahrnehmung
aber der Form (d.h. das Wesen des Fleisches) gehört zur Fähigkeit des Verstandes
[nous]. Dieser nimmt entweder die Form innerhalb der Materie wahr oder er nimmt die
– von der Materie getrennte – Form wahr. Dennoch, wegen der grundlegenden Einheit
der Seele ist es vielmehr ein und dasselbe Vermögen, das sich einerseits in der
Sinneswahrnehmung und andererseits im Intellekt (νόηση) unterschiedlich verhält,
und nur weil es getrennt (von der Materie) ist, nimmt der Verstand reine Formen –
Wesenheiten und Begriffe – wahr.
Damit wir somit das Wesen einer Sache von der Sache selbst unterscheiden können
– wie beispielsweise das Wesen des Wassers von dem Wasser in seiner Materialität
– benötigen wir dieses Unterscheidungsvermögen. In umgekehrter Weise gesprochen:
Sofern wir die Fähigkeit der Differenzierung zwischen Wesen und Gegenstand nicht
haben, können wir nicht zwischen Wesen und Sache unterscheiden, denn um beides
erkennen zu können, benötigen wir dafür ein und dasselbe Vermögen – in anderen
Worten die Seele. Die Erklärung, die wir von Simplikios dazu erhalten haben, lautet
wie folgt: „So wie wir den Unterschied zwischen weiß und süß nicht wahrnehmen
können, wenn wir kein gemeinsames ästhetisches Vermögen besitzen, – anders
gesagt, wenn wir die Sinneswahrnehmung, um weiß und süß zu erkennen, nicht
besitzen –, können wir nicht zwischen Wesen und Sache unterscheiden, sofern wir
nicht ein und dasselbe Vermögen besitzen, um beides zu erkennen“.
Auf irgendeiner Weise ist „nous“ / der Verstand der Möglichkeit nach das gedachte
Ding, als Verwirklichtes ist er es jedoch nicht, bevor er (nous) in actu denkt – so ähnlich
wie bei einer Schreibtafel, auf welcher nichts Geschriebenes steht, bevor man darauf
schreibt. „[…] hoti dynamei põs esti ta noeta ho nous, all’ entelecheia ouden, prin an
noe· dynamei d’ outõs hõsper en grammateiõ hõ meden enyparchei entelecheia
gegrammenon·“ (429b 30 - 430a 1).
Nach unserer anschließenden langen Debatte über die Frage, ob es Denken ohne
Sprache gäbe, haben wir gefolgert, dass Sprache zwar die Körperlichkeit des Denkens
sei (Walter Seitter), aber sie dies nicht ohne die Setzung von Unterscheidungen sei.
Es handelt sich dabei vor allem um die Setzung von Zeichen, die ein System, ein
Sprach-System bilden.
Ergänzend möchte ich ein Beispiel aus dem 5. Kapitel des 3. Buches von De anima |
Peri psyches vorbringen, das von Aristoteles ebenfalls in Verbindung mit dem Denken
und der Seele vorgestellt wird, und das sich auf die Kunst / techne als aktives und
kreatives Element bezieht, und zwar, betrifft dieses Beispiel den Schnittpunkt zwischen
der Kunst, der Materie und der Seele: Zum einen gibt es das Verhältnis von „nous“,
den Gedanken, der sich auf etwas Materielles bezieht und eins mit der Materie wird
und zum anderen gibt es den „nous“, der alles herstellt beziehungsweise verwirklicht,
so wie das Licht [φως] – in gewisser Hinsicht – alle Farben, die der Möglichkeit nach
existieren, zur Farbe in Wirklichkeit werden lässt.
Diese Form des Gedankens, des Verstandes – da er seinem Wesen nach „energeia“,
tätige Wirklichkeit und Aktualisierung ist –, wird zunächst mit der Kunst in Bezug auf
die Materie (hyle) in Verbindung gebracht. Und, all diese bisher erwähnten
Differenzierungen sind notwendigerweise auch in der Seele.
Sophia Panteliadou
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