τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Sonntag, 26. November 2017



Lieber Walter,

hier Angemerktes zu Buch VII.6:

Der Lehrer fragt: »Wieviel sind drei Äpfel und zwei Äpfel?« Wenn nun seine Schüler keine Antwort geben, sondern allerlei Gegenfragen stellen, was tut er dann? »Sind es grüne oder rote Äpfel? Sind es gegessene Äpfel? Muss man die erst pflücken? Was, wenn zwei davon Birnen sind? Die Fruchtsaft-Industrie ist doch bekannt dafür, dass sie schlechte Löhne zahlt...« Wenn sich die Diskussion in dieser Weise entwickelt und immer weiter von der gestellten Aufgabe entfernt, wird der Lehrer mal mahnend eingreifen müssen, und sagen »Bitte, es geht hier nicht um die Äpfel als solche! Ihr könnt auch Steine oder Ziegel nehmen. Drei Steine und zwei Steine sind wieviel? Wer weiss das?«
Genauso verhält es sich mit dem Beispiel des »Weisser-Mensch-Sein« im Vergleich zum »Mensch-Sein« in den Substanzbüchern. Wer da über Rassismus diskutieren will, über Anthropozentrik oder die Sonnenbrillen der Griechen, verlässt leichtfertig das Textverständnis, verweigert sich dem Gesagten. Der Text wird auf eine Weise zum Sprechen gebracht, die ein hemmungsloses Gerede zur Folge hat, das zu nichts führt. Wer mit dem zweifellos Mitgesagten des beispielhaften Objekts »Weisser-Mensch« nicht klarkommt, der ersetze es einfach durch etwas Ähnliches. Ein »Afrikanischer-Elefant-Sein« und das »Elefant-Sein« erfüllen denselben Zweck, nämlich ein Spezialproblem der Begriffsbestimmung des TEE anschaulich zu machen. Oder eine »Ramponierte-Raumfähre-Sein« und das »Raumfähren-Sein«. Was auch immer.
Aristoteles' schwieriger Begriff des TEE (das Wesen-Was, das Wesen der Sache) führt zu einem logischen Regressproblem. Ist das TEE selbst ein Wesen, wenn man es von seinem Ding abtrennen kann? Besitzt es ein substanzielles Sein wie Platons Idee? Aristoteles lässt die Antwort darauf offen und macht damit das TEE zu einem schwachen Kandidaten für das Substrat. Man könnte auch sagen, ja: das Wesen-Was eines Elefanten existiert durchaus auch unabhängig von seiner Klassifikation als indisch oder afrikanisch, unabhängig von seinen Eigenschaften wild oder zahm zu sein, die Definitionsleistung des TEE, die das Ding mit einer Kategorie aus der wissenschaftlichen Systematik und mit Eigenschaften aus den Seinsmodalitäten verbindet, führt ein begriffliches Eigenleben jenseits der konkreten Tierwelt, ohne aber aus einem Elefanten je mehr als ein abstraktes Elefant-Sein machen zu können. Was sich hier schlagend einstellt, ist das Bewusstsein, dass es die Sprache ist, die das Substrat zum Ausdruck bringt, nicht die Person, die darum ringt.

My best

w.

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––


In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1031a 29 – 1031b 2)


Eingangs erinnere ich an eine Unterscheidung,  die ich im Laufe der letzten Jahre vorgeschlagen habe, um das, was in diesem Buch gesagt wird, besser ordnen zu können.

Die Ontologie beschäftigt sich mit Seinsmodalitäten, die formale Aspekte sein sollen, welche sich durch die gesamte Realität durchziehen. Sie sind von Aristoteles unter der Bezeichnung „Kategorien“ gesammelt worden, dann aber durch solche Bestimmungen wie „Entstehen“, „Vergehen“, „Akt“, „Potenz“ ergänzt worden; neulich hat er auch die „Bewegung“ dazu genannt. Die wichtigsten sind für ihn das „Wesen“ und die neun Akzidenzien. 

Hingegen sind die  Realitätssorten Gegenstand der normalen Wissenschaften wie Physik, Ethik, Poetik. Solche Realitäten sind die Körper mitsamt den Seelen, etwa die Tiere. Und die Menschen. Sowie die menschengemachten Sachen wie Kunstwerke, Staaten. Und deren Eigenschaften und Tätigkeiten. Die Begriffe „Eigenschaft“ und „Tätigkeit“ sind jedoch Kategorien und bezeichnen Seinsmodalitäten.

Wohlgemerkt, das ist eine Art Meta-Unterscheidung, eine von mir gemachte. Die beiden Ebenen lassen sich unterscheiden – aber nicht trennen. Im Buch VII geht es zunächst um die Seinsmodalität „Wesen“  mit ihren zwei Aspekten, dann mit ihrem Verhältnis zu den Akzidenzien. Nun aber stellt Aristoteles eine Hypothese vor, derzufolge bei den Wesen das Was-ist und das Das-da voneinander getrennt sind.

Das ist die platonische Hypothese und laut Aristoteles lautet sie so: es gibt irgendwelche Dinge nämlich „frühere Wesen oder Naturen namens Ideen“, denen Wesen nicht zukommt, sodaß von ihnen Wissenschaft nicht möglich ist, und andererseits gibt es  Wesen, die gar nicht sind. Also Dinge ohne Wesen und Wesen ohne Sein. Und in diesem Auseinanderklaffen stehen einander gegenüber: das Gute selbst und das Gut-sein, das Lebewesen und das Lebewesen-sein, das Seiend-sein und das Seiende.

Diese drei paradoxen Entitäten, das Gute, das Lebewesen, das Seiende, sind die platonische Erfindung. Auch bei Aristoteles ist das Lebewesen der Prototyp des Wesens – andere Wesen sind die einfachen Körper oder die Himmelskörper (oder der Gott). Bei Platon sind dem Lebewesen das Gute und das Seiende parallelgeschaltet – während bei Aristoteles „gut“ eine Eigenschaft ist und „seiend“ etwas Flexibles, das als Wesen oder als Eigenschaft oder als Relation .... auftritt. Die drei platonischen „Wesen“ (es gibt noch mehr davon) sind jeweils total auseinandergerissen zwischen Wesen und Sein. Aristotelische Wesen sind jeweils die Koinzidenz von Was-ist und Das-da.

So erscheint hier der Unterschied zwischen platonischer und aristotelischer Ontologie. Wir sind auf diesen Unterschied schon öfter zu sprechen gekommen und haben ihn anders formuliert: Stufenontologie bei Platon: Urbild und Abbild; Kompositionsontologie bei Aristoteles: Individuum aus Form und Materie.


Walter Seitter

Sitzung vom 22. November  2017



Nächste Sitzung am 29. November 2017