τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Donnerstag, 17. Mai 2012

In der Metaphysik lesen (993a 10-28)


Erst jetzt bündelt Aristoteles sein kritisches Referieren mehrerer älterer Theorieversuche, um endlich in seine Untersuchung eintreten zu können. Er kehrt zu seiner Terminologie zurück, zur Rede von den Ursachen, und betont, daß niemand über die in seiner Physik genannten Ursachen hinausgreifen könne. Von den früheren Denkern seien sie undeutlich thematisiert worden: in gewissem Sinn vollständig, in gewissem Sinn eigentlich gar nicht. Und plötzlich macht er aus der konfusen Masse seiner philosophischen Vorgänger ein quasi-personales Subjekt, nennt es „erste Philosophie“ und charakterisiert es dadurch, daß es, also sie, jung ist und anfänglich und über alle Dinge „stammelt“.
Damit setzt er nun zum ersten Mal den Namen ein, den er dieser einerseits schon irgendwie vorliegenden, andererseits von ihm „gesuchten“ Wissenschaft zu geben gedenkt: nämlich „Philosophie“ – allerdings mit dem präzisierenden Zusatz „erste“. Als Beispiel dafür wieder einmal ein Lehrsatz des Empedokles, woraus hervorgeht, mit welchem Zeitmaßstab er die „Jugend“ der ersten Philosophie mißt: Empedokles hat um die Mitte des 5. Jahrhunderts, also ungefähr 120 Jahre vor dem späten Aristoteles, gewirkt, Thales noch einmal 50 Jahre früher. Die Philosophie war also insgesamt noch nicht einmal 200 Jahre alt: für Aristoteles Urteil noch zu jung. Dabei war der sachliche Maßstab, den Aristoteles anlegt, noch viel jünger: nämlich seine Physik – damals allerhöchstens 20 Jahre alt.
Der Lehrsatz des Empedokles: der Knochen sei durch die Proportion – und nicht etwa durch den Stoff, nämlich Feuer, Erde, Wasser und Luft. Ein Kommentator ergänzt diese Aussage dahingehend, nach Empedokles bestehe der Knochen in einer Zusammensetzung aus Feuer, Erde und Luft im Verhältnis 2:1:1. Also doch auch aus Stoff, aber das Wesentlich sei die Proportion, nämlich ein quantitatives Verhältnis (das wieder einmal an die Pythagoräer erinnert). Die Proportion identifiziert Aristoteles mit „seinen“ Begriffen: mit zwei sehr unterschiedlichen Formeln für „Wesen“.
Wenn die aristotelische Physik mit ihren vier Ursachen den Maßstab für die Philosophie liefert, wo liegt dann der Unterschied zwischen den beiden Disziplinen? Ist die „erste Philosophie“ etwa doch schon erwachsen und mündig – aber unter einem anderen Namen?
Irgendetwas scheint die erste Philosophie der Physik noch „voraus“ zu haben außer einer schon fast 200 Jahren andauernden „Kindheit“: Aporien, die schon erörtert worden sind, und Aporien, die noch auftauchen werden.

Walter Seitter