τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 1. März 2012

In der Metaphysik lesen (990a 33 - 990b 8)


Bereits zu Beginn des 6. Kapitels (687a 29ff.) war Aristoteles auf die Lehre Platons eingegangen, auch damals im Anschluß an eine Auseinandersetzung mit den Pythagoräern. Jetzt geht er sehr ausführlich auf die Platoniker ein – im Plural, doch ohne diese Namensnennung; er nennt sie diejenigen, „die die Ideen als Ursachen aufstellten“ und rückt diese These sofort in ein merkwürdiges Licht, indem er ihre Erfinder mit solchen vergleicht, die Dinge nur zählen können, wenn sie diese Dinge vermehren – also sechs statt drei zum Beispiel. Und zur Begründung: die Formen – im  Text die eide – sind so etwas Ähnliches wie die Dinge, also eine Art Verdoppelung; und zur erkenntnismäßigen Begründung: zu jedem Ding gibt es – mindestens – ein Gleichnamiges; und zwar „auch über die Wesen (ousiai) hinaus“ – ein Zusatz den ich ehrlich gesagt nicht verstehe, wiewohl dieser Begriff die eben gebrauchten sozusagen konsequent fortsetzt: idea – eidos – ousia bilden eine Begriffskette, die den Weg Sokrates-Platon-Aristoteles nachzeichnet.

Der Hinweis auf die gleichnamigen Dinge bringt die Allgemeinbegriffe ins Spiel, die ja nicht nur in der Philosophie, sondern in der Umgangssprache unvermeidlich sind. Es geht einfach nicht, daß man für jeden Apfel einen eigenen Begriff prägt – das wäre ein Individual- oder Singulärbegriff (Unterbegriffe zu „Apfel“ gibt es jedoch sehr wohl, z. B. die Sortenbezeichnungen oder Zubereitungsarten wie „Bratapfel“). Allenfalls könnte man jedem Apfel zusätzlich zum Begriff „Apfel“ auch noch einen Namen geben. So etwas habe ich in meiner Kindheit bei den benachbarten Bauern erlebt, die jeder Kuh einen Namen gaben, z. B. Frieda, Lisi usw. Was jedoch den Begriff „Kuh“ nicht überflüssig machte. Den einzelnen Äpfeln oder Zwetschken gaben sie jedoch keine Namen. Insofern ist die Übersetzung „gleichnamig“ für homonymon nicht wirklich exakt. Ein Tisch hat ein „Homonym“ bedeutet: es gibt außer ihm noch etwas, das man auch „Tisch“ nennt. „Homonym“ heißt also hier: mit demselben Begriff, der ein „Allgemeinbegriff“ ist, bezeichnet. Man kann das auch so ausdrücken: kein Tisch ist der einzige Tisch, jeder hat einen beziehungsweise viele „Kollegen“. Für die Philosophen heißt das: kein Philosoph ist der einzige. Ein Satz, der für das Selbstverständnis der Philosophen nicht so banal ist, wie es scheinen könnte. In diesem Fall ist mit dem Allgemeinbegriff eine Moral verbunden, die sich nicht so leicht abweisen läßt, wie die mögliche Kritik der Allgemeinbegriffe - als Vergewaltigung der Singularitäten – glauben machen will.

Was diese Kritik betrifft, so ist die richtige Konsequenz aus ihr nicht die Abschaffung der Allgemeinbegriffe, sondern ihr richtiger Gebrauch. Und der lautet: kein Allgemeinbegriff ist eine hinreichende Bezeichnung für ein einzelnes Ding. Jeder Allgemeinbegriff ruft nach weiteren begrifflichen Bestimmungen, zum Beispiel weniger allgmeinen Begriffen, die ihn einengen und präzisieren. Zuletzt können auch lokale und temporale Bestimmungen dazutreten, die die Sache als individuelles Ereignis eingrenzen. Außerdem kann man den Sachen Namen geben – aber nicht allen. Übrigens steht es mit den Namen genauso wie mit den Begriffen: es gibt ihrer nicht so viele wie Individuen. Ich bin nicht der einzige, der „Walter“ heißt; ich bin auch nicht der einzige, der „Seitter“ heißt. Es muß weniger Wörter als Dinge geben. Genau so viele Wörter wie Dinge: das wäre eine Analogie zu einer Landkarte, die genau so groß ist wie das Land.

In der Lingustik gibt es das Substantiv „Homonym“ und das bedeutet wieder etwas anderes als „homonym“ bei Aristoteles. Nämlich: ein Wort, welches für einen übermäßigen und ungenauen Allgemeinbegriff steht; also ein Wort, das nicht nur gleichartige Dinge bezeichnet, sondern sogar sehr ungleichartige. Beispiel „Hahn“: bezeichnet einerseits das männliche Huhn, andererseits eine Rohröffnung, aus der Wasser fließen kann. Wären alle Begriffe so mehrdeutig, wäre das Sprechen bzw. Verstehen noch schwieriger und die Kritik an allzuvielen derartigen mehrdeutigen Wörtern wäre berechtigter als die Kritik an den ordentlichen Allgemeinbegriffen.

Walter Seitter