τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 11. Oktober 2012

In der Metaphysik lesen (9951a 17 – 995b 2)


Anwendungsgebiete der Mathematik sind laut Aristoteles Gegenstandsbereiche, die Materie (Stoff) nicht enthalten. Welche können das sein: Zahlen und geometrische Figuren gewiss. Aber nur diese? Das würde heißen, es gibt nur reine Mathematik, und keine angewandte Mathematik? Aristoteles selber nimmt Wissenschaften an, die mathematisch vorgehen und doch über reine Mathematik hinausgehen: Astronomie, Optik, Harmonik (Musik) (997 b). Behandeln die stofflose Gegenstände? Nach unserer Auffassung eher nicht.

Seit dem 17. Jahrhundert haben sich alle Naturwissenschaften auf Mathematisierung eingestellt. Vereinzelte Ausnahmen davon bilden Goethes Farbenlehre, die am Ende des 19. Jahrhunderts erfundene Ökologie oder die Medizin (die jedoch insgesamt eher als Kunst – im antiken Sinn – zu gelten hat). Anscheinend erobert die Mathematisierung auch solche Gebiete, die sich ihr zunächst entziehen. Dieser Tendenz gegenüber befindet sich Aristoteles in der Position des Bremsers. Reaktionärer Aristoteles. Oder gibt es tatsächlich eine Sachdimension, die sich nicht mathematisieren lässt? Lässt sich die vom Stoff her konzeptualisieren oder von bestimmten Kategorien her?

Die Überlegung, die Aristoteles hier anstellt, und die er auch mit der Frage verbindet, ob es insgesamt eine oder mehrere Wissenschaften gibt, lässt sich in der heutigen Sprache als metawissenschaftlich bezeichnen und sie kann entweder in der Selbstreflexion irgendeiner Wissenschaft oder in Wissenschaftstheorie oder in Philosophie angesiedelt werden.
Am Beginn des Buches III bezeichnet er sie wieder als „gesuchte Wissenschaft“ – eine sehr bescheidene Bezeichnung, eine Wissenschaft in den Anfängen. Nicht in allerersten Anfängen sondern in bereits seit langem, auch von vielen unternommenen Anläufen, die jedoch noch nicht zu endgültigen oder gar von allen (Interessenten) angenommenen Ergebnissen geführt hat.

Jetzt möchte sich Aristoteles auf diesen defizitären, chaotischen und eher entmutigenden Zustand „dieser“ Wissenschaft konzentrieren. Der Zustand ist so katastrophal, dass die Weglosigkeit, Mittellosigkeit, Hilflosigkeit von Aristoteles sogar als notwendig, also unausweichlich bezeichnet wird. Also jetzt eine sehr pessimistische Einschätzung der Ausgangslage – im Unterschied zum ersten Satz des ersten Buches, dessen Optimismus man ja als übertrieben bezeichnet hat (obwohl er sich ja noch gar nicht auf das spezielle Vorhaben des Buches bezogen hat). Aristoteles will aber nicht in diesem Pessimismus sitzen bleiben, ihn gar genießen, sondern er macht gleich einen Anfang mit der Analyse der unbefriedigenden Erkenntnissituation: sie zeige sich einerseits in Meinungsverschiedenheiten, andererseits in offensichtlichen Erkenntnismängeln. Sich auf die Aporie (Unwegigkeit) einlassen ist so unangenehm, dass Aristoteles dafür das verschärfende Wort „Diaporie“ einführt – und nur so komme man in den Zustand der „Euporie“: Gutwegigkeit, Wohlgelingen. Die Ausweglosigkeit ist eine Art Blockade, ein Knoten, eine Verwirrung. Da muss man durch, dieses Durch heißt hier Erkenntnisanstrengung, die zur Lösung des Knotens führt. Lösung durch Erkennung – das ist der pädagogische, didaktische, ja methodische Vorschlag, ja Imperativ, den Aristoteles hier vorträgt. Das Wort „Diaporie“ könnte man ja beinahe direkt als Zwischenstadium verstehen, wenn man „dia“ als „durch“ übersetzen würde (was aber der Etymologie nicht entspricht).

Methode heißt hier: den Knoten lösen, nicht zerschlagen. Das war auch die Methode, die Aristoteles der guten Tragödie empfohlen hat: der zweite Teil der Handlung, die Lösung, soll sich aus dem ersten Teil der Tragödie, der Knüpfung, ergeben. In der Tragödie haben Knüpfung und Lösung nicht die wertende Zuordnung zu „Ausweglosigkeit“ und „Gelingen“, da geht es um formal-dramaturgische Geschehensspannung und –entspannung, wobei diese dann zumeist ins Unglück führt. Also die Analogie zur Tragödien-Dramaturgie ist eine eher formale. Umso erstaunlicher die Analogie in den Empfehlungen des Aristoteles. Der Umschwung in der Tragödie soll nicht durch einen Übermachtakt göttlicher oder maschineller Art herbeigeführt werden sondern auf derselben „technischen“ Ebene sich vollziehen, auf der die Handlung eingefädelt worden ist: durch viele kleinteilige pragmata in ihren gegenseitigen Verstrickungen und Überraschungen.

Natürlich fällt einem da auch die Fabel vom Gordischen Knoten ein, den der Aristoteles-Schüler (aber schlechte Schüler!) Alexander gerade nicht gelöst sondern zerschlagen hat. Er hat sich das Erkennen, das Durchschauen, das Nachspüren, das Nach- bzw. Auseinanderziehen des Knotens erspart – und diesen bzw. das geknotete Seil vernichtet. 

Die aristotelische Methoden-Empfehlung für den Weg zur „gesuchten“ Wissenschaft: langsames, geduldiges, hartnäckiges, mühsames, vielleicht auch konfliktreiches und frustrierendes Arbeiten. Nicht diktatorische Dezision, nicht genialische Intuition, auch nicht religiöse Offenbarung – führen zur „Metaphysik“.
Wer sich auf diese Suche begibt, hat es nicht mit einem „Knoten“ zu tun, der vor ihm liegt. Er (sie) ist selber in diese Sache, in diese Ausweglosigkeit, verstrickt – und daher wäre ein Zerschlagen des Knotens, also irgendeine wundersame Sofort- und Endlösung eine Gewaltaktion gegen ihn (sie) selber: eine Scheinlösung, eine Selbsterhöhung, die auf Selbstschädigung hinausläuft: Selbstvernichtung des Suchenden als solchen, und damit Selbstverhinderung des Findenden als solchen.

Die aristotelische Einbindung des Suchenden selber in die ihn bedrückende Verknotung liest sich auch wie ein früher Hinweis auf die lacansche Darstellung des „Subjekts“ durch den Borromäischen Knoten (der übrigens gar kein Knoten ist sondern eine Verkettung aus mindestens drei unabhängigen Körpern; und im übrigen mag zwar der Gordische Knoten ein Knoten gewesen sein, da er jedoch am Streitwagen befestigt war, handelte es sich auch da nicht um eine Selbstverknotung sondern um eine Zusammenknotung; so auch die dramaturgische Knüpfung).

Die Lateiner haben für die hiesige aporetische „Metaphysik“-Methodik einen analogen Spruch geprägt: Per aspera ad astra.

Diesen lateinischen Titel gab Karl Wilhelm Diefenbach seinem viele Meter langen Fries, den er mit Hugo Höppener herstellte. Darin ist von den Aspera kaum etwas zu sehen, von den Astra viel, aber von ganz irdischen.

Walter Seitter