τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 16. September 2024

De Anima lesen 7 - (404b, 8 – 405b, 31)

Mittwoch, den 26. Juni 2024


Im hier behandelten Abschnitt des Kapitel 2 vom 1. Buch wird weiter auf Bestimmungen der Seele durch seine Vorgänger eingegangen. Aristoteles stellt fest das Anaxagoras die Seele mit der Vernunft (nous) gleichsetzt, aber zugleich als das Bewegende selbst ansieht, was in der Behauptung deutlich wird, dass die Vernunft das All in Bewegung setzt. Allgemein sagt Aristoteles, das diejenigen, die vor allen die Bewegung des Beseelten beachten auch annehmen, dass die Seele Ursache der Bewegung sei.

Diejenigen, die sich mehr auf das Erkennen und Wahrnehmen der seienden Dinge (onton) durch die Seele konzentrieren, würden demnach eine oder mehrere Prinzipien behaupten, die aus den Elementen genommen werden. Empedokles wird als Beispiel angeführt für die Behauptung, die Seele besteht aus allen Elementen (stoicheion), wovon jedes Einzelne auch Seele sei. Dazu bringt Aristoteles ein Originalzitat von Empedokles wo nicht nur Erde, Wasser, Feuer und Äther mit demselben Stoff erkannt werden, sondern auch Liebe und Streit, die keine körperliche Elemente sind, aber doch Prinzipien (archon), die Körper bewegen können.

Einen ähnlichen Isomorphismus zwischen Seele und Beseelten, wie es Corcilius formuliert, sieht Aristoteles auch im Timaios von Platon am Werk, wo „Gleiches mit Gleichen“ erkannt wird und die Dinge (Pragmata) aus den Prinzipien bestehen würden. Hier erwähnt Aristoteles eine Vorlesung von Platon „Über Philosophie“, die in den von mir eingesehenen Kommentaren nicht einmal erwähnt wird, worin sich die Zahlentheorie der Ideen bei Platon dargelegt sein soll. Das Lebewesen-Selbst besteht aus der Idee des Einen Selbst und der ersten Länge und Breite und Tiefe. Dann führt er eine zweite Version der Prinzipienlehre an, nämlich dass die Vernunft das Eine ist und Wissen die Zwei. Das erinnert sehr an die sogenannte ungeschriebene Lehre von Platon, wo die Vielfalt der Ideenlehre auf zwei Prinzipien zusammengefasst werden soll, die Eins und die unbestimmte Zwei. Darüber hat sich Aristoteles an drei Stellen in der Metaphysik und an einer Stelle in der Physik geäußert. Weder im Handbuch Platon, noch im Wikipedia-Artikel zur „ungeschriebenen Lehre Platons“ ist von einer Stelle in „De Anima“ die Rede. Ist diese Stelle so unwichtig, immerhin gibt zwei Schulen, die sich mit der Rekonstruktion der ungeschriebenen Lehre beschäftigen, die Tübinger und die Mailänder Schule. Wie auch immer, Aristoteles fährt fort, dass die Zahlen in dieser Sicht als Ideen und Prinzipien bezeichnet werden, aber sie bestehen aus Elementen, die teilweise durch die Vernunft, teils durch Wissen (episteme), aber auch durch Meinung und Wahrnehmung beurteilt werden.

Wenn die Ideen die Zahlen der Dinge sind und die Seele sowohl beweglich wie auch des Wahrnehmens fähig ist, haben einige aus der Schule Platons daraus die Seele als sich selbst bewegende Zahl zusammengeflochten, wie sich Aristoteles ausdrückt.

Ohne weitere Besprechung der Zahlen wendet sich Aristoteles einer Einteilung nach Art und Anzahl der Prinzipien zu, die die Seele ausmachen, wobei er zuerst einen Unterschied zwischen körperlichen und unkörperlichen Prinzipien feststellt, und auch von Leuten spricht, die diese Prinzipien mischten. Nun stellt Aristoteles fest dass seine Vorgänger in der Menge der Prinzipien uneins sind. Die Prinzipien, die zum Bewegen befähigen angenommen werden, werden auch zu den Prinzipien der Seele.

So scheint für Demokrit das Feuer als Prinzip zu gelten, weil es das unkörperlichste und feinteiligste Element ist, das sowohl bewegt wird, wie auch andere Dinge bewegen kann. Seele und Vernunft seien wie das Feuer aus unteilbaren und kugelförmigen Körper aufgebaut, die wegen ihrer Gestalt am leichtesten beweglich seien.

Anaxagoras scheint Seele und Vernunft als verschieden anzunehmen, beide sind von derselben Natur und ersetzt die Vernunft am meisten als Prinzip an, wobei er Erkennen und Bewegen diesem Prinzip zuordnet, denn Aristoteles zitiert den Satz: Die Vernunft hat das All in Bewegung gesetzt.

