τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 15. Dezember 2017


Sitzung vom 13. Dezember 2017

                                      
Da ich neulich einen Vortrag zum Thema „Topik, Physik, Dramatik des Menschenkörpers. Bei Helmuth Plessner“  gehalten habe, greife ich jetzt einige Thesen von Plessner auf (aus seinem Buch Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928)) – mit der Frage, wie sie sich zur aristotelischen Philosophie verhalten.

Plessners Begriff vom Körper engt sich keineswegs auf den menschlichen ein (wie bei neueren Philosophen eher üblich), sondern er reicht von Stein oder Schuh bis zu Palme oder Frosch und bezieht auch den Menschen ein. Während Aristoteles die Lebewesen durch Selbstbewegung charakterisiert (wozu er auch das Wachstum rechnet), nennt Plessner zunächst das weniger augenfällige Merkmal, das er „Grenzrealisierung“ nennt: lebende Körper hören an ihren Rändern nicht einfach auf, sondern sie bauen ihre Grenzen auf je spezifische Weise aus – so dass sie bestimmte filterartige, ventilartige Grenzverkehre möglich machen. Diese Grenzen schließen den Körper gegen die Umwelt ab und gleichzeitig schließen sie den Organismus zur Umwelt hin auf. Gleichzeitig koinzidiert das Sein des Lebewesens mit einem ständigen Werden und die Wirklichkeit mit seiner Potenzialität.

Das ergibt eine pulsierende Lockerung des Körpers im räumlichen Sinn – Plessner spricht von „Positionalität“ als einem Hin und Her von Anhebung und Niedergesetztsein. Und für die Zeitlichkeit des Lebewesens ist entscheidend, dass seine Gegenwart sich von der Zukunft her bestimmt. Auch seine Vergangenheit bekommt ihren Charakter von seiner Zukunft her – eben dies macht Gedächtnis und schließlich Bewusstsein möglich.

Alle diese Merkmale von Abhebung, Verflüssigung und Zeitumkehr, von Abschließung und Aufschließung würden den lebenden Körper auflösen, wenn das Lebewesen nicht  durch die Konstanz einer Formidee stabilisiert würde. Das Lebewesen muss den Konflikt zwischen dinglicher Selbständigkeit und vitaler Unselbständigkeit ständig austragen und bestehen. Plessner schlägt dafür den Begriff „Prozess“ vor und nebenbei erwähnt er gewisse platonische oder vielmehr aristotelische Denkfiguren.

Tatsächlich scheinen seine Ausführungen mit aristotelischen Annahmen vereinbar zu sein. Wolfgang Koch vermisst darin das Neue und sagt, das Prozessdenken, wie es von Alfred North Whitehead entwickelt worden ist, halte nicht am „etwas“ des Lebens fest, schon gar nicht an der Individualität des Lebewesens. Mir hingegen scheint es nicht plausibel, diese Annahmen aufzugeben. Andererseits verfeinert Plessner sehr wohl die aristotelischen Aussagen zum Lebewesen, da er sich eng mit der Biologie des frühen 20. Jahrhunderts abgestimmt hat.

Wenn Plessner an der Individualität des Individuums festhält und daher auch die Notwendigkeit und die Eigenart seiner Grenzen betont, dann bezieht er sich damit auch auf die Menschen und insofern indirekt auch auf die Politik. Dies hat er ausdrücklich bereits 1924 in Grenzen der Gemeinschaft getan und vor zuviel Gemeinschaftssehnsucht gewarnt. Neben den gemeinschaftlichen Sozialformen (Liebesgemeinschaft, Arbeitsgemeinschaft) brauchen die Menschen auch Sozialformen, in denen die Distanzen kultiviert werden (bis hin zur Diplomatie).

Die weiteren Ausführungen Plessners zur menschlichen Körperlichkeit (Eigenkörper, Fremdkörper) und zu den „anthropologischen Grundgesetzen“ („natürliche Künstlichkeit“, „vermittelte Unmittelbarkeit“, „utopischer Standort“) überspringe ich ebenso wie den Exkurs zur Dimension von Entropie und Ektropie und den diesbezüglichen Positionen von Felix Auerbach, Jacques Lacan, Erwin Schrödinger. Aber Schrödingers Epilog zu seinem kleinen
Buch Was ist Leben? : die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet (1946) erwähne ich noch; denn dort plädiert er apodiktisch gegen die „im Westen verbreitete Pluralitätshypothese“ – und für die Annahme, wonach es Bewusstsein, Ich, Seele nur im Singular gebe.

Und die Grenzen der Körper? 

Unsere nächste Sitzung soll am 10. Jänner 2018 stattfinden. Auf die Fortsetzung der Aristoteles-Lektüre können wir uns mit der Frage einstimmen, zu welchem Realitätsbereich die Philosophie selber gehört.


Walter Seitter