τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Sonntag, 18. Januar 2026

De Anima / Peri psyches lesen – 31 ( 424b, 6 – 425a, 28)


Lesung vom 7. Jänner 2026


In dem hier verlesenen Abschnitt, der vom Ende des 2. Buches an die ersten 3 Seiten des 3. Buches umfasst, geht es noch einmal um das Bewirken und Erleiden von Gerüchen und anderen Wahrnehmungsgattungen. Dann kommt die überraschende Feststellung, das Riechen nichts bewirken kann, wenn es keinen Geruchssinn gibt, der den Geruch erleiden kann. Es muss ein Leidensorgan geben, auf das das Wahrzunehmende wirken kann. Denn manche Wahrnehmungsgegenstände, wie etwa Licht, Schall oder Geruch, wirken nicht direkt auf die Körper ein, sondern auf das, was sich im Körper befindet, wie die Luft im Ohr beim Schall. Aber die tastbaren Gegenstände wirken auf die Körper ein. Wohl deswegen weil die tastbaren Gegenstände auch Körper sind, die durch Berührung andere Körper bewegen können. Das stellt Aristoteles besonders ausführlich in „Werden und Vergehen“ dar, wo die Bewegung der beseelten und unbeseelten Körper durch Berührung oder Kontakt ausführlich besprochen wird. Dort, im 6. Kapitel, ist das Bewegen ein größerer Bereich als das Bewirken, aber hier steht das Erleiden dem Bewirken gegenüber.

Aristoteles fragt sich weiter, ob nicht auch die nicht-tastbaren Wahrnehmungsgegenstände fähig sind Geruch oder Schall zu erleiden, selbst wenn sie so unbestimmt oder unbeständig sind wie die Luft. Die Luft riecht nämlich, als hätte sie etwas erlitten, oder ist die Luft erst wahrnehmbar, wenn sie schnell affiziert worden ist.


Das III. Buch


Zuerst stellt Aristoteles fest, das es neben den fünf Wahrnehmungsgattungen, Sehen, Hören Riechen, Schmecken und Tasten, keine weiteren geben kann, da uns dafür die Wahrnehmungsorgane fehlen würden. Alles was wir berühren ist durch den Tastsinn wahrnehmbar und alles was wir durch ein Dazwischenliegendes wahrnehmen, ist durch die einfachen Körper wie Luft oder Wasser wahrnehmbar. Es folgt die Überlegung zu den Entsprechung der einfachen Körper wie Luft zu den Wahrnehmungsgattungen wie Farbe oder Schall, wo jeweils eigene Wahrnehmungsorgane zur Verfügung stehen müssen. Dabei müssen die wahrnehmbaren Gegenstände den Eigenschaften der Wahrnehmungsorgane entsprechen, wobei es sich eigentlich nur um zwei einfache Körper des Dazwischenliegenden handelt, Luft und Wasser, das Auge besteht aus Wasser und das Ohr aus Luft. Feuer ist allen gemeinsam, denn ohne Wärme läßt sich nichts wahrnehmen. Erde kommt keinem zu oder am ehesten mit dem Tastsinn vermischt.

Es folgt die Feststellung, das alle Wahrnehmungsgattungen von den Lebewesen besessen werden, wenn sie nicht unvollkommen oder verstümmelt sind (peperomenon) und er führt ein Beispiel an, das des Maulwurfs, der unter Haut noch die Augen besitzt. So dürfte es, der hypothetische Charakter ist auffällig, keine weiteren einfachen Körper geben und keine Affektion, die einem hiesigen Körper zukommt, sodass keine Wahrnehmungsgattung fehlen dürfte. Vielleicht eine Ahnung, dass es mehr geben könnte, wie die Wahrnehmung von Magnetismus.

Aber zurück zum apodiktischen Aristoteles, der in der Folge feststellt, das es kein eigentümliches Wahrnehmungsorgan für gemeinsame Wahrnehmungsgegenstände geben kann. Solche Gegenstände wie Bewegung, Stillstand, Gestalt, Ausdehnung, Anzahl und Einheit, werden auf akzidentelle Weise wahrgenommen. Wenn Bewegung wahrgenommen wird, wird auch Gestalt und Ausdehnung wahrgenommen und die Negation von Bewegung. Weil die die gemeinsame Wahrnehmungsgegenstände Mischungen oder Privationen sind, kann es keine eigene Wahrnehmung dafür geben, es wäre so wie wenn wir durch den Sehsinn das Süße wahrnehmen würden. Dann kommt ein Beispiel, wie wir gemeinsame Wahrnehmungsgegenstände wahrnehmen können, nämlich dass wir den Sohn des Kleon nicht deswegen wahrnehmen, weil er Sohn des Kleon ist , sondern weil er weiß ist und diesem Weißen kommt akzidentell zu der Sohn des Kleon zu sein. Von den gemeinsamen Gegenständen haben wir bereits eine gemeinsame Wahrnehmung die nicht akzidentell ist.