Auch Thales hat die Seele als etwas zum Bewegen Fähiges aufgefasst, denn er soll gesagt haben der Magnetstein hätte Seele, weil er das Eisen bewegt. Hier gibt es einen zweifelnden Anklang bei Aristoteles, den er fügt die Zwischenbemerkung ein, soweit dies überliefert ist.

Diogenes nimmt die Luft als Prinzip an, weil sie durch die Feinteiligkeit bewegen könne und weil die übrigen Dinge aus ihr bestehen würden und dadurch erkannt werden könnten. Heraklit erkennt das Prinzip der Seele im aufsteigenden Dunst, aus dem die anderen Dinge zusammengesetzt sind. Dieses Prinzip ist am am unkörperlichsten und ständig im Fluss, und Bewegtes werde durch Bewegtes erkannt.

Damit kommt Aristoteles zu Alkmaion und dessen Vorstellung der Seele als unsterblich, weil die Seele den Unsterblichen gleicht und auch immer in Bewegung sei. Das mag als ein Sprung erscheinen von der Luft als Prinzip zur Unsterblichkeit, aber die diese Eigenschaft wird aus einer Ähnlichkeit mit den Göttern abgeleitet. Denn das Göttliche ist ständig in Bewegung, sonne, Mond und Sterne und der ganze Himmel.


Der nächste Schritt ist überraschend wertend, wenn er plötzlich von den plumperen Denkern wie Hippon spricht, die das das Wasser als Prinzip annehmen. Aristoteles meint das sie aus der Beobachtung, das der Samen bei allen feucht sei, und damit spricht er sich gegen das Blut als Seele aus, ein Ansicht die Kritias vertreten habe. Der Hintergrund scheint die Wahrnehmungsfähigkeit der Seele zu sein, die der Natur des Blutes am meisten zukommt. Mich enttäuscht diese Abwertung des Wassers als Prinzip in zweifacher Weise, erstens weil es die am meisten biologische Erklärung wäre und das Wasser Ausgangspunkt alles Lebens ist, und zweitens weil es ein Verrat am Beruf seines Vaters zu sein scheint, der Arzt war und für den Wasser, Samen und Blut wesentlichen Stoffe seiner Heilkunst sein mussten.

Die Aussage, das Luft und Feuer feinstofflicher seien, kann kein Argument gegen das Wasser sein und die Dinge in Bewegung zu setzen, gilt für das Wasser mindestens im selben Ausmaß wie für die anderen Elemente, auch wenn heute die meisten Autos von Feuer betrieben werden.

Aristoteles kommt zuletzt zum Element der Erde, für die sich kein Vertreter gefunden hätte, außer die, die Seele aus allen Elementen bestehen lassen.

Die Seele besteht bei allen aus drei Merkmalen: Bewegung, Wahrnehmung und das Unkörperliche, die auf die Prinzipien zurückgeführt werden. Wird die Seele durch das Erkennen definiert, wird sie aus den Elementen bestehend gedacht, da die Seele alles erkennt, und Gleiches nur von Gleichem erkannt werden kann.

Einzig Anaxagoras setzt die Vernunft als Seele an, die nichts mit den anderen Dinge gemeinsam habe, aber Aristoteles kennt die Art des Erkennens und den Grund dieser Beschaffenheit nicht.

Zum Schluss kommt Aristoteles noch die zu sprechen, die Gegensätze zu den Prinzipien zählen und daher die Seele aus Gegenteilen bestehen lassen, wie das Warme und das Kalte, oder nur eines davon. Gerade diese sollen sich an die Etymologie (onomasin) halten und das Warme vom Lebendig-sein herleiten, die anderen halten die Seele für das Kalte wegen des Einatmens und der damit verbundenen Abkühlung. Hier wird der der Ausdruck für Lebendig-sein (zên) von Ausdruck für kochen (zein) und der Ausdruck für Seele (psychê) vom Adjektiv „kalt“ (psychron) hergeleitet.

Diese Onomastik, das Studium der Namen, ist zwar nicht einer historischen Etymologie getragen, mehr von einer einer assoziativen Sehnsucht, ein dahinter stehendes Wort, ein wahres Wort (étymos logos) zu finden, das durch seine Verbindung einer lautlichen Ähnlichkeit etwas Prinzipielles aufleuchten läßt.

Seele übrigens ist dem See zugehörig, also dem Wasser, wo die Seele herkommen und nach dem Tod zurückkehren. Im Wasser werden die Seelen aufbewahrt, aber davon wusste Aristoteles wohl nichts.