τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 30. Januar 2014

In der Metaphysik lesen (1003b 34 – 1004a 2)

Im Protokoll vom 27. Jänner habe ich zunächst gemeint, daß die Ausführungen, die Aristoles bisher auf der „rein ontologischen Linie“ der gesuchten Wissenschaft (Wissenschaft vom Seienden als Seienden) gemacht hat, doch einen recht dünnen Eindruck machen, sodaß sich die Frage stellt, sie könnten auf bloße Tautologie hinauslaufen – sozusagen „Ontoontologie“, oder sie erschöpften sich in Analyse des Sprachgebrauchs.

Den Artikel von Christos Giannaris habe ich gebracht, weil er den Alternativbegriff „Metaphysik“ verwendet – und zwar in der eher populären Bedeutung, im Sinne eines Bezugs auf „höhere“ Realitäten, die zumeist mit „religiösen“ gleichgesetzt werden. Aber selbst diese Bedeutung erinnert an die in den Büchern I, II und III dominierende Bestimmung der gesuchten Wissenschaft: Suche nach ersten, herrschendsten, wissbarsten Ursachen, nach höchsten oder „letzten“ Ursachen – also irgendwie göttlichen. Bei genauerem Zusehen lassen sich in Giannaras Verwendung des Wortes doch einige feinere Nuancen erkennen. Was er „Metaphysik“ nennt, geht über die „Physik“ hinaus und die ist der Inbegriff des Materiellen (vor allem Ökonomischen) wie des Historischen. Aber dann unterscheidet er zwischen der religiösen Metaphysik des Westens, in der es um das Seelenheil des einzelnen Individuums ging, welche in der postmortalen Gemeinschaft mit Gott besteht, und einer „metaphysischen Suche“ (!), die sich in Politik (!), Kunst, Philosophie und Kirche(!) realisiert.

In der einen Auffassung stehen Mensch und Gott (zwei Substanzen) im Vordergrund, in der anderen hingegen ein tropos im prämortalen Leben aristotelisch gesprochen die Gesamtheit der Akzidenzien, daher auch die Formel von der „metaphysischen Suche“, die ja die Grundbestimmung unserer bisherigen Lektüre aufzugreifen scheint. In anderen Texten spricht Giannaras von der „Übung der Wahrheit“, was bestimmten Formulierungen des späten Foucault nahekommt.
Wir können daraus den Schluß ziehen, daß wir, selbst wenn sich der Ausdruck „Metaphysik“ als zutreffend erweisen sollte, die sozusagen existenzielle Grundbestimmung „gesuchte Wissenschaft“ nicht aus dem Auge verlieren sollten: die gesuchte Wissenschaft ist eine suchende.

Setzen wir also nun die – suchende – Lektüre fort. Aus der Selbigkeit von „seiend“ und „ein“ ergibt sich, daß die Arten des Seienden mt den Arten des Einen korrespondieren. Deren Was zu betrachten, sei Aufgabe einer der Gattung nach identischen Wissenschaft. Ist das nun eine Wissenschaft von der obersten Gattung, also vom Selben oder Ähnlichen – und somit vom Seienden oder Einen – oder sind das die Wissenschaften von den einzelnen Arten? Die einzelnen Arten verhalten sich zueinander wie Gegensätze – wie etwa die Gattung „Lebewesen“ sich in „Mensch“ und „Nicht-Mensch“ gliedert.

Walter Seitter


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Sitzung vom 29. Jänner 2014