τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Sonntag, 10. November 2013

In der Metaphysik lesen (1001a 1 – 24)



Wer philosophieren will, muss einen bestimmten Sprachstil wählen: soll ich möglichst nahe an der Umgangssprache bleiben, damit auch jede/r mich versteht, oder mich einer möglichst geschliffenen Fachsprache bedienen, um in Kollegenkreisen Anerkennung zu finden? Als Kompromiss kann man sich für die Essayistik entscheiden. Hier wendet man sich an ein größeres Publikum, wobei der Stil irgendwo zwischen locker und elegant sich bewegt. Diesem diametral entgegen steht die Esoterikstiloption, mit der man sich ausdrücklich nur an einige wenige Eingeweihte wenden will, an eine Minderheit mit oft apokalyptischem, avantgardistischem oder revolutionärem Anstrich: indem man sich dem „Gerede des Man“ verweigert, soll dem üblichen Lauf der Dinge Einhalt geboten oder der Mainstream wenigstens in eine etwas andere Richtung gelenkt werden. Das philosophische Denken bzw. Schreiben spielt sich irgendwo zwischen diesen Extremen ab, man muss sich entscheiden, aber nicht endgültig, da die Register immer wieder gewechselt werden können.

Aristoteles Sprachgebrauch wirkt zunächst einfach, umgangssprachlich und das Gesagte leuchtet meist auf den ersten Blick ein. Jedoch hängt das immer auch an der verwendeten Übersetzung und vergleicht man die unterschiedlichen Varianten, wird deutlich wie vielfältig ein und dasselbe ausgesagt werden kann. Ein großzügig gestalteter Assoziationsraum ist vielleicht überhaupt typisch für die Alltags- bzw. Umgangssprache: denn so können leichter gemeinsame Mengen angeschnitten werden und man bekommt den Eindruck sich zu verstehen. Das funktioniert in der Regel auch ganz gut, fragt man aber, wie das etwa Sokrates gerne gemacht hat, etwas näher nach, stößt man schon bald auf Schwierigkeiten – und mit der Zeit vielleicht sogar auf richtiggehende Aporien, in denen man sich gut verlieren kann.

Für seine Vorstellung der Aporie 11 bekräftigt Aristoteles erneut die für die Suche der gesuchten Wissenschaft typische Verklammerung des Schwierigen mit dem Wichtigen; wiedereinmal wird damit indirekt deutlich, dass der Weg des geringsten Widerstandes gerade der ist, den man nicht einschlagen sollte, wenn man hier weiterkommen möchte. Besonders ausgezeichnet eignen sich dafür offenbar Fragen nach dem „Wesen“ oder der „Wesenheit der seienden Dinge“: das Denken über ousia wird auf diese Weise unauffällig als eine Alternative zur Frage nach (ersten) Ursachen oder Prinzipien eingeführt, und als eine der größten Herausforderungen gepriesen. Dazu gehören Fragen wie: ist dieses Wesen zunächst als Eines oder als Seiendes zu bestimmen? Sind die beiden überhaupt voneinander unterscheidbar? Oder bilden sie ununterscheidbar eine Wesenheit? Kann überhaupt etwas ohne Eines zu sein sein? Etc.

Die platonisch-pythagoräische Schule sei, modern ausgedrückt, von der Koinzidenz von Existenz und Identität überzeugt. Für Empedokles und die „Naturphilosophen“ gäbe es dagegen unter dem Einen auch noch eine andere … „Natur“ (physis), da zum Beispiel die Freundschaft als „Ursache“ der Einheit gilt. Aristoteles springt (auch) hier zwischen verschiedenen Such- bzw. Superbegriffen hin und her als ob nichts dabei wäre: Ursache → Wesen → Natur → Ursache. „Das Seiende kann [eben] auf vielfache Weise ausgesagt werden“, wird Aristoteles bald feststellen (vgl. IV 1003b 7). Zu recht kann also eine typisch aristotelische Tendenz zum Polykausalen festgestellt werden, denn die Welt erscheint als eine voll mit vielen verschiedenen Ursachen(typen) und selbst die Natur ist nicht einfach so wie sie ist, sondern kann sich immer auch als anders erweisen. Zumindest bei der Frage nach den Ursachen hält Aristoteles jedoch gleichzeitig daran fest: „Je ferner desto einer.“

Ivo Gurschler