τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 29. Juni 2017

In der Metaphysik lesen (Buch VII (Z), 1028b 33 – 1029b 12)

Präskriptum 1: Der amerikanische Historiker Timothy Snyder stellte vorgestern sein kleines Buch Über Tyrannei vor, das zwanzig Imperative zur Politik enthält, von denen einige durch ihre Titel-Formulierung auffallen. So „Practice corporeal politics!“ oder „Stand out!“ Diese Formel erinnert direkt an die „existenzphilosophische“ Wendung, die François Jullien dem physikalischen Begriff der Negentropie (Ektropie) entnimmt und der er eine ethische Bedeutung zuschreibt, sofern sie sich von Unauffälligkeit und Gleichgültigkeit abhebt. Allerdings muss eine jede menschliche Auffälligkeit sich an Maßstäbe halten, welche sie moderieren und ordnen.

Präskriptum 2: Die Jahresausstellung der Universität für Angewandte Kunst trägt den Titel „The Essence“, welches Wort hier vor kurzem auf seine philosophische Wurzel zurückgeführt worden ist, die allerdings in der Moderne keinen guten Ruf hat: „Essenzialismus“ gilt da als geradezu verdächtig. Als Ausstellungstitel ist es vor Jahren von Marion Elias an jener Universität eingeführt worden. Zuvor hatte Elias ihre Ausstellungen unter den Titel „Quidditas“ gestellt – ebenfalls eine Latinisierung von ousia.

1028b 33 – 1029b 12

Die versprochene Untersuchung über das Was des Wesens wird nun so vorgenommen, dass vier Verwendungen des Wesensbegriffs unterschieden werden. Drei davon betreffen direkt das Wesen des Einzeldings: das Was-war-sein, das Allgemeine, die Gattung; die vierte heißt „Substrat“. Die Unterscheidung zwischen den beiden ersten erscheint mir nicht klar, es könnten die früher genannten beiden „Versionen“ sein; die Gattung bedeutet nur den Aufstieg zum nächsthöheren Allgemeinen. Mit dem Substrat ist ein logisches Element gemeint, in dem sich eine bestimmte Aussagbarkeit und eine bestimmte Unaussagbarkeit treffen: von ihm ist mancherlei aussagbar, es selber aber von nichts. Und mit diesem grammatischen Subjekt-Begriff zerlegt Aristoteles die ousia in drei Substrat-Versionen: der Stoff oder das Erz, die Form oder die Gestalt und schließlich das Kompositum oder die Statue. Jede dieser drei Grundlagen oder Voraussetzungen kann von sich behaupten, die ousia zu sein, und folglich könnte auch sonst etwas Anspruch auf diesen Titel erheben: nämlich die Masse der akzidenziellen und superakzidenziellen Seinsmodalitäten, die eigentlich aus dem Wesen ausgeschlossen sind: Affektionen, Tätigkeiten, Vermögen oder Kräfte, ferner die quantitativen Dimensionen, die wiederum auf den Stoff verweisen, welcher andererseits doch nicht selbständig existieren kann.

Nachdem inzwischen mindestens drei „Wesen“ namhaft gemacht worden sind, kommt Aristoteles auf das „dritte Wesen“ zu sprechen. Die Wesen der Sinnesdinge, womit das Problem des Erkenntniszuganges, der Reihenfolge der Erkennbarkeit, angeschnitten ist. Und Aristoteles plädiert – mitsamt einer Parallele zum Zugang zum allgemeinen Guten ausgehend vom Guten des einzelnen – für den Ausgang vom Erkennbaren für den einzelnen, auch wenn dieses weniger seiend, also vom Wesen entfernt ist. Damit dürften die akzidenziellen Seinsmodalitäten gemeint sein, die nun auch hier, also schon wieder, auf die Bühne gerufen werden.

Ein Anschluss an den protagoreischen Sensualismus, der zwar im Buch IV (Abschnitt 5, 6) kritisiert worden ist und dennoch dringend nötig erscheint, damit die Rede vom „Wesen“ überhaupt eine Chance hat, in einem Erkenntnisprozess, hier „Lernen“ genannt, plausibel zu werden. Die aristotelische Position setzt sich nämlich zusammen aus revidierter Naturphilosophie, kritisiertem Protagoreismus und modifiziertem Platonismus.

Die eben gelesene Wesenszergliederung lässt sich in folgendem Diagramm anschaulich machen. Aristoteles lesen heißt Aristoteles sehen und Aristoteles schreiben – umschreiben, weiterschreiben:

                   
                          Zusammengesetztes
                          Drittes    Wesen
                          Sinnliches Wesen


Stoff                                                     Form


                           Akzidenzienmasse








Walter Seitter

Sitzung vom 28. Juni 2017




Nächste Sitzung am 11. Oktober 2017