Dabei ist das Weiße eine Wahrnehmung und der Sohn des Kleon ein Wiedererkennen aus der Erinnerung, so ganz überzeugt mit die holistische Erklärung nicht.


Karl Bruckschwaiger


Dienstag, 6. Januar 2026

De Anima / Peri psyches lesen 30 – (423b 7 - 424b 5)

 

Protokoll des Aristoteles-Seminars vom 10. Dezember 2025 


Sofia Panteliadou eröffnete das Seminar mit der Wiederholung des zehnten Kapitels, in welchem Aristoteles die Wahrnehmung, besonders den Geschmack- und Tastsinn, genauer beschreibt. Geschmack sei nicht durch ein Medium wahrnehmbar, da er direkt mit dem Tastsinn verbunden ist. „Was man schmecken kann, kann man in gewissem Sinn auch tasten.“, schrieb der bekannte Grieche, wahrscheinlich beim Essen. Der Geschmack, welcher am Schmeckbarem haftet, sei im Feuchten eingebettet und Geschmackswahrnehmung kann nur mittels Feuchtigkeit erfolgen. Weiterführend wird beschrieben, dass die Farbe den gleichen Bezug zum Sehbaren hat, wie der Geschmack zum Schmeckbarem. 


Walter Seitter wirft die Frage in den Raum, ob jemand der Anwesenden ein Gebiet der Philosophie kennt, oder ob es überhaupt ein solches gibt, welches sich mit dem Geschmack und seinen Qualitäten befasst: Karl Bruckschwaiger antwortete mit dem Sensualismus. (Recherche: Der Sensualismus ist eine philosophische Strömung, die besagt, dass alle Erkenntnisse und alle Vorstellungen aus der Sinneserfahrung (Empfindungen, Wahrnehmungen) abgeleitet werden; nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war ("Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu"))


Das Fleisch wird als Medium für das Tastbare beschrieben, da das Tasten nur mit dem Fleisch erfolgen kann, während zB das Legen eines Objekts direkt auf ein Sinnesorgan gelegt wird, kein Tasten erfolgt. 


Karl  Bruckschwaiger betont an dieser Stelle die Wichtigkeit des „Dazwischens“, also des Mediums für Aristoteles. Dabei kommt es zu einer kleinen Diskussion über das Zustandekommen der Wahrnehmung: Walter meint, dass bei einer Berührung nämlich das Medium unter der Haut liegt, die Haut aber der Berührpunkt mit einem äußeren Objekt ist. Somit ist die Reihenfolge nicht mehr von außen nach innen: Objekt, Medium (Fleisch), Haut. Sondern, laut Walter: Objekt, Haut, Medium (Fleisch). Das Medium sei in dem Fall kein übliches „Dazwischen“ mehr. 


Walter erwähnt an dieser Stelle Grillparzers Gedicht, „Der Kuss“: In dem Gedicht beschreibt der Author, wohin man wie küssen kann, unter anderem aufs Auge. Walter verknüpft dieses Thema mit der aristotelischen Wahrnehmung, in dem er sagt, dass der Kuss das Auge berührt, wie auch der weiße Stein, und das Auge nichts mehr sehen kann, sondern nur mehr spürt, also in seiner Rolle als sehendes Sinnesorgan scheitert: es schließt sich außerdem reflektiv, bevor es überhaupt berührt wird. 


Zurück zu de anima: das Wahrnehmen als eine Art Erleiden. Die Mitte als Maßstab für die Sinnesorgane, die hell von dunkel, kalt von heiß usw. unterscheiden sollen. Luft habe nur einen geringen 

Unterschied im Tastbaren, während „ein Übermaß an Tastbarem“ unserem Tastsinn schädigt. 

