τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Donnerstag, 29. November 2012

In der Metaphysik lesen (995b 32 – 996a 4) I - II


Protokoll Teil 1

Zunächst greifen wir einige Punkte aus der letzten Sitzung auf. In seinem Kommentar zu Physik II 1 schreibt Heidegger – mit gesperrten Buchstaben - einen längeren Satz, der die aristotelische Physik zum „Grundbuch“ der abendländischen Philosophie ernennt. Ein erstaunlicher Satz, erstens weil er sich auf Aristoteles bezieht, der nun ganz gewiß nicht zu den „ersten“ Philosophen (im zeitlichen Sinn) zählt. „Erste“ Philosophen sind eher Parmenides oder Platon bzw. vor diesem Sokrates, vielleicht noch andere. Aristoteles ist der typische zweite (oder dritte) Philosoph. Aber wenn ein Buch von ihm in die Rolle des „Grundbuches“ gelangt ist und zwar in den auf ihn folgenden Jahrhunderten oder Jahrtausenden, dann möchte man eher die Metaphysik nennen, die allein schon durch diese ihre postaristotelische Benennung in so einen Ruf gekommen ist.

Allerdings war die „Metaphysik“ als Bezeichnung für die höchste Disziplin innerhalb der Philosopie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon in einen gewissen Verruf gekommen: als unsichere Angelegenheit, als ewiges Herumstreiten oder gar als Hort für Dunkelmännerei. Heidegger selber hat in einigen frühen Schriften versucht, aus dieser unsicheren Sache noch einige Funken zu schlagen. Tatsächlich zog er den neueren Begriff „Ontologie“ vor, dem er mit dem Ausdruck „Fundamentalontologie“ eine noch elementarere Bedeutung zu verleihen versuchte.

In die Richtung einer Tieferlegung, einer Vertiefung, bewegt sich auch der Satz über die Physik. Dem kann man zunächst einen banalen Sinn abgewinnen, wenn man meint, Aristoteles habe vor der Metaphysik die Vorlesung über die Physik gehalten und die Metaphysik beziehe sich ständig auf die „Physik“: ihre Geschichte, ihre Ergebnisse, ihre Fragen. Im aristotelischen Sinn ist seine Physik eine „Ursache“ seiner Metaphysik. Und die Analogie zu „Objektsprache“ und „Metasprache“ geht genau in diese Richtung.

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war ja eine große Epoche der Physik. In Österreich konnte die Philosophie überhaupt zum ersten Mal im 20. Jahrhundert Fuß fassen – „eingeführt“ wurde sie bei uns durch die Physik. Ernst Mach, Ludwig Boltzmann, Ludwig Wittgenstein, Wiener Kreis (Einheitswissenschaft), Fritz Heider, Karl Popper haben die Sache je auf ihre Weise vorangetrieben. Österreich war der Ort – im Unterschied zu Deutschland, Frankreich und so weiter, wo die Philosophie tatsächlich „jetzt“ angefangen hat. Heideggers Sehnsucht nach einem „anderen Anfang“ (nämlich nach dem griechischen und nach den Traditionen im Mittelalter und so weiter und gegen sie) ging hier in Erfüllung. 800 km neben Heidegger, der das allerdings gar nicht so mitgekriegt hat, weil er sich ständig in den griechischen Anfang sowie in die folgenden Traditionen verbiß. Gleichwohl folgt der Satz von Martin Heidegger – erstaunlicherweise – diesem Paradigma, das man mehr oder weniger zurecht als „Positivismus“ bezeichnet. Der Satz von Heidegger ist verdammt (pardon!) „positivistisch“.

Es bleibt aber nicht nur bei diesem Satz – der ja nur so ein Reden über .... ist. Sein tatsächliches Philosophieren, könnte man sagen, besteht im Übersetzen, Neu-Übersetzen einiger griechischer Philosophie-Wörter: Physis, Phänomen, Logos, Vernunft, Wesen. Er übersetzt sie, indem er ihre Etymologie, ihre Grundbedeutungen aufsucht und in die deutschen Wörter faßt und da kommen dann lauter physische, materielle, naturhafte oder handwerkliche Phänomene oder Vorgänge zur Sprache. Das ist seine Philosophie: Rückgang aufs Materielle. Nicht Materialismus, sondern Materialistik: linguistische, kosmologische, technologische.


