τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 2. Juni 2011

In der Metaphysik lesen (984a 17 - 984b 17)

Nun sagt Aristoteles selber, daß die Theoretiker, die nur eine Ursache materieller Art annahmen, sich damit nicht begnügen konnten. Oder vielmehr: er führt jetzt ein neues „Subjekt“, einen anderen Akteur in die Theoriegeschichtsschreibung ein: „die Sache selbst“, wies ihnen den Weg und nötigte sie, weiter zu suchen. Die Formulierung erinnert an die von Husserl ausgegebene imperativische Parole „Zu den Sachen selbst!“ und an den jetzt in Amerika ausgerufenen Turn zu OOO: Objekt-Orientierter Ontologie, zu der man im Internet einiges finden kann (wie Ivo Gurschler berichtet). Die Formulierung von Aristoteles „erinnert“ direkt an gewisse Äußerungen von Bruno Latour, der sich nicht bloß „für“ Objekte einsetzen will sondern behauptet, sie seien ohnehin – auch ohne uns – so etwas wie Akteure.

Läuft das auf „Animismus“ hinaus: alles ist beseelt und folglich auch tätig und kann „sogar“ mit echten Lebewesen – wie wir welche sind – kommunizieren, kollaborieren?

Dasjenige, dem Aristoles ein Einwirken auf hoch qualifizierte Lebewesen, nämlich griechische Theoretiker, zuspricht, das sind nun nicht exakt die Dinge selber, sondern „die Sache selbst“ – und das ist wahrscheinlich schon eine spezielle Schicht, nämlich die Tatsache, der Sachverhalt. Aber zweifellos eine Schicht ganz nah an den Dingen oder die Tatsächlichkeit der Dinge selbst. Und was tut diese Tatsächlichkeit? Sie weist den Weg, sie nötigt zum Weitersuchen – aber nur den, der schon angefangen hat zu suchen (und zu finden), denjenigen, der weiß, daß etwas nur von etwas her entstehen kann, und daß dieses zweite, nämlich ursächliche Etwas, eine bestimmte Qualität aufweisen muß, um die Kraft zu haben, das erste Etwas hervorzubringen: eine starke Ursachmacht: arche. So einem sagt oder eher wohl „zeigt“ die Statue, daß sie zwar aus Erz gemacht ist, aber ihr Dasein nicht nur dem Erz verdankt. Eine zusätzliche Ursache muß das Erz „bewegt“, veranlaßt oder wohl gezwungen haben, eine Statue zu werden.

Und in diesem Erkenntnisprozeß selber – also auf der „Metabene“ - sieht Aristoteles eben auch eine „zweite“ Ursache am Werk: neben dem Forscher die Sache selbst, also die Dinge in ihrem Erscheinen, in ihrem Sosein ... Diese Ursache scheint er als Bewegursache anzusehen, aber ist sie nicht auch die „Materialursache“ der Erkenntnis? Und welche Ursach-Rolle kommt dem Forscher zu?
Dem Erfordernis einer zweiten Ursache – auf der Objektebene – kommen nur diejenigen Materialisten nach, die mehrere (Material)Ursachen annehmen, etwa die vier Elemente; denn einem davon, dem Feuer, läßt sich plausiblerweise eine „kinetische Natur“ zusprechen, also eine Beweg-Kraft. Bezüglich der Entstehung der Erdoberfläche, der Kontinente, speziell der Berge, verlief etwa die Diskussion im 18. Jahrhundert zwischen Vulkanisten und Neptunisten, also zwischen Feuer- und Wasseranhängern, welche Diskussion laut Nicola Schössler auch in den Zweiten Teil des Faust eingegangen ist.

Doch auch diese differenzierenden Materialismen schienen nicht in der Lage zu sein, die Entstehung der „Natur der Seienden“ hinreichend zu erklären, und so sind die Forscher, seien es dieselben oder eben andere, „neuerdings von der Wahrheit gezwungen worden“, die „nächstfolgende“ Ursache zu suchen, wie meine Übersetzungen schreiben. Mein griechischer Text hat aber nicht erchomenen sondern echomenen – ein Druckfehler?

Jetzt „die Wahrheit“ als epistemologischer Akteur. Noch etwas weiter weg von den Dingen selbst als das pragma. Aber den logischen Wahrheitsbegriff wird Aristoteles doch nicht gebraucht haben, sondern einen anderen. Objektive Wahrheit als Subjekt? Jedenfalls meint Aristoteles, daß für das Gut- oder Schönsein oder –werden von irgendwelchen Dingen nicht einmal das Feuer als Ursache ausreiche, geschweige denn Zufall oder Ohngefähr (das sind die zwei „unnormalen“ Ursachenbereiche neben Natur und Kunst). „Höhere“ Qualitäten oder Realitäten brauchen höhere oder stärkere Ursachen.

Und als so eine stärkere Ursache wurde der nous – Vernunft oder Geist – eingeführt: als Ursache des Kosmos und seiner gesamten Ordnung, Ursache, die der Natur innewohnt wie jedem einzelnen Lebewesen. Diese Ansicht, die dem Anaxagoras zugeschrieben wird, von einigen auch schon dem Hermotimus von Klazomenai, läuft also – nach Aristoteles – offensichtlich auf einen Animismus im Großformat hinaus (sowie auf die Implikation, daß die Lebewesen, also auch die Tiere, eine Seele haben, die mit dem nous identifiziert wird). Nur so einer hohen Ursache wird zugetraut, den Seienden die Bewegung wie auch das Schönsein einzugeben. Darin liegt sicher nicht die Implikation, daß Bewegung etwas Unschönes oder Minderes sei. Eine Implikation, die ohnehin mit dem ganzen Anim(al)ismus unvereinbar wäre; denn Tiere sind nun einmal solche Wesen, die sich von sich aus bewegen können (wollen, müssen).

Der Animalismus, der uns hier als eine „vorsokratische“ Errungenschaft (der zweiten oder dritten Generation) vorgeführt wird, war übrigens das „theoretische“ Schlußwort der Poetik: Analogie zwischen Tier und Dicht-Werk.

Walter Seitter