Maximilian Perstl kommentierte an dieser Stelle, dass diese Mitte doch einen größeren Umfang haben muss: eine lauwarme Temperatur umfasst mehrere Grade (Celsius). Je nach Tagesverfassung, Sensibilität, der individuellen Vorstellung, wird die Einteilung in eine Kategorie passieren. Da das Empfinden subjektiv ist, werden auch unterschiedliche Grenzen existieren, die vom schmerzlosen ins schmerzhafte, vom lauwarmen ins kalte usw. übergehen, was bedeutet, die Wahnehmungs-Mitte ist eine breite. 


Wahrnehmung als Größe und Zeichen. Die Wahrnehmung nehme ein Zeichen (in anderen Übersetzungen „ein Abbild“) auf, kein Objekt. Hier wurde im Seminar die Brücke zu Freud geschlagen, denn dieser beschreibt das Gedächtnis als Wachs-Abdruck, welcher zuerst beschrieben, und dann wieder gelöscht werde, zB durch neue Eindrücke. 


Zurück zu Aristoteles: Wahrnehmungsorgan und Wahrnehmungsvermögen seien dasselbe (Das Wahrnehmungsorgan, ein Körperteil, das Wahrnehmungsvermögen, eine Fähigkeit oder Können. Ein Mensch hat verschiedene Wahrnehmungsvermögen, mit denen er riechen, hören, sehen, fühlen, und noch mehr kann), und die Schädigung der Wahrnehmungsorgane wird durch ein Übermaß ausgelöst, da das Verhältnis innerhalb des Organs zu stark bewegt wird. Auch die Harmonie (er meint wahrscheinlich ein angenehm klingendes Anschlagsverhalten und Ausschwingverhalten) und Ton (er meint wahrscheinlich die Tonhöhe, welche idealerweise nicht stark schwankt, um nicht die genaue Tonhöhe zu irritieren) werden ins Ungleichgewicht gebracht, wenn man eine Saite zu stark zupft. 


Das Wahrnehmende sei eine ausgedehnte Größe (Decartes, 17. Jhdt.: „res extensa“, ein Körper nimmt Raum ein, ist daher etwas Ausgedehntes. Der Geist, „res cogitans“ sei etwas unkörperliches, nicht ausgedehntes. Aus diesem Verhältnis entsteht ein Körper-Geist-Dualismus). 


Ferner wird auch klar, warum die Pflanzen nicht wahrnehmen, obwohl sie eine Teilseele haben und vom Tastbaren irgendwie betroffen werden: ihnen fehlt die Mitte, mit der sie beurteilen könnten, ob etwas kalt oder warm ist, sowie ein System, mit dem sie die Formen des Wahrnehmbaren erfassen können. Karl Bruckschwaiger kommentierte, dass die Mitte als Metapher für das Gehirn steht, sowie dass der gesamte Pflanzenkörper das Gehirn sei, das neuronale Netz. Auch haben Pflanzen einen gewissen Sehsinn, da sie in die Richtung des Lichts wachsen. Manfred Russo erwiderte, dass es aufgrund des Konkurrenzkampfes (um Ressourcen) unter den Pflanzen ebenso eine gewisse Wahrnehmung geben muss. 


Noch ein Ausschweifer zum Thema Decartes und seinen Animismus: Descartes verband den Begriff des Animismus (lat. Anima = Seele) nicht mit traditionellen Weltbildern beseelter Natur, sondern nutzte ihn im Sinne einer "Lebenskraft" (Spiritus animalis) als Bindeglied zwischen Körper und Geist, der als mechanisch fungierende Maschine (Körper) und immaterielle Seele (res cogitans) gedacht wurde.


Verfasser des Protokolls: Maximilian Perstl







Mittwoch, 10. Dezember 2025

De Anima / Peri psyches lesen 29 – (422b 17 - 423b 7)



Protokoll vom 26. November 2025



Nach dem Verlesen des Protokolls vom 12.11.2025 haben wir lange über die verschiedenen Wahrnehmungsebenen diskutiert, die im Kapitel 10 thematisiert werden.

Es wurde über die Frage nach dem Verhältnis zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem debattiert sowie darüber, ob die Wahrnehmung von den Objekten, die wahrgenommen werden, abhängig ist – wie es von Aristoteles behauptet wird – oder doch von den wahrnehmenden Lebewesen.