Protokoll Teil 2
  
In Phys. II 193a 31 wird nach dem Stoff die zweite Version von physis benannt mit der Formel „die Gestalt und das Ansehen gemäß dem Begriff“. Drei Substantive werden aufgeboten, um diese physis zu definieren. Warum drei, wie verhalten sie sich bedeutungsmäßig zueinander? Syntaktisch sind Gestalt und Ansehen gleichrangig; Begriff hingegen untergeordnet, wenn man die Präpositionalkonstruktion so auffaßt. Inhaltlich könnte mit „gemäß“ sogar eine Überordnung gemeint sein: also der Begriff als Maß. Waren nicht doch die Wörter wie „Tisch“ oder „Tugend“ die Katalysatoren für die Entdeckung des artgemäßen oder gattungsgemäßen „Allgemeinen“ – bei Sokrates, Platon? Oder nähern wir uns mit so einer Vermutung dem Nominalismus, der das Allgemeine nur als von den Wörtern erzeugte Illusion auffaßt? Oder war der Katalysator das eidos, von Platon idea, genannt, die Ansicht, der Anblick, das Modell, das Urbild. Platon doch ein Augenmensch? Und die morphe? Leider kenne ich die Etymologie des Wortes nicht. Aber ich „sehe“, ich „höre“ in diesem Wort die festkörperliche, harte, statuenhafte oder auch geschmeidige Pflanzen- oder Tiergestalt, die berührbare ...

Die bildhafte Ansicht, der taktile Körper: für Aristoteles sind eidos und morphe inhaltlich kaum unterscheidbar: vor allem sind sie  beide nicht „abgetrennt“ sondern „konkret“ mit dem Ding verwachsen, im Ding. Anders steht es mit dem Wort: vielen Dingen stehen ihre Bezeichnungen getrennt gegenüber, ja bei uns wird ein bestimmtes Ding so bezeichnet und ein gleichartiges, ja identisches in Frankreich ganz anders. Also „topisch“ unterscheidet sich logos sehr wohl von eidos und morphe.

Obwohl – wenn ich „ich“ sage, dann kommt das Wort aus dem Ding, das damit bezeichnet wird; ebenso wenn ich meinen Namen sage. Die sprechenden Dinge haben zu den Wörtern, zu einigen Wörtern, ein anderes Verhältnis. Die Wörter sind ihnen eingewachsen, eingeübt. Übrigens sind vielen Dingen die Wörter eingeschrieben, vor allem den Artefakten.

Wenn ich mit eidos und morphe den Unterschied zwischen Gesehenwerden und Berührtwerden meine und betone, dann kann ich logos auch in diese Reihe stellen und damit das Gesagtwerden meinen. Dann sind eidos, morphe, logos drei Aspekte der Dinge und ich nenne das die triadische Struktur der Dinge. Die drei lacanianischen Register – das Imaginäre, das Reale, das Symbolische – sind eine andere sprachliche Formulierung dieser Struktur.

Für mich als Augenmenschen bilden die kleinen Strandläufer an den echten Stränden – das sind nicht die mittelmeerischen – schöne Gleichnisse dafür. Bei richtigen Sand-, Wasser- und Sonnenverhältnissen, erscheinen die kleinen Vögel genau in den Momenten ihrer erfolgreichen Nahrungssuche so, daß sie von einer Stelle aus, nämlich von ihren Fußsohlen aus sowohl nach oben wie auch senkrecht nach unten wie auch auf der Sandfläche zu einer Seite hin also „dreifaltig“ sich ausdehnen oder vielmehr sich schnell bewegen.

Die triadische Auffächerung der drei Aspekte resümiert die aristotelische Auffassung von Wesen(heit), differenziert sie jedoch nach sinnlichen Dimensionen (in der Richtung lacanianischer oder plessnerischer Unterscheidungen). Das würde auch der heideggerschen Materialistik entgegenkommen. Außerdem eröffnet sie das Verständnis für „extremistische“ Lehren (platonischer oder nominalistischer Art).

Walter Seitter