τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Mittwoch, 2. März 2011

In der Metaphysik lesen

Die Wissenschaft, die Aristoteles in diesem Buch unter dem merkwürdigen Titel "Weisheit" darlegen oder vielmehr "suchen" also überhaupt erst anfangen und entwickeln will, muß auf jeden Fall Ursachen und Gründe zum Gegenstand haben - sonst ist sie keine Wissenschaft und schon gar nicht ein hochrangige. Um nun zu bestimmen, welche Ursachen und Gründe sie erkennen soll, schlägt Aristoteles einen Umweg ein, den man "trivial" nennen könnte: er listet auf, was die Leute so unter dem Weisen oder unter der Weisheit verstehen (582a 7ff.): 1. weise ist, wer alle Dinge in ihrer Allgemeinheit kennt, soweit das möglich ist, 2. weise ist, wer schwer erkennbare Dinge kennt (was sind das für Dinge - die Kategorien, der Tod Gottes?); 3. weise ist, wer genau ist und die Ursachen lehren kann; eine Wissenschaft ist weise in dem Maße, in dem ihr Wissen um seiner selbst willen produziert wird; 4. eine Wissenschaft ist weise in dem Maße, indem sie zum Gebieten befähigt, nicht zum Dienen. Die letzte Bestimmung macht einen sehr platonischen Eindruck. Sie scheint aber zur Beantwortung der anfänglich gestellten Frage noch weniger beitragen zu können, als die übrigen Feststellungen. Zwei der aufgelisteten Feststellungen werden nun zusammengeschaltet: das Allgemeine ist das schwer Erkennbare (weil es von den Sinneswahrnehmungen weit weg ist). Ebenso werden die genauesten Wissenschaften mit denen identifiziert, die die ersten Ursachen zum Gegenstand haben. Beispiel Arithmetik ist genauer als Geometrie. Wieso? Wodurch unterscheiden sich die beiden mathematischen Disziplinen? Der Unterschied zwischen geometrischen Größen und Zeichnungen (auf Tafeln oder auf Papier), der Unterschied zwischen Linie und Strich, der allerdings elementar ist, kann wohl nicht gemeint sein. Hat die Arithmetik weniger Gründe als die Geometrie und hat sie deswegen "erstere" Gründe? Und sind die ersteren Gründe leichter oder schwerer erkennbar? Nach dem oben Gesagten erwarten wir die Antwort: je schwerer sie erkennbar sind, umso mehr ist die Weisheit für sie zuständig.

Aber Aristoteles gibt die umgekehrte Antwort: die ersten Ursachen sind die am besten erkennbaren: Und außerdem sind sie das Worumwillen jeder Handlung, das Gute eines jeden und das Beste insgesamt.

Wo können die Ursachen, die von der Mathematik aus anvisiert werden, mit praktischen Zwecken konvergieren? Was sollen das für erste Ursachen sein? Noch dazu solche, die bestens erkennbar sind?