Die Dinge werden (bei Aristoteles) sozusagen von sich aus wahrgenommen, d.h., die Wahrnehmung ist vom außenkommenden Ding abhängig und wird nicht (wie heute) intentional aufgefasst. Die Soziologie, zum Beispiel, bezieht sich – wie Manfred Russo betont – vor allem auf die ‚Intention‘ der Wahrnehmenden.

In diesem Kontext haben wir uns auch mit Fragen über den Begriff der Distanz, über das ‚Innen‘ und ‚Außen‘ und das ‚Wie‘ Distanz beschaffen sein muss bzw. kann, auseinandergesetzt – diese hängt vom Wahrnehmungssinn ab. ‚Licht’ ist beispielsweise das Dazwischenliegende beim Sehen.

(Wie im letzten Protokoll erwähnt wurde, vertritt Aristoteles die These, daß die Distanz durch etwas Dazwischen-Liegendes ausgefüllt sein muß – durch etwas jeweils Bestimmtes: beim Sehen durch das Licht, beim Hören durch die Luft).

Walter Seitter hebt den Aspekt der Kategorienaufzählung hervor. Aristoteles zählt die Qualitäten auf: Schmeck- Riechqualität / scharf, ölig, etc. Geschmack ist in diesem Zusammenhang ein abstrakter Begriff und Schmeckqualitäten sind höhere Abstraktionsstufen.

Diskussion:

K. Bruckschwaiger: „Beim Schmecken kommt die eigene Intention dazu“.

S. Panteliadou: „Die Fähigkeit des Schmeckens, also die Schmeckqualität ist die Voraussetzung dafür“.



Walter Seitter stellt daraufhin die Frage, ob diese Betrachtungsweise in die Philosophiegeschichte eingegangen sei.

Karl Bruckschwaiger stellt fest, dass dies im ‚Sensualismus‘ zu finden sei und verweist ebenfalls auf das 12. Buch der Metaphysik und den Bezug auf die ‚pure Lust‘ und das ‚Genießen‘.

Das Verbinden von Abstraktion mit den konkreten Formen der Wahrnehmung (z.B. das Prinzip der ‚Entelecheia‘ mit dem ‚Wie die Dinge bewegt werden‘) wird von M. Russo als herausragend charakterisiert, ein Gedanke, dem alle Anwesenden ebenfalls zustimmen.

Nach der ausführlichen Besprechung des Geschmacksinns gingen wir zur Lektüre des 11. Kapitels des II. Buches (422b 17) über.

Darin handelt es sich um den Tastsinn, beziehungsweise wie es bei Thomas Buchheims Übersetzung heißt, es geht um die Rede von der Berührung und dem Berührbaren.

Aristoteles fragt zunächst, ob alles, was über das Berührbare (Ding) gesagt wird, auch für die Wahrnehmung der Berührung gilt, nämlich, ob die Wahrnehmungen des Tastens mehrere sind.

Denn in Bezug auf die ‚Berührung’ gibt es eine Schwierigkeit betreffend die Fähigkeit des Berührens und das Organ, womit berührt werden kann. Aristoteles geht anfangs davon aus, dass das ursprüngliche Organ etwas sei, das sich im Fleisch befindet. Was könnte dies aber sein? Ist damit das Fleisch als Organ oder das Fleisch als Medium gemeint?

Diese Frage wird von Aristoteles selbst einige Zeilen danach (422b 23) beantwortet. Da heißt, dass jede Wahrnehmung sich auf einen Gegensatz zu beziehen scheint: das Sehen bezieht sich auf das Weiße und das Schwarze, das Hören auf die Höhe und Tiefe und der Geschmackssinn bezieht sich auf das Schmecken des Bitteren und Süßen.

Hierzu wurde bei unserer Diskussion die Feindifferenzierung zwischen ‚laut‘ und ‚leise‘ bzw. die topologisch innere Struktur beim Hören erwähnt und bezüglich des Sehens wurde auf Goethes Farbenlehre und die Komplementärfarben (Rot-Grün, Blau-Orange) verwiesen.

Wie verhält es sich aber bei der Wahrnehmung der ‚Berührung’? Aristoteles betont an dieser Stelle, dass im Unterschied zum Sehen oder Hören in Bezug auf das Berührbare mehrere Gegensätze existieren, wie beispielsweise: warm-kalt, trocken-feucht, hart-weich u.a.. Eine zusätzliche Qualität, welche die Wahrnehmung der ‚Berührung‘ auszeichnet, finden wir in der aristotelischen Schrift „Über Werden und Vergehen" / „De generatione et corruptione“; da stellt der Philosoph fest, dass erst durch die ‚Berührung‘ ein Wirken (poiein) oder ein Leiden (paschein) möglich sei. (322b 22-24).

