τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 8. März 2013

Metaphysikanalyse (mit Lacan)


Aristoteles’ hartnäckige Kritik an der sogenannten „Ideenlehre“ Platons wirft die Frage auf, ob es das, was bei Platon „Idee“ heißt, bei Aristoteles gar nicht gibt oder, wenn doch, dann mit welchen Unterschieden. Die in den sokratisch-platonischen Dialogen herausgearbeitete Soseins- oder Artbestimmtheit wird sehr wohl auch von Aristoteles übernommen und nimmt in den logischen wie in den realwissenschaftlichen (hauptsächlich physikalischen) Schriften eine wichtige Stellung ein: eher vielleicht wichtige Stellungen. Denn sie wird mit zahlreichen unterschiedlichen Begriffsformulierungen ausgedrückt, denen immerhin erkennbare sachliche Nuancen zugrundeliegen. Trotzdem sei hier von diesen einmal abgesehen und statt dessen die Vielzahl der Termini genannt: idea, eidos, morphe, logos, ousia, ti en einai, ti estin, entelecheia. In den logischen Schriften steht die Differenz von Substanz und Akzidenzien im Vordergrund und da wird das eidos hauptsächlich der Substanz zugeordnet. In den anderen Schriften überwiegt die Ursachenbestimmung und –unterscheidung und da wird das eidos als zweite, als Formursache, geführt; es kann aber auch zweite, dritte und vierte Ursache gleichzeitig sein. Das Wort „Ursache“ hat allerdings den Nachteil, daß es den immanenten Charakter der Formursache verdeckt, und der macht nun einmal den Hauptunterschied dieser aristotelischen „Ursache“ gegenüber den platonischen Ideen aus, die transzendent positioniert sind (Aristoteles sagt nüchterner: sie existieren „getrennt“).

Gegenüber der platonischen „Ideenlehre“ könnte man bei Aristoteles von „Ursachenlehre“ sprechen. Und die ersten Abschnitte in der Metaphysik haben denn auch diese Untersuchungsrichtung betont. Hingegen hat der zuletzt gelesene Abschnitt über die „mathematischen Wissenschaften“, aber auch viele andere Stellen wie diejenige über die „Wertfreiheit“ der Mathematik, eine ganz andere Dimension auftauchen lassen, die auch direkt mit dem Selbstverständnis des Textes als Suche nach einer bestimmten, nämlich „gesuchten Wissenschaft“ zusammenhängt: die Dimension einer „Wissenschaftslehre“, mit der übrigens auch der sogenannte „Meta“-Charakter des Textes zusammenpasst. Ein Textverständnis, das durchaus Wirkung gezeigt hat, auch wenn es sich von der Hauptwirkung namens „Metaphysik“ deutlich absetzt. So hat zum Beispiel Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) seine zentralen Schriften allesamt Wissenschaftslehre genannt – und zwar ohne jede Bezugnahme auf Aristoteles oder gar die Metaphysik. Er sah sich als Fortsetzer von Kant, dessen Kritik der reinen Vernunft einerseits als Wissenschaftslehre auftritt, andererseits aber auch der Metaphysik – endlich – eine ordentliche Begründung liefern wollte.

Jetzt zu einem Autor des 20. Jahrhunderts, der kaum zu den professionellen Philosophen zu zählen ist, sich aber unordentlicherweise doch in die Philosophie eingemischt hat. Zunächst mit dem Motiv, der von Sigmund Freud begründeten – man kann auch sagen: erfundenen – Psychoanalyse zu stärkerer Wissenschaftlichkeit zu verhelfen.

