τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Dienstag, 3. Dezember 2013

In der Metaphysik lesen (1002a 15-29)

Auch dieser Abschnitt widmet sich der Fragestellung, die sich
grundlegend in der Ontologie/Erste Philosophie/od. Metaphysik
des Aristoteles stellt. In anderen Worten geht es auch bei diesem
Befragen um die Prüfung dessen: Was dies sei, das ein Ding zu dem
macht, das dieses Ding als dieses selbst (kathauto) ist und nicht
etwas anderes, einen Menschen z.B. als Mensch-seienden oder eine
Statue als Statue.

So wie beim Vorgehen Aristoteles die Auseinandersetzung innerhalb der
griechischen Sprache stattfindet (1026a 33f, „da also das Seiende,
schlechthin ausgesprochen, in verschiedenen Bedeutungen gebraucht
wird...“ / hier: 1026b 2-3), setzen auch wir uns an dieser Stelle mit
den verschiedenen möglichen Ausdrücken (aristotelischer Begriffe) in
der deutschen Sprache auseinander, z.B. die Bedeutung des Infinitums:
dieses zielt auf einen Prozess/Vollzug hin, bezieht sich auf etwas,
das diese Tätigkeit vollzieht; oder die Differenzierung zwischen der
Linie (eines A4 Blattpapiers) und des Strichs einer/s
Zeichnerin/Zeichners (auf dem Zeichenpapier).

Anders als in der Abhandlung „Peri ta Physika“, worin stigmé nicht
Teil einer Strecke, sondern (wie der Augenblick in der Zeit) Beginn,
Ende oder Grenze ist, welche zum einen zwei Strecken verbindet und zum
anderen gleichzeitig die Gegenwart der sich vollziehenden Bewegung
darstellt (vgl. Wörterbuch der antiken Philosophie, Hg. Chr. Horn,
Chr. Rapp), handelt es sich hier – auf die stigmé bezogen – um die
Frage nach dem Seienden als die Frage nach der ousia, das Seiende, das
in Bezug auf etwas ausgesagt wird.

Die Aporie, welche in diesem Kontext durchgearbeitet wird, mündet also
in der Frage:
Gibt es Linien und Punkte an dem sinnlich wahrnehmbaren Körper? Oder:
Was hat mehr Wesen? Ein konkreter Körper oder der Punkt [stigmé], die
Linie [grammé], die Fläche [epifaneia]?

[ti to on kai tis he ousia tôn ontôn] 1002a 27-28
„was unter den Dingen ist das Seiende und was das Wesen“? oder anders
ausgesprochen:
Welche ist die Differenz zwischen den Ausdrücken:
„Etwas hat ein Wesen“ und „Etwas ist ein Wesen.“
Die Linie, der Punkt, die Einheit sind Wesensformen und haben insofern
Wesen, wodurch sie das Seiend-sein der Körper bestimmen.
Der Stein ist potentiell (dynamei) eine Hermesstatue und die Figur
Hermes, ein konkret Wahrgenommenes. Die (noch) nicht realisierbare
Figur hat immer einen Ort (dynamei in der Seele). Es handelt sich hier
nicht um die Beschreibung eines Prozesses, sondern um die Bestimmung
dessen, was die Voraussetzung einer jeden Bewegung/Veränderung
ausmacht.

Die analogische Hinführung zur Formulierung „Die Frau hat den Phallus“ (vgl. Lacan, Se. IV), während das Kind (glaubt) der Phallus (für die Mutter) „zu sein“, und die Beziehung dieses Ausdrucks zum Gesetz des Vaters, wäre an diesem Punkt vielleicht nicht ohne Bedeutung: Denn „das väterliche Wort, das das symbolische Gesetz verkörpert, nimmt (daher) eine doppelte Kastration vor: Es kastriert den mütterlichen Anderen hinsichtlich des Phallus-Habens und das Kind hinsichtlich des Phallus-Seins.“ (J.-D. Nasio, 7 Hauptbegriffe der Psychoanalyse).

Sophia Panteliadou
 
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Sitzung vom 27.11.2013