Die Grundfrage in der aktuellen Lektüre lautet jedoch, „was ist beim Vermögen des Berührens das Eine, welches dies ermöglicht?“ (vgl., 422b 33). Die Frage, ob das Wahrnehmungsorgan, bei der Berührung, sich im Inneren des Fleisches befindet – sozusagen zwischen Knochen und Haut – oder außerhalb desselben bzw. direkt das Fleisch ist, bleibt an dieser Stelle unbeantwortet.

Auch dann, wenn ein Teil des Körpers durch eine künstlich angefertigte Haut umspannt wäre, würde die Wahrnehmung der Berührung unsichtbar bleiben – sagt

Aristoteles –, im Unterschied zu den Sinnen des Sehens, des Hörens, des Riechens, bei welchen ersichtlich ist, dass es sich um einen Wahrnehmungssinn handelt.


Aus dieser hypothetischen Annahme wird gefolgert, dass das Fleisch in diesem Fall nur das Medium sein müsste; die Fragestellung somit in Bezug auf die Berührung selbst bleibt im Moment unklar (423a 11-12) – d.h. ob mehrere Wahrnehmungen mit dem Begriff Berührung bezeichnet werden können oder nicht.

Ein beseelter Körper kann nach Aristoteles nur etwas Festes sein und nicht allein aus Luft oder Wasser bestehen – alle Körper sind Mischungen bestehend aus den vier Elementen: Erde, Wasser, Luft und Feuer.

Daraus schlussfolgert Aristoteles, dass der Körper notwendigerweise das Dazwischen (to metaxy) – das Medium – für die Fähigkeit des Berührens sein muss, denn er ist physisch mit den Organen verbunden, die für die Funktionen der Berührung zuständig sind. Dass das Wahrnehmungsorgan mehrere Funktionen haben kann, wird deutlich anhand des Beispiels „Zunge“ – mit der Zunge kann man schmecken und berühren –, aber nicht umgekehrt.

Die Funktion der Umkehrung ist hier wesentlich, denn daraus ergibt sich, dass die zweifache Fähigkeit nicht bei allen Organen vorhanden ist. Und, dass, damit solch eine Wahrnehmung erfahrbar ist, nicht allein das Zusammentreffen des wahrnehmbaren Gegenstands mit dem Wahrnehmungsorgan vorweg bedingend dafür ist, sondern dabei ebenso das Dazwischen notwendig ist, das Medium. Für den Tastsinn oder die Wahrnehmung der Berührung ist das Medium (vielleicht) das Fleisch.

Die Formulierung der folgenden Aporie stellt uns vor dem nächsten Problem: Ist es möglich, dass sich zwei Körper berühren, die sich im Wasser befinden? Dies ist nach Aristoteles unmöglich; und das Gleiche gilt auch im Falle der Luft. Denn, genauso wie es nicht leicht erkennbar ist, dass, wenn ein nasser Körper im Wasser sich mit einem anderen nassen Körper berührt, dazwischen – zwischen den zwei Körpern – sich etwas Anderes befindet, ebenso nimmt man dieses Dazwischen auch bei den anderen Sinnen (oder beim Element Luft) nicht leicht oder notwendigerweise wahr.

Die Härte zum Beispiel oder das Weiche bei einem Gegenstand können wir auch mittels eines anderen Dings empfinden / wahrnehmen, z.B. durch einen Stoff hindurch. Das Laute, das Sichtbare und das Riechbare nehmen wir aber aus einer Entfernung wahr und deswegen bleibt das dazwischen-Liegende unbemerkt.

In Wirklichkeit, stellt Aristoteles hier schlussfolgernd fest, nehmen wir alles nur durch ein Medium wahr (aisthanometha ge πάντων dia tou mesou / 423b 7), auch wenn wir dies nicht immer merken.



Sophia Panteliadou

Mittwoch, 19. November 2025

De Anima / Peri psyches lesen 28 - (422a 8 - 422b 17)

 

Protokoll  vom 12. November  2025.


Heute nimmt zum ersten Mal Manfred Russo an unserer Sitzung teil .


Wir lesen das Kapitel 10  des Zweiten Buches.