In seiner Rede von Rom 1953 hat er hierzu ein „epistemologisches Dreieck“ vorgeschlagen, bestehend aus Geschichte, Mathematik und Linguistik, um die Psychoanalyse darin zu integrieren und auf den Stand der Wissenschaften zu bringen.[1] Was die Linguistik betrifft, so hat er über Claude Lévi-Strauss die eher esoterischen Untersuchungen von Ferdinand de Saussure sowie von Roman Jakobson aufgegriffen. Er zitiert aber auch Freud, der sich für eine ideale psychoanalytische Hochschule die um 1900 schon gut eingebürgerten geisteswissenschaftlichen Disziplinen „Kulturgeschichte, Mythologie, Religionspsychologie und Literaturwissenschaft“ gewünscht hat. Und nachdem er einige Minuten zuvor eine platonische „Rückkehr zum Begriff der wahrhaftigen Wissenschaft“ statuiert hatte, ergänzt er die Freudsche Liste mit einer erklärtermaßen aristotelischen und postuliert folgende Gebiete: Rhetorik, Dialektik, Topik, Grammatik, Poetik.[2] Er resümiert diese, wie er selber sagt, etwas altmodische Postulierung, indem er sich ausdrücklich zur mittelalterlichen Tradition der „artes liberales“ bekennt.[3]

Es ist sehr ungewiß, ob sich die echten Lacanianer, die Psychoanalytiker sind, um diese Empfehlungen kümmern. Wohl aber wissen wir, daß wir vier Jahre lang die Poetik gelesen haben.

Doch damit nicht genug. Am 15. Dezember 1971 empfiehlt Lacan in seinem Seminar die Lektüre der Metaphysik des Aristoteles und er würzt seine Empfehlung mit dem Versprechen, die Leser würden das Buch – ebenso wie er – „kuhblöd“ finden; die Blödheit des Textes sei geradezu frappant.[4]

Und zwar unter einer Bedingung, die selber geradezu tautologisch klingt: man müsse bei der Lektüre der Metaphysik von ihrem Wesen, vom Signifikat, von allen Erklärungen darüber absehen, von allem, was die Metaphysik für das Abendland zustandegebracht hat. Denn alles sei daraus, aus der Metaphysik entstanden, die man ihrerseits aus der Metaphysik – dem Buch – herausgelesen habe. Neuerlich spreche man sogar vom Ende der Metaphysik. Das alles sei nur möglich, aufgrund dieses „Büchels”.

Es sei ja nur ein Büchel (scil. W. S.: meine gelbe Reclam-Ausgabe mißt knapp 15 x 10 x 2 cm) und das sei etwas ganz anderes als die Metaphysik. Man hat ihm einen Sinn gegeben – und den nennt man „Metaphysik“ (nicht kursiv geschrieben). Man müsse jedoch den Sinn und das Büchel unterscheiden. Mehr noch: man müsse das Büchel unter dem ganzen Sinn überhaupt wieder auffinden und hervorholen – und das sei gar nicht leicht. Wenn das gelinge, würde man das sehen, was die Vertreter der historisch-kritisch-exegetischen Methode im 19. Jahrhundert auch schon gesehen hätten, indem sie sich vom Sinn in gewisser Weise abgesperrt hätten.

Und zwar wären ihnen Zweifel über das Buch gekommen, wie auch schon einigen in der Spätantike. Das sogenannte Buch sei wohl nur eine Aneinanderfügung von Notizen, es sei vielleicht von einem Schüler zusammengeschrieben worden. Lacan aber behauptet, ein Buch von Karl Ludwig Michelet (1801–1893) (nicht identisch mit dem französischen Dichter-Historiker Jules Michelet (1798-1874)) gelesen zu haben, und ebenso wie dieser nicht an die historisch-kritische Dekonstruktion der Metaphysik des Aristoteles zu glauben.[5]

Fortsetzung folgt.

Walter Seitter 


[1] Jacques Lacan: Schriften 1 (Frankfurt 1975): 126ff.
[2] Jacques Lacan: op. cit.: 130.
[3] Jacques Lacan: op. cit.: 131.
[4] Jacques Lacan: Séminaire XIX: ... ou pire. 1971-1972 (Paris 2011): 28.
[5] Siehe Jacques Lacan: op. cit.: 28f.