τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 13. März 2014

In der Metaphysik lesen (1005b 2 – 1005b 17)


Axiome sind unbeweisbare Sätze, die sich auf alle Seienden beziehen und daher vom Philosophen aufzustellen sind, der das Seiende allgemein und das erste Wesen betrachtet (1005a 35) – diese Definition des Philosophen scheint die beiden Untersuchungsrichtungen der „gesuchten Wissenschaft“ zu unterscheiden und zusammenzustellen. Die vorsokratischen Naturphilosophen haben gemeint, ihnen obliege diese philosophische Aufgabe. Aber Aristoteles deklariert, daß die „Natur nur eine Gattung des Seienden“ ist. Folglich ist die Wissenschaft von der Natur nicht die gesuchte Wissenschaft, wohl aber ist sie eine Philosophie – doch nicht die erste. So nähert sich Aristoteles seiner später getroffenen Feststellung, die Physik sei die „Zweite Philosophie“. Was aber ist die andere Gattung des Seienden neben der Natur? Etwa die Kultur - Kunst, Technik, techne? An dieser Stelle denkt er wohl kaum in dieser Richtung, die unserer heutigen Erkenntniseinstellung näher liegen würde (in der Physik stellt er tatsächlich die beiden Bereiche als Kausalitätsfelder nebeneinander). Sondern er denkt wohl an die Gegenstände der Ersten Philosophie. 

Da Aristoteles die Vorlesung zur Physik vor der von uns jetzt gelesenen gehalten hat, dürfen wir die didaktische Reihenfolge - „Zweite Philosophie“ vor „Erster Philosophie“ – für die von ihm empfohlene halten. Ausdrücklich aber postuliert er die Reihenfolge – „Analytik“ (also Logik) vor der (Ersten) Philosophie (und wohl auch vor der Zweiten). Die Vorschaltung der Logik unterscheidet ihn von seinem Lehrer Platon, der die Geometrie vorangestellt hat (und damit Pythagoras nahestand).
„Axiome“ oder „syllogistische Prinzipien“ heißen die Prinzipien, um die es hier geht. Und es gilt, das sicherste, das erkennbarste, das täuschungsfreieste ausfindig zu machen, damit die Erste Philosophie ihrem „superlativischen“ Anspruch gerecht wird. 

Was unsere jahrelange Lektüretätigkeit betrifft, so entspricht sie nicht vollkommen der aristotelischen Studienordnung, denn wir haben zuvor weder die Physik noch die Analytik gelesen. Die Poetik könnte am ehesten als Kulturwissenschaft gelten, sie weist aber auch Ähnlichkeit mit einer „physikalischen“ Wissenschaft auf: die Dichtung hat auch natürliche Ursachen, die Tragödie hat sich entwickelt, bis sie ihre Form gefunden hat, und ein gutes Dichtwerk wirkt wie ein eindrucksvolles „Tier“. Gab es da auch so etwas wie Analytik, Syllogistik? Die Tragödie soll nach Aristoteles eine wahrscheinliche Verkettung aus „unwahrscheinlichen“ Einzelmomenten sein: ein höchst paradoxer multipler narrativer Syllogismus aus Überraschungen. Eine Notwendigkeitsverknüpfung aus Unmöglichkeiten.

Walter Seitter


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Sitzung vom 12. März 2014