Aristoteles  handelt von den verschiedenen Wahrnehmungssinnen.

Das Wahrnehmen bildet neben der Ernährung, dem Streben, der Ortsbewegung und dem Denken eine der wichtigen Leistungen der Seele  bzw. der Lebewesen.  Während durch die  Ernährung fremde Körper in den eigenen Körper  aufgenommen werden, wird durch die Zeugung ein gleichartiger aber neuer Körper geschaffen und in die Welt gesetzt. Beim Menschen wie auch bei anderen Lebewesen kommt zum Zeugen das Gebären dazu, das von den weiblichen Exemplaren der Spezies durchzuführen ist. Darüber  vorgestern der Vortrag von Irini Athanassakis in der Weinhandlung.


 In der Antike dürfte das Zeugen allein den Männern zugeschrieben worden sein. Nach heutiger Auffassung wird das Zeugen von den beiden Geschlechtern strikt gleichzeitig nämlich miteinander durchgeführt. 

   Was nun das Wahrnehmen betrifft, so wird es  von Aristoteles dahingehend charakterisiert,   daß es im Unterschied zum Denken nicht bei einem selbst liegt. Denn wahrgenommen werden einzelne und äußere Dinge (siehe 417b - 28).

Die Wahrnehmung kann  ihre Tätigkeit nicht selber initiieren - sie ist darauf angewiesen, daß ihr Objekte aus einem Außen zufallen.

Dieses Außen hat den Aspekt  der Kontingenz aber auch den der räumlichen Distanz.

    

Nach dem Sehen hat Aristoteles vom Hören gehandelt. Beide sind Fernsinne und da stellt sich die Frage, wie die Distanz zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem beschaffen sein muß oder kann. 

Aristoteles vertritt die interessante These,  daß die Distanz durch etwas Dazwischen-Liegendes ausgefüllt sein muß - allerdings durch etwas jeweils sehr Bestimmtes:  beim Sehen durch das Licht, beim Hören durch die Luft.  Diese nun bezeichnet Aristoteles als „Zwischen“  - wofür sich dann  „Medium“  durchgesetzt hat. 

Beim  Tasten und beim Schmecken hingegen ist "kein fremder Körper als Medium" anzunehmen.    Einige Zeilen später heißt es dann. das Schmecken geschehe  nicht durch das Medium, besser gesagt  "nicht durch das Zwischen“.  

Tatsächlich geschieht es durch das Fleisch, nämlich durch das eigene Fleisch des Wahrnehmenden, am besten durch weiches Fleisch, wo das Wahrgenommene mit Feuchtigkeit vermischt wird.

Sodann überlegt Aristoteles,   ob sich  die einzelnen Sinne auch zum  jeweils Unwahrnehmbaren verhalten.  

Er bejaht die Frage,  muß aber dann so paradoxe Feststellungen machen wie: 

das Sehen bezieht sich auf das Sichtbare und auf das Unsichtbare - die Finsternis ist zwar unsichtbar, aber auch sie wird vom Sehen erkannt und ähnlich aber anders das allzu Helle. 

Dabei handelt es sich nicht um schlechthin Unsichtbares - sondern um Unsichtbares, das entsteht, weil bestimmte Umstände eintreten, die die Lichtverhältnisse verändern,  wodurch das Sehen beeinträchtigt  oder unmöglich gemacht wird.

(Viel banaler die Unsichtbarkeit von Dingen, die von anderen verdeckt werden; die Unsichtbarkeit von allen Körperinneren von Festköpern; die Unsichtbarkeit aller Dinge, die weit entfernt sind (zum Beispiel im Nachbarzimmer)).

Aristoteles hebt die Sache auf die logische Ebene, unterscheidet zwischen dem Unmöglichen überhaupt und verschiedenen spezifischen Unmöglichkeiten oder Unfähigkeiten - etwa bei denen, die „fußlos“ sind oder bei solchen, die „kernlos“  sind.

Irgendwo hat Aristoteles von „kernlosen Trauben“ geschrieben und damit solche gemeint, denen die Kerne fehlen, welche ja zur Fortpflanzung dieser Pflanzen notwendig sind.


