Protokoll vom 4. Februar
In unserem Textabschnitt verbinden sich einfachhin plausible oder sagen wir deskriptive Aussagen zur Wahrnehmung mit solchen, die die „ontologische“ Begrifflichkeit einführen - aber auch die nicht immer in einer schon bekannten Weise.
Ich will die chaotisch-aporetische Diskussion, die wir am Mittwoch geführt haben, nicht nachbilden. Sondern eine eigene Problematisierung entwickeln - wie wir angedeutet haben, wäre es erwünscht, wenn alle Teilnehmer ebenfalls ein rational sein wollendes Zusatz- oder Gegenprotokoll verfassen
Im ersten Satz heißt es, die energeia des Wahrgenommenen (des Wahrnehmbaren) (W’ ) und die energeia der Wahrnehmung (W) sei ein und dieselbe. Dieser Satz möchte etwas sagen, was nicht selbstverständlich ist, denn W’ ist nicht gleich W. Daher sagt denn auch Aristoteles sofort dazu, daß ihr Sein nicht dasselbe ist. Es handelt sich ja um die beiden Pole der Wahrnehmungskonstellation. die auch ein räumliches Auseinander ist.
Inwiefern kann die energeia der beiden ein und dieselbe sein? Dieses „selbe“ muß irgendwie noch prozess- oder ereignishafter sein als W’ und W (allerdings ist W von Haus aus prozesshaft).
Sie muß etwas anderes sein als ihr „Sein“. Diesen Infinitiv verwendet Aristoteles nicht sehr häufig und wohl nicht mit einer begrifflichen Festlegung (wie etwa „das Seiende“).
Das Sein von W’ und von W - das ist schlicht und einfach W’ und W. Die jeweils für sich - ?
Die energeia hingegen ist eine Steigerung sowohl von W wie auch von W’ und in dieser Steigerung entsteht „ein und dieselbe“ Steigerung - also Werdung, Aktualisierung, Prozessualisierung.
Allerdings auch Erhaltung und Vernichtung. Alle -ung-Entwicklungen, die positiven wie die negativen, schalten die beiden Pole - zu einer einzigen Realisierung oder eben Irrealisierung zusammen.
Solange die beiden nur potenziell sind, geschieht diese Realisierung, die auch eine Gleichschaltung, ja eine Verschmelzung ist, nicht (siehe 426 19).
Aristoteles erwähnt nun wie so oft die Ansichten seiner Vorläufer, der sogenannten Vorsokratiker - hier aber tut er es, um seine eigene Denkung in Sachen Wahrnehmung zu klären: jene sagten, ohne Sehen gäbe es kein Schwarz und Weiß, ohne Schmecktätigkeit keine Geschmacksqualitäten.
Kommt uns diese Ansicht nicht wie ein radikaler Subjektivismus vor, wie er in der europäischen Neuzeit öfter vertreten worden ist, wonach die Sinnesqualitäten weniger von den Objekten herrühren als von den Sinnesorganen?
Aristoteles stimmt dieser Ansicht zu - allerdings nur zur Hälfte. Diese Ansicht treffe zu, sofern sie sich auf die Aktualisierung bezieht - da kommt sie sogar einer Tautologie gleich. Aber es gibt auch die andere Ebene der Potenzialität. Jene Ansicht vereinfache eine Dualität zu einer Simplizität.
Die Dualität aus Akt und Potenz ist eine der ungefähr vier Dimensionen der Ontologie, die in dem „Metaphysik“ genannten Buch ausgebreitet (und bei mir besser geordnet) werden.
Die anderen Dimensionen sind die Differenz aus Wesen und Akzidenzien, die Differenz aus Einem und Vielem, die Differenz von Wahr und Falsch.
Zum Schluß sieht sich Aristoteles gezwungen, auch die Qualitäten „gut“ und „schön“ zu berücksichtigen - aber die hat er nicht mehr systematisch eingefügt.
Für die Selbigkeit der Aktualisierung von Wahrnehmungsobjekt und Wahrnehmungsvorgang findet Aristoteles in den nächsten Zeilen andere Formulierungen, die vielleicht etwas ansprechender sind und die sogar an die erwähnte Wertungsdimension rühren.
Die Stimme und das Gehör sind gewissermaßen eins - eben in der Aktualisierung. Die Stimme selber ist eine Zusammenstimmung und folglich ein Verhältnis. Verhältnis im Sinne von Teil einer Proportion .
Sowohl Stimme wie auch Hören sind Verhältnisse und sie verhalten sich zueinander proportional. Die Sinneswahrnehmung wird von Aristoteles direkt als ein „logos“ benannt, weil dieses Wort eben auch dieses bezeichnet. Ganz anders der berühmteste der modernen Subjektivisten (Kant) - der vom „Chaos der Empfindungen“ sprach.
