τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Dienstag, 7. April 2026

De Anima / Peri Psyches - lesen 36 (428b 11 – 429b 10)

 


Protokoll vom 25. März 2026

 

An Ende des 3.Kapitels des 3. Buches bereitet Aristoteles eine Theorie des Denkens vor, wobei das Denken vom Wahrnehmen getrennt ist. Dazu werden die Annahme (hypolepsis) und die Vorstellung (phantasia) eingeführt. Etwas später wird der Weg von der Meinung (doxa) über die Überzeugung (pistis) zum Überzeugtsein (peitho) zur Vernunft (logos) geführt, aber auf diesen Weg liegt die Vorstellung etwas abseits.

Die Vorstellung ist weder eines der oben genannten Zustände, noch aus diesen zusammengesetzt. Weil die Vorstellung von der Wahrnehmung entfernt ist, ist auch die Möglichkeit der Täuschung gegegeben. In dem gelesenen Abschnitt wird die Vorstellung aus einer Art der Bewegung hergeleitet, die ohne Wahrnehmung (aisthesis) nicht vorzukommen scheint. Bewegung gibt es nur durch die Wirklichkeit (energeia) der Wahrnehmung, die nur bei denen vorkommt, die wahrnehmen und die es nur bei dem gibt, das auch wahrgenommen werden kann. Aristoteles verstärkt das Argument, die Bewegung ist weder ohne die Wahrnehmung möglich, noch kommt es Lebendigem ohne Wahrnehmung zu. Diese, der Wahrnehmung Fähigen, tun und erleiden vieles, können in den daraus abgeleiteten Vorstellungen auch wahr und falsch sein. Das hat folgende Gründe

Die Wahrnehmung er eigentümlichen (idion) Wahrnehmungsgegenstände hat den geringsten Anteil an Falschen. Für das Sehen ist der eigentümliche Gegenstand die Farbe. Zweitens die Wahrnehmung des Akzentiellen birgt bereits die Möglichkeit der Täuschung, denn über das Weiße täuscht sich die Wahrnehmung nicht, aber über den Gegenstand, dem dieses Weiße zukommt. Drittens, kann man sich im höchsten Maße täuschen bei den gemeinsamen, auf eigentümliche und akzidentielle Wahrnehmungsgegenstände folgende Gegenständen, wie Bewegung und Ausdehnung.

Eine andere Bewegung als die der Wahrnehmungsgegenstände, die innere Bewegung, die durch die Wahrnehmung ausgelöst wurde.

Die phantasiai sind Bewegungen als Folge von Wahrnehmungsvorgängen, die im Körper verbleiben und gespeichert werden für eine Wiederverwendung. Solange die Wahrnehmung gegenwärtig ist, wird sie wahr sein, bei Abwesenheit oder weiten Entfernungen des Wahrnehmungsgegenstandes kann sie falsch sein. Von dem Gesagten leitet Aristoteles die Vorstellung von der durch die wirkliche Wahrnehmung entstehende Bewegung ab.

Es folgt eine Stelle, die mir besonders gefällt, Aristoteles leitet den Namen phantasia vom Licht (phaos) ab, weil ohne Licht es nicht möglich ist zu sehen und der Gesichtssinn im höchsten Grad Wahrnehmung ist.

Es leitet sich laut Corcilius vom Verb phainomai (erscheine, sichtbar sein, sich zeigen) und ist das daraus gebildete nomen abstractum. Die Vorstellung bleibt und gleicht den Wahrnehmungen, daher handeln die Tiere danach, weil sie keine Vernunft haben, eine etwas erstaunliche Feststellung, Tiere mit phantasia. Bei den Menschen werden die Vorstellungen wirksam, weil die Vernunft zeitweilig durch die Leidenschaften, Krankheiten und Schlaf verdeckt ist.

Die von der phantasia aufbewahrten Wahrnehmungensinhalte können auch deshalb täuschend und falsch sein, weil sie nicht mehr den aktuellen Wahrnehmungen entsprechen oder weil die phantasia nicht über ein dem Denken analoges Urteilsvermögen verfügt. Dennoch scheint die phantasia ein notwendiges Requisit für das Denken zu sein

 

4. Kapitel

 

In diesem Kapitel wird das Denkvermögen (nous) vorgestellt, ein Teil der Seele, mit dem sie erkennt und einsieht (phronei), nicht ob dieser Teil der Größe nach abtrennbar (choristou) oder dem Begriff (logos) nach abtrennbar ist. Damit ist gemeint, ob das Denken ein selbständiger Teil der Seele ist, der einen spezifischen Unterschied zu den anderen Teilen wie die Wahrnehmung aufweist. Zuerst wird das Denken dem Wahrnehmen analog gesetzt, indem es ein Erleiden durch den denkbaren Gegenstand wäre oder Derartiges. Aber das Denken muss fähig sein alle denkbaren Formen aufzunehmen, zugleich ist es unaffizierbar (apathes).

Das Denken muss sich zu den denkbaren Gegenständen verhalten wie das Wahrnehmungsvermögen zu den wahrnehmbaren Gegenständen, dem Vermögen nach von ihrer Beschaffenheit, aber nicht die Form selbst. Sie muss unvermischt sein, wie Anaxagoras sagt: „damit sie herrsche“, das heißt, damit sie erkenne, denn das Fremde, das dazwischen kommt steht im Weg. Daher besitzt das Denken keine körperliche Natur, sie ist ein reines Vermögen. Die Vernunft oder das Denken der Seele (tes psyches nous), als diskursiv (dianoeitai) und Annahmen machen verstanden, ist der Wirklichkeit nach keines von den seienden Dingen, bevor es nicht denkt.

Das Denken, als unvermischt mit dem Körper hat demnach kein Organ wie das Wahrnehmungensvermögen. Fast um sich etwas von gerade geäußerten zu distanzieren gibt Aristoteles denen recht, die sagen, die Seele sei der Ort der Formen, mit den Einschränkungen, das es nur denkfähige Teil der Seele ist und nur dem Vermögen nach. Nur auf grund der eigenen Formlosigkeit kann das Denken alles denken.

Die Unaffizierbarkeit ist eine andere als beim Wahrnehmungsvermögen, wo nach heftigen Einwirkungen nicht mehr wahrgenommen wird. Das Denken steigert sich, wenn es etwas in hohen Maße Denkbares gedacht hat, denkt es geringere Gegenstände auch intensiver. Während die Wahrnehmung nicht ohne Körper sein kann, ist die Vernunft abtrennbar, und kann daher zu jeden einzelnen Denkgegenstand werden, wie es von den wirklich Wissenden (epistemon) ausgesagt wird. Das tritt ein, wenn das Denken durch sich selbst tätig werden kann, sie bleibt noch auf gewisse Weise dem Vermögen nach, aber nicht so wie vor dem Lernen oder Herausfinden (mathein he eurein).

 

Dann vermag das Denken auch sich selbst zu denken -

 

und damit verlassen wir das menschlich Denken und nähern und dem göttlichen Denken des Denkens.

 

Karl Bruckschwaiger