τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 13. Februar 2014

In der Metaphysik lesen (1004b 9 – 1004b 26)

In 1004b 7 nennt Aristoteles die drei Gegenstandsbereiche Zahlen, Linien, Feuer, die von „normalen“ Wissenschaften zu behandeln sind: Mathematik, Geometrie, „Feuerwissenschaft“ (als eine Abteilung der Physik, wobei das Feuer als „Element“ ein prominenter Gegenstand sein dürfte). Von diesen Gegenständen sind jeweils das Wesen und wohl auch die Akzidenzien zu untersuchen). Er nennt einige pathe (Leiden, Zustände) der Zahl bzw. des Festkörpers (er geht auf den Festkörper über und nähert sich damit seinem Buch Physik an), die von den entsprechenden Wissenschaften zu untersuchen sind. Auch wenn diese Bestimmungen nicht genau den Gesichtspunkten unserer heutigen Wissenschaften entsprechen, kann man sich ungefähr vorstellen, was damit gemeint ist.

Die Aussage, daß „jene Wissenschaft“, nämlich die gesuchte, das Was und die Akzidenzien des Einen als eines und des Seienden als seiendes erkennen soll, bleibt für uns doch ziemlich blaß und die polemische Absetzung von den Sophisten und von den Dialektikern macht die Sache auch kaum deutlicher. Wir beziehen das Akzidens pathos ausdrücklich auf das Seiende als solches und fragen, was denn dem Seienden „passieren“ muß, damit man von Leiden oder Gefährdung sprechen kann. Das Seiende ist der allgemeinste, gleichzeitig der vollste und der leerste Begriff – da muß man die Reihe der Modalitäten schon in ihrer ganzen Spannung und Dramatik (die bis zur Negation reicht) ernstnehmen, damit die Ontologie, die doch wohl auf irgendwelche bestimmten Realitäten bezogen werden muß, etwas zu tun bekommt.

Wir denken an die heideggersche „Seinsvergessenheit“: Sein und Seiendes als solches liegen ja nicht so weit auseinander. Die Seinsvergessenheit ist bei Heidegger ein historisches Schicksal, das dem Sein seine Bedeutung und sein Gewicht genommen zu haben scheint – sie liegt also auf der Linie der Seinsmodalitäten, sofern diese in die Negation münden: also tatsächlich ein pathos im wörtlichen Sinne. Der Vorgang, den Heidegger meint, hat allerdings nichts Pathetisches, eher etwas Stillschweigendes und Unbemerktes; Pathos kommt durch die Art und Weise auf, wie Heidegger darauf aufmerksam macht.

Eine derartige historische Deutung von „Ontologie“ mag dem herkömmlichen Aristoteles-Verständnis zuwiderlaufen; sie inspiriert sich immerhin aus der Aufzählung der Seinsmodalitäten in 1003b 7ff.. Auf keinen Fall darf sie etwas anderes vergessen lassen: daß Aristoteles alle diese Ausführungen in den Horizont der Wissenschaften stellt. Insofern besteht auch die Bemerkung Ivo Gurschlers zurecht, daß nämlich jene Modalitäten, sofern sie sich vom „Wesen“ entfernen, der Tendenz der modernen Wissenschaft entsprechen, sich vom Ursachen-Begriff zu lösen und die Gegenstände nach Gesichtspunkten, Korrelationen, Variablen zu konstituieren (allerdings andere Gegenstände als das Seiende als seiendes).

Walter Seitter


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Sitzung vom 12. Februar 2014