τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Samstag, 23. März 2013

Politics of Friendship (Protokoll 20. 3. 2013)


Mein Freund Pierre, ein Pariser Anarchist, der mit einem Fuß schon öfter im Kriminal stand, hat bei Derrida, Nancy und auch Deleuze studiert. Ihm ergeht es ähnlich wie mir, der ich bei wahrscheinlich allen entscheidenden Wiener Philosophen der letzten zwei Jahrzehnte  studiert oder zumindest ein Seminar bei Ihnen belegt habe, (von Kortian bis Waldenfels, von Sloterdijk bis Aubenque, von Samsonow bis Seitter), beide arbeiten wir nicht auf der Universität, sondern sind am freien Markt quasi als Unternehmer tätig.
(Zu wenig passen wir in das akademische System, zu viel setzten wir der Mißgunst- und Spießergesellschaft der akademischen Philosophie entgegen. Zuviel Distanz konnten wir im Laufe der Jahre zu uns selbst entwickeln, und zu miserable Sekundärphilosophen sind wir. Übrigens als Unternehmer im Sinne von Hardt und Negris Empire, nämlich als Schnittstelle im Strome des Kapitals, welche bei verschiedensten Gelegenheiten, man könnte auch sagen bei jeder, die sich bietet, akkumuliert. Pierre war eineinhalb jahrelang im Amazonasgebiet bei einem Indianerstamm zu Gast und hat deren Sprache erlernt, und hat sich so in einen Kapitalstrom einer französischen Forschungsgesellschaft gestellt. Ich, der ich jahrelang auf der Psychiatrie war, akkumuliere beispielsweise immer wieder mal mit folie und peerness. Völlig unverfroren.)
Als die entscheidenden Philosophen bezeichnen Pierre und ich, die Autoren und Urheber primärer philosophischer Werke. Dies ist der vorbildliche und prototypische Weg. Vom Verfasser sekundärer Werke als Student und später als Lehrender, irgendwann zum Philosophen primärer Werke, zum Verfechter eigener Theorie zu werden. Im Grunde gilt wohl nichts als wissenschaftlicher und forschender als eine Hypothese zu beweisen. Andere Wissenschaften machen es jedenfalls so. Und nicht anders.
Der erste Philosoph der auch Professor war, war Immanuel Kant, stellten wir fest. Dessen Vorbild wird seither mehr oder weniger imitiert.
Der primäre Philosoph aber soll nur der Sache dienen. Ein Bekenntnis zur Armut und Bescheidenheit, welches ich nicht unterschreiben würde. Gibt es doch trotz, oder gerade wegen der philosophischen Sachen, das Selbstbewusstsein, das Psychische und die Persönlichkeit. Oder auch das Totem und die Gesellschaft. Und so vertrete ich eher die Ansicht, dass die philosophischen Sachen nur mit den Philosophen leben und zur vollen Blüte gelangen. Ungelesene Bücher sind doch, da lehne ich mich zäh an Platon an, tote Bücher. Und nicht-blühende Theorie wird irgendwann zu einem Fall der Archäologie. Was ich beispielsweise bei meiner oftmals belächelten Lektüre von Erich Fromms Werken heute schon bemerke. Leider mussten die bedeutenden Philosophen einsehen, dass nämlich nur sie der Sache dienen können. Deshalb haben sie alle miteinander keinen bedeutenden Schüler. Weder die Deutschen noch die Franzosen.
Pierre übrigens, findet die französische Philosophie langweilig und uninteressant. Er sagt: „Ja, ja Lacan, das ist ganz nett, aber das ist Fünfzigerjahre. Das ist theoretisch nicht mehr interessant. Das ist die französische Schule der Psychoanalyse. Das ist Therapie.“ Er belächelt mich fast dafür, wenn ich ihm von der Schule erzähle, die ich mittwochs besuche. Pierre sagt auch: „Wir in Frankreich können die Tradition der 1950er- bis 1990er-Jahre gar nicht richtig fortführen, weil all die bedeutenden Philosophen es verabsäumt haben, bedeutende Schüler in entscheidenden Positionen zu installieren. Wir in Frankreich lesen alle Sloterdijk. Alle die mit mir studiert haben lesen Sloterdijk.“ Es sei an dieser Stelle gesagt, dass Pierre 38 ist, also um drei Jahre älter, als ich es bin.
Seit einem letzten Wienbesuch beschäftigt Pierre sich mit dialektischer Kybernetik nach Gotthart Günther.
Ich sehe Platon und Aristoteles in dieser Frage nahe beieinander. Entsteht bei Platon Wissen des Wissens und Erkenntnis an und für sich nur über die Selbsterkenntnis, bestätigt Aristoteles mit seiner Polemik gegen die gleichzeitige Existenz von Dingen und deren Ideen mit dem Vorschlag eines Mittleren, meiner Ansicht nach ontologisch und kategorial, das Allgemeine existiert nur im Konkreten. Anthropologisch umgemünzt bedeute dies, dass die allgemeine Philosophie nur in der konkreten philosophischen Tätigkeit des einzelnen Philosophen existiert. Auch wenn Aristoteles die ewigen Dinge und Wissenschaften unabhängig von der Betätigung und als nicht vergänglich sieht, würde ich soweit gehen. Auch bei möglichst authentischer Lektüre, muss man Aristoteles mit der Realität abgleichen, und die besagt bspw. das es keine ewigen Gestirne gibt, sondern vergängliche Sterne und Planeten. 
Ich bin auch überzeugt, dass ohne Philosophen das Fehlen philosophischer Sachen, solange niemandem auffallen würde, bis es wieder Philosophen gäbe.
Philosophie ist, darin sind sich Pierre und ich einig, ist, selbst wenn man es erst postulieren müsste und es Sokrates nicht gegeben hätte, kein Sicherheits- sondern ein Risikoberuf. Und wenn man das Risiko nicht tragen kann, sollte man es, in letzter Konsequenz und nebenbei bemerkt, besser lassen.
Für unsere bisherige Lektüre erscheint mir der Titel „Metagerede“ der Treffendste. Auch „Paratexte“ wie ein Werk von Gérard Genette sich nennt, hätte eine gewisse Gültigkeit. Aber „Metagerede“ ist besser. Viel besser.
Mathias Illigen

P.S. Die Damen der Runde mögen mir die ausschließliche Verwendung der männlichen Form verzeihen.