Das Zuviel wie auch das Zuwenig erweisen sich als schwächere und sogar schädliche Fälle. Den positiven Gegenpol auf dieser Ebene bezeichnet Aristoteles auch hier mit dem einschlägigen Begriff „hedea“ - angenehme oder lustvolle Dinge (426b 5f.)
Wir befinden uns nicht irgendwo, wo „alles egal“ ist - sondern - in den Anfängen des Hedonismus!
Aristoteles schreibt nun der Wahrnehmung eine weitere Tätigkeit zu, die er „unterscheiden“, „beurteilen“ nennt. Krinein - daher unser modernes Wort „kritisieren“. Das Sehen unterscheidet Weiß und Schwarz, das Schmecken Süß und Bitter.
Es unterscheidet aber auch die weit voneinander entfernten Qualitäten Weiß und Süß - auch diese Unterscheidung geht von einer einheitlichen Instanz aus - die nicht bei einem einzigen Sinnesorgan liegt.
Eine übergeordnete und übergreifende Instanz - und darum ordnet Aristoteles der Wahrnehmungstätigkeit zwei weitere Tätigkeiten zu, die gewissermaßen auf einer Metaebene liegen - wie das ja schon bei Sehen des Sehens der Fall war.
Er bündelt drei unterscheidbare Tätigkeiten, die miteinander kooperieren müssen, um derartige Zusammenordnungen kognitiv bewältigen zu können: er nimmt eine einheitliche Instanz an, die wahrnimmt, denkt und sagt (426b 22).
Wie wir am Mittwoch festgestellt haben, kann diese Instanz nicht bei einer der Sinneswahrnehmungen und schon gar nicht bei einem Sinnesorgan liegen - sondern eher beim Lebewesen selber , das zu allen diesen Tätigkeiten befähigt ist.
Unser Hermesblog-Motto (431a 8) behauptet eine Ähnlichkeit zwischen den Tätigkeiten Wahrnehmen, Denken, Sagen. Unsere jetzige Stelle behauptet, daß die drei Tätigkeiten zusammen wirken müssen, damit bestimmte Leistungen der angegebenen Art erbracht werden können. Dabei handelt es sich nicht um irgendwelche Höchstleistungen, zu denen nur sogenannte Genies fähig sind, sondern um Koordinationen in komplexen Lagen.
Etwa in solchen, in denen es um die Unterscheidung zwischen dem Guten und dem Schlechten geht, die jeweils in einem bestimmten Zeitpunkt getroffen werden muß - in einem Jetzt des Unterscheidens und der gegebenen Sache.
Mit dem Guten und dem Schlechten wird die vorherige Unterscheidung zwischen dem Angenehmen und dem Schädlichen in einen größeren Horizont gerückt.
Insofern kann es doch um Hochleistungen gehen, wie sie von jedem Menschen zu fordern sind.
Aristoteles skizziert eine psychologische Strukturanalyse der Wahrnehmung, die auch die Möglichkeit pathologischer Entwicklungen einbezieht.
Zuletzt scheint Aristoteles einen Rückzieher zu machen, was die Einheitlichkeit der einheitlichen
Instanz betrifft. Die Beurteilung kann zumindest vorläufig auf zwei Instanzen aufgeteilt werden - etwa im Sinne von Diskussion, Beratung, Dissens. Wenn man sich nicht einmal auf einen Gegenstand einigen kann - das Bittere oder das Weiße? - bleibt man blockiert ( siehe 426b 31).
Dann fällt man unter das Niveau des wahrnehmenden Lebewesens.
Die Empfindlichkeit und Komplexität des menschlichen Wahrnehmungsvermögens macht es störanfällig - Aristoteles spricht von Auflösung, ja Zerstörung. Durch irgendwelche „Übertreibungen“ (siehe 426b 6). Spaltung der persönlichen Identität. Wahnsinn - auch als lebbare Wahnkultur? Schizothymie? Bipolare Störung?
Krasse Fehlverhalten können sich einstellen und Folgen haben, die „dann“ in Tragödien dargestellt werden - zum Beispiel in der „Medea“ von Euripides, die wiederum „dann" von Aristoteles in der Poetik kritisch betrachtet und beurteilt wird (1453 b 29).
Später von Philosophen und Philologen gelesen und von Dramatikern neuerlich auf die Bühne gebracht. So in Wien von Franz Grillparzer im Jahr 1821.
In Wien im Jahr 2026 von Philosophen und Psychoanalytikern auf einem Symposion studiert.