τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 19. November 2015

In der Metaphysik lesen (1021b 8 – 18)

Wenn diesem Seminar eine geometrische Form zugesprochen werden kann, dann die des unregelmäßigen Polygons. Philosophen-Polygon mit so vielen Ecken, wie jeweils Philosophen anwesend sind: die da sitzenden und außerdem Aristoteles, das gemeinsame Bezugsobjekt.

Unregelmäßiges Polygon, sofern Aristoteles ohnehin in einem besonderen Aggregatszustand auftritt, aber auch die Positionen, Zugangsweisen, Erlebnisse der anderen Teilnehmer sind sehr unterschiedlich. Wir versuchen sie im Gespräch offenzulegen und anzunähern. Eine besonders andere Teilnehmerin war letzte Woche die kleine Ida: sehr wohl Teilnehmerin; sie hat zwar wohl nicht Aristoteles gelesen dafür etwas Wichtigeres, ja Sachlicheres getan: nämlich ihrer Mutter einen Teil weggenommen. Variables Polygon: die personelle Zusammensetzung unterliegt leichten Variationen, einmal kommt der dazu, ein ander Mal fehlt die. Zufällige Variationen: auf Griechisch tychisch=tückisch. Jedes Polygon ist in Dreiecke zerlegbar, in unserem Fall handelt es sich um tychanalytische Dreiecke. Tychanalyse nenne ich die Tatsache, daß zwei Subjekte ein Objekt erleben und davon dann unterschiedliche Berichte abgeben und sich darüber austauschen.[1] Also ist das Polygon unregelmäßig, variabel und tychanalytisch.

Vollkommen, vollendet, vollständig – diese Adjektive bezeichnen die Eigenschaft, um die es im Abschnitt 16 geht. Erste Bedeutung: vollständig ist, wem keiner seiner Teile fehlt. Als möglicher Träger dieser Eigenschaft wird „die Zeit eines jeden“ genannt, womit vorausgesetzt erscheint, dass die Zeit ein Akzidens ist, das jedem zukommt (ohne nähere Angabe) – und nicht etwa ein „Absolutes“ (wie man Newton unterstellt); tatsächlich führt Aristoteles die Zeit unter dem Titel „wann“ als eines der neun Akzidenzien an; was aber mit den Teilen der Zeit gemeint ist, das sei hier dahingestellt. Zweite Bedeutung: vollkommen ist, was hinsichtlich der Gutheit oder einer sonstigen Tüchtigkeit einen Superlativ darstellt: bester Arzt oder bester Flötenspieler; hier geht es also um Qualitäten – und zwar in einem messbaren, jedenfalls vergleichbaren Grad.

Damit ist ein wichtiges Kulturelement des antiken Griechenland genannt: der Kampf um den ersten Platz. Wie komplex jene Kultur strukturiert war, erhellt daraus, dass eine gewissermaßen entgegengesetzte Verhaltensnorm ebenso wichtig war: die Freundschaft, die auf Ähnlichkeit und Parität (ohne jede Messung) beruht.

Die Freundschaft wird von Aristoteles einerseits als Grundmotiv für die Politik, andererseits als variable Form der innerfamiliären Beziehungen (im Unterschied zum modernen Liebeszwang – mit dem Umschlag in Angst und Haß) namhaft gemacht.

Die wichtigste Aktionsform der Freundschaft ist wohl der Dialog - folglich auch die basale Verhaltensform der Politik, die „vor“ dem Einsatz kriegerischer Mittel bzw. polizeilich-justizieller Verfahrensweisen zu versuchen ist und spätestens danach wiederum. Sogar die knappen und sehr feindseligen Kriegserklärungen vom 13. November 2015 waren Reste von Dialog, höchst unzureichende bzw. kontraproduktive ...

PS.: : Erstes Wiener Philosophen-Café  im Café Korb am Samstag, 28. November 2015, um 16 Uhr : „Was ist Zeit?“


Walter Seitter

Sitzung vom 18. November 2015



[1] Siehe Walter Seitter: Die Erfindung der Tychanalyse. In: R. Bauer, A. L. Hofbauer, B. Ternes (Hg.): Einfache Lösungen. Beiträge zur beginnenden Unvorstellbarkeit von Problemen der Gesellschaft. Aufsätze (Marburg 2000): 56ff;  Multiple Existenzen: El Greco, Kaiserin Elisabeth, Pierre Klossowski (Wien 2003): 7ff.