τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Sonntag, 4. März 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1033b 20 – 1034a 8

  
Thema ist nach wie vor die Entstehung  -  die Entstehung von Sachen, die es nicht schon immer gegeben hat, von Dingen, die selbständig existieren, von Dingen, die aus Stoff und Form zusammengesetzt sind. Wolfgang Koch erinnert an 1029a 7, wo gesagt wird, dass die Form „früher und mehr seiend“ ist als der Stoff und die Verbindung aus beiden.

Nun ist aber das aus beiden Verbundene die selbständig existierende Substanz, laut Kategorienschrift die Erste Substanz. Welchen Status hat die Form, die früher und seiender genannt wird? In der Diktion jener Schrift heißt sie Zweite Substanz und im zuletzt gelesenen Abschnitt wird von ihr gesagt, dass sie „eidos oder ousia“ genannt wird und dass sie „nicht entsteht“.



Erste Substanz                                                  Zweite Substanz


entstanden                                                           unentstanden und früher


zusammengesetzt aus                
Stoff und Form                                                      unteilbare Form

                                                                                seiender     
                        

selbständig existierend                                      unselbständig                           


„Substanz“                                                              „Essenz“


„beseelter Körper“                                                   „Seele“ 



Die Version von ousia, für die die linke Kolonne steht, ist unserer Erfahrung näher. Die andere Version erscheint eher unklar, sie ist ein Bestandteil der ersten, gleichzeitig wird ihr ein höherer Rang zugesprochen. Ich würde sagen, sie ist ein „Rest“ der platonischen Idee, von der sich Aristoteles distanzieren will, die er aber auch nicht ganz los wird.

Im Absatz 1033b 20ff. schlägt sich Aristoteles mit der Frage herum, ob die damit gemeinten „Formen“ für die Entstehungen der Wesen einen Nutzen bringen, und er verneint die Frage. Andererseits bleibt er bei seiner Ansicht, dass bei der Zeugung eines Tieres eine identische Artform zwischen den Generationen entscheidend ist, in Ausnahmefällen sogar eine Gattungsform wie zwischen Pferd und Maulesel (Kreuzung aus Pferd und Esel). Die Bezeichnung für die Gattungsform, die Aristoteles nicht kennt, lautet heute „Equidae“.

Schließlich wählt Aristoteles eine Formulierung, die meines Erachtens explizit gegen Platon gerichtet ist, der meine, eine Form als ein Urbild (Vorbild) anfertigen zu müssen. Mit diesem Anfertigen unterstellt er ein Konstruieren oder Aufbauen, das von Haus aus fehlgeht, weil der Theoretiker damit über die reine Theorie hinausgehe. (Dass der Theoretiker notwendigerweise zum sprachlichen „Bauen“ übergehen muss, scheint Aristoteles hier zu übersehen.)

Was die Formursache betrifft, so ist sie zwar notwendig für die Entstehung, aber sie ist in der Wirkursache (Künstler, Vater) enthalten und man muss sie nicht „extra“ ansetzen. Das Entstandene, also das Ganze, heißt beispielsweise Kallias oder Sokrates, und besteht aus einer Artform sowie aus diesem Fleisch und diesen Knochen. Diese sind teilbar, die Form aber unteilbar.

Walter Seitter

                                 
Sitzung vom 28. Februar 2018


Nächste Sitzung am 7. März 2018