τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 27. Oktober 2011

In der Metaphysik lesen (985b 5 – 986a 5)


Zuletzt zwei wenn schon nicht absichtliche so doch faktische Bezugnahmen auf die Poetik, die darauf hinzeigen, daß die sog. Metaphysik ein „Metabuch“ gegenüber allen „normalen“ Büchern des Aristoteles ist. Die Kritik des Deus ex machina in der Poetik und die Kritik an der Theorie des Anaxagoras mithilfe der Deus ex machina-Metapher richten sich beide gegen den Mangel an Kohärenz, Schlüssigkeit. Aristoteles erwartet Kohärenz sowohl von der Dichtung wie von der Theorie – insofern schiebt er diese beiden Gattungen doch näher zusammen, als er in seinen Erklärungen kundtut. Wenn er den Einbruch des „Religiösen“ sowohl in die Dichtung wie in die Theorie kritisiert, heißt das, daß er das Religiöse grundsätzlich ablehnt? Oder kann man ihm unterstellen, daß er von der Religion eine – derartige – Kohärenz gerade nicht erwartet? Oder daß auch in der Religion eine gewisse Kohärenz am Werk sein könnte – vielleicht eine andere? Sieht man im Tempel eine auf Dauer gestellte Theatermaschine, die einem Gott auf Dauer Aufenthalt zuweist, so könnte man sagen, diese Gottes-Maschine sei sehr wohl kohärent, konsistent, in ihrer Existenz „notwendig-wahrscheinlich“, d. h. kontinuierlich,  permanent, stabil, zuverlässig (dazu muß sie aber baulich und liturgisch „erhalten“ und „betrieben“ werden).

Nun zu zwei anderen Theorie-Vorgängern oder „Vorsokratikern“: Leukipp und Demokrit. Sie nehmen zwei andere Elemente an: einerseits das Volle, andererseits das Leere, die sie als das Seiende und das Nicht-Seiende bezeichnen – wobei letzteres genauso „seiend“ ist wie das erste. Das Volle wird auch das Feste und der Körper genannt. Aus diesen beiden Elementen konstituiert sich die Mannigfaltigkeit der Dinge und Erscheinungen durch dreierlei Differenzierungen, nämlich nach Schema, Anordnung und Position, bzw. durch Rhythmus, Zusammenhalt oder Wendung, wofür die Unterschiede zwischen den Buchstabenbildern A – N, AN – NA, Z – N stehen. Diese „Atomisten“ scheinen sich für die Ebene der Geometrie oder Topologie zu interessieren. Allerdings hält Aristoteles ihnen vor, daß auch sie die Bewegung, wodurch die jeweiligen Zustände zustandekommen, nicht erklären können: sie unterschlagen die Bewegursachen.

Aristoteles geht zu einer anderen Theoretiker-Schule über. Zu den Pythagoräern, die sich erfolgreich mit der Mathematik beschäftigten, wodurch sie allerdings zur Annahme verführt worden sind, daß die Prinzipien der Mathematik die Prinzipien von allem und jedem seien. Damit deutet Aristoteles eine Kritik an, die auf der Ebene der Erkenntnispsychologie liegt: eine Kritik an Betriebsblindheit, in diesem Fall an Zahlenzentrismus oder Zahlenfetischismus. Er deutet diese Kritik in einem Satz an, der auf den ersten Blick total harmlos, geradezu langweilig, eben typisch „aristotelisch“ daherkommt.

Ein Pythagoräer, nämlich Hippasos von Metapont, war bereits in 983a 15ff. indirekt erwähnt worden, als es um Verwunderung und Weiterforschen ging, also auch um Erkenntnispsychologie (die in der Passage über Gezwungenwerden durch Wahrheit oder Sache selbst noch eine andere Wendung erfahren hat (984a 18ff.)). Wir können also sagen, daß Aristoteles Wissenschaftsforschung auf mehreren Ebenen betreibt.

Immerhin unterstellt Aristoteles den Pythagoräern auch ein sachliches Motiv für ihren sagen war Mathematismus, nämlich Ähnlichlichkeiten zwischen dem Seienden und Entstehenden einerseits und den Zahlen und deren Harmonien andererseits. Lassen sich solche Ähnlichkeiten feststellen?

Walter Seitter