Der Begriff, mit dem Aristoteles derartige Phänomene gefaßt hat, ist derjenige der „steresis“ oder der „Privation“: da fehlt einer Sache etwas, was normalerweise zu ihr gehört.  Wenn einer Sache, etwa einem Lebewesen,  bestimmte Teile, etwa  der Kopf oder das Herz,  fehlen würden,  dann würde die „Beraubung“ in „Vernichtung“ übergehen.  Dazu der Abschnitt 27 über „verstümmelt“ im Buch V der Metaphysik  (kursiv) .


Analog verhält es sich  beim Schmeckbaren und beim Nicht-Schmeckbaren. Etwas Schmeckbares kann nicht-schmeckbar werden,  wenn das Schmeckorgan, also die Zunge, durch Krankheit  verändert ist. 

Aristoteles nennt so  verschiedene Schmeckqualitäten wie süß, ölig, bitter, salzig, scharf, herb, sauer, stechend.  Diese Qualitäten  liegen im Schmecksinn nur der Möglichkeit nach. Zur vollendeten Wirklichkeit werden sie erst durch die Wirkung der  Schmeckbaren gebracht. 


Da fügt  Aristoteles zwei weit auseinander liegende Wörter so zusammen, daß die Begriffe sich überlagern:

das Poietische und die Entelecheia.

Im Vollzug einer Schmeckwahrnehmung  sind zwei Aktionssubjekte  auf ganz unterschiedliche Weise aktiv und erfolgreich:  das essende Kind und die wohlschmeckende  Banane.

Die wohlschmeckende Banane entfaltet ihre süßen Geschmacksnuancen erst im Mund des schmeckend-genießenden Kindes.  Das Kind genießt die Banane erst dann so richtig, wenn diese im Mund angekommen ist. Sie ist etwas Eigenständiges und Äußerliches - sie kommt von weit her.  

Zum Gesamtvorgang gehört auch eine große geographische Distanz, die mit anderen Medien bewältigt worden sein muß - außerhalb der eigenkörperlichen Medien im Mund des Kindes. 

Im schmeckenden Kind und in der schmeckenden Banane kommt eine Dimension des Kosmos zum Vollzug. 

Und zu dem gehören auch die Wörter, die ich hier Aristoteles folgend herschreibe - sowie auch irgendwelche Worte, die das essende Kind mit den Menschen in seiner Umgebung austauscht und mit denen es mitteilen will, wie sehr ihm die Banane schmeckt. 

Auch die Worte sind Medien, die zwischen den auseinander liegenden Akteuren agieren, damit die zusammenkommen. 

Wenn wir in Bezug auf Aristoteles das Wort „Medien“ verwenden,  dann schieben wir ihn in eine moderne Problematik ein.  

Mittwoch, 12. November 2025

De Anima / Peri psyches lesen – 27 ( 421a, 8 – 422a, 7)


Mittwoch, den 29. Oktober 2025


Beim Verlesen des Protokolls der vorigen Sitzung kommt es zu verschiedenen Einwürfen und Assoziationen, wie etwa bei dem Bild einer Göttin im Buch „Aristoteles betrachten und besprechen“ Bd.2 von Walter Seitter wird von Rudolf Kohoutek der Vermouth von Renate Ganser und Elisabeth Samsonow mit dem Produktnamen „Göttinnen“ ins Gespräch gebracht und dessen Verkostung erwähnt. Ich selbst muss erwähnen, dass der Zeitpunkt der Redigierung der aristotelischen Text im 1. Jahrhundert vor Chr. zugleich der Beginn eines regelrechten Buchmarktes war und auch der Beginn von Kopierwerkstätten.

Walter Seitter wollte auf die seltene Erwähnung des Dialektikers als einen möglichen Zuständigen für die Seelenregung des Zorns hinweisen, die im ersten Kapitel des ersten Buch vorkommt. Da erging an mich die Frage von Walter, was den unter Dialektik zu verstehen sein, da antwortete ich mit einer ungefähren Antwort wie „eine Diskussion mit starken Gegensätzen“, was nicht ganz falsch ist, aber etwas kurz gegriffen. Eigentlich wollte ich mit der Etymologie des Wortes antworten, das es von dialégessthai herkommt, das „ein Gespräch führen“ bedeutet.

