τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 14. März 2013

Metaphysikanalyse (mit Lacan) II


Wir lesen nun seit gut zwei Jahren „in der Metaphysik“ des Aristoteles – ich sage nicht "die Metaphysik". Denn es handelt sich um eine Textmasse, die genaugenommen, nämlich vom Textbestand aus keinen Titel trägt. Auch die Poetik trägt keinen offiziellen Titel, denn sie ist ja nicht als Buch von Aristoteles geschrieben und in die Welt gesetzt worden, sondern eher als Vorlesungsmanuskript hinterlassen worden. Aber schon im ersten Satz wird gesagt, daß es „um die Dichtkunst“ geht. Und das griechische Wort für „Dichtkunst“ ist dann mit der Bedeutung „Dichtkunstlehre“ zum Titel gemacht worden: also ein offiziöser Titel. In der uns jetzt beschäftigenden Textmasse kommt das Wort „Metaphysik“ überhaupt nicht vor, es ist erst nachträglich gebildet worden, um als Titel darübergesetzt zu werden. Worum es im Buch geht, ist die Suche nach „der gesuchten Wissenschaft“ – aber diese Formel eignet sich wirklich nicht als Buchtitel. Beziehungsweise sie würde das Buch zu einem Roman ummodeln – in der Art eines Gralsromans oder einer proustschen Zeitsuche. Und die Titel, die die gesuchte Wissenschaft im Buch dann doch zugesprochen bekommt, sind von niemandem als Titelformulierungen fürs Buch eingesetzt worden (am allerwenigsten der Titel „Weisheit“).

Dieses Buch hat also nicht einmal einen autorisierten offiziösen Titel. Es ist von sich aus (und vom Autor aus) ein Werk „o. T.“. Damit liegt es durchaus auf einer modischen Linie, die sich im 20. Jahrhundert für Werke der Bildenden Kunst formiert hat. Allerdings war diese Linie für Bücher, noch dazu für gelehrte, nie in Geltung. Und so hat man dann eben den Titel „Metaphysik“ erfunden und eingesetzt.

Unser Lesen scheint tatsächlich der Empfehlung Lacans zu folgen, die ja nichts anderes meint als: lesen o. T., lesen o. S. (ohne Sinn oder Signifikat), lesen o. W. (ohne Wesenheit). Wir folgen dieser Empfehlung seit zwei Jahren, obwohl wir sie erst jetzt gefunden haben. Möglicherweise sind wir die ersten, die dieses Buch so lesen – und deshalb stoßen wir überhaupt auf den Text. Wenn man es mit der ganzen Sinnaufladung lesen wollte, würde man kaum – so Lacan – das Buch selber finden; oder das „Büchel“, wie er sagt. Von „bouquin“ kommen ja die Bouquinisten, die am Ufer der Seine so alte Exemplare anbieten, daß die Titelseiten schon fehlen und man daher „gezwungen“ ist zu lesen, ohne zu wissen, „was“ man da liest. Da wir hier nicht in Paris sind und auch nicht Paris spielen, sage ich „Textmasse“ und insistiere auf dem „o. T.“. Das Buch hat nicht einmal einen offiziösen Titel, sondern gar keinen. Oder eben doch einen – aber einen nicht-offiziösen.

Vermutlich sind wir überhaupt die ersten – jedenfalls im deutschen Sprachraum, die diese Lacan-Stelle lesen und wir lesen sie, weil wir ihrer Anweisung vorauseilend folgen.

Lacan erwähnt die im 19. Jahrhundert erfundene Methode, um sich der Sinnaufladung zu entziehen: die historisch-kritische Methode, die das Buch als solches und vor allem die Autorisierung durch den Autor destruiert. Diese Destruktion gehöre immer noch dem universitären Diskurs an, der zuvor über Jahrhunderte mit der Sinnaufladung beschäftigt gewesen sei. Lacan hält also an der Echtheit des Buches fest: er legt sogar auf das deutsche Wort „echt“ Wert. Und einen Beweis für die „Echtheit“ des Textes sieht er in seiner Blödheit – wohlgemerkt Blödheit des Textes nicht des Aristoteles. Der Text ist echt, weil er blöd ist, weil er auf der „Höhe der Blödheit“ ist. Die derzeitige Konjunktur des Wortes „echt“ in der Jugendsprache (oder wie man die nennen soll) unterstützt die lacansche Rede vom Signifikanten, der echt ist, weil „echt blöd“.

Die Blödheit wird von Lacan so erklärt, daß er seinen ganzen Lacanismus einschieben kann, um den springenden Punkt der sogenannten Metaphysik klar zu machen: das Niveau der Blödheit erreicht man, indem man seine Fragen aufgrund der Tatsache stellt, daß das Sprechen den Abgrund ausfüllt, der daraus entsteht, „daß es kein sexuelles Verhältnis gibt“, was wiederum durch keine Schrift in befriedigender Weise begründet werden kann. Zu diesem lacanschen Theorem die Fußnote, daß jetzt zwei Bücher erschienen sind, die erstens anders übersetzen, nämlich „Es gibt keinen Geschlechtsverkehr“, wobei das eine Buch so heißt, aber zwei Lacanlektüren vorstellt, nämlich die von Alain Badiou und von Barbara Cassin, während das andere Es gibt – Geschlechtsverkehr heißt und von Jean-Luc Nancy stammt.

Mir scheint, wir können „die Höhe“ oder „das Niveau“ der Blödheit der sogenannten Metaphysik aufgrund unserer bisherigen Lektüre schon darin vermuten, daß die gesuchte Wissenschaft superlativisch als höchste, mächtigste, natürlich auch wissendste angepeilt oder in Aussicht gestellt wird. Tatsächlich zeigt sie sich jedoch als Suchbewegung, die von Aporie zu Aporie fortschreitet, Bestimmungen vornimmt und weitergeht und sie wieder aufgreift, sich im Kreise dreht. Es tut sich ein riesiges Gefälle auf, ein Abgrund – ähnlich dem lacanistischen.

Walter Seitter