τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 22. Juni 2017

In der Metaphysik lesen (Buch VII (Z), 1028b 8 – 1028b 33)

Die Übersetzung des griechischen Begriffs ousia bildet ein schwieriges Kapitel der Philosophiegeschichte, auf das Heidegger öfter hingewiesen hat. Es beginnt – jedenfalls für uns – mit den Übersetzungen ins Lateinische, welche die beiden Versionen der ousia mit „Substanz“ und „Essenz“ wiedergeben. „Essenz“ steht dem griechischen Wort ziemlich nahe. „Substanz“ hingegen gar nicht – es leitet sich nämlich von einem ganz anderen griechischen Wort her: hypostasis; welches für die Dogmatisierung der Trinität herangezogen worden ist – und im Lateinischen mit persona wiedergegeben worden ist. Während für das gemeinsame Wesen der drei Personen natura eingesetzt worden ist. In der zweiten göttlichen Person sind göttliche und menschliche Natur verbunden (nicht verschmolzen).

Die Übersetzung mit „Wesen“ hat den Vorteil, dass dieses Wort für die beiden Versionen von ousia steht: Wesen, das ich bin, und Wesen, das ich habe.

In der nun gelesenen Textstelle wird der Begriff „Wesen“ mit großer Entschiedenheit und Allgemeinheit den Körpern zugesprochen – die ja den Gegenstandsbereich der Physik bilden. Nicht etwa „dem“ Körper, der ein Lieblingsobjekt mancher moderner Philosophen ist und mit dem nur der menschliche Körper (Leib) gemeint ist. Jene Körper reichen von Pflanzen und Tieren (und ihren Teilen) über die vier oder fünf Elemente bis zu den Himmelskörpern, ja bis zum Himmel und seinen Teilen. Sie reichen also fast bis zu göttlichen Dingen (wie sie in 1017b 12 und in 1026a 18 deutlicher genannt werden). „Teilchen“ im Sinn der antiken oder modernen Mikrophysik sind damit wohl nicht gemeint.

Während in 1017b 10ff. zu den Körpern dann auch gleich die Seelen als Wesen (als Zweite Substanzen) hinzugefügt worden sind, werden hier die „Grenzen des Körpers“ – von der Fläche bis zur Eins – ebenfalls als Wesen, möglicherweise als wesentlichere Wesen, den Pythagoreern zugeschrieben.

In der Folge werden mehrere Schulen genannt, die den Wesensbegriff unterschiedlichen Dingen zusprechen: die Naturphilosophen – nur den Sinnesdingen; Platon – zwei Arten von Wesen den Formen und den mathematischen Entitäten, die ewig sind und zahlreicher und seiender als die sinnlichen Körper, denen eine dritte Art von Wesen zukomme; Speusippos, der Nachfolger Platons in der Akademie, der vom Einen ausgehend  die Zahl der Wesen und Prinzipien noch weiter vermehrt; Xenokrates, der Nachfolger des Speusippos, dessen Schüler den Formen und den Zahlen dieselbe Natur (wieder als Synonym für „Wesen“) zusprechen,  und alles andere schließe sich an.

Aristoteles nimmt sich vor, diese unterschiedlichen Ansichten prüfen zu wollen, indem er das „Wesen des Wesens“ untersuche. Denn bei den genannten Schulen gibt es möglicherweise keinen einheitlichen Wesensbegriff.


Wir stehen vor der Frage, ob ein bestimmter Wesensbegriff sich aus der Realität der Dinge ergibt oder ob er willkürlich zu setzen ist.


Walter Seitter

Sitzung vom 21. Juni 2017