τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 19. Januar 2012

In der Metaphysik lesen (988a 34 – 988b 1)

Nach dem Ursachenresüme fasst Aristoteles kurz zusammen, dass manche nur diesen (materiellen), andere auch einen weiteren Grund, nämlich die Bewegungsursache als Ursache erkannt haben.

Im Rückblick auf die vorangehende Passage fällt auf, dass Aristoteles (eingangs von Kapitel 7) wiedereinmal „Wahrheit“ ins Spiel gebracht hat, ohne jeglichen spezifizierenden Hinweis jedoch, was darunter verstanden werden könnte. Schon einmal war etwas unklar und wie im Vorübergehen von Wahrheit die Rede (984b 10); dort konnte erschlossen werden, dass der Wahrheit (implizit) die Rolle eines „epistemologischen Akteurs“ zugesprochen wird, insofern sie es sei, welche dafür verantwortlich zu machen ist, dass man weiter, nach anderen Prinzipien sucht; offen bleibt ob dies geschieht, weil a) „dank“ Wahrheit die bisherigen Gründe als unzureichend erkannt werden (ex negativo) oder b) sich die Wahrheit vorweg als vage Vorstellung zu erkennen gibt, welche diesen oder jenen Sachverhalt womöglich besser treffen könnte und die Forscher gleichsam in die richtige Richtung lockt (via positiva? Wahrheit als Attraktor). Die deutsche Übersetzung legt mit der Wortwahl des Genötigt-Werdens eher a), die englische mit „generate“ eher b) nahe (was im Übergang zu Kapitel 4, wo gleich von „Liebe“ die Rede sein wird, näher liegt).

Hier im 7. Kapitel ist die Einführung von „Wahrheit“ sogar noch etwas salopper: sie wird einfach und nahezu unvermittelt, nur mit einem „und“ mit den Ursachen verkoppelt und dann mehr oder weniger einfach stehengelassen, jedenfalls wird dazu nichts weiter gesagt. Es geht hier ja auch weniger um die Wahrheit, als vielmehr um Ursachen. Doch wer immer sich mit diesen beschäftigt, werde es auch mit jener zu tun bekommen. Oder kann es sein, dass Aristoteles Vorgänger einfach nur Ursachen finden wollten, und die Wahrheitsfrage dabei ausklammerten, geradeso wie es die modernen Naturwissenschaftler zu tun scheinen? Vordergründig besteht die besondere Leistung der Naturwissenschaft von heute gerade darin, die Ursachenart auf eine einzige, also die „materiale“ zu beschränken; diese Konzentration eröffnet den Blick für immer mehr Details, erlaubt deren minutiöse Bestimmung und damit schließlich selbst deren gezielte oder spielerische Manipulation, d. h. die Umformung von „Realität“. Hat sich der englische Übersetzer in diesem Sinne dazu entschieden anstelle von „aletheia“ „reality“, anstatt wie üblich „truth“ zu schreiben? Sicher scheint allein zu sein, dass sich Aristoteles für die Vervielfältigung, oder besser Vervierfältigung des Ursachenbegriffs einsetzt und sich hier nun anschickt, den dritten zu thematisieren.

Aristoteles polemisiert geradezu gegen seine Vorgänger, welche z. T. nur eine einzige Ursache gelten lassen wollten und gegen diejenigen, welche zwar wenigstens zwei erkannten, diese jedoch nicht klar und „deutlich“ auseinanderzuhalten im Stande waren – und allesamt keine Ahnung davon gehabt hätten, was es überhaupt für etwas heißt „zu sein, wie es immer schon gewesen ist“ oder „das zu sein was war“ (τὸ τί ἦν εἶναι) bzw. ein Wesen (οὐσία) zu sein oder zu haben (die beiden Ausdrücke ousia und to ti en einai werden hier nahezu synonym verwendet, jedenfalls nicht weiter differenziert ...). Obgleich zum Ursachencharakter noch nichts Näheres gesagt worden ist, wirkt die so eingeführte neue Eigenheit recht eindrücklich. Am nächsten seien dieser „Was-heit“ noch diejenigen gekommen, „welche die Ideen annehmen“ und damit „noch am meisten davon sprechen“, also wohl die Angehörigen der platonischen Akademie. Möchte man mithin besser verstehen, wovon hier eigentlich die Rede ist (oder sein wird), saollte man also nicht nur eine ungefähre Vorstellung von der (mathematisch-geometrischen?) Welt der Formen haben, sondern auch – viel, öfters, miteinander – darüber reden.

Ivo Gurschler