τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Sonntag, 17. Juni 2012

In der Metaphysik lesen (993b 24 – 32)


Die theoretischen Wissenschaften, die die Wahrheit zum Ziel haben, wissen das Wahre, indem sie die Ursache kennen. Die Ursache ist eine Sache, die ihre Sachlichkeit (Essenz, Qualität ...) im höchsten Maße hat und an die von ihr verursachten Sachen abgibt, die davon in geringerem Maße haben: so das Feuer, das andere Dinge erwärmt. So ist auch das Wahrste (Aristoteles bildet hier den Superlativ des Adjektivs) für die Späteren Ursache des d. h. ihres Wahrheit-Seins. Hier setzt Aristoteles offensichtlich ein Substantiv ein, das mir bislang unbekannt war, auch das Wörterbuch verzeichnet es nicht: alethesis. Die Prinzipien der ewigen Dinge sind die wahrsten, sie sind immerzu wahr, sie haben keine Ursache für ihr Sein, sind vielmehr Prinzipien für die anderen. Die „transzendentale“ (im scholastischen Sinn, siehe 28. Januar und 8. Februar) Konvertierbarkeit zwischen „seiend“ und „wahr“ wird folgendermaßen deklariert: „wie ein jedes vom Sein hat, so hat es auch von der Wahrheit“ (993b 32). Aristoteles verbindet „echei“ mit dem Genitiv, den ich als genitivus partitivus deute; zwei Übersetzer verstehen so: „wie sich ein jedes zum Sein verhält, so auch zur Wahrheit“. Diese Übersetzung klingt elegant, aber ist sie mit dem Genitiv vereinbar? Semantisch ist diese Übersetzung allgemeiner als die meinige – und insofern nicht inkompatibel.

Durch die Identifizierung von „seiend“ und „wahr“ und sogar von „Wahrheit seiend“ erhält die oben festgestellte und schwer akzeptierbare Erklärung der Wahrheit zum Gegenstand von Wissenschaft eine Plausibilität. Wenn Wahrheit das Ziel aller theoretischen Wissenschaften ist (und sogar im Kleinformat das Ziel aller wissenschaftlichen Aussagen), so war damit nicht impliziert, daß sie Gegenstand dieser Wissenschaften (oder gar jeder wissenschaftlichen Aussage) zu sein hat. Ihre Position als Ziel ist eine andere denn ihre Position als Gegenstand. Das Besondere der höchsten theoretischen Wissenschaft, nämlich der hier entworfenen Ersten Philosophie, scheint zu sein, daß sie die Wahrheit nicht nur zum Ziel, sondern auch zum Gegenstand hat. Diese Wissenschaft schlägt also zur Wahrheit zwei Richtungen ein: eine zielgerichtete und eine gegenstandsbezogene. Sie dreht sich selber sozusagen um 90° und behält beide Richtungen bei: ihre Gerichtheit deckt einen ganzen Winkel von 90° ab: von bis ; sie beschreibt eine ganze Fläche von der Form eines Kreisviertels mit dem Kreisbogen links unten. Oder aber die beiden Gerichtetheiten beziehen sich nicht auf eine selbe punktförmige Wahrheit: die vertikale zielgerichtete Gerichtetheit bezieht sich auf Aussagewahrheit (eine ganz übliche Gerichtetheit); die horizontale gegenstandsgerichtete auf die Seinswahrheit. In diesem Fall liegt der Viertelkreisbogen oben rechts. Diese Wahrheit hat also zwei Bedeutungen, bzw. eine sich erstreckende, eine sich auseinanderziehende.

In der Ersten Philosophie hat die Gerichtetheit zwei Richtungen oder aber das Woraufhin der Gerichtetheit ist keine bloß einfache sondern eine zweifache, vielmehr sich erstreckende Größe. Ist diese Gerichtetheit doch eine – allerdings operativ komplexe? Und ist diese Wahrheit doch eine – allerdings statusmäßig komplexe? Ist also die Erste Philosophie eine komplexe Operation gegenüber einem komplexen Etwas?

Walter Seitter