τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 19. Januar 2017

In der Metaphysik lesen (Buch V Abschnitt 30 und 27)

Unsere erste Lektüre des Abschnitts 30 hat den bereits öfter aufgekommenen Eindruck bestätigt, dass sich das Buch V nicht nur durch eine eigenwillige Textstruktur  sondern gelegentlich auch durch inhaltliche Einseitigkeit oder gar Extravaganz auszeichnet. Ich erinnere an den Abschnitt 27 über die Eigenschaft „verstümmelt“, eine extrem „akzidenzielle“ Eigenschaft, die jeweils auf einen Unfall zurückzuführen ist – und da wird sie in eine Reihe mit theoretischen Begriffen gehoben.

Die systematische Positionierung der Akzidenzien besteht in ihrer Unterordnung unter das  Wesen und diese Unterordnung wird hier in allen vier Beispielen eher überspielt als betont. Das Akzidens „weiß“ wird dem Akzidens „musisch“ zugeordnet und die notwendig dazuzudenkende Substanz wird nur mit dem unbestimmten Personalpronomen „jemand“ notiert. Hier sieht es fast so aus, als würde ein Akzidens einem anderen zugeschrieben (was Aristoteles anderswo ausdrücklich verwirft: Met. IV, 1007b 2ff.). Andererseits wird das dem Dreieck zukommende Akzidens  "Winkelsumme von 180°" als ebenso notwendig und ewig wie das Wesen des Dreiecks bezeichnet.

Und die beiden überraschenden Vorfälle – der Schatzfund im Garten und die Schiffsentführung, sie passieren zwar jemandem, aber der wird gar nicht substanziell oder essenziell definiert als derjenige, der über diesen Vorkommnissen steht. Er verschwindet eher unter ihrer Wucht und ihren eventuellen Folgen. Daher sehe ich eine Konvergenz zwischen diesen Beispiels-Ereignissen, aus denen sich eine Komödie oder sonst ein Drama entwickeln könnte, und der aristotelischen Tragödientheorie, in der Aristoteles selber seine Substanz-Akzidenzien-Ordnung explizit umwirft und die pragmata zu den Hauptakteuren erklärt (anstelle der Götter und Menschen).[1]

Michael-Thomas Liske  hat in seinem Akzidens-Artikel diese Tendenz des aristotelischen Akzidens-Artikels bemerkt und sehr gut zum Ausdruck gebracht, wenn er schreibt: „Met. V 30 entwickelt einen Begriff des symbebekos, der zum Zufälligen zugespitzt ist ....“ und für so ein Akzidens gebe es keine bestimmte Ursache sondern eine zufällige (tychon), also wieder eine akzidenzielle.[2] Die Verkettung der Akzidenzien, pragmata oder tychonta, konstituiert laut Poetik die Handlung der Tragödie. Die wird von Aristoteles als ontologische Sonderzone ausgewiesen, in der eine revisionäre Ontologie erprobt wird. Ist die Literaturtheorie das Gebiet für diese Entfernung von einer Ontologie, die auf dem Boden einer Naturlehre erwachsen ist?

Weder der moderne noch der antike Artikel über das Akzidens erwähnen die schlichteste Systematisierung der Akzidenzien, welche in den Kategorien vorliegt, von denen neun eben die Akzidenzien benennen und gliedern: Qualität, Quantität, Relation usw. Mit dieser Kategorienlehre werden die Akzidenzien zu braven und folgsamen Trabanten der Substanz erklärt.

 Doch der Abschnitt 30 des Buches V entfernt sich davon. Er spannt das Profil der aristotelischen Akzidenzienlehre in eine bestimmte Richtung aus, polarisiert es in einer bestimmten Richtung und trägt so insgesamt zu ihrer nicht einfachen Reichhaltigkeit bei. Ja er probt den „Aufstand“ der Akzidenzien gegen ihre schlichte Unterwerfung unter die Substanz.


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[1] Siehe Aristoteles: Poetik 1450a 15ff; Walter Seitter: Poetik lesen 1 (Berlin 2010): 97ff. In der modernen Ontologie dreht sich zwischen Substanz (Ding) und Ereignis der Streit um den ersten Platz ; siehe den bereits oft zitierten Uwe Meixner sowie H. Gutschmidt, A. Lang-Balestra, G. Segalerba (Hg.): Substantia – Sic et Non. Eine Geschichte des Substanzbegriffs von der Antike bis zur Gegenwart in Einzelbeiträgen (Heusenstamm 2008): 445ff.


[2] Die aristotelische Ursachenlehre teilt sich in zwei Viererreihen: die wohlbestimmten Verursachungen vollziehen sich dank Natur oder Vernunft (Kunst), die unbestimmten im automaton oder in der tyche; und in jeder Verursachung wirken vier Ursachen zusammen: Stoff-, Form-, Wirk-, und Zielursache; siehe Physik II.


Walter Seitter


Sitzung vom 18. Jänner 2017



PS.:
Buchpräsentation
Helmuth Vetter:
Parmenides: Sein und Welt
Institut für Philosophie, Hörsaal 3D
Universitätsstr. 7, 1010 Wien
Donnerstag, 26. Jänner 2017 um 17 Uhr