Aber nach der Topik I,1, 100a, 18ff ist es die Aufgabe der dialektischen Wissenschaft

Ein Verfahren zu finden, von dem aus wir werden Schlüsse ziehen können über jede aufgegebene Streitfrage aus einleuchtenden (Annahmen) und selbst wenn wir Rede stehen müssen, nichts Widersprüchliches zu sagen.“

Das ist der erste Satz der Topik, und in der Folge wird das Wort dialektikos entweder für das Untersuchungsgespräch oder für die Unterredungskunst verwendet, in dem Schlüsse eingesetzt werden sollen, die aus den anerkannten Meinungen deduziert werden konnten. In der Folge meint Aristoteles, das diese Methode in der Rede- und Heilkunst angewendet werden kann, um die Möglichkeiten dieser Art Schlüsse zu ziehen, auszuschöpfen, Topik I,1, 101b, 6ff.


Der in dieser Sitzung gelesene Abschnitt ist das 9.Kapitel des 2.Buches und behandelt das Riechen und den Geruchssinn (osphresis) als weiteres Wahrnehmungsvermögen. Es beginnt mit der Bemerkung, das die Einteilung nicht so leicht fällt wie beim Schall und bei der Farbe, da diese Wahrnehmung beim Menschen schlechter ausgebildet ist als bei anderen Lebewesen. Die Wahrnehmung ist auch nicht genau, was Aristoteles daran festmacht, dass der Mensch keinen riechbaren Gegenstand wahrnimmt, ohne das Unangenehme oder Angenehme zu empfinden. Dieser Mangel an Gegenstand wird mit der undeutlichen Farbwahrnehmung der Tiere mit starren Augen in Beziehung gesetzt. Der Geruchssinn wird des weiteren mit dem Geschmackssinn verglichen, nur das der genauer ist, weil es sich dabei um eine Art Tastsinn handelt, der bei den Menschen am genauesten sein soll. Von dieser Annahme, das der Tastsinn des Menschen genauer ist als bei den anderen Lebewesen, leitet er einerseits die besondere Klugheit des Menschen ab, wie auch die Unterscheidbarkeit von Begabungen. Die mit festen Fleisch sind weniger begabt im Bezug auf das Denken wie die mit weichen Fleisch.

Womit wir schließlich doch bei den Unterscheidungen angelangt sind, zu denen diese beiden verwandten Sinne im Stande sind, die Geschmacks- und Geruchsrichtungen sind süß, bitter, scharf, sauer, pikant und fettig (lipara), wobei der Geruch gerne nach Gegenständen, in der Regel Pflanzen, benannt wird wie Honig, Krokus oder Thymian.

Die Wahrnehmungsgattung des Riechens oder Schmeckens ist auch für das Nicht-wahrnehmbare zuständig wie es auch beim Hören und Sehen der Fall ist. Das Nicht-Riechen oder Nicht-Schmecken hat einen Informationswert.

Es fehlt noch das Dazwischenliegende, das Medium, dieser Wahrnehmung, und das ist entweder Luft oder Wasser, beim Menschen ist der Geruch mit der Luft verbunden, und was den Körper betrifft mit dem Einatmen. Riechen ist nicht möglich beim Ausatmen oder beim Anhalten des Atems. Ohne Medium keine Wahrnehmung, also kein Riechen, wenn der Gegenstand direkt auf das Sinnesorgan gelegt wird. Das Riechen über Einatmen ist dem Menschen eigentümlich, bei dem blutlosen Tieren, etwa den Fischen, muss das Riechen in anderer Weise stattfinden.

Bevor Aristoteles den Unterschied im Riechen über den Vergleich mit dem Sehen im Ansatz erklären will, spricht noch die Gefahren des Riechens an, nämlich beim Einatmen von heftigen Gerüchen wie Asphalt oder Schwefel, wobei man diesen Gerüchen zugrunde gehen kann.

Der Unterschied zwischen Riechen im Trockenen und Feuchten wird analog zum Sehen mit beweglichen Augen oder mit starren Augen gesetzt. Wie die Augen derer, die Einatmen, mit Lider verschlossen werden können, ist auch das Geruchsorgan verschlossen und wird erst beim Einatmen geöffnet. Die Formulierung ist überraschend medizinisch genau, „wenn sich Äderchen und Gänge erweitern“ (phlebion kai poron), Aristoteles ist eben ein Arztsohn. Deswegen können Lebewesen mit Atmung im Feuchten nicht riechen, denn dort ist das Einatmen nicht möglich.

Das Schmecken ist aber ist mit dem Feuchten verbunden, was hier nur angedeutet wird und erst im nächsten Kapitel ausführlicher behandelt wird.


Karl Bruckschwaiger