τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Dienstag, 6. Januar 2026

De Anima / Peri psyches lesen 30 – (423b 7 - 424b 5)

 

Protokoll des Aristoteles-Seminars vom 10. Dezember 2025 


Sofia Panteliadou eröffnete das Seminar mit der Wiederholung des zehnten Kapitels, in welchem Aristoteles die Wahrnehmung, besonders den Geschmack- und Tastsinn, genauer beschreibt. Geschmack sei nicht durch ein Medium wahrnehmbar, da er direkt mit dem Tastsinn verbunden ist. „Was man schmecken kann, kann man in gewissem Sinn auch tasten.“, schrieb der bekannte Grieche, wahrscheinlich beim Essen. Der Geschmack, welcher am Schmeckbarem haftet, sei im Feuchten eingebettet und Geschmackswahrnehmung kann nur mittels Feuchtigkeit erfolgen. Weiterführend wird beschrieben, dass die Farbe den gleichen Bezug zum Sehbaren hat, wie der Geschmack zum Schmeckbarem. 


Walter Seitter wirft die Frage in den Raum, ob jemand der Anwesenden ein Gebiet der Philosophie kennt, oder ob es überhaupt ein solches gibt, welches sich mit dem Geschmack und seinen Qualitäten befasst: Karl Bruckschwaiger antwortete mit dem Sensualismus. (Recherche: Der Sensualismus ist eine philosophische Strömung, die besagt, dass alle Erkenntnisse und alle Vorstellungen aus der Sinneserfahrung (Empfindungen, Wahrnehmungen) abgeleitet werden; nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war ("Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu"))


Das Fleisch wird als Medium für das Tastbare beschrieben, da das Tasten nur mit dem Fleisch erfolgen kann, während zB das Legen eines Objekts direkt auf ein Sinnesorgan gelegt wird, kein Tasten erfolgt. 


Karl  Bruckschwaiger betont an dieser Stelle die Wichtigkeit des „Dazwischens“, also des Mediums für Aristoteles. Dabei kommt es zu einer kleinen Diskussion über das Zustandekommen der Wahrnehmung: Walter meint, dass bei einer Berührung nämlich das Medium unter der Haut liegt, die Haut aber der Berührpunkt mit einem äußeren Objekt ist. Somit ist die Reihenfolge nicht mehr von außen nach innen: Objekt, Medium (Fleisch), Haut. Sondern, laut Walter: Objekt, Haut, Medium (Fleisch). Das Medium sei in dem Fall kein übliches „Dazwischen“ mehr. 


Walter erwähnt an dieser Stelle Grillparzers Gedicht, „Der Kuss“: In dem Gedicht beschreibt der Author, wohin man wie küssen kann, unter anderem aufs Auge. Walter verknüpft dieses Thema mit der aristotelischen Wahrnehmung, in dem er sagt, dass der Kuss das Auge berührt, wie auch der weiße Stein, und das Auge nichts mehr sehen kann, sondern nur mehr spürt, also in seiner Rolle als sehendes Sinnesorgan scheitert: es schließt sich außerdem reflektiv, bevor es überhaupt berührt wird. 


Zurück zu de anima: das Wahrnehmen als eine Art Erleiden. Die Mitte als Maßstab für die Sinnesorgane, die hell von dunkel, kalt von heiß usw. unterscheiden sollen. Luft habe nur einen geringen 

Unterschied im Tastbaren, während „ein Übermaß an Tastbarem“ unserem Tastsinn schädigt. 

Maximilian Perstl kommentierte an dieser Stelle, dass diese Mitte doch einen größeren Umfang haben muss: eine lauwarme Temperatur umfasst mehrere Grade (Celsius). Je nach Tagesverfassung, Sensibilität, der individuellen Vorstellung, wird die Einteilung in eine Kategorie passieren. Da das Empfinden subjektiv ist, werden auch unterschiedliche Grenzen existieren, die vom schmerzlosen ins schmerzhafte, vom lauwarmen ins kalte usw. übergehen, was bedeutet, die Wahnehmungs-Mitte ist eine breite. 


Wahrnehmung als Größe und Zeichen. Die Wahrnehmung nehme ein Zeichen (in anderen Übersetzungen „ein Abbild“) auf, kein Objekt. Hier wurde im Seminar die Brücke zu Freud geschlagen, denn dieser beschreibt das Gedächtnis als Wachs-Abdruck, welcher zuerst beschrieben, und dann wieder gelöscht werde, zB durch neue Eindrücke. 


Zurück zu Aristoteles: Wahrnehmungsorgan und Wahrnehmungsvermögen seien dasselbe (Das Wahrnehmungsorgan, ein Körperteil, das Wahrnehmungsvermögen, eine Fähigkeit oder Können. Ein Mensch hat verschiedene Wahrnehmungsvermögen, mit denen er riechen, hören, sehen, fühlen, und noch mehr kann), und die Schädigung der Wahrnehmungsorgane wird durch ein Übermaß ausgelöst, da das Verhältnis innerhalb des Organs zu stark bewegt wird. Auch die Harmonie (er meint wahrscheinlich ein angenehm klingendes Anschlagsverhalten und Ausschwingverhalten) und Ton (er meint wahrscheinlich die Tonhöhe, welche idealerweise nicht stark schwankt, um nicht die genaue Tonhöhe zu irritieren) werden ins Ungleichgewicht gebracht, wenn man eine Saite zu stark zupft. 


Das Wahrnehmende sei eine ausgedehnte Größe (Decartes, 17. Jhdt.: „res extensa“, ein Körper nimmt Raum ein, ist daher etwas Ausgedehntes. Der Geist, „res cogitans“ sei etwas unkörperliches, nicht ausgedehntes. Aus diesem Verhältnis entsteht ein Körper-Geist-Dualismus). 


Ferner wird auch klar, warum die Pflanzen nicht wahrnehmen, obwohl sie eine Teilseele haben und vom Tastbaren irgendwie betroffen werden: ihnen fehlt die Mitte, mit der sie beurteilen könnten, ob etwas kalt oder warm ist, sowie ein System, mit dem sie die Formen des Wahrnehmbaren erfassen können. Karl Bruckschwaiger kommentierte, dass die Mitte als Metapher für das Gehirn steht, sowie dass der gesamte Pflanzenkörper das Gehirn sei, das neuronale Netz. Auch haben Pflanzen einen gewissen Sehsinn, da sie in die Richtung des Lichts wachsen. Manfred Russo erwiderte, dass es aufgrund des Konkurrenzkampfes (um Ressourcen) unter den Pflanzen ebenso eine gewisse Wahrnehmung geben muss. 


Noch ein Ausschweifer zum Thema Decartes und seinen Animismus: Descartes verband den Begriff des Animismus (lat. Anima = Seele) nicht mit traditionellen Weltbildern beseelter Natur, sondern nutzte ihn im Sinne einer "Lebenskraft" (Spiritus animalis) als Bindeglied zwischen Körper und Geist, der als mechanisch fungierende Maschine (Körper) und immaterielle Seele (res cogitans) gedacht wurde.


Verfasser des Protokolls: Maximilian Perstl