τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 7. Mai 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), (1035 b 19–26)



Einige Teile des Begriffs (logos), in welche dieser (der Begriff) zerlegt wird, gehen anderen voraus. Denn sowohl die Teile aus Materie (hyle) sowie die in Stoff zerlegten kommen danach/später (1035b 4-5).

Demgegenüber sind die Teile des begrifflichen Wesens, welche als Teile des Begriffs gelten (ob alle oder einige), früher (1035b 13).

Insofern die Seele der Lebewesen ihre Wesenheit (ousia) – als begriffliches Wesen (kata ton logon ousia), als die Art-Form (to eidos) und das Sosein (to ti en einai) – für den konkreten Körper/Leib ist, sind diese Teile früher (zeitlich) als der konkrete lebendige Körper (der durch seine Wirksamkeit bestimmt wird) sowie früher als das Lebewesen als Ganzes.



Der Leib und die Körperteile 

Der Körper und seine Teile folgen dieser Wesenheit (tautes des ousias), nämlich dem Wesen als begriffliches Wesen, als Art-Form und als Sosein.
Ein Teil (Körperteil) wird durch seine Beziehung zu einem Werk definiert (ergon – Arbeit, Funktion, Leistung); in Bezug auf den Finger sei hier mit Werk auf seine (des Zeigefingers) Leistung in Verbindung mit der Funktion des ‚Zeigens‘ hingewiesen.
In den stofflichen Teilen wird nicht das Wesen geteilt, sondern das Ganze/das Gesamte. Und diese Teile gehen in einer Hinsicht dem Ganzen (zeitlich) voraus, obwohl dies in anderer Hinsicht nicht zutreffen kann, weil ja die Teile als lebendige Materie nicht in getrennter Form (d.h., wenn sie vom Ganzen getrennt sind) existieren. 
Denn das Ganze (der lebendige Körper) kann zwar ohne Finger existieren, der Finger jedoch nicht ohne den Körper. Den toten Finger gibt es nur als homonym, d.h. als gleiche (gleichlautende) Bezeichnung für einen anderen Gegenstand – wie z.B. wenn es sich um den Finger einer Statue handelte. 

Anders verhält es sich im Falle der Organe ‚Herz‘ und ‚Gehirn‘. Hier gibt es eine reziproke Abhängigkeit zwischen dem Ganzen und den Teilen: weder das Ganze (der lebende Körper) kann ohne ‚Herz‘ und ‚Gehirn‘ existieren, noch das Herz oder das Gehirn ohne das Ganze. Beiden Organen (Herz und Gehirn) spricht Aristoteles eine spezielle, entscheidende Nähe zum Wesen und Logos zu.



Diskussionssteine:

a. Aristoteles unterscheidet zwischen dem real lebendigen und dem toten Finger; ein Finger, ist der realste Finger, den es gibt – sofern er zu einem lebenden Körper gehört, und der tote Finger ist kein Finger – unabhängig aus welchem Stoff er in diesem Fall besteht (Scheinfinger, falscher Finger). 
In dieser (aristotelischen) Tradition ließe sich ebenso Magritte’s Werk „Dies ist keine Pfeife“ einordnen.

Zur Unterscheidung: Platons „Finger“, Abbild einer Idee, hat weniger Sein und weniger Realität.

b. Analogie (?) zu Lacans Objekt klein ‚a‘ und seinen Bezug zu den vier Partialobjekten: 
Brust (oraler Trieb), Kot (analer Trieb), Blick (skopischer Trieb), Stimme (Invokationstrieb). 
(Die ersten beiden Triebe beziehen sich auf den Anspruch, die anderen zwei auf das Begehren).

c. Aristoteles spricht (implizit) zweien Körperteilen (Organen) die Qualität des Herrschens zu – politische Qualität (1035b 25).

d. Aristotelische Schriften und ihre Bedeutung für die Naturwissenschaften und die Wissenschaftsgeschichte.


Sophia Panteliadou

Sitzung vom 2. Mai 2018



Nächste Sitzung am 9. Mai 2018