τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 14. November 2013

In der Metaphysik lesen (1001a 19-35)

Wenn das Wesen der Dinge im Einen und im Seienden liegt, so handelt es sich um sehr abstrakte oder formale Wesenheiten, die man eher als Prinzipien bezeichnen und der Logik zuordnen möchte. Näherhin könnte man das eine als „ontologisch“, das andere als „mathematisch“ bezeichnen. Identifiziert man die beiden miteinander unter dem Primat der Mathematik: „Die Ontologie – das ist die Mathematik“, so hat man die pythagoräische Position (in der Moderne bei Badiou, Kittler).

Die Gegenposition findet sich bei denen, die etwas „Bekannteres“ als Ursachen anführen, sei es die Freundschaft, seien es Feuer, Luft und dergleichen. Also Phänomene, die uns aus der natürlichen oder sozialen Umwelt bekannt sind. Daß solche Gegebenheiten Ursachen für andere Gegebenheiten sind, erscheint ganz banal und würde einfach in die Physik oder in die Politik gehören. Nur wenn so eine Ursache als „erste“ irgendwie für „alles“ zuständig sein sollte, wäre das eine Aussage, die in die „gesuchte Wissenschaft“ hineingehören könnte. Immerhin deutet Aristoteles an, daß mit derartigen Ursachen die Pluralisierung schon nahegelegt wird.

Umgekehrt folgt aus solchen Annahmen, daß, wenn das Eine bzw. das Seiende nicht „Wesen“, also Ursachen sind, auch andere Allgemeinheiten als Ursachen nicht in Frage kommen, zumal da sie nicht eine eigene Existenz haben. Das würde dann auch für die Zahl gelten, die ja ihrerseits das Allgemeine des Einen ist.

Nimmt man hingegen an, daß das Eine und das Seiende selber doch eigens existieren, dann sind sie mit den dazugehörigen Wesen identisch und außerdem sind sie miteinander identisch: so gibt es das Eine und nur das Eine und sonst nichts. Diesen radikalen Monismus, der sich aus bestimmten Annahmen streng logisch ergibt, hat Parmenides (520-460) vertreten, Bürgermeister in Elea in Süditalien, welche Stadt allerdings so wie viele andere Erscheinungen, jener Lehre widerspricht, weshalb Parmenides seine Lehre – scheinbar – abgeschwächt hat, indem er neben dem einen Seienden auch viele Scheinende zugelassen hat, die viele, werdende, vergängliche sind oder vielmehr scheinen.

Eleas Erscheinungsgeschichte ist außerordentlich drastisch: in der Antike eine blühende Stadt, die am Meer lag. Auf steilem Felsen über dem Meer ein großer Tempel, an seiner Stelle steht heute noch (aber in einiger Entfernung vom Meer) ein gewaltiger mittelalterlicher Turm. Auf einer Anhöhe in der Stadt wurden erst vor 50 Jahren die am besten erhaltenen Überreste der griechischen Stadt aus dem Erdreich gegraben: eine Straße und ein Tor, über dem ein Aquädukt verläuft.  Was Jahrtausende lang unsichtbar (und vergessen) war, hat überdauert. Das parmenideische „Seiende“: unsichtbar-ewig. 

Walter Seitter