τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 29. Juni 2017

In der Metaphysik lesen: Resümee zu "Wissenschaften" (Buch I– VI)

Als Ergebnis der Lektüre von Buch I bis VI der Metaphysik können wir festhalten, dass sich die Konturen der „gesuchten Wissenschaft“ einigermaßen geklärt haben – dass sie aber keineswegs als eine einheitliche Figur vor unseren Augen steht.

Sie figuriert als dritte, rangmäßig als erste der theoretischen (betrachtenden) Wissenschaften, die ihrerseits wieder vor der poietischen und der praktischen Wissenschaft rangieren. Sie hat den Namen „Erste Philosophie“ bekommen und gleichzeitig hat sie zwei unterschiedliche Gegenstandsgebiete zugewiesen bekommen: einerseits den höchsten Realitätsbereich, genannt das „Göttliche“, andererseits das Spektrum der Seinsmodalitäten, das sämtliche Realitätsbereiche durchquert. Die Formulierung und Differenzierung dieses Spektrums obliegt der Spezialdisziplin, die am Anfang der Neuzeit den Namen „Ontologie“ bekommen hat und als eine genuin aristotelische Schöpfung gelten kann.

Deren Beitrag zur Erkenntnis besteht darin, dass neben den Wesen, also den eigentlich Seienden und deren Washeiten, auch die uneigentlich Seienden, also die abhängigen, die minderen Seinsaspekte wie Qualität, Quantität, Relation, also die Akzidenzien, und sogar Seinsmodalitäten knapp über dem Nichts, also Entstehen, Vergehen, Möglichkeit nicht dem Nichts zugerechnet werden (wie das eventuell bei Parmenides der Fall ist), sondern mit ihrem eigenen Profil betrachtet und gewürdigt werden. Zu diesen schwachen Momenten gehört auch das bloße „etwas“, die bloße Bestimmtheit, welche im sogenannten Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch (Selbstwiderspruch) als in jeder Aussage notwendig festzuhaltende postuliert wird.

Während das Wesen, die Akzidenzien, Entstehen, Vergehen und Möglichkeit das Feld der assertorischen Ontologie bilden, welches durchaus auch für weitere Kategorien offen ist, etwa für das Ereignis, konstituiert der sogenannte Satz vom Widerspruch nur eine postulatorische Minimalontologie. Beide Versionen der Ontologie (die im Buch IV begründet werden), grenzen das Seiende vom Nichts ab.

Und insofern – nur insofern - werden sie mit dem neuzeitlichen Begriff des Existierens resümiert, der das Sein auf das minimale Nicht-Nichtsein reduziert und von Leibniz mit der Frage „Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?“ dramatisiert worden ist.

„Existieren“ ist der neuzeitliche minimale Seinsbegriff, der eine „natürliche“ Tendenz zum Nichtsein impliziert – welche im 19. Jahrhundert bei den Physikern den Begriff der Entropie erzeugt hat, bei anderen so etwas wie den Todestrieb. Allerdings impliziert dieser Begriff des Existierens notwendigerweise auch schon eine Gegentendenz, ohne deren vorgängige Wirksamkeit die Entropie-Tendenz überhaupt nichts zu tun hätte. Was sich allerdings im 20. Jahrhundert nur bei wenigen herumgesprochen hat - etwa bei denen, die die Physik des Lebens mit der „Ektropie“ oder der „Negentropie“ darzustellen versucht haben (Georg Hirth, Felix Auerbach, Erwin Schrödinger, Léon Brillouin). Die Ektropie-Tendenz, die zu „unwahrscheinlichen Ordnungen“ führt, ist übrigens nicht nur in Organismen tätig, sondern auch in Katastrophen wie Vulkanausbrüchen oder in Kulturleistungen wie Pyramiden oder Aristoteles-Lesen.

Seit Kierkegaard ist die ektropische Tendenz auch im Begriff des Existierens aktiviert worden und hat ihm ein spezifisches Pathos eingetragen, das vor kurzem von François Jullien aufgegriffen worden ist.[1]

Bei Aristoteles ist die Kategorie des Wesens die Hauptkategorie – ihr stehen die neun Akzidenzien gegenüber und insofern könnte man sagen, dass die Dominanz der Wesenskategorie gar nicht so unbestritten erscheint. In gewissem Sinn hängt das Schicksal der Wesen, hängt also „alles“ von den Akzidenzien ab, zum Beispiel vom Tun und Leiden, von aktiver und passiver Politik. Ob das Wesen irgendeines konkreten Wesens zu einer Leerfomel verkommt, wenn alles Tun und Leiden auf Entwesung aus sind, hängt von dem Tun und Leiden, also von Akzidenzien ab. Aber auch in so einem Fall werden die Taten und die Leiden menschliche sein (zum Beispiel) – sie entkommen dem Menschlichen als einem theoretischen Rahmen und einem praktischen Maßstab nicht.

Und zum Tun der Menschen gehört auch das theoretische Tun – es ist nicht egal, was gesehen, nicht gesehen, was gesagt, nicht gesagt wird. Sehen und sagen, die Hauptelemente des theoretischen Tuns, sind selber Praktiken, also Akzidenzien.

Es läuft also ohnehin auf eine Art Übermacht der Akzidenzien hinaus - welche Aristoteles in seiner Poetik für die Tragödie selber notifiziert hat und die uns sogar in unserer Lektüre der hiesigen Metaphysik, genauer gesagt in den Ausführungen zur Ontologie im Buch VI, aber auch schon in Buch V, unterschwellig aufgefallen ist.

Diese „Akzidenzialierung des Wesen“ antwortet gewissermaßen auf eine innere Nuancierung, Vervielfältigung des Wesens, die von Aristoteles vielleicht nicht mit der Formel „Das Wesen wird mannigfach ausgesagt“ deklariert wird, sondern unter der Hand und zwar sehr deutlich damit performiert wird, dass er für dieses Wesen beinahe zehn Synonyme namhaft macht, die jeweils einen anderen Aspekt in einem jeweils anderen Wort andeuten.

Diese Synomyme der ousia lauten: eidos, morphe, physis, logos, to ti estin, to ti en einai, energeia, entelecheia – und schließlich lässt sich als äußerste Extrapolation sogar psyche da anschließen.[2]

Überhaupt tun diese Synonyme die ousia, welche darauf Wert legt, eine immanente, eine insistierende, ja eine intime „Ursache“ zu sein, nichts anderes, als das Wesen in mehrere Richtungen zu extrapolieren und zu „extrovertieren“.

Drei von diesen Wörtern lassen sich zwanglos in die Begriffe übersetzen, welche das Wirkungsprofil der Ektropie oder Negentropie bezeichnen: Information, Wirkung, Zielbestimmung. Mit dem Begriff der Ektropie hat die Physik des 20. Jahrhunderts die seit dem 17. Jahrhundert ansteigende entropische Tendenz konterkariert.

Anstatt das Wesen wie Platon zu einem himmlischen Ding hinaufzustilisieren, hat Aristoteles es begrifflich in empirische Nuancen zerlegt, die wissenschaftsanschlußfähig sind.

Und manche moderne Philosphen haben den Begriff „Existenz“ gegen den des Wesens ausgespielt – so sehr, dass dieser Begriff zu einer anderen Version, zu einem Synonym, des Wesens, und zwar des menschlichen, geworden ist. Helmuth Plessner hat die „exzentrische Positionalität“ zum Schlüsselbegriff für die menschliche Natur erklärt.

PS.: Ich wusste, dass es bei Lacan das Wortspiel gibt, welches die Entropie und die „Anthropie“ zusammenstellt – gegenüberstellt?

„Anthropie“ – Menschung, Menschenwesung, Menschenbetrieb, Menschengetue ....

Im Internet finde ich unter

http://tsrerst.blogspot.co.at/2009/10/entropie-et-anthropie.html

einen Text, der von Lacan inspiriert sein könnte und zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kommt wie ich:

 „Or, il se trouve justement que la vie est une organisation qui contrecarre l'entropie : elle ne dégrade pas, mais construit. C'est comme s'il y avait là-derrière un dessein intelligent : laissée à elle-même, la matière se dégrade, mais un phénomène, appelé "vie", va à l'encontre de ce funeste destin, et structure, assemble, fait vivre, la matière, et, guidé par l'anthropie, la fait évoluer vers un être intelligent qui pourra appréhender tout cela. En résumé : l'anthropie contrecarre l'entropie...!“




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[1] Vivre en existant. Une nouvelle Éthique (Paris 2016); das als "Orgien-Mysterien-Theater " bekannte Werk von Hermann Nitsch ist vor kurzem in einer Wiener Ausstellung mit dem Titel „ExistenzFest“ assoziiert worden – der dem ektropischen Duktus dieses Werkes sicher gerecht wird.

[2] Siehe meinen Aufsatz „Morphismus, Energismus, Krypto-Animismus .... Eine postaristotelische Glosse“. Jetzt ist der Text erschienen in Irene Albers (Hg.), Anselm Franke (Hg.): Nach dem Animismus (Berlin 2017).




Walter Seitter

Sitzung vom 7. Juni 2017