τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 18. Januar 2013

In der Metaphysik lesen (996a 21 – 36)


  
Mit den sogenannten Aporien hat Aristoteles die ihm vorausliegende „Tradition“ nicht historisch dargestellt sondern strikt „sachlich“ schematisiert: in Einzelfragen zerlegt, die sich allerdings wie Kettenglieder aneinanderfügen und bereits ganz und gar in seiner eigenen Terminologie formuliert sind. Mit der Formulierung dieser Fragepunkte liefert er also Diskussionspunkte, die auf seinen Schulbetrieb zugeschnitten sind und die mit ihren ursprünglichen Kontexten vielleicht nicht mehr allzu viel zu tun haben.

Obwohl er ja noch immer auf der Suche nach einer (seiner) „gesuchten Wissenschaft“ ist (die offensichtlich mit Philosophie zu tun haben soll), wird mit der ersten Aporie unter einer bestimmten Hinsicht die Frage aufgeworfen: eine oder mehrere Wissenschaften? Damit bezieht er sich auf eine andere Voraussetzung als die einer „rein philosophischen“ Tradition. Nämlich die Voraussetzung einer Pluralität von Wissenschaften. Ich nenne das in Anlehnung an eine kantische Formulierung das „Faktum der Wissenschaftskultur“. Dieses Faktum existierte zu seiner Zeit einmal in der Form, daß es eine ganze Reihe von Wissenschaften schon seit langem oder auch seit kürzerem gab und zwar ohne großes Zutun aristotelischerseits: Mathematik, Medizin zum Beispiel; zum anderen auch in der Form, daß Aristoteles selber sich bereits in einigen Wissenschaften betätigt hatte und wohl auch schon seine Wissenschaftsklassifikation entworfen hatte (worauf jedenfalls eine Andeutung in Buch I verweist).

Übrigens ist es das Faktum einer entfalteten Wissenschaftskultur, die es in Österreich zum ersten Mal in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab und die dann fast unvermeidlicher-, man kann auch sagen fast ungewollterweise zur Emergenz von Philosophie führte.

Das erste Argument, das Aristoteles hier vorbringt, lautet, daß unbewegte Dinge keine Bewegungsprinzipien brauchen und das Bewegungsprinzip, das er hier meint, ist das Gute, er sagt sogar „die Natur des Guten“: die Qualität, die Eigenart, ja die Kraft des Guten, Wertvollen, Nützlichen usw. Denn diese Qualität löst die Handlungen, die menschlichen Aktionen aus, die ja auch Bewegungen, Veränderungen sind. Als Beispiel für „unbewegte Dinge“ nennt er die Mathematik: das sind zunächst die Elemente, Formen und Gesetze, denen Aristoteles zwar keine „abgetrennte“ Existenz, wohl aber eine bestimmte Struktur, man könnte sagen eine „idealische“ Struktur zuspricht. In diesem Feld gibt es sehr wohl „Ursachen“, besser gesagt, „Prinzipien“, aber keines von der Art des „Besseren“ oder „Schlechteren“. Das Dreieck hat die Winkelsumme von 180° - die Ursache dafür liegt in der planen und geschlossenen Dreieckigkeit und nicht etwa in irgendeiner Vorzüglichkeit der Zahl 180. Im Feld der mathematischen Sachen gibt es kein Besser oder Schlechter, schon gar nicht etwas „Selbstgutes“, wie Aristoteles in Anlehnung an seinen obigen Sprachgebrauch ((991a 29) sagt, womit er zweifellos auf die platonische Idee des Guten anspielt.

Allerdings richtet sich seine Argumentation weniger gegen die Platoniker, sondern eher gegen Pragmatizisten sophistischer (oder angelsächsischer) Art, die sich keine Wissenschaft vorstellen können, in denen es nicht um Besser oder Schlechter geht. Aristoteles erwähnt hier den Sokrates-Schüler (und Libyer) Aristippos von Kyrene (425-355), der die Nutzlosigkeit von Logik und Mathematik betont haben soll. Derartige Pragmatizisten hätten darauf  hingewiesen, daß selbst in so „banausischen“ Künsten wie dem Zimmerhandwerk oder dem Schusterhandwerk viel von Besser und Schlechter die Rede sei. Wenn die Mathematik das Gute außer Acht lasse, dann würde sie sich selber sozusagen aus dem Spiel nehmen.

Aristoteles scheint hier die relativ moderne Frage zu berühren, ob Wissenschaft wertfrei zu sein habe oder nicht. Für die Mathematik beamtwortet er die Frage mit ja, weil im Feld der mathematischen Sachen ein Besser oder Schlechter nicht vorkomme. Daher dürfe auch der Mathematiker sie in seiner Argumentation, also in seiner Tätigkeit nicht einführen. Andernfalls würde er die Qualität seiner Tätigkeit zerstören – denn quer zur Wertfreiheit der mathematischen Sachen und der mathematischen Argumentation steht diese - wie ich nun sage - sehr wohl unter einem Wertgesichtspunkt: nämlich dem der guten Argumentation, die auf ein hohes Gut gerichtet ist: die Erkenntnis oder Wahrheit.

Aristoteles selber führt hier die Erörterung gar nicht weiter und im übrigen würde er das moderne Vokabular von „Werten“ sowieso nicht gebrauchen. Aber er teilt die zitierte Geringschätzung von banausischen Handwerkskünsten und würde sich auch die Hochschätzung einer rein theoretischen Tätigkeit wie der mathematischen durchaus zu eigen machen. Dabei handelt es sich um „soziale“ Geringschätzungen und Hochschätzungen. Die Hochschätzung der theoretischen Tätigkeit impliziert einerseits eine sachliche Wert- oder Schätzungsfreiheit der theoretischen Tätigkeit und andererseits eine metasachliche aber ebenfalls immanente Schätzung, ja leidenschaftliche Hochschätzung der Wahrheit.